Magyar Katharsis

Wenn das Schuljahr auf das Ende zugeht und die Lehrerschaft allmählich den Kopf wieder etwas frei bekommt, dann häufen sich die Einladungen und Zusammenkünfte. Abende mit den deutschen Kollegen meide ich nach Möglichkeit – es sind verlorene, verlogene und verlegene Stunden, die einerseits einen unfaßbaren Reichtum an geistiger Armut offenbaren, eine innere Leere, die durch endlose Small-Talk-Kaskaden ausgefüllt, durch Reisen, Essen, Messen – und nicht Lesen – übertüncht wird, aber auch durch eine ganz leicht zu erspürende Unaufrichtigkeit und Verstellung zustande kommt.

Denn natürlich merken die Leute – sie ahnen es doch zumindest, oder sind sie wirklich blöd? –, daß in Deutschland und Europa gigantische Umwälzungen vor sich gehen und ihr schönes sicheres seichtes Sein einem baldigen Ende entgegen geht.

Aber sie reden nicht darüber! Die einen verleugnen es, wollen oder können nicht sehen – mit diesen kann man immerhin noch auf einer Leerstufe scherzen –, die anderen jedoch wissen und fürchten sich, den Mund aufzutun, schlucken ihre kleinen Ängste beschämt herunter und lassen niemanden an diese Mauer aus Furcht und Zittern heran: mit jenen habe ich gar nichts zu tun; sie langweilen mich im günstigsten Falle und stoßen mich nicht selten ab.

Nur in einem sind all diese Typen sich einig: Wenn es um Ungarn geht, das Land, in dem sie gerade leben, und gut leben – deutlich besser als die meisten Ungarn –, dann rümpfen sie die Nase, dann sind die Urteile schnell gefällt: man muß diese Positionen nicht vorstellen, man kann sie in der deutschen Presse lesen.

Nur eines interessiert mich daran noch und das ist ihr Desinteresse am Gegenstand, ihr Unwissen und der Mangel an Neugier – sie fragen fast nie, auch nicht die ungarischen Kollegen –, aber sie haben fertige Urteile und meist kommen diese – sofern es überhaupt Argumente gibt und nicht nur, wie meist, bloß moralische Überhebung –, ganz wie Kleine-Hartlage das beschrieben hat, aus einem fernen Utopia: so muß die Welt sein und daran messen wir sie: nicht was ist, zählt, sondern was sein sollte. Und was sein sollte, ist Deutschland! Das ist der heimliche Maßstab an Freiheit und Demokratie – sie sehen darin das „Deutschland, Deutschland über alles!“  oder Geibels „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ durchaus nicht …

Wie anders die Ungarn! Gestern saßen wir beim Weingroßbauern, klassizistische Villa mit eigener Gemäldegalerie, Bibliothekszimmer, eine ferne Erinnerung an das Weimarer Liszt-Haus, einen Tag zuvor bis spät in die Nacht zwei junge Lehrerinnen bei uns zu Hause, dann ein gemütliches Zusammensein mit meiner Englischklasse, davor eine Kirchentour mit gläubiger Katholikin, dazu ad-hoc-Gespräche und Zufallsbegegnungen … Sie reden offen und ohne Scheu. Niemand senkt die Stimme, wenn er über Zigeuner spricht, man schaut sich nicht um, wenn man Orbán kritisiert (dieses Thema ist man höchstens leid), es wird nicht vorgefühlt, wenn man seine Meinung über Muslime äußert, man rechtfertigt sich nicht für seinen Heimatstolz.

Anfangs war es wie ein kleiner Schock, wenn mit größter Naivität die denkbar politisch unkorrektesten Dinge gesagt werden – „Wir wollen sie hier nicht, diese Muslime.“, „Sie gehören nicht hierher.“, „Die Zigeuner machen nur Probleme, sie betteln und stehlen, man kann sie nicht ändern.“, „Deutschland irrt, wenn es denkt, man könne Massen von Kulturfremden aufnehmen ohne sich bis zur Unkenntlichkeit zu verändern.“, „Die Muslime gehören nicht hierher, sie sollen bleiben, wo sie herkommen.“, „Wir wollen ein Volk bleiben und keine Vermischung.“, „Unter Hunyadi waren wir noch groß und mächtig, seither ging es bergab.“  …

Und Frauen freuen sich noch über ein Kompliment und werden rot – nicht vor Wut! – wenn sie sich dafür bedanken. „Den Sexismus“ und die „Geschlechterklischees“, deren „Opfer“ sie gerade geworden sind, können sie vermutlich noch nicht mal sehen. Man darf ihnen auch die Tür aufhalten.

Mittlerweile beginnt das Phänomen eine kathartische Wirkung auf mich auszuüben: ich muß laut und befreit lachen!

Ich will das Phänomen auch nicht idealisieren. Sie erzählen mir, daß das innenpolitische Thema innerhalb der ungarischen Familien, Freundschaften, Arbeitskollektive, Vereine meist ausgespart wird: man meidet die Politik, weil sie spaltet, weil die Meinungen zu gegensätzlich und kaum vermittelbar sind. Davon spüren wir so gut wie nichts. Hat man einmal Vertrauen gefaßt, wird frei von der Leber weg gesprochen. Dinge, die in Deutschland unsagbar geworden sind, für die man sogar strafrechtlich belangt werden kann, für die man denunziert und gemaasregelt wird, Dinge die auf dem Index stehen, Dinge, welche die deutschen Kollegen in sich hineinfressen und die sie, begegneten sie ihnen, mit einem guillotinesken Satz oder Blick sofort selbst beenden würden.

