Die deutsch-ungarische Differenz

Auf einer Festveranstaltung eines deutsch-ungarischen Unternehmens halten beide Direktorinnen eine Rede, zuerst die Deutsche, dann die Ungarin. Die erste spricht Deutsch, die zweite Ungarisch. Ich lasse mir die Rede der ungarischen Leiterin geben, denn natürlich habe ich beim Zuhören fast nichts verstanden. Nun, nachdem ich sie in aller Ruhe gelesen habe, bestätigt sich der erste Eindruck.

Die Damen sind in etwa gleichaltrig aber verschiedenen Temperaments. Die Deutsche ist kinderlos und – ihren Worten nach zu urteilen – straff links orientiert. Die politische Inklination der Ungarin kann man nicht einmal erahnen. Die Deutsche stammt aus einer Großstadt, die schon vor hundert Jahren bedeutende proletarische Führer hervorgebracht hat und bis heute als links und ausgesprochen multikulturell gilt. Sie, die Deutsche, ist eine Globetrotterin, lebte – allein, ohne Familie – und arbeitete an verschiedenen Enden der Welt. Die Ungarin wurde hier geboren, lebte ihr ganzes Leben hier, ist in allen möglichen Vereinen, pflegt und lebt ihre Kultur.

Während die eine in flatternden bunten Klamotten und mit selbstsicherem, fast männlichem Schritt auftritt, trippelt die andere gänzlich in festliches Schwarz gekleidet züchtig zum Mikrophon.

Die Rede der Deutschen ist großartig! Sie spannt – dabei eine klassische Erzählung Hans Christian Andersens nutzend – einen weiten Bogen, stellt eine spannende These auf, umkreist diese mit ausladenden Bewegungen – sprachlich und körperlich – wirft mehrere Fäden aus und bündelt sie schließlich gekonnt zu einem furiosen Finale. Ein kleines Schmuckstück – das den meisten ungarischen Zuhörern ob der Komplexität der Sprache vermutlich entgangen sein dürfte. Dabei trat sie weit ans Mikrophon hervor, plusterte sich auf und verdeckte und überschien ihre Kollegin, die ihr eigentlich sogar übergeordnet ist. Diese steht bescheiden im Hintergrund und lächelt gut erzogen.

Nach so einer Rede noch eine zu halten, ist undankbar. Wie will man das überbieten? Fast konnte man den Vortrag der Deutschen ungehörig nennen, denn es stellte die zweite Rednerin vor nahezu unlösbare Probleme: sie mußte im Vergleich zur ersteren scheitern oder aber ein Zauberstück vollbringen.

Sie tat keines von beidem, wie ich nun weiß. Sie hielt ihre Rede vollkommen im Einklang mit ihrer Erscheinung. Streng, ruhig, gerade, fast steif und ernsthaft. Plötzlich stand die Deutsche ob ihrer Exaltiertheit fast ein bißchen blamiert da, denn im Kontrast wurde ihre selbstsichere Dominanz überdeutlich.

Rhetorisch waren die beiden weit auseinander, die eine glänzend, die andere fast bieder. Dennoch wüßte ich nicht, welche der beiden Beiträge ich krönen würde, müßte ich es entscheiden. Der ungarische Vortrag war gänzlich konventionell, von einem kleinen Witz abgesehen, war er streng und zielstrebig. Er verzichtete auf jegliche Originalität, begann mit Danksagungen, blätterte dann die Geschichte des Unternehmens auf, analysierte den Ist-Zustand und wies danach in die Zukunft, schwor nahezu belehrend auf die kommenden Aufgaben ein.

Es war eine Rede im Dienst! Das ist das entscheidende Wort und der ausschlaggebende Unterschied. Die ungarische Direktorin wollte dienen, die deutsche wollte glänzen, hervorstechen und auch inspirieren. Die eine sah sich als Teil des Unternehmens, die andere nahm sich als Individuum wahr, als Ich und vor allem als Ich. Ihre Welt war die der großen Träume und Phantasien, der Lüfte, der hehren Gefühle, der erhabenen Worte, der ergreifenden Analogien, die Ungarin aber stand verwurzelt, verpflichtete ihre Belegschaft auf das Konkrete und ordnete sich selbst unter. Aus ihr sprach vielleicht auch die Mutter, die sich um die Zukunft kommender Genrationen sorgt, während aus der Deutschen das Hier und Jetzt, das zu genießen, zu nutzen sei und das Ideal sprach, begeisternd aber lebensfern. Sie sprach den je Einzelnen an – Du sollst werden! –, die Ungarin das Kollektiv: wir sollen schaffen! Das drückten auch Habitus, Mimik und Gestik ganz greifbar aus, wohingegen die rhetorische Glanznummer wohl über die Köpfe zumindest der Ungarn hinweg schwirrte.

Vielleicht war letztere hausbacken und einfallslos, vielleicht war erstere originell und unterhaltend – wem man nun den Vorzug geben soll, wird sich wohl an den weltanschaulichen Grenzen entscheiden. Man kann brillieren und dennoch die Gegebenheiten verfehlen, man kann bieder sein und dennoch Gespür für das Notwendige nachweisen.

siehe auch: Der Ungar als Untertan

Das Der und das Die

Es gibt „im Realen“, was immer das heißen mag, so etwas wie nicht synthesefähige Gegensätze, die koexistieren, obwohl sie sich gegenseitig ausschließen. (Peter Sloterdijk)

Wir kommen gerade aus einem Heilbad zurück. In der großen Halle mit 36 Grad warmem Wasser herrscht gewöhnlich Ruhe. Heute Abend leider nicht. Die drei Dutzend Ungarn stehen, bis zum Hals im Wasser, wie immer in kleinen Grüppchen oder Paaren zusammen und unterhalten sich schläfrig und zurückhaltend. So ist es immer! In der Ecke aber stehen fünf Männer, alle im frühen Rentenalter und reden animiert, gestikulieren, lachen und schreien sich förmlich an, obwohl sie nur wenige Zentimeter voneinander entfernt sind. Sie übertönen alle Ungarn um ein Vielfaches, ihr Gespräch – wenn man das so nennen kann – durchschallt die gesamte Halle. Erst wenn man etwas näher tritt, hört man, daß sie nicht Ungarisch, sondern wohl Serbisch sprechen. Und auch das war schon immer so:

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Die Messer-Falle

Wir erhalten täglich eine Liste von Erregungsvorschlägen und dürfen entscheiden, worüber wir uns echauffieren wollen. (Peter Sloterdijk)

Die folgenden Zeilen werden nicht allen meiner Leser gefallen – ein Grund mehr, sie zu schreiben.

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Sorokins Eis-Trilogie

Der erste Band, „Bro“, lebt über die Geschichte, nicht über Stil und Konstruktion. Artistisch stellt er überraschend geringe Ansprüche; die geradlinige, einsträngige, in der ersten Person erzählte Handlung ist es, worauf es Sorokin ankam. (Kein Wunder, daß sein Held sich von Dostojewski lossagt). Von einem fast schon als modernen Klassiker betitelten Autoren, einem „Postmodernen“ zudem, erwartet man das nicht zwangsläufig.

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Volk und Scham

Angela Merkel war in Auschwitz. Zu Ende ihrer Ära geht sie diesen Weg, den andere – wie Heiko Maas etwa – an den Anfang ihrer politischen Karriere setzen, ja sogar als Agens bezeichnen: „Ich bin wegen Auschwitz in die Politik gegangen“, tönte der Außenminister.

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