Konservatismus und Differenz

Für H.

Ein weiteres Faszinosum an Karl Heinz Bohrers außergewöhnlicher Autobiographie sind die Entwicklungslinien, die Bohrer, gekonnt versteckt, einbaut. Etwa die seiner politischen Einstellung.

In jungen Jahren scheinbar eher „unpolitisch“ – im Sinne Thomas Manns –, das Zeitgeschehen eher mit abneigenden Empfindungen und ästhetischen Betrachtungen wahrnehmend, scheint zuerst die sogenannte Wende, dann seine Auslandserfahrungen mit dem Fremden und schließlich die Migrationspolitik und die offizielle Stellung zum Islam eine deutliche Politisierung Bohrers zur Folge gehabt zu haben.

Dabei reagierte er seit je sensibel auf ideologisch verbrämte Entscheidungen. Bohrer war wohl weder links – er schleicht viele Jahre um die Auseinandersetzung mit Marx herum, eine instinktive Aversion fühlend – noch rechts – zur bekennenden Rechten zu gehören, war ihm ein Graus und ein Brief Carl Schmitts belastete sogar sein Gewissen. Trotzdem reagierte er auch in frühen Jahren schon sehr sensibel auf Politische Korrektheit, war „angewidert“, wenn Aussagen entschärft wurden (242), wenn seine fachliche Kompetenz aus „sozialgeschichtlicher Ecke“ angezweifelt (251), wenn linke Hegemonie an den Universitäten unflätig wurde, um etwa personelle Mehrheiten in den Fakultäten herzustellen (253), wenn die „Präsenz einer sozialhistorisch orientierten Literaturwissenschaft“ – man muß bei Bohrer immer durch diese Codes hindurchlesen – zu aufdringlich wurde (256) oder wenn er sich an den aufkommenden Freundlichkeiten und „Harmlosigkeiten“ im Wissenschaftsbetrieb rieb (269).

Sein besonderes Interesse für Preußen etwa, sein „Preußentick“, die Erkenntnis, „daß es sich hier um einen Typus gehandelt hatte, dessen Mut und Stolz es in der gegenwärtigen Generation nicht mehr gab“ (321), oder seine Abneigung gegen das Konstrukt des „Verfassungspatriotismus“  (die ich an anderer Stelle thematisiert habe), also die Einsicht, „daß die historische Nation nicht allein durch eine Verfassungsutopie, wie sie der Philosoph (d.i. Habermas) schon vor Jahren entworfen hatte, ersetzt werden könne“ (317), auch seine Aversion gegenüber dem utopischen Denken, dem „Glaube an die reine Idee“ (315) bis hin zur Konstatierung der Geschichtsrelativierung in der Geschichtswissenschaft, die die Bombardierung deutscher Städte durch die Alliierten zu übersehen tendierte, all das, zusammen mit einem lebenslangen Interesse an der Literatur der Neuen Rechten (357) inklusive der polemischen Frage, „wieso nicht die aufgeklärten Schriftsteller die Erfinder einer neuen Sprache waren, sondern die reaktionären, Ezra Pound, T.S. Eliot, Gottfried Benn und Gabriele D’Annunzio“, (359) prädestinierte Bohrer, sich früher oder später seinen Konservatismus selbst einzugestehen.

Je weiter die Jahre voranschreiten, umso stärker wird sein Ekel vor der zunehmend sich durchsetzenden Gesinnungspolizei, die meist gar nicht persönlich habhaft zu machen ist, die viel mehr als böser Geist in den Räumen schwebt, sich als Gutes gibt, als moralisch Überlegenes. Etwa: „Die Stereotype der pazifistischen Rhetorik – waren sie nicht eine Variante der Begriffsklauberei in den Geisteswissenschaften, die mich seit so langer Zeit derart abstieß?“ (329)

Auch in den Medien bemerkt er bereits zu Anfang der 90er Jahre „ein provinzielles Element“, „ein Winken mit dem Politischen als Moral. Ein Mangel an individualistisch-origineller Sichtweise, ganz zu schweigen von überraschender Darstellung der Dinge. Stattdessen führt ein pädagogisch-demokratisierender sprachlicher Auftrag das Wort.“ (330)

Bohrer agierte im Auge des journalistischen Zyklons und konnte von dort aus frühzeitig beobachten, was heute jeder weiß, der es wissen will: „Verändert … hatte sich der Tonfall der verschiedenen Zeitungen. Sie hatten sich seit den Neunzigerjahren einander angenähert. Die markanten Grenzlinien in Stil und politischer Tendenz … waren verwischt bis verschwunden.“ Journalisten konnten nun „mühelos hin und her wechseln“, ohne daß es jemandem aufgefallen wäre. „Die Frankfurter Allgemeine war nicht mehr so konservativ“, die „Zeit bekam durch ihren Herausgeber Joffe einen pragmatisch-machtpolitischen Zug … Dieser Angleichung der politisch-ideologischen Temperamente in der Publizistik haftete etwas Fades an, sodaß die fachlich kompetente Kritik, also die Kunst-, Musik- und Literaturkritik, diese Leere ausgleichen mußte.“ (448f.)

Aber auch im künstlerischen Bereich sprach vieles dafür, „daß sich künstlerische Ausdrucksformen nach der Wiedervereinigung nicht aufklärten, sondern eher verharmlosten.“ (331) Gerade der Niedergang der Künste beunruhigt ihn immer wieder: der Verlust.

Nach den Ereignissen von 9/11 beginnt Bohrer auch das Islam-Problem wahrzunehmen. Er kritisiert „eine sentimentale Stilisierung der arabisch-muslimischen Religion und Zivilisation, die geradezu kitschige Ausmaße annahm“ und stellt im Zuge einer romantisierenden Verklärung nüchtern fest: „Die theologischen Unzulänglichkeiten des Korans im Vergleich zu den christlichen Texten, die ausgebliebene Aufklärung fundamentalistischer Motive, die dramatische historische, intellektuelle und politische Verspätung der arabischen und muslimischen Völker, dies alles wurde in sein Gegenteil verkehrt.“ (446).

Darin sieht er eine Ersatzhandlung der Linken, der die „eschatologische Tat“ abhanden gekommen war und diese nun im Nahen Osten suchte: „Ja, man konnte sehen, wie die irgendwie verstummte Linke zwar nicht erneut eine theoretische Stimme fand, dafür aber einen moralischen Ausdruck, und wie sie darüber unendlich glücklich war … Selbst spät in der westlichen Zivilisation angekommen, identifizierte man sich nun mit einer noch mehr verspäteten Zivilisation, da es ja ohnehin und eventuell sogar gemeinsam gegen den Kapitalismus ging.“ (446)

Freilich wird der Ton ob des „anschwellenden Gesangs der politischen Korrektheit im eigenen Land“ oder der „Lobhudeleien über die arabische Kultur“ (482) zunehmend resignativ. „Ich spürte zwar den Reiz, die buchstäbliche Leere theologischer Reflexion im Koran einmal mehr besonders vorzuführen, diese ewigen Wiederholungen von poetischen Bildern zur Größe Gottes. Auch über die gebetsmühlenartige Beteuerung, der Terror habe nicht viel mit dem Islam zu tun, wäre zu schreiben gewesen. Nicht um das Gegenteil zu zeigen, sondern den diesbezüglich fortgeschrittenen Zustand des Journalismus. Aber die Mehrheit der deutschen Orientalisten war in sentimentaler Kulturkorrektheit befangen. Ihre Institute bekamen arabisches Geld. Das war keine Form der Bestechung, sondern ein selbstverständliches Zueinander und Miteinander.“ (483)

Am Ende führt dieses Leiden am Eigenen zur Flucht. Einerseits in das Fremde, andererseits natürlich in die Literatur.

Das Jahr 2015 war freilich auch für Bohrer eine Zäsur, die letztlich zum Bekenntnis zwingt. Merkels „Gesinnungsethik“ wird ausführlich Raum eingeräumt. „Die Unbekümmertheit, mit der die deutsche Regierungschefin – ursprünglich ohne von ihrer politischen Umgebung dafür kritisiert zu werden – im Alleingang entschieden hatte, paßte zu der nicht offen ausgesprochenen Hoffnung, man habe weniger als die anderen Europäer von islamistischen Attentätern zu befürchten.“

„Es war der zivilisatorische und psychologische Sprengstoff, den die Flüchtlinge im Gepäck hatten. Hier kam das Kriterium der Differenz erst eigentlich zur Geltung. Die offensichtliche Gleichgültigkeit gegenüber der Differenz, mit der viele Münchner den am Hauptbahnhof ankommenden Fremden applaudiert hatten, schien mir beunruhigend naiv. Die an den Tag gelegte sogenannte Humanität beeindruckte nicht nur. Sie wirkte so beflissen. Es ging bei der Differenz darum, daß die Regierung und viele Meinungsmacher in Begriffen sprachen, welche die kulturelle, religiöse und politische Andersartigkeit der Neuankömmlinge nicht wirklich in Betracht zogen. Flüchtlinge waren ihnen einfach ‚Flüchtlinge‘, und die Differenz wurde tabuisiert.“

„Daß die Kanzlerin an dieses Konzept glaubte, verdankte sich wohl ihrem naturwissenschaftlichen Training und ihrer sozialistischen Erfahrung. Sie empfand, wie es scheint, christlich, hatte aber ansonsten kein eigentlich historisches oder kulturelles Bewußtsein von westlicher Tradition. Sie führte das Wort ‚Globalisierung‘ als Erklärung für alles im Munde: Integration, das müsse doch, bliebe man nur rational, möglich sein. Kein Gedanke an die westliche Kultur, die den Fremden fremd bleiben würde. Und was dann?“ (514ff.)

Und diese Entdifferenzierung zieht sich durch weite Teile der Gesellschaft – Bohrer weist sie in den Medien, bei den moralisierenden Nachrichtensprechern ebenso nach wie im Streit zwischen Münkler („Wie hat Moralismus die Gedanken eines politischen Kopfes von diesem Rang trivialisiert!“) und Sloterdijk usw.

Ich kann nicht verhehlen, daß ein Großteil des Genusses bei der Bohrer-Lektüre sich aus der Tatsache speist, bei ihm hundertfach Bestätigung – bis hin ins Vokabular – für das gefunden zu haben, was ich selber denke, empfinde und seit 18 Monaten hier öffentlich ausbreite. Es ist in Zeiten der gesamtgesellschaftlichen kognitiven Dissonanz gut zu wissen, wichtig und versichernd, wesentliche Verbündete zu haben, mehr noch: die wesentlichen!

Auch seine persönliche Konsequenz spricht mir aus dem Herzen: „In das Land der Schlafenden würde ich, angewiesen auf Ereignisse, definitiv nicht mehr zurückkehren können.“ (522)

Karl Heinz Bohrer: Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie. Suhrkamp, März 2017, 542 Seiten.

siehe auch: Bohrer Jetzt!

Die Verteidigung des Fremden

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