So kann die Freiheit in der Unfreiheit blühen!

siehe auch: Ungarn in Rock

Migrationsunterricht in Ungarn

Ein seltsames Phänomen: seit ich in Ungarn bin, muß ich mich um nichts mehr kümmern, alles kommt auf mich zu. Aus kaum erklärlichen Gründen werden mir dauernd Vorschläge gemacht, werden Anfragen gestellt und ich kann mir heraussuchen, was ich annehme und was nicht.

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Leib ist alles!

Das Leib-Seele-Problem bei Nietzsche

Von den Hinterweltlern

Das sogenannte Leib-Seele-Problem kennzeichnet – als eines von mehreren – den Beginn des westlichen, d.i. des europäischen Denkens schlechthin und hat, wie alle großen Gedanken unserer Geschichte, zwei Quellen: die griechisch-akademische Philosophie und die jüdisch-christliche Religionstradition. Von daher bestimmt sich die Bedeutung dieses Problems: wer es fundamental anzweifelt, wer es verwirft oder gar seinen Problemcharakter in Frage stellt, statt es zu modifizieren, rührt an den Grundfesten des westlichen Denkens, seiner Kategorien und seiner Sprache.

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The Stranger within my gate

The Stranger within my gate,
He may be true or kind,
But he does not talk my talk–
I cannot feel his mind.
I see the face and the eyes and the mouth,
But not the soul behind.

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Der Clash zweier Denkstile

„… die Entideologisierung … hat den symbolischen Wert der Kultur insgesamt und des philosophischen Diskurses sehr massiv nach unten gedrückt, weil sie praktisch nur noch die Bedeutung von Waren haben … Sie haben keine grundlegende Relevanz, weil sich die Fundamente der Gesellschaft nicht mehr auf einem Diskurs gründen.“ (Boris Groys)
„Es muß darum gehen, diese mysteriöse Tendenz der menschlichen Seele, sich zu opfern, einzubinden in moralische Prinzipien, die uns erlauben, zu unterscheiden, was ein legitimes Opfer ist und was ein illegitimes Opfer ist. Und dafür brauchen wir praktische Vernunft.“ (Vittorio Hösle)

Aus der akademischen Ecke kommt, wenn es um Sloterdijk geht – vom Karlsruher Kreis abgesehen – fast nur Schweigen oder Häme. Da werden dann auch Ersatzduelle interessant. Eines fand vor 10 Jahren zwischen Boris Groys, wohl einem Sloterdijk geistig nahestehenden Philosophen, den Sloterdijk selbst auch häufig diskutiert und zitiert, und dem einstigen Shootingstar der traditionellen deutschen Philosophieszene, Vittorio Hösle, statt. Daraus ist ein kleines Buch entstanden: „Die Vernunft an die Macht“. Da ich beide Autoren in ihrer Entwicklung verfolgte, entstand eine kleine Rezension des lang erhofften Dialogs:

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Circulus Virtuosus

„Nur die Entkräftung der Vergangenheit – ihre Herabstufung zu bloßem ,Rohmaterial‘ der Selbstformung – bewirkt, daß Menschen sich selber frei ,wählen‘ oder ,erfinden‘ müssen. Die Freien sind nicht nur jene, die einen Herrn abgeschüttelt haben. Sie sind auch die, die man ohne Erklärung auf offener Straße stehengelassen hat. Andernfalls wären sie stabil programmierte Medien prägungsfähiger Generationen geblieben und würden ihr Leben als selbstsichere Vehikel angeeigneter Überlieferungen führen – in den Spielräumern der immer überraschungsoffenen Welt.“ (Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit)

Sloterdijks letzter Großessay – „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ – liegt nun drei Jahre zurück – seither erschienen zwei Aufsatzssammlungen („Was geschah im 20. Jahrhundert“, „Nach Gott“ und ein Roman „Das Schelling-Projekt“).

Die einen stehen Schlange, wenn die neue xbox erscheint oder das neue Apple-iPhone, die anderen beim neuesten Sloterdijk. Ich gehöre zugegebenermaßen zur zweiten Kategorie. Weit davon entfernt, ihm in allen seinen Argumentationen zu folgen – weil ich nicht seiner Meinung bin und weil ich ihn manchmal einfach auch nicht verstehe – halte ich ihn für den wachsten und aufmerksamsten Zeitkritiker unserer Tage, immer in der Lage, bislang unbemerkte Zusammenhänge überzeugend und als ästhetischen Genuß (sofern es den Geschmack trifft) aufzuzeigen.

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Perversionen des Rassismus

Einen Ausblick in die schöne neue Welt der politischen Korrektheit liefert uns Tom Bartels – seines Zeichens Fußballreporter und Paradebeispiel jenes quasi aphasischen Kommentariats, dessen sich die deutsche Medienwelt bedient, um auch dem letzten couch potato die allerletzte Reststärke zu entziehen.

Gänzlich erfolgreich war Bartels nicht, selbst als Sedativ versagt er, denn als er ob einer etwas peinlichen Theatervorstellung Rüdigers (eines deutschen Fußballspielers in dunkler – es ist hier nur von physikalischer Reflexionsfähigkeit die Rede und nicht von Moral – Erscheinung, der nach einem Stupser schmerzverzerrt sich am Boden wälzte), meinte sagen zu müssen, „der soll jetzt nicht den Affen machen“, da waren einige Zuschauer sofort hellwach und witterten, na klar – Rassismus.

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