Die mit dem ewigen Feuer spielen

Plötzlich wurde ich alt, steinalt. Ein Blick in den Spiegel, ein graues, fahles Gesicht, zerfurcht, überlebt, verbraucht.

Es waren Worte – was sonst? –, die mich ergrauen ließen, Worte eines Gleichaltrigen, der dennoch einer ganz anderen Generation, einer völlig anderen Welt zugehört.

Kein Geringerer als Peter Thiel, studierter Philosoph, „Pionier des Digitalzeitalters“, Risikokapitalunternehmer, Hedgefonds-Manager, PayPal-Begründer, Facebook-Protagonist,  Bahnbrecher der disruptiven Ökonomie … hatte am selben Tag als ich bei Ebay – ebenfalls ein kalifornisches Start-up, das vor einigen Jahren PayPal geschluckt hatte – (leider vergeblich) auf ein Konvolut Heidegger-Bände geboten hatte, in der NZZ ein bemerkenswertes Interview gegeben, daß mich ins Mark erschütterte und mir, und meiner Welt, unsere Überlebtheit spüren lassen hat.

Thiel verkörpert die Welt der „Unternehmer, Investoren, Innovatoren“, der „unglaublichen Geschwindigkeit“, der Disruption, also jener ökonomischen Ideologie, die gänzlich unökonomisch argumentiert, die alles Gewesene gnadenlos zerstören will, die alles Neue derart gestalten möchte, daß es keine Vorgänger, keine Geschichte, keine Tradition mehr gibt. Thiel steht für den totalen Akzelerationismus. Sein gesamtes Denken ist dem Geschäft gewidmet, nur was Geschäft ist, ist überhaupt: vendo ergo sum, mereo ergo sum.

Er nennt sich selbst: „Venture Capitalist – schwinden die Geschäftsmöglichkeiten, schwindet auch mein Interesse“, denn dann würde es auch intellektuell dürftig. Alles, was nicht im Geschäftlichen denkt, ist den Gedanken nicht wert. Zweieinhalbtausend Jahre Denkgeschichte werden mit einer Geste und ohne auch nur den Versuch der Begründung – auch das ein Ergebnis dieser Geschichte: daß Argumente nur dann Geltung haben, wenn sie hergeleitet werden können – hinweg gewischt. Diese Geste ist die reine und absolute Macht. Das Herleitungslose ist exakt die Definition der Disruption.

Dabei verteidigt Thiel noch nicht mal die Idee der Disruption als solche, sondern beklagt, daß die „wirklich guten disruptiven Ideen ausgeschöpft“ wurden. Wir leben nach seiner Auffassung längst schon im Posthistoire und Geschichte ist nichts anderes, als eine der permanenten disruptiven Revolutionen. Ihr kategorischer Imperativ ist kein Wert mehr, sondern ein Tun, die Kreativität. Entgegen aller Weisheitslehren verkündet dieser Anti-Buddha: Kreativ sind die, die den Tod erfolgreich verdrängen.

Mehr noch, diejenigen, die den Tod besiegen. Das ist das Endziel dieser Utopie: den Tod überwinden, unsterblich werden. Die letzte große Grenze soll eingerissen werden. „Die guten Leute werden nicht durch morbide Gedanken oder die Existenzangst nach Martin Heidegger motiviert. Sie tun etwas vielmehr darum, weil sie es tun wollen, und die Perspektive, ein ganzes – unendliches – Leben alles Mögliche tun zu können, spornt sie umso mehr an. Umgekehrt haben die, die sich vor dem Tod ängstigen, nicht unbedingt einen besseren Zugang zur Wirklichkeit oder mehr Biß. Denn Angst hemmt. Ich denke, Menschen, die von Existenzangst besessen sind, sind am Ende viel weniger produktiv.”

Aber welche Produktivität soll das sein? Sie muß doch auf der Produktivität ihrer Vorgänger beruhen! Aber für die Leistung der Ahnen hat er nur ein „Bullshit!“ übrig. „Stoiker zum Beispiel sind besessen vom Tode. Ich bin jedoch das Gegenteil eines Stoikers, ich verabscheue die Ruhe und habe auch nicht im Sinne, auf dem Land zu leben und über die Umgebung zu meditieren. Und ich bin ebenso wenig ein Epikureer, der angesichts des Todes folgert, daß er am besten jeden Augenblick genießt, weil das Ende ihn stets ereilen kann. Bullshit! In Firmen, die stoisch oder epikureisch ticken, würde ich, ehrlich gesagt, keinen Cent investieren.“

Ich – ein unvollkommener Stoiker – stehe vollkommen wehrlos vor diesen Worten! Sie unterminieren alles, was mein Wesen und Sein bisher ausgemacht hat. Wenn Thiel von Leben spricht, dann meint er das ewige, das intensive, das kreative, aber nicht im Jenseits, sondern hier und jetzt. Wenn ich von Leben spreche, dann meine ich das Leben an sich, seine Bahn, seine Vergänglichkeit, aber auch das leben und leben lassen, dann meine ich die Freude am Gesang des Vogels in meinem Garten oder die seltene Blume, die sich dort ganz von selbst angesiedelt hat, dann meine ich den Wald und dann meine ich den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen.

Aber für Menschen wie Thiel ist „Altern eine Art Krankheit“ und Tod ein Gebrechen, von dem man geheilt werden müsse, und Weisheit – die letztlich immer in der bejahenden Akzeptanz dieser natürlichen Konstante bestand – ist für ihn ein sinnloses Unterfangen, weil er sie ja doch nie erlangen könne. Geld und Macht aber, das sind Substanzen, die man finden und sogar erfinden kann.

Es ist nicht zuletzt diese Verve, diese Selbstverständlichkeit, mit der der alte junge Mann das vorträgt, die mich erschlägt. Mein liebevoller Blick über mein Heidegger-Regal wirkt unter seinen Augen verstaubt und altbacken und so grau wie die Bände der Werkausgabe. Wenn er recht haben sollte, wenn aus ihm tatsächlich eine Wahrheit oder zumindest das Begehren kommender Generationen sprechen sollte, dann wird es wohl stimmen: Heidegger ist tot, aber auch Nietzsche, Meister Eckhart, Seneca, Sokrates, Buddha … die Inspiratoren meines kleinