Spiele der Macht – weiblich

Getrieben von abstrusen Phantasien, die sich um ein imaginäres Beziehungsdreieck drehen, und auf der bekannten Suche „nach sich selbst“, begibt sich Silvia, eine noch junge und doch schon erfahrene Frau (geschieden, verschiedene Studien, Zeit im Ausland…) in Margarets Dienste, die, gefeierter Kinostar, von ihr vor allem eines verlangt: „Sie gehorchen und bewegen sich nicht; Sie denken nicht, Sie verhalten sich ruhig, wenn Sie mit mir zusammen sind, und ich sehe und höre nichts von Ihnen“. Silvia akzeptiert die unzeitgemäßen Bedingungen, betrachtet sich dabei als im Selbstversuch befindlich und verfolgt einen Plan, der vereinfacht mit „Wer wird gewinnen“ benannt werden könnte.

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Polizeigewalt

Die deutsche Sprache hat die verblüffende Eigenschaft, in vielen Komposita uneindeutig zu sein – ein Begriff wie „Polizeigewalt“ kann theoretisch beides beschreiben: die Gewalt der Polizei und die Gewalt gegen die Polizei. Wir wurden in den letzten Tagen mit beidem reichlich versorgt.

Gleichwertig sind die beiden Gewaltformen nicht. Beide sind, wenn sie systemisch auftreten, besorgniserregend. Die eine signalisiert die Erosion des Staates, die andere seine Wucherung hin zur Gewaltherrschaft.

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Die Rassismus-Lüge

Geschichte verläuft in Wellen, auch die Mikrogeschichte. Gab Corona bis vor wenigen Tagen noch verschiedensten Eigenbrötlern – die man nur allzu gern unter dem Label „rechts“ subsumierte – die mediale Oberhand, so hat der Hype um den fragwürdigen Tod eines mutmaßlich Kriminellen, der nebenbei phänotypisch „schwarz“ war, der Linken wieder einen Vorwand gegeben, die Themenhegemonie zu beanspruchen.

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Gegneranalyse – Politik der Gabe

Gegneranalyse I

Frank Adloff: Politik der Gabe. Für ein anderes Zusammenleben.

Nur von wenigen wahrgenommen, hatte Peter Sloterdijk sein dreibändiges „Sphären“-Werk mit der Selbstunterstellung, „eine Universalgeschichte der Großzügigkeit“ geschrieben zu haben und sich dabei auf Marcel Mauss‘ Klassiker zur Gabe zu berufen, beendet. Wenig später verschaffte sich der Großdenker mit der These Gehör, es wäre besser, die Steuerpflicht zugunsten einer Steuergabe zu ersetzen und damit die thymotische Energie der Gebenden zu stärken. Sie erfuhr wenig ernsthafte Aufmerksamkeit und wurde schnell ins Kuriositätenkabinett des Denkens delegiert.

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Droht ein neuer Faschismus?

Noch ist die Lage nach der Thüringer Skandalwahl unübersichtlich und in ihren Langzeitfolgen kaum abzusehen. Eines aber scheint bereits festzustehen: es herrscht auf Seiten der politischen Linken offenbar eine reale Angst vor dem Faschismus, den man in der AfD verkörpert sieht, und man darf diese Partei und ihre Vertreter nun offen als „Faschisten„, „Nazis„, „Rechtsextremisten“ oder „Nationalsozialisten“ beschimpfen, ohne daß es noch ernsthafte Widerrede gäbe. Auch wird man in der Presse nicht müde, fragwürdige historische Vergleiche zur späten Weimarer Republik oder zum Aufstieg der NSDAP zu bemühen. Aus diesem Grund möchte ich noch einmal einen Artikel vorlegen – auch für die neue Leserschaft -, der sich der Frage, ob ein neuer Faschismus in Deutschland überhaupt möglich ist, widmet.

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Meine Wende

Vor einigen Jahren schrieb ich ein Erinnerungsbuch. In ihm wollte ich eine ganz normale Kindheit – so auch der Untertitel – in der DDR beschreiben, eine Kindheit, wie sie wohl die meisten Menschen dieser Generation erfahren haben: weder im Opfer- noch im Tätermodus. Na klar, wir waren indoktriniert, man hat uns eine starke Identifikation mit diesem kleinen Land verordnet, wir sahen die Welt aus dieser Perspektive und es dauerte lange, sich eine Draufsicht zu erkämpfen. Daß Vieles im Argen lag, war den allermeisten bewußt. Man hatte vor allem zwei Möglichkeiten der Referenz: den Westen mit seinen materiellen Erfolgen und den weiteren partiellen Freiheiten oder aber die „Klassiker“, die weit ausgearbeitete Theorie, wie der Sozialismus zu sein habe. In beiden Hinsichten hatte die DDR versagt.
Nachfolgend ein kleiner Ausschnitt aus besagtem Erinnerungsbuch – das noch immer in der Schublade liegt. Es beschreibt die Wendezeit aus der Sicht eines jungen, naiven Studenten.

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Die Welt ohne Luther

Leider kam dann Luther.  (Michael Lösch)

In der Besprechung des äußerst anregenden Buches „Im Moralapostolat“ von Horst G. Herrmann kam ich zu der rhetorischen Formel: „Luther ist schuld“[1]. Daraus ergibt sich ganz zwangsläufig eine weitere Frage: Hätte es Luther, Luther als Person mit seinen ganz individuellen Eigenheiten, nicht gegeben, wie sähe die nachfolgende Welt aus? Die Beantwortung dieser Frage stellte sich Michael Lösch in seinem Buch „Wäre Luther nicht gewesen“.

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Habermas: Autoritäre Persönlichkeit

Zum 90. Geburtstag

Das Theoretische hatte zwar etwas Verführerisches, aber nur, wenn es ambivalent, offen blieb, ein Motiv zum Denken. Karl Heinz Bohrer

Nein, es handelt sich beim Titel nicht um ein neues Buch aus Habermas‘ Feder, nicht um eine soziologische Studie – wie die gleichnamige seines Doktorvaters Adorno –, sondern um den Versuch, den Charakter des Meisterphilosophen der Bundesrepublik, eines „deutschen Voltaire“, näher zu deuten. Als Quelle dient uns das vielfältig unerschöpfliche und hier besprochene Buch Karl Heinz Bohrers: „Jetzt“.

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Das Problem Mensch

Politik könnte so einfach sein: Ideen, Programme, Argumente, Mehrheiten, Beschlüsse, Gesetze … so könnte man ein Land zum Besseren verändern. Allein, es gibt den Menschen. An ihm muß immer wieder alles scheitern.

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Der ewige Timmermans

Gerade macht Frans Timmermans‘, seines Zeichens „SPE-Spitzenkandidat bei der Europawahl 2019″ – „S“ steht für „Sozialdemokratisch“ und „Europa“ meint die EU – und Träger der Ehrenpalme Bulgariens, gerade macht sein kleiner faux pas genüßlich die Runde, worin er dem Islam eine 2000-jährige Zugehörigkeit zu Europa bescheinigt hatte.

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Der große Austausch

Das Massaker von Christchurch und die unsägliche Affäre um Martin Sellner hat den Topos des „großen Austausches“ wieder an die Oberfläche der medialen Wahrnehmung gespült. Dort wird er nahezu unisono als „Verschwörungstheorie“ behandelt. Die Art und Weise, wie die meisten Journalisten und Experten über den Begriff oder den philosophischen Überbau der „Identitären Bewegung“ schreiben, deutet darauf hin, daß sie sich weder mit dem Gründungsdokument dieses Erklärungsansatzes noch mit den zahlreichen Veröffentlichungen Sellners und anderer Identitärer – hervorzuheben ist etwa Patrick Lenart – unvoreingenommen auseinandergesetzt haben.

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Ein Brief an den Feind

Es dürfte im Umkreis dieses Blogs ein mehrfaches Interesse an Helmut Lethens neuem Buch „Die Staatsräte“ geben. Das Zeitsujet, die Jahre des Nationalsozialismus und ihre Verwindung, gehören seit je zum engeren Aufmerksamkeitsspektrum, Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Gottfried Benn zählen zum spezifischen Kanon, aber es kommt nun ein dritter wesentlicher Punkt hinzu: Lethen, Jahrgang 39, 68er, emeritierter Professor, Literaturwissenschaftler, einst in KPD-Kreisen aktiv und noch immer bekennender Linker, ist mit Caroline Sommerfeld verheiratet, die seit zweieinhalb Jahren einen kometenhaften Aufstieg im Sezessions-Milieu feierte. Das führte zu Verunsicherungen, hüben wie drüben.

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Helmut Lethen – 80 Jahre

Von Lethen lernen

„Es ist ja auffällig, wie in Augenblicken der Depression die Linke zu den Konservativen schielt.“ Helmut Lethen

Müßte ich unter Helmut Lethens Büchern eines wählen, dann wäre das nicht sein Hauptwerk „Verhaltenslehren der Kälte“, worin er die Topoi der Gefühllosigkeit und Frostigkeit in den „Lebensversuchen nach dem Krieg“ systemisch nachzeichnet, es wäre auch nicht sein lehrreiches Buch über Gottfried Benn, das bewußt keine Biographie sein will, sondern ein szenischer Einfühlversuch in einen hermetisch sich absondernden Paradigmenmenschen und es wäre schließlich auch nicht sein neuestes Werk „Die Staatsräte“, selbst wenn man es als lobenswertes Gesprächsangebot an den politischen Gegner mißverstehen kann, nein, meine Wahl fiele ohne zu zögern auf das schmale autobiographische Bändchen „Suche nach dem Handorakel“ und ich möchte sogleich hinzufügen, daß man es exakt als solches lesen müsse, nämlich als ein eigenes Handorakel! Vor allem die Rechte täte gut daran, dieses erzlinke Brevier genauestens unter die Lupe zu nehmen.

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Kreativ und selbständig ausführen

Es sind oft die kleinen Details, die uns über einen Menschenschlag aufklären.

