Tellkamps Gesinnungskorridor

There is no such thing as a moral or an immoral book. Books are well written, or badly written. That is all. (Oscar Wilde)

Mindestens drei Mal wurde in der Presse der Versuch unternommen, Uwe Tellkamps „deutschnationales Pathos“ (Dotzauer), seinen „mentalen Aufbaustoff“ für Neurechte (Assheuer), seine „heftige Abstoßung“ (Kämmerlings), sprich seine „rechte Verirrung“ im Gespräch mit Durs Grünbein aus seiner Werkgeschichte zu erklären. Dabei geriet sein früher Erfolgsroman „Der Eisvogel“ (2005) besonders ins Visier, der sich nun, dreizehn Jahre später, scheinbar neu deuten lassen soll. All sein rechtes Gedankengut sei dort schon, mehr oder weniger versteckt, angelegt gewesen.

Assheuer: Die große Depression

Dotzauer: Rückblick auf Uwe Tellkamps „Der Eisvogel“ Traum von der konservativen Revolution

Kämmerlings: Das ist der Schlüssel zu Uwe Tellkamps Weltbild

Nun, ich hatte das Buch seinerzeit ebenfalls gelesen und sogar (begeistert) besprochen, aber als „rechtes“ Buch war es mir nicht in Erinnerung geblieben, sondern nur als sehr gutes. Also muß man es noch einmal lesen …

Uwe Tellkamp: Der Eisvogel. Rowohlt. Berlin 2005. 318 Seiten

Die Kritiker sind unschwer dem linken Flügel der linken Presse zuzuordnen. Assheuer (mehr über ihn hier) ist sogar das, was Tellkamp in seinem Roman einen „Habermas-Klon“ und „Adorniten“ nennt, und schon mehrfach als persönliches Sprachrohr des Fürsten des „Kommunikativen Handelns“ auffällig geworden. Er macht auch diesmal nicht viel Federlesens und steigt mit der gewagten Denkfigur ein: „Folgt man Tellkamps neurechten Fans, dann kann man sich die Mühe sparen, zwischen Autor und Werk zu unterscheiden – Tellkamp ist ‚ihr Mann‘ und seine Romane liefern ihnen die mentalen Aufbaustoffe.“

Der Mann ist also erledigt! Dabei ist es Assheuer selbst, der die Unterscheidung zwischen Werk und Person aufhebt – wie übrigens Dotzauer auch – indem unmittelbar von Figurenaussagen auf Autorintention geschlossen wird. Umberto Eco hatte irgendwo vom Fiktionsvertrag gesprochen, den der Leser mit dem Autor eines Romans zu schließen habe, wenn das Verhältnis sinnvoll sein soll, doch hier wird er von vornherein gebrochen. Das ist ein bewährtes Mittel linker „Kritik“ – die Blaupause dafür lieferte Habermas‘ Heidegger-Kritik im Jahre 1953. Seither ist der Geist der Denunziation aus der Flasche und das Denken der „Schuld“ untergeordnet worden.

Und natürlich darf in diesem Arsenal das ultimative Totschlagargument nicht fehlen: ANTISEMITISMUS! Der Welthaß des Helden, so schreibt Assheuer, rühre von seinem jüdischen Professor, der ihn „nicht deutsch denken und deutsch fühlen lasse.“

Auch Gregor Dotzauer, der sich immerhin auf eine warnende Besprechung von 2005 berufen kann, sieht im „Eisvogel“ einen „Vorgeschmack auf das, was vergangene Woche im Dresdner Streitgespräch mit Durs Grünbein an deutschnationalem Pathos aus Tellkamp herausbrach.“ Zwar warnt auch er – und wendet damit den gleichen Trick wie Assheuer an – davor, „die antidemokratischen und antiliberalen Haßreden“ – darunter macht er’s nicht –, „die durch das Buch schwirren“, nicht direkt dem Autor anzuheften, aber – und jetzt kommt der Trick – fremd seien sie ihm auch nicht gewesen … also gehören sie doch zu ihm.

Schon 2005 orakelte Dotzauer: „Wo dieses Buch herkommt, da war lange keiner mehr, und dort wo es hin will, wird es einsam bleiben.“ Wir wissen alle, welchen Ort er meint und daß es nun „dort“ nicht mehr einsam ist, das ist es, was die Nazi-Schnüffler, die an jeder Ecke einen solchen vermuten, beunruhigt. Im „Eisvogel“ detektiert Dotzauer „das erste ernst zu nehmende rechte Buch der jüngeren deutschen Literatur“ und er endet mit einem paradigmatisch-infernalen Satz: „Das läuft hinaus auf schiere Restauration“, der nur noch von Assheuers finaler (und ästhetisch unmöglicher) denkfauler Platitude übertroffen werden kann: „Der Schoß ist fruchtbar noch.“

In diesem Raum also bewegen wir uns, hinter Stacheldraht und in der Nähe von Verbrennungsöfen, wenn linke Literaturkritiker echte Literatur lesen, die nicht die demokratische Floskelkultur fortsetzt.

Schaut man sich das Buch mit eigenen Augen an, dann sieht die Welt ganz anders aus. Tellkamp präsentiert einen überaus clever komponierten und gedankenvollen Roman über einen am modernen Leben scheiternden Philosophen, der das „Risiko primären Philosophierens“ eingeht, dessen ennui ihn in die Arme einer scheinbar terroristischen Organisation treibt, die linke Kritiker für rechts halten. Rechts heißt bei ihnen aber „faschistisch“, „nazistisch“ und nicht etwa „konservativ“.

Freilich, wenn Kritik an den „superintellektuellen Dekonstruktivismus-Seminaren“, den „Habermas-Klonen“, an einem sinnentleerten Leben des Amüsements und des Konsums, der Entwertung von Studium und Universität, der „demokratischen Illusionen“, dem Verlust der eigenen Geschichte und Sprache[1], der Förderung der Mittelmäßigkeit, der Entkernung der Politik, wo „Leute an der Macht sind, die nicht an die Macht gehören“, an den „Gutmenschen“ (sic!), an der medialen Verblödung, der Demokratie als Mediokratie, am Parteieneinheitsbrei, an der Verwischung der Werte („Unflat ist Unflat, Mozart ist Mozart“), der Beliebigkeit, dem Verlust der Verläßlichkeit und der Tugenden, das Gefühl, sich in dieser Gesellschaft nicht wohl zu fühlen … wenn all das genuin „rechts“ ist, dann ist das Buch eben „rechts“, aber dann besagt dieser Begriff auch nichts mehr.

Mir scheint, Tellkamp leistet damit nur das, was Literatur, die es wert ist, als solche bezeichnet zu werden, leisten muß!

Ja, Mauritz, neben Wiggo die zweite Hauptfigur des Romans, beschließt die Tat, sprich, er gründet eine terroristische Vereinigung.

Man muß aber schon ein böswilliger Leser sein, wenn man diese Truppe als rein „rechts“ verorten und ihren offenbar lächerlichen und überzeichneten Charakter übersehen will. Das Buch strotzt vor Witz und auch wenn die zwanghafte „ironische Brechung“ der zeitgenössischen Literatur als Übel angeprangert wird, so enthält es doch starke ironische Momente, nicht zuletzt gerade dort, wo die Kritiker Faschismus und Antisemitismus wittern.

Wer die Tragikomik nicht sieht, als Wiggo sich im Schrank seines jüdischen Professors versteckt, mit einer Clownsmaske verkleidet, in ein Flanellhemd urinieren muß oder wie er entdeckt, daß dieser linke Mann, der die Auschwitz-Nummer noch am Arm trägt,  heimlich Heidegger liest, wer das Urkomische der Streitszene mit diesem Professor nicht begreift, in dem man sich einen Wettbewerb liefert, wer den längsten hat – den längsten Pfeifenstiel –, wer vor allem das alberne Scheitern der „Terrororganisation“, übersieht, der muß schon ein sehr gehässiger oder mißtrauischer Leser sein – die nötige Intelligenz vorausgesetzt.

Nein, was Tellkamp hier gelungen ist, ist eine großartige und umfassende Gesellschaftsanalyse, ein aufrüttelndes Spiegelbild, in verschiedene Szenen hineinleuchtend, das zahlreiche Mißgestalten des modernen Lebens präsentiert. Sein Philosoph leidet existentiell[2] und seine Wut ist eine individualistisch-existentielle, die sich aus dem ganzen Spektrum dieses Seins – von der Erziehung bis zur Metaphysik – absolut schlüssig erklärt.

Tatsächlich sagt Mauritz Sätze wie diese: „Und jemand, der etwas verändern will, sollte sich von demokratischen Illusionen lösen.“ Oder: „Ich spreche von radikaler Umwälzung und von der Beseitigung der Demokratie …“, aber hier eine Linie zur „Neuen Rechten“ zu ziehen, ist fast schon denunziatorisch und sachlich falsch und übersieht zudem, daß die Figur des Mauritz als ein Wahnsinniger und Größenwahnsinniger gezeichnet ist und vor allem nur eine literarische Figur ist.

Letztlich bestätigen diese verdachtsapriorischen Wühlarbeiten in alten Texten, die man gemeinhin nur an Klassikern unternimmt, was Tellkamp in Dresden behauptete: seine Meinung ist geduldet, aber nicht erwünscht, zumindest nicht in den Feuilletons der großen Zeitschriften.

Sie stellen zudem ein gefährliches Spiel dar. Nicht nur, weil sie die Grundannahme der Kunst und Literatur brechen, ohne die literarische Texte unmöglich wären – die Trennung von Autor und Text –, sondern weil sie von einer gesinnungsbestimmten Vorannahme nach Beweisen suchen und dann natürlich auch finden. Ebenso könnte man sich Habermas‘ Zeit in der Hitlerjugend vornehmen und deren Spuren in den philosophischen Arbeiten suchen – und finden. Die Offenheit des Kunstwerkes und das „Offene Kunstwerk“ (Eco) ist mit dieser Methode von vornherein unmöglich, mithin Kunst als solche.

Aber es gilt auch: When critics disagree, the artist is in accord with himself. (Oscar Wilde)

[1] „ … sie wollen kein schönes Deutsch mehr, ja kein Humanismus, denn der ist tiefdeutsch, wir aber wollen global denken, was soll das eigentlich heißen, diese Worthülse, diese Sprach-Spreu, Herkunft ist überall, nur die Deutschen wollen sie leugnen, kein auch nur einigermaßen gebildeter Franzose würde es sich verbieten lassen, seine Sprache zu gebrauchen und sie zu pflegen …“ (114)
[2] „… wenn ich etwas gelernt habe in meinem Leben, so ist es dies: daß der einzig wirklich wirksame Antrieb des menschlichen Handelns der Zwang ist, der existentielle Zwang, sich zu verändern oder zugrunde zu gehen.“ (169)

2 Gedanken zu “Tellkamps Gesinnungskorridor

  1. Till Schneider schreibt:

    Ich bin mal wieder dankbar, daß ich die Nachtret-Rezensionen (Nachtretzensionen?) der drei linksdrehenden Großkritiker so kundig und fesselnd zusammengefaßt bekomme. Zumal diese Präsentationsart, um gleich aufs passende Gleis einzuschwenken, einen beträchtlichen Mehrwert produziert, der den Vorlagen mit Sicherheit abgeht.

    Und ich freue mich, daß ich die Vorlagen nicht mehr unbedingt selber lesen muss, aber immer noch kann. Die Kämmerlings-Überschrift ist ja geradezu unwiderstehlich … also, wer sich derart weit aus dem Fenster lehnt zu posaunen: „Das [sic!] ist [sic!] der [sic!] Schlüssel [sic!] zu Uwe Tellkamps Weltbild [sic!]“, und zwar völlig ironiefrei, wie man wohl annehmen darf, der muß begriffen haben, daß er keine Gefahr läuft, von denjenigen Leuten ausgelacht zu werden, auf die es ihm allein ankommt. Halt, logischer Fehler: Dieses Begriffenhaben würde ja voraussetzen, daß er ein Ausgelachtwerden für möglich hält, aber dazu müßte er über Eigenbeurteilungs-Kriterien verfügen, über die Herr K. ganz gewiß nicht verfügt. Das Problem liegt also mindestens eine Ebene tiefer, wie so oft. Es ist einfach nur tragisch, das Ganze.

    Was ich bestimmt lesen werde, ist Tellkamps „Eisvogel“, den kenne ich noch nicht. „Der Turm“ hat mich damals zu wenig zufriedengestellt, als daß ich zu weiteren Tellkamp-Werken gegriffen hätte, aber jetzt habe ich größte Lust bekommen (danke für die eindringliche Beschreibung des Inhalts). Auch Tellkamps Ausdrücke „Adorniten“ und vor allem „Habermas-Klon“ sind köstlich, wobei ich den „Fürsten des Kommunikativen Handelns“ nicht weniger köstlich finde. Den Text über Habermas‘ autoritäre Persönlichkeit habe ich gleich nochmal gelesen. Dachte dabei, das Psychologische ist genau die richtige Ebene für Habermas, und es würde sich vielleicht lohnen, noch tiefer und genauer einzusteigen. (Eine richtig professionell ausgearbeitete Psychopathologie von Simone de Beauvoir würde ich gerne mal lesen! Gibt’s so was?)

