Tellkamps Gesinnungskorridor

There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all. (Oscar Wilde)

Mindestens drei Mal wurde in der Presse der Versuch unternommen, Uwe Tellkamps „deutschnationales Pathos“ (Dotzauer), seinen „mentalen Aufbaustoff“ für Neurechte (Assheuer), seine „heftige Abstoßung“ (Kämmerlings), sprich seine „rechte Verirrung“ im Gespräch mit Durs Grünbein aus seiner Werkgeschichte zu erklären. Dabei geriet sein früher Erfolgsroman „Der Eisvogel“ (2005) besonders ins Visier, der sich nun, dreizehn Jahre später, scheinbar neu deuten lassen soll. All sein rechtes Gedankengut sei dort schon, mehr oder weniger versteckt, angelegt gewesen.

Weiterlesen

Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

Weiterlesen

Was Barbie drunter hat

Großer Bahnhof wegen Hidschab-Barbie!

Sehen wir es doch mal von einer anderen Seite, von unten. Seit je ist das Entscheidende nicht, was Barbie anhat, sondern was sie drunter hat.

Weiterlesen

Alles Makulatur

Zuletzt erkennen auch immer mehr Marxisten und sonstige Ideologen, die im 20. Jahrhundert hängengeblieben sind, daß ihre abstrakten Debatten und Fragen in einem kaum bewußten kulturellen Resonanzraum stattfanden, der mit dem Großen Austausch vernichtet wird. (Martin Sellner)

Irgendwann im Herbst 2015, als die Meldungen sich überschlugen, tagtäglich neue phantastische Zahlen von Menschen, die die Landesgrenze meist unkontrolliert überschritten hatten, genannt wurden, dazu Bilder scheinbar endloser Menschenschlangen und –mengen, die auf Autobahnen oder über Felder liefen, an Grenzstationen in großen Trauben hängen blieben, während offenbar verrückt Gewordene die Massen mit Heilsgesängen, Blumen, Teddybären und Tonnen an Altkleidern empfingen, irgendwann in dieser Zeit, saß ich mit meiner Frau – mit der ich damals jeden Tag, jede Stunde dieses eine Thema immer und immer wieder und immer fassungsloser besprach – im Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Decke mit einer wunderschönen Buchtapete – in sechs europäischen Sprachen – ausgekleidet ist, an der seit Jahren der Blick mindestens ein Mal am Tag liebe- und auch ein wenig vorwurfsvoll – Warum hast du keine Zeit mehr für Fontane? Wie lang willst du den Goethe noch hinausschieben? Du wagst es, über skandinavische Literatur zu schreiben und hast den Olav Duun noch immer nicht gelesen! … – entlang glitt, und sagte plötzlich zu ihr, auf die Regale weisend: Das ist alles Makulatur!

Weiterlesen

Die letzten Helden

Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that. Bill Shankly

In einer wertentkernten Welt wird die identitätsstiftende und geschichtstragende Rolle des männlichen Helden, die seit Jahrtausenden im mythologischen Zentrum der Großzivilisationen lag, nach außen verlagert und medial an Männer vergeben, die es zu überragender und beeindruckender Meisterschaft im Werfen oder Treten von Bällen geschafft haben.

Weiterlesen

Augen auf und durch!

Rolf Peter Sieferle: Das Migrationsproblem

Es war voreilig, als ich Anfang Januar Lothar Fritzes „Der böse gute Wille“ als das Buch des Jahres 2016 anpries. Rolf Peter Sieferles „Das Migrationsproblem – Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung“, das nachfolgend vorgestellt werden soll, macht noch stärkere Ansprüche auf diesen Titel. Wo Fritze auf stringente Art und Weise all das zusammenfaßt, was jedem common-sense-Inhaber bewußt und einleuchtend sein muß, geht Sieferle weiter, denkt einerseits um die Ecke, deckt die Dialektik und die Paradoxien des Prozesses auf, nimmt aber auch die Außenposition ein und ist so in der Lage, das jüngere Geschehen in die großen historischen Prozesse einzuordnen.

Weiterlesen

Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Einen besonders intrikaten Gedanken versucht Karl Heinz Bohrer zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe.

Weiterlesen

Warum die Deutschen?

Seit einigen Wochen gebe ich etwas Privatunterricht in Deutsch. Ein älterer Herr steht vor der Tür: Es stellt sich heraus: Er ist der Inhaber einer der größten Weingüter in dieser gottgesegneten Weingegend, promovierter Önologe. Nun, da er auf die 80 zugeht, will er sein Deutsch etwas auffrischen. Da weiß man sogleich, daß man einen wirklichen Charakter vor sich hat.

Weiterlesen

Das Terror-Rhizom?

…was in Wirklichkeit nicht darstellbar ist, weil es ein Rhizom ist, eine unvorstellbare Globalität. Umberto Eco

Der französische Soziologe Gilles Kepel gilt als einer der besten Kenner des Islamismus und des islamistischen Terrors. Gerade hat er in einer Reihe von Interviews im Zusammenhang mit seinem letzten Buch die neue Qualität des Terrors zu beschreiben versucht und sich dabei auf den singulären Philosophen Gilles Deleuze berufen. Kepel will den Begriff des „Rhizoms“ in die Debatte einführen, um den Aggregatzustand der Terrorgesellschaften zu beschreiben.

Nachfolgend wird in einem ersten Durchgang versucht, den philosophischen Begriff „Rhizom“ nach Deleuze zu entwickeln und in einem zweiten zu prüfen, was dieser Begriff im Kontext des Terrors zu leisten vermag und ob Kepel ihn berechtigterweise in Anschlag bringt. Teil 1 ist demnach eine ausführliche und streng philosophische Rede, Teil 2 eine politische.

Was ist ein Rhizom?

Weiterlesen

Was ist Kynismus?

Die Freiheit ist ein so ätherisches Ideal, daß es der Versteifung bedarf. Arnold Gehlen

Etwas stimmt in Raffaels Monumentalgemälde „Die Schule von Athen“ (1510) nicht. In diesem mit äußerster Akribie auf Symmetrie ausgerichteten Werk scheint das Gleichmaß gestört. Das Bild hat zwei Blickzentren. In der geometrischen Mitte stehen die Herrengestalten Platon und Aristoteles, rechts und links von ihnen diskutiert man eifrig in kleinen Gruppen, zu ihren Füßen jedoch herrscht eine beunruhigende Leere.

Die Schule von Athen ©Wikipedia (gemeinfrei)

Die Schule von Athen ©Wikipedia (gemeinfrei)

Auf den Treppen, ein wenig außerhalb des Fokus, ein bißchen schief, lungert eine seltsame Gestalt herum. Gerade deswegen zieht sie die Aufmerksamkeit auf sich. Halbnackt und lässig fläzt der Alte, kümmert sich um niemanden und wird im Übrigen auch von den anderen ignoriert. Ein Jüngling (Epikur?) weist auf die Figur, doch schon wendet sich seine Aufmerksamkeit der Hauptgruppe zu. Keiner will wirklich mit ihm zu tun haben; nur aus weiter Ferne trifft ihn Plotins wehmütiger, fast neidischer Blick: Müßte nicht so die innere Statue aussehen, an der zu meißeln er sich vornahm?

Diogenes heißt der Mann im alternativen Zentrum der antiken Philosophie und obgleich ihm in gelehrten Kreisen nie wirklich Aufmerksamkeit gezollt wurde, gehört er, der Parade-Kyniker, noch heute zu den populärsten Figuren der Philosophiegeschichte.

Man warf ihnen, den Hundephilosophen, ihre Stärke vor. „Die Kyniker haben wenig philoso­phische Ausbildung und zu einem System, zu einer Wissenschaft haben sie es nicht gebracht“, meinte Hegel, und noch Habermas schlug in dieselbe Kerbe: „Der Kyniker steigt aus der Kommunikationsgemeinschaft der Vernünftigen aus, indem er die sprachliche Verständigung mit den primitiven Mitteln analogischer Ausdrucks­formen fort­setzt“.

Wer sich jedoch um den Begriff der Freiheit bemüht, der wird um Diogenes und die Kyniker nicht umhin können, denn nur dort trifft man auf eine radikal durchdachte und durchlebte Freiheitsidee.

Das hatten die Denker des Altertums besser gesehen. Für Epiktet, den Sklaven, war Diogenes Inbegriff der menschlichen Freiheit: „Diogenes war frei. Woher? Nicht, weil er von freien Eltern herstammte, sondern weil er es selbst war; weil er alle Handhaben der Sklaverei weggeworfen hatte… Alles war lose an ihm, alles nur angehängt.“ und für Seneca war er schlicht ein großer Denker, ein „gewalti­ger Geist“.

Die Quellen sind dürftig, das meiste, das man sich von ihm berichtet, läßt sich historisch nicht mehr fassen, muß in den mythischen Raum, den Raum der Sagen und Legenden verlegt werden.

Der Kyniker ein Mythos? Umso besser! Gerade in seiner mythi­schen Gestalt reicht er in die conditio humana hinein.

Als sicherste Quelle gilt noch Diogenes Laertius, jener fleißige Geschichtensammler des dritten Jahrhunderts nach Christus; da war Diogenes der Kyniker (412-323 v. Chr.) wohl schon an die 600 Jahre tot. Er überliefert das Bild eines komischen Kauzes, hellwach, unabhängig, frei. Einer, der vieles anders machte und dachte. Bereits die berühmtesten Anekdoten legen davon Zeugnis ab. Die gängige Münze umzuprägen prophezeite ihm das Orakel, in einer Tonne soll er gelebt, nur einen Mantel, einen Ranzen, einen Stock besessen haben. „Als er einmal ein Kind sah, das aus den Händen trank, riß er seinen Becher aus seinem Ranzen heraus und warf ihn weg mit den Worten: „Ein Kind ist mein Meister geworden in der Genügsamkeit’“. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…

Auch von Tieren läßt sich lernen; seine philosophische Initiation erhielt er von einer Maus, „die weder eine Ruhestätte suchte noch die Dunkelheit mied, noch irgendwelches Verlangen zeigte nach sogenannten Leckerbissen. Das gab ihm einen Wink zur Abhilfe seiner dürftigen Lage“. Und wenn schon von Menschen lernen, dann von denen früherer Zeiten und anderer Kulturen. Seht her, auch so kann man leben!

Schwieriger dagegen wird es, von den Philosophen zu lernen, jenen zumindest, die mehr wollen als eine Lebensweise zu lehren. Nicht zufällig ist Platon, der „Wortverschwender“, sein intellektueller Hauptgegner, mit dem er immer wieder die Klinge kreuzt. An der Wurzel der Tradition liegt der Fehler der Tradition – es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Er nannte „des Platon Belehrung Verkehrung“ und nutzte jede Gelegenheit, diesen vorzuführen. „Als Platon die Definition aufstellte, der Mensch sei ein federloses zweifüßiges Tier, und damit Beifall fand, rupfte er einem Hahn die Federn aus und brachte ihn in dessen Schule mit den Worten: ‚Das ist Platons Mensch;’ infolgedessen ward der Zusatz gemacht ‚mit platten Nägeln’“. Mit dieser Ergänzung zeigte Platon nur, wie wenig er Diogenes’ Kritik verstanden hatte, denn diesem ging es wohl um die Unabschließbarkeit des definitorischen Prozesses, statt um eine Konkretisierung. Wozu definieren? Diogenes spielt die Praxis gegen die Theorie aus. Als einer „behauptete, es gebe keine Bewegung, stand er auf und spazierte hin und her“. Kann eine Definition jemals die Vielfalt der Realität einholen? Die einzig reelle Defi­nition ist die Ent­wick­lung der Sache selbst, und diese ist aber keine Defi­nition mehr.

Der Kyniker antwortet oft durch die Tat statt das Wort, er senkt die Argumentation auf eine einfachere Stufe. Typisch dafür sollte auch sein Spott und Witz werden: Lachend bemächtigt er sich seiner Widersacher, schafft zum einen Distanz, läßt den Konflikt zum anderen ins Heitere ausgleiten.

Kein geringerer als Alexander der Große ist sein Gegenspieler auf dem Feld der politischen Macht. „Als er sich sonnte, trat Alexander an ihn heran und sagte: ‚Fordere, was du wünschest’, worauf er antwortete: ‚Geh mir aus der Sonne’“. Und „als Alexander einst bei einem Zusammentreffen zu ihm sagte: ‚Ich bin Alexander, der große König’, sagte er: ‚Und ich bin Diogenes der Hund’“.

Es gibt keine Autorität und der Autoritätsbeweis beweist nur eines: die Autorität.

Im kynischen Sinne hat es Diogenes zur vollkommenen Meisterschaft gebracht: Man müsse „solange philosophieren, bis man die Feldherren für Eseltreiber halten würde“. Nicht nur werden in der einen Anekdote verschiedene Freiheitsbegriffe gegeneinander ausgespielt – die innere Freiheit gegen die politische –, in der berühmteren der beiden werden auch die Subtilitäten des Schenkens offen gelegt. Der König begibt sich höchstselbst zum Bettler, mehr noch, er bietet ihm das Ende seines elenden Daseins an. Diogenes hätte ausgesorgt. Aber er weiß, daß ihn die Annahme eines Geschenks in Abhängigkeit gebracht hätte, und zeigt zudem, daß Alexander nichts hat, was sein Glück vervollständigen könnte. Gäbe es ihn nicht, den lästigen Schatten, der Moment wäre vollkommen. Schließlich scheint die Sonne auf alle, überallhin, auch „in die Aborte, wird aber doch nicht besudelt“. Das Wesentliche ist immer, überall und unverfälscht verfügbar. Tatsächlich krönt sich Diogenes selbst zum König und degradiert den Kaiser zum Diener, der ohnehin nur Sklave seiner Macht und der Begierden ist. Freiheit á la Diogenes hat mit dem Herr-Knecht-Verhältnis nichts zu tun. Das Schicksal bescherte ihm im Verlauf seines Lebens alle drei Zustände, einmal hatte er einen Sklaven, den ließ er entlaufen, dann war er frei und schließlich geriet er selbst in die Sklaverei. Was er denn könne, wurde er auf dem Markt gefragt: „Über Männer zu herrschen“.

Hält der unberechenbare Mann es wenigstens mit dem gemeinen Volk? Weit gefehlt. „Er zündete bei Tage ein Licht an und sagte: ‚Ich suche einen Menschen’“. Und wer das nicht verstand, für den wurde er auch noch deutlicher: „Einst rief er laut: ‚Heda, Menschen.’ und als sie herzuliefen, bearbeitete er sie mit einem Stocke mit den Worten: ‚Menschen habe ich gerufen, nicht Unflat’“.

Was bildete sich dieser Mensch ein? Konnte man es ihm überhaupt recht machen? Wer kann dann gerecht sein? Unter den Menschen ist es unmöglich. Denn Angst und Sorge quälen sie, sie haben Begierden und Leidenschaften, hängen an Besitz, Tradition und Vaterland. Der Kynismus dagegen ist die gelebte Lehre einer bedingungslosen Bedürfnislosigkeit, er vertritt das Ideal eines einfachen, natürlichen Lebens, das alle herkömmlichen kulturellen Errungenschaften und Werte prinzipiell in Frage stellt, bis hin zum unerhörten Tabubruch (Inzest, Kannibalismus, Begräbnisverweigerung).

Wenn von Philosophie überhaupt die Rede sein kann, dann lediglich in einem nicht-modernen Sinne. In der griechischen Antike verstand man unter Philosophie eine Art zu leben, keine akademisch oder gar professorale Lehre einer abstrakten Theorie und noch weniger Textauslegung. Der Philosoph war Lebenskünstler, er mußte noch nicht einmal „gebildet“ sein, er lebte stattdessen sein persönliches Glücksrezept, unablässig auf dem Wege der Selbstverwandlung und -vervollkommnung. Unabhängigkeit lautete das Zauberwort und Selbstgenügsamkeit (Autarkie).

Selbstgenügsamkeit wiederum kann auf zweierlei Weise, aktiv und passiv, angestrebt werden: Man kann ertüchtigend durch Verbesserung der eigenen Fähigkeiten unabhängiger werden, oder aber am Begehren selbst arbeiten, mit dem Ziel sich selbst zu genügen.

Schon Antisthenes, Diogenes’ Lehrer und vermutlicher Stammvater der kynischen Sekte, antwortete auf die Frage, welchen Gewinn ihm die Philosophie gebracht hätte: „Die Fähigkeit, mit mir selbst zu verkehren“ und Diogenes führt den Gedanken in seiner Beantwortung der Frage zur Konsequenz: „Wenn sonst auch nichts, so doch jedenfalls dies, auf jede Schicksalswendung gefaßt zu sein“.

Um die Schicksalüberlegenheit zu erlangen, bedarf es langjähriger und konsequenter Übung. Die Einsicht allein genügt nicht. Selbstbeherrschung will gelernt sein, sowohl was den Körper als auch den Geist betrifft. Diogenes’ asketische Exzesse – „Im Sommer pflegte er sich auf dem glühend heißen Sande umherzuwälzen, im Winter die schneebedeckten Bildsäulen mit seinen Armen zu umfangen“ – sind Befreiungsübungen, Arbeit an sich selbst, getragen von einer Sorge um sich, die man mit christlichen Askeseformen, Selbstkasteiungen, nicht verwechseln darf, fehlt ihnen doch sowohl das transzendente Element als auch der strafende Charakter.

Sich von den äußeren Dingen so weit als möglich unabhängig machen, verleiht innere Freiheit.

Wir sehen hier einen Menschen, der den direktesten Kontakt zu den Dingen sucht und jedes Dazwischen vermeiden möchte. Mitunter ging Diogenes, wie alle Grenzgänger, in diesen Selbstversuchen auch zu weit. „Sogar rohes Fleisch versuchte er zu genießen, doch konnte er’s nicht verdauen“. Man wird nicht übertreiben, darin einen Anti-Prometheischen Akt zu sehen. Prometheus brachte den Menschen das Feuer und mit ihm Fortschritt und Kultur: hier beginnt die Verwöhnungsgeschichte der Menschheit. Diogenes’ immanente Kulturkritik setzt an der historisch frühesten Stelle an; auch in diesem Sinne ist er radikal.

Kann man seine Begierden kontrollieren, ohne seine innere Freiheit dabei zu verlieren, so sollte man verzichten. Wo man aber den Bedürfnissen nicht problemlos Herr werden kann, dort muß man ihnen nachgeben, hier und jetzt. Das wird nirgendwo dringlicher als bei der Sexualität.

Dem Kyniker genügte die Erstbeste und wenn es sie beide überkam, so wohnte er ihr auch auf öffentlichem Platze bei. In der Liebe sah er eher eine Gefahr: Nirgendwo könne man sich leichter selbst verlieren als in diesem trügerischen Gefühl. Statt der Ehe empfahl er die „gütliche Überredung“ und trat für „Weibergemeinschaft“ ein, für die freie Liebe also, die auch frei von Liebe ist. Ledig heißt frei. Sollte sich aber gar keine Gelegenheit finden, so behalf er sich öffentlich mit Onanie. Vor allem diese Szene hat ihm viel Gegnerschaft eingebracht, dabei ging es Diogenes durchaus nicht darum, zu schockieren, auch wenn seine Mitbürger oft geschockt reagierten. „Er pflegte alles in voller Öffentlichkeit zu tun, sowohl was die Demeter (Essen und Trinken) betrifft, wie auch die Aphrodite (Sexualität)“.

Scham kannte er nicht, und wenn man sich schon schämte, dann doch für jene Dinge, für die man etwas kann: Charakterschwäche und  Tugendlosigkeit. Der Körper aber und seine primären Bedürfnisse stehen jenseits der Scham.

Daß ihm „jeder Ort recht zum Frühstück, zum Schlafen, zur Unterhaltung, kurz für alles“ war, trägt noch eine weitere Bedeutung in sich; Diogenes war im höheren Sinne heimatlos. „Gefragt nach seinem Heimatort, antwortete er: ‚Ich bin ein Weltbürger’“. Von ihm haben wir den Begriff des Kosmopoliten geerbt. Die dahinter stehende Idee hat sich freilich fundamental gewandelt. Kynischer Kosmopolitismus ist nicht zu verwechseln mit modernen Auffassungen, von Goethes Weltbürgertum bis zum Touristen und Globetrotter. Weder wollte Diogenes damit die nationalen Grenzen aufweichen noch einer sinnentleerten Reisefreiheit das Wort reden. Er dachte auch hier rein individualistisch. Will man dennoch eine politische Intention hinein interpretieren, dann die rein negative, daß die griechische Polisidee als Idee für ihn ohne Belang ist. Kosmopolitismus meint hier Apolitismus, was nicht ausschließt, daß Diogenes sich zu politischen Ereignissen äußert. Nur haben sie mit seinem Leben nichts zu tun.

Beim Protokyniker gibt es weder Akzeptanz noch Anpassung; er hat sich selbst genügt und selbst gesetzt; man hatte sich anzupassen. Seine Freiheit ist gerade nicht die Freiheit des Andersdenkenden, sondern die des Selbstdenkenden. In diesem Sinne ist Diogenes der Paradeaufklärer. Die Laternenlegende erhält so eine ganz unerwartete Wendung. Alles zerrt der Kyniker ans Licht. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird und ans Licht kommen soll. Diogenes macht sich zum archimedischen Punkt, von wo aus er die Welt aus den Angeln heben kann. Archimedes, dessen „Stör meine Kreise nicht“ die diogenische Sonne zu kopieren versucht, muß aus zweierlei Gründen seinen frechen Satz mit dem Leben bezahlen. Sein Widerpart hatte nicht die makedonische Statur, vor allem aber war sein Dasein, sein Inter-Esse nicht mehr ziellos, seine Sonne war das lebensbedrohliche Feuer der Erkenntnis. Der Kyniker dagegen will nichts mehr verwirklichen außer sich selbst.

Um die notwendige Distanz zur Welt und zu den anderen herzustellen, bediente er sich verschiedener Perspektivenwechsel. Aus der Vogelperspektive, dem Blick von oben, der höheren Warte, relativieren sich die Dinge. Großes und Wichtiges erscheint nun klein und unbedeutend. Von hier aus hat er den Überblick, sieht, wo die Menschen fehl gehen und kann deren Torheiten unvoreingenommen bewerten. Dabei wird der Überblick nicht als Dogma gelehrt. Man kann ihn auch zeitlich interpretieren, vom Ende her. Aus der Perspektive des Todes erscheinen die menschlichen Bestrebungen nach Macht, Ruhm, Anerkennung und Geld, nach allem, was man haben kann, absurd: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?

Aber auch die entgegengesetzte Perspektive ist möglich, die von unten und zwischen. Mit Vorliebe thematisiert Diogenes das Banale, Alltägliche, Vulgäre; hier erzielt er seine subversivste Wirkung, unterläuft er weitläufige Strategien. Daß man den Charakter der Erscheinungen durch die eigene Sichtweise ändern könne, ist die Grundüberzeugung aller antiken Schulen. Unrecht kann nur demjenigen geschehen, der es als Unrecht wahrnimmt. Wollte man den Kynismus – gegen den Strich gelesen – erkenntnistheoretisch einordnen, so müßte man ihn, wortwörtlich verstanden, als lebensphilosophischen Solipsismus kennzeichnen.

Der Tod des Philosophen stellt den ultimativen Prüfstein für die Wahrhaftigkeit einer Lehre dar. Philosophieren heißt sterben lernen, heißt sich darin zu üben, seine Leidenschaften, Sorgen, Wünsche und Hoffnungen ausklingen zu lassen. Einer philosophischen Überzeugung angehören, bedeutete konsequent in ihrem Sinne zu leben und zu sterben, so, wie es die großen antiken Sterbemeister – Empedokles, Sokrates, Diogenes und Seneca – vollbrachten. Der Tod galt ihnen als Vollendung eines Lebenskunstwerkes, als Sternstunde des philosophischen Daseins; an ihm ließ sich die Falsch- oder Echtheit einer Lehre nachvollziehen.

Alle postkynische Ethik ist zynisch, insofern sie immer nur beschreibt, was man tun müßte, aber schon ihr Verfasser tat es nicht mehr. Schelers zynisches Aperçu, daß der Wegweiser den Weg nicht gehen müsse, den er weist, wäre für Diogenes vollkommen unverständlich geblieben: er ging den Weg bis zum Ende.

Diogenes’ Tod kann als die Vollzugsmeldung eines geglückten Lebens gelesen werden. Der Legende nach soll er am selben Tag wie Alexander gestorben sein; hoch betagt, würdevoll und selbstgewiß der eine, jung, in der Fremde, ermattet und erkrankt der andere. „Er soll in einem Alter von ziemlich neunzig Jahren gestorben sein“. Wie, darüber streiten sich die Quellen, aber am überzeugendsten klingt wohl, „daß er an verhaltenem Atem gestorben sei“, womit er sich zum unübertroffenen Meister der Euthanasie machte. In seinem Sterben liegt der letzte und entscheidende Akt der Freiheit: der Frei-Tod, der kein Selbstmord ist.

Noch in der Krönung seines Lebenswerkes scheint die Geste des Ausstiegs durchzuscheinen und tatsächlich hat man immer wieder versucht, die Konfrontation mit dem Kyniker zu umgehen, indem man glauben machte, er selbst wollte ihr entkommen. Dabei stellt sich bei genauerer Betrachtung genau das Gegenteil heraus. Seine Grundbewegung ist nicht die des Rückzugs, nicht wie die christlichen Mönche, Anachoreten und Säulenheiligen. Die eremitische Existenz erleichtert sich ihr Vorhaben, indem sie sich erschwerten Bedingungen unterwirft. Freiheit auf kynisch heißt aber die Möglichkeit des permanenten Wählen-Könnens. Der Einsiedler, der Säulenheilige gar, trifft lediglich eine anfängliche prinzipielle Wahl, durch einen großartigen Freiheitsakt beraubt er sich dauernd der Freiheit. Diogenes dagegen lebt die permanente Revolution, sein Verzichten-Können muß sich im Alltäglichen bewähren, von den zivilisatorischen Verlockungen umgeben und ihnen immer wieder ausgesetzt.

Der Kyniker ist ein Einsteiger, seine Asozialität setzt die Gesellschaft voraus und sein Parasitismus den Wirt; nicht umsonst handelt es sich beim Kynismus um ein urbanes Phänomen.

Offensichtliche Menschenfeindlichkeit ist nur die eine Seite der Medaille, sein Selbstverständnis als Arzt, der die Kranken und Beladenen heilt, die andere. Die Menschen sind krank, weil sie im Gesamtfalschen schwimmen, sie leben mit verkehrten Wirklichkeitsbegriffen. Das Übermenschliche zu leisten, setzt Einfachheit, Wachsamkeit und Gelassenheit voraus, die sich der Kyniker in langen Übungen angeeignet hat. Einfachheit auch im Sinne einer programmatischen Primitivisierung, die sich zum einen als Animalisches – das direkte Befriedigen aller Bedürfnisse, die Schamlosigkeit und Nacktheit – äußert, zum anderen als Abkehr von den großen Themen.

Damit über- und unterbietet der Kyniker das philosophische Heilsversprechen; er kann es einerseits bezüglich der Größe der Gedanken nicht mit den Meisterdenkern aufnehmen, ist aber klüger und weiser als diese; er kann andererseits die fernen oder abstrakten Lösungen nicht anerkennen, ist aber radikaler als jene: Probleme löst er hier und jetzt.

Für philosophisch geschulte Ohren klingt das wenig aufregend und tatsächlich ist der Kynismus die einzige Philosophie, die auf Originalität verzichtet. Die kynischen Wahrheiten sind jedermanns Wahrheiten, nichts, was eine sensible Seele nicht selbst längst gedacht hätte, nichts, was man nicht begreifen könnte. Man staunt nicht über diese Wahrheiten wie über einen genialen oder verschraubten Gedanken, man staunt dabei eher über sein eigenes Vergessen, das Einfachste so lange übersehen zu haben.

Der Kynismus ist eigentlich keine Philosophie, er ist das Gegenteil davon: Philosophieren.

Man kann die Diogenesgeschichten als eine Phänomenologie der Uneigentlichkeit lesen: Macht, Ruhm, Geld, Besitz, Adel, Religion, das alles ist es nicht und Schönheit, Stärke, Wissen machen ebenso wenig glücklich. Weder im Konsum, der Kultur, der Kunst läßt sich der Sinn finden noch im Staat oder der Familie, ja noch nicht mal in Liebe und Sex und auch Arbeit macht nicht frei.

Freiheit ist die autarke Entscheidung zur Unabhängigkeit von all dem. Alles Äußere stört, der Schlüssel liegt innen; man kann Freiheit nicht haben, sie ist ein Seinszustand. Deshalb befreit sich der Kyniker von allem, was ihm anhängt – die Freiheit von – und konzentriert sich aufs Eigentliche, sein Selbst, um eine andere Freiheit zu gewinnen – die Freiheit zu. Auch methodisch nimmt er sich dazu alle erdenklichen Freizügigkeiten. Mal sieht man ihn darben, mal fressen, mal gibt’s Wasser und Brot und dann wieder Kuchen, hier ist er aggressiv wie ein Hund und dort zahm wie ein Kätzchen, benutzt er einerseits schärfste Logik um zu überzeugen, so kann es später der Knüppel sein; wenn’s ihm paßt, entsagt er, wenn’s aber zu schwer wird, onaniert er; mal lebt er mit Sklaven, mal als Sklave… wie’s eben kommt.

Diogenes war der erste Verfechter des „Wider den Methodenzwang“ – darin bestand seine Methode. Nur auf eines bestand er: die Redefreiheit – „Gefragt, was unter den Menschen das Schönste sei, antwortete er: ‚Das freie Wort.’“ – und das schloß auch die Freiheit ein, sich anders auszudrücken, denn wer etwas anderes zu sagen hat, der sollte es auch anders sagen, schließlich füllt ja auch niemand neuen Wein in alte Schläuche.

Man muß im Kynismus ein Verfallsphänomen sehen. Im Kontrast zu fast allen philosophischen Schulen hatte er seinen Höhepunkt zu Beginn, mit Diogenes, und alles, was danach kam, verflachte zusehends. Es gibt hier keinen Fortschritt. Trotzdem lebt der kynische Impuls fort, auch wenn die Dividualität des modernen Menschen einen klassischen Kynismus unmöglich macht. Nur noch Hinterweltler könnten Kyniker diogenischen Formats sein, aber auch das ist unmöglich, denn wozu Kyniker sein, wenn es keiner sieht? Trotzdem darf man sich auch heute noch mit Stolz als Kyniker bezeichnen, während es schon nach wenigen Jahrhunderten oder Jahrzehnten anrüchig klang, sich Hegelianer, Marxist oder auch nur Habermasianer zu titulieren. Die Halbwertszeit der antiken Lehren ist ob ihrer einfachen Lebensrelevanz wesentlich höher als die von Systemphilosophien.

Nur Nietzscheaner, das klingt auch heute noch. Nicht zuletzt, weil Nietzsche, der „6000 Fuß über dem Meere“, „6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit“ dachte, der Philosophie wieder zur „Fröhlichen Wissenschaft“ machte und gleichzeitig die „Umwertung aller Werte“ versprach, den kynischen Impuls wie kein anderer aufnahm. Allein in seiner Sprache, seinem aphoristischen Stil ist er unübersichtlich. „Ich denke an die erste Nacht des Diogenes: alle antike Philosophie war auf Simplicität des Lebens gerichtet und lehrte eine gewisse Bedürfnislosigkeit, das wichtigste Heilmittel gegen sociale Umsturzgedanken“, schrieb Nietzsche, für den groß kynisch war, in sein Tagebuch und setzte fort: „…und solange die Philosophen nicht den Muth gewinnen, eine ganz veränderte Lebensordnung zu suchen und durch ihr Beispiel aufzuzeigen, ist es nichts mit ihnen“. Sein Perspektivismus spielt ebenso ins kynische Terrain hinein wie die Grundidee des amor fati.

Von ihm stammt das urkynische Wort: „Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sclaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sclave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter“.

Literatur:
Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen.
Epiktet: Unterredungen und Handbüchlein der Moral.
Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit.
Hadot, Pierre: Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie.
Niehues-Pröbsting, Heinrich: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus.
Nietzsche, Friedrich: Kritische Studienausgabe
Onfray, Michel: Der Philosoph als Hund. Vom Ursprung des subversiven Denkens bei den Kynikern.
Seneca: Philosophische Schriften.
Seidel, Jörg: Ondologie Fanomenologie Kynethik.
Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft.
Weber, Carl Wilhelm: Diogenes. Die Botschaft aus der Tonne.

 

Europäische Szenen

Sage noch einer, Europa funktioniere nicht oder Schengen sei gescheitert. Es genügt eine einzige Autofahrt nach Ungarn, um diese Verleumder zu überführen.

Weiterlesen

Das blanke Daß

Große Querfront bei allen bekannten Print- und Internetmedien, von linkspopulistisch und linkspropagandistisch bis links, von „Huffington Post“ über „Süddeutsche“ bis „Spiegel“ und „Welt“, von Schrott bis „Qualität“, von „Bild“ bis „FAZ“ stimmen alle in den Kanon ein, sind alle einer Meinung: Anne Will hat versagt. Diesmal pflichten sogar die rechten und alternativen Medien, wie „Tichys Einblick“ oder die „Junge Freiheit“ bei und blasen ins gleiche Horn. Da muß was faul sein!

Weiterlesen

Dylan

Man sollte die Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat! Aber Bob Dylan für den Nobelpreis? In Literatur? Da fällt schweigen schwer, auch wenn ich Dylan weder kenne noch mag und auch wenn, aufgrund zu vieler Täuschungen, ich es längst aufgegeben habe, die moderne Literatur zu verfolgen.

Weiterlesen

Ratzinger – Prophet oder Brandstifter?

Die Islamisierungsversuche im Westen sind nicht wegzureden. Und die damit verbundene Gefahr für die Identität Europas darf nicht aus falsch verstandener Rücksicht ignoriert werden. Die katholische Seite sieht das sehr klar und sagt es auch. Gerade die Regensburger Rede sollte einer bestimmten Blauäugigkeit entgegenwirken. (Georg Gänswein, Privatsekretär Benedikts XVI.)

Heute vor 10 Jahren hielt Papst Benedikt XVI. eine denkwürdige akademische Rede an der Uni Regensburg, die von kaum jemandem bemerkt worden wäre, wenn nicht wenige Tage später – die angsterregenden Erinnerungen an die tollwütigen Szenen nach der sogenannten Mohammed-Krise waren noch ganz frisch – erneut Teile der islamischen Welt am Aufruhr fast erstickt wären. Alles lief nach bereits eingefahrenen Ritualen ab: Massen strömten auf die Straßen, verlangten den Tod des Papstes und aller Christen, wollten am liebsten gleich das Abendland erobern, Fahnen brannten, Papst-Strohpuppen, Fatwas wurden ausgesprochen, Christen am falschen Ort zur falschen Zeit gelyncht … Die „Rushdie-Affäre“ galt als blueprint, seither wird das Programm nach Bedarf abgespult.

Auslöser war ein einziger Satz:

„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Weiterlesen

Burkini für alle!

Ein besonders infames Possenstück auf dem Narrenschiff der vereinigten Journaille liefert der linkspopulistische „Focus“. Die wenigen Zeilen, unter dem Titel „Burkini-Debatte: Hautkrebs-Spezialisten loben das Kleidungsstück“ (Lektüre empfohlen) könnte man ruhigen Gewissens als einen panischen Einbruch von Idiotie oder als einen schlechten Scherz abtun, doch bei genauerer Hinsicht kann er uns tatsächlich etwas lehren, wenn man zwischen den berühmten Zeilen zu lesen sich bemüht.

Bei der linkstörichten „Huffington Post“ auch als Filmchen

Die plumpe Botschaft geht in aller Kürze so: Hautkrebs wird durch Sonnenbestrahlung mitverursacht, also schütze man seine Haut, gut geeignet sei dafür der Burkini. Er lebe hoch!

Weiterlesen

Der Araber von morgen …

… ist der Titel eines Comic-Doppelbandes, der gerade in ganz Europa Furore macht. Darin beschreibt Riad Sattouf, ein syrisch-französischer Karikaturist, sensibel und hintergründig seine Kindheit in Libyen, Frankreich, vor allem aber in Syrien. Es ist ihm ein selten eindrücklicher Einblick in eine einst ferne und nun sehr nahe Welt gelungen, die kennenzulernen den meisten unter uns wohl nicht erspart bleibt. An ihrer Authentizität ist nicht zu zweifeln.

zum Glück kein Jude © Riad Sattouf/Knaus Verlag

zum Glück kein Jude © Riad Sattouf/Knaus Verlag

Auf schier magische Weise gelingt es dem Künstler, sich den Blick des kleinen Kindes zu bewahren. Es sieht oft das Nebensächliche, Kleine, Individuelle und (miß)interpretiert es in den ihm zur Verfügung stehenden Kategorien, aber gerade dadurch wird das Allgemeine unverhofft sichtbar. Was Sattouf, dem man die Liebe zu seiner Heimat durchaus anmerkt, leisten will, ist wohl dieses: dem Westen jene Menschen vorzustellen, mit denen dieser jetzt konfrontiert ist. Das läßt sich selbstredend nicht unmittelbar ins Subjektive übersetzen, doch zeigt er eine Erziehung auf, die zwangsläufig Menschen formt. Seine extraordinäre Position – halb Franzose und zudem strohblond gewesen zu sein – ermöglicht ihm einen paradox distanzierten Nahblick. (Aus meinen eigenen Begegnungen mit vielen Syrern und deren Geschichte(n) bestätigt und erklärt sich vieles, manches relativiert sich auch.)

Sattoufs Vater, ein in Frankreich zum Doktor studierter Syrer, nimmt Frau und Kind mit in die Heimat. Er ist die dominierende Figur. Die Mutter existiert und leidet nur im Hintergrund, muß sich der patriarchalen Kultur vollkommen unterwerfen. Gegensätzlicher kann man sich einen Vater nicht vorstellen. Sobald er arabischen Boden betritt, wird er eine andere Person. Gerade eben noch ein säkularer Mensch, verfällt er nun in die rituellen religiösen und patriarchalen Rituale. Alles wird zur Fassade. Rationalisierung und Selbstbetrug sind konstitutionelle Eigenschaften, ohne die man in einer wertumgewandten Welt nicht zurecht kommen kann. Einerseits sinkt er der eigenen Mutter wie ein kleines Kind in den Schoß und küßt ihr die Füße, andererseits überläßt er alle Erziehungsarbeit der eigenen Frau, wird plötzlich aber zum Angsthasen, wenn dieser einmal der Geduldsfaden reißt.

Bei seinen arabischen Verwandten beobachtet das Kind eine tief eingeprägte Bigotterie. Vorsichtig wird die Welt nach Gefahren permanent abgescannt, man beäugt sich und reagiert je nach Status. Die Großmutter etwa bekommt diesen starren Blick nach innen, sobald sie sich beobachtet fühlt – jener Blick, den streng islamisch sozialisierte fast Frauen alle eingeübt haben.

Es ist, in Stichworten, eine Welt der geistigen Enge, der Autorität und Autoritätsgläubigkeit, des Scheins und des Erscheinen-Wollens, der permanenten Gewalt und Brutalität den Menschen, Kindern und Tieren gegenüber, eine Männer- und Väterwelt, frauenverachtend, fest strukturiert, voller Intrigen, Vetternwirtschaft, Korruption, unübertretbarer Regeln und Hierarchien, eine Welt der Angst, der Verstellung und der Lüge, in der man ununterbrochen kämpfen muß und in der jeder Moment der Unaufmerksamkeit grausam bestraft werden kann. In ihr spielt die „Ehre“ der Familie eine überbordende Rolle – bis hin zum Ehrenmord. Schläge sind das täglich Brot, sei es in der Schule, unter den Kameraden oder seien es die verbalen Nackenschläge, die jeden erwarten, der einen Moment der Schwäche zeigt. Es gibt einen Waffenkult und der krudeste Antisemitismus ist allgegenwärtig. Der kleine Sattouf leidet ob seiner hellen Haare selbst unter der antijüdischen Verfolgung. Letztlich ist es eine Welt der Dummheit und des Aberglaubens, zu dem ein Volksislam unter politischer Repression verkommen ist. Hitzige Temperamente wechseln in Sekundenbruchteilen von sadistischen Machtspielen und hündischer Unterwürfigkeit, wenn es die Situation verlangt. Man kriecht und buckelt einerseits, tritt und verleumdet andererseits. …

Eine Kindheit in der Hölle? So könnte man meinen. Aber Sattouf ist nicht so eindimensional. Er selbst ist in seiner liebevollen Art ein Beispiel dafür, daß Erziehung viele Resultate zeitigen kann. Aber er warnt uns auch vor einer Generation an Einwanderern, die Resultat solcher edukativen Prozesse sein könnten. Oft sprechen die subtilen Bilder, denen man sich lange hingeben kann, eine deutlichere Sprache als das geschriebene Wort.

In der deutschen Presse wurden die beiden Bände euphorisch besprochen – doch kein Rezensent hat es gewagt, die offensichtlichen Schlüsse zu ziehen. Stattdessen ist man sich einig, Sattoufs Meisterwerk würde dazu beitragen, die „syrische Krise“ besser verstehen zu können und es bestätige den soziologischen Ansatz, daß Armut, Schmutz und Dreck gesellschaftliche Strukturen verfestige. Das stimmt – doch leuchtet dieses überraschende Werk weit tiefer: es erhellt die arabische Seele, den Araber von morgen, der nun auch der Araber – unter uns – von heute ist.

Lesen!

© Sattouf/Knaus

© Sattouf/Knaus

Just another poem

DIE TOTE STADT

Die weite bucht erfüllt der neue hafen
Der alles glück des landes saugt · ein mond
Von glitzernden und rauhen häuserwänden·
Endlosen strassen drin mit gleicher gier
Die menge tages feilscht und abends tollt.
Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt
Am felsen droben die mit schwarzen mauern
Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

Die stille veste lebt und träumt und sieht
Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·
Das schweigen ihre weihebilder schüzt
Und auf den grasigen gassen ihren wohnern
Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.
Sie spürt kein leid · sie weiss der tag bricht an:
Da schleppt sich aus den üppigen palästen
Den berg hinan von flehenden ein zug:

„Uns mäht ein ödes weh und wir verderben
Wenn ihr nicht helft – im überflusse siech.
Vergönnt uns reinen odem eurer höhe
Und klaren quell! wir finden rast in hof
Und stall und jeder höhlung eines tors.
Hier schätze wie ihr nie sie saht – die steine
Wie fracht von hundert schiffen kostbar · spange
Und reif vom werte ganzer länderbreiten!“

Doch strenge antwort kommt: „Hier frommt kein kauf.
Das gut was euch vor allem galt ist schutt.
Nur sieben sind gerettet die einst kamen
Und denen unsre kinder zugelächelt.
Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.
Geht mit dem falschen prunk der unsren knaben
Zum ekel wird! Seht wie ihr nackter fuss
Ihn übers riff hinab zum meere stösst.“

Stefan George (Der siebente Ring, 1907)

Die tote Stadt