Konditionierungen – Heidegger

Weimarer Impressionen

„Nietzsche ist der erste Denker, der im Hinblick auf die zum ersten Male heraufkommende Weltgeschichte die entscheidende Frage stellt und sie in ihrer metaphysischen Tragweite durchdenkt. Die Frage lautet: Ist der Mensch als Mensch in seinem bisherigen Wesen für die Übernahme der Erdherrschaft vorbereitet?“
Martin Heidegger

Höhepunkt unseres Besuches, der diesmal Nietzsche gewidmet war (Goethe, Schiller und Steiner sind bereits „abgearbeitete“ Fälle), ist der Besuch des Nietzsche-Archives gewesen. Ein großartiger Bau, ein ähnlich mystischer Ort wie das Nietzsche-Haus in Naumburg. Wenn man Glück hat und ein wenig allein ist, dann kann es passieren, daß der genius loci zu einem spricht. In diesem Falle ist es eher der Geist van de Veldes, denn Nietzsche dämmerte seine letzten drei Lebensjahre wohl nur noch vor sich hin. Das Eingangsportal und das Bibliothekszimmer sind eine Augenweide. Da stimmt einfach alles. Henry van de Velde hatte die Innenausstattung übernommen, auf Anraten Harry Graf Kesslers, der Elisabeth Förster-Nietzsche davon überzeugen konnte, das von ihr mit allerlei kunterbuntem Nippes zugestellte Haus dem Obermieter würdig und stilvoll zu gestalten. Aber das ist eine andere Geschichte …

Van de Velde zieht jedenfalls auch holländisches und flämisches Publikum an. Ein solches Paar stolzierte selbstsicher durch die Ausstellungsräume, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hin und wieder die Brille aus der Jack-Wolfskin-Innentasche zückend, immer dann, wenn das Gesicht einer Persönlichkeit unbekannt war: Spengler, Burckhardt, Rietschel, Kessler … alle unbekannt. Aber da: ein bekanntes Gesicht! Heidegger! Sofort beginnt der Herr zu dozieren und zwar ein einziges Wort: Nationalsozialismus!

Da war sie wieder, die tief verinnerlichte Konditionierung. Blaues Licht = Speichelfluß, Heidegger = Hitler. Losgetreten von der Primärgröße Lukács, gern aufgenommen von Habermas und Frankfurtern, vertieft von Farias, Faye und zahllosen anderen Tertiärgrößen, verbreitet von skandalisierenden und in der Regel wenig differenzierenden Medien und endgültig ins allgemeine Bewußtsein gehämmert mit der großen PR-Maschine nach dem Erscheinen der „Schwarzen Hefte“ – ein hundertbändiges, noch längst nicht ausgeschöpftes Werk, auch eine bahnbrechende Nietzsche-Interpretation, auf ein einziges Wort zusammengestampft.

Dagegen hilft nur eines: Heidegger lesen! Von mir aus auch gerne mit dem Willen, die faschistischen Denkfiguren in der Philosophie aufzufinden. Hauptsache lesen! Und wer dann mit Vollmacht die alte Rechnung sich noch aufzumachen wagt, dem höre ich gerne zu.

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