Gerade komme ich aus dem Schwimmbad einer kleinen ungarischen Stadt. Es hat den Charme der DDR-Volksschwimmhallen, das Wasser ist zwei, drei Grad zu kalt und an den Rohren bildet sich Rost. Sonntagmittag ist es aber fast leer und man kann ungestört seine Bahnen ziehen.

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Für ein neues Oblomowtum

Geschichte und Philosophie der Faulheit Teil 2

Für ein neues Oblomowtum PDF

„… without jeopardizing the essential, which is that there should be a class of men and woman of whom nothing is required – not even to justify their existence; for, in the eyes of the most of their contemporaries, many of the greatest benefactors of humanity, most of the great artists and thinkers, most, no doubt, of the nameless civilizers, have not justified theirs. Generally, their age could not appreciate their service; and only the existence of a leisured class, to which they belonged or in which they found patrons, made it possible for them to exist. Wherefore the existence of a leisured class, absolutely independent and without obligations is the prime condition, not of civilization only, but of any sort of decent society.” (Clive Bell)

Mit der Hauptfigur seines 1859 erschienen Romans „Oblomow“ schuf I. A. Gontscharow einen literarischen Typus, dessen Lebenseinstellung sprichwörtlich wurde. War das Buch einst als Mittelteil einer Romantrilogie gedacht, die mit den in fast zehnjährigem Abstand geschaffenen Romanen „Eine alltägliche Geschichte“ (1847) und „Die Schlucht“ (1869) komplettiert wurde, so blieb nur der „Oblomow“ im Langzeitgedächtnis des weltliterarischen Publikums haften, ist doch einzig hier ein Dichter an die Öffentlichkeit getreten, der mehr als Begabung nachweisen konnte.

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Lob der Faulheit

Offenbar hatte der kleine satirische Beitrag über den Unsinn des Laubblasens einiges Unverständnis ausgelöst. Daher lege ich hier eine Grundlegung der Faulheit in zwei oder drei Teilen vor, die sich mit dem Begriff der Arbeit in der Moderne und der modernen Literatur und Philosophie beschäftigt und im weiteren Kontext mit der Frage „Was ist Kynismus“ gesehen werden sollte. Auf Grund der Länge werden die Texte auch als PDF zur Verfügung gestellt.

Lob der Faulheit PDF


Geschichte und Philosophie der Faulheit Teil 1

“What is called a man or woman of action is almost always a deformed and deficient artist who yearns to express himself or herself but, unable to express by creating, must assert by interfering. Such people are our misfortune, and there are good many of them. They cannot find satisfaction in love, friendship, conversation, the creation of contemplation of beauty, the pursuit of truth and knowledge, the gratification of their senses, or in quietly earning their daily bread: they must have power, they must impose themselves, they must interfere. They are the makers of nations and empires, and the troublers of peace … They must impose their standards and way of life. Worst of all, they drive the less clear-sighted of the potentially civilized into self-defensive action – into semi-barbarism that is to say. From these pests comes that precious doctrine, the gospel of work: as if work could ever be good in itself.” (Clive Bell)

Im Nachfolgenden sollen Verteidiger eines „Rechts auf Faulheit“ vorgestellt werden, um eine heterogene Tradition sichtbar zu machen. Diese Tradition ist lang, sie reicht in die Anfangsgründe der Überlieferungen zurück. Besonderes Interesse verdienen dabei jene Köpfe, die der Moderne zugeordnet werden, jene also, die den aufklärerischen und eschatologischen Impuls der Technisierung und des Fortschritts bewußt erlebt und erlitten haben, denn ihre Erfahrungen sind mit den unsrigen noch am ehesten vergleichbar und unter Umständen auch nutzbar. Die Auswahl muß willkürlich bleiben, versucht jedoch, durch die Vielfalt der präsentierten Ansätze, ein Abstraktum jenseits der Ideologien und Weltanschauungen anzudeuten, denn wir arbeiten mit dem Verdacht, uns auf anthropologischer Ebene zu bewegen.

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Luther als Schicksal

„Im Moralapostolat – die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation“, heißt ein Buch, das von Ellen Kositza (kath.) wärmstens empfohlen wurde. Auch als ein überfälliges Gegengift gegen die letztjährige Lutherei.

Sein Grundgedanke klingt verführerisch: Luther ist schuld!

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Walser, Habermas, Höcke

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Vor 20 Jahren hielt Martin Walser seine legendäre Rede in der Frankfurter Paulskirche, deren Worte die deutsche Zivilgesellschaft bis heute ebenso erschüttern, wie die darin aufgezeigten und zu Bewußtsein gebrachten deutschen Idiosynkrasien. Stella Hindemith, eine Kulturwissenschaftlerin mit jüdischen Großeltern, hat dazu soeben einen aufschlußreichen und maßgebenden Artikel veröffentlicht, der den geistigen Zustand der „Eliten“ auf wunderbare Weise selbstkarikiert: „Im Umgang mit der deutschen Nazivergangenheit markierte Martin Walsers Rede in der Paulskirche eine Wende: Vor 20 Jahren verschob er die Grenzen des Sagbaren nach rechts.“

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