    Jedenfalls hat mich die Habermaserei wieder so gepackt, daß ich in sonntäglicher Muße ein Gedicht (!) über ihn verfaßt habe. Na ja, ein Spaßgedicht, aber Spaß muß sein, und deshalb tue ich’s jetzt sogar hier rein:

    Auch das Habermas ist einmal voll.

    Habermas, die rote Ratte,
    als sie noch zu kämpfen hatte,
    war nicht allzu apodiktisch
    und noch philo, äh, sophiktisch.

    Später aber, als die Masse
    hatt‘ erklärt zur Extraklasse
    diesen herrschaftsfreien Stinker,
    war er nurmehr noch – ein Linker.

    Sabberte gar utopistisch,
    schlabberte gar futuristisch,
    grunzte grimmig sozialistisch,
    legte stets auf den Gebißtisch

    Marxens „Kapital“ zum Troste,
    das er nächtens zärtlich koste,
    um des Morgens reichlich roten
    Schund zu haben für die Pfoten.

    Diese flogen dann wie rasend
    und ’s Gelände linksvergasend
    über seines Heftes Blätter,
    uns zur Qual und Last. Ach! Hätt‘ er

    sie doch lieber ruhen lassen!
    Sintemalen er mehr Tassen
    hätte heute noch im Stübchen!
    Aber nein: ER musst‘ sein Rübchen

    reiben, bis die roten Späne
    flogen – ja, bis er Migräne,
    Traumata und Linkspsychosen
    durch dasselbe spürte tosen!

    Und was hat er jetzt davon?
    Sieht er längst Gespenster schon?
    Kann er a n d e r e s noch seh’n?
    Ist am End‘ er – schizophren?

    Darauf woll’n wir einen lassen!
    Weil wir rote Ratten hassen?
    Nein, ’s ist purer R e a l i s m u s ,
    also jener schöne Ismus,

    den der Philosoph vergessen,
    seit vom Linkssein er besessen.
    Nur aus diesem kühlen Grunde
    tun wir solche bitt’re Kunde!

    Habermas – so woll’n wir enden –
    kann sein Schicksal nicht mehr wenden.
    Dieser Geist ist linkszerfressen.
    Diesen Geist kann man vergessen.

    Mög‘ er seine letzten Stunden
    friedlich vegetier’n in Runden
    von verpeilten Gleichgesinnten.
    Könnt‘ die H a b e r m a s i gründen.

    † In dextro requiescat. †

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    • Wenn ich Ihr forsches Gedicht und Ihre Zeilen so lese, dann setzt bei mir ein Bremsreflex ein. Langsam, langsam, möchte ich zurufen! Auf jeden Fall wäre es die Mühe wert, sich noch einmal den Habermas genau anzuschauen. Man könnte nicht nur versuchen nachzuweisen, wie sehr sein Denken in den politischen Mainstream eingeflossen ist und das akademische Denken bestimmt, sondern auch einige interessante Widersprüche aufzeigen. So gibt es etwa seltsame Parallelen zwischen dem frühen Habermas, der die „Protestbewegung und Hochschulreform“ geistig legitimierte und heutigen Widerstandformen von der IB bis Kandel. Beide müßten sich habermasianisch rechtfertigen lassen.

      Natürlich müßte auch der „Verfassungspatriotismus“ noch einmal rekapituliert und abgeklopft und der Begriff der Nation nachverfolgt werden …

      Hatte ich zu Beginn letzten Jahres schon mal begonnen, hat sich dann jedoch als zu groß ausgewiesen und kostet, wie der Popper zu viel Zeit für dieses Format. Äußert sich bei mir in Bücherstapeln, die irgendwann so sehr zum Interieur gehören, daß man sie nicht mehr wahrnimmt.

      Das Psychologische ist eine Facette und eine eher nebensächliche. Es gibt offensichtlich Charakterdefizite, die auch werkprägend wurden. Trotzdem würde ich für Vorsicht plädieren (auch H hat Anspruch auf Trennung Werk/Person), besonders im Umgang mit „Pathologie“. Mir ist nichts bekannt, bezüglich SdB – aber das kann auch daran liegen, daß sie nicht pathologisch zu erschließen ist. Die Differenz zwischen dem heutigen Feminismus und „Das andere Geschlecht“ ist riesig, ähnlich der zwischen klassischem Marxismus und Stalinismus – zwar im Kern enthalten, aber nie intendiert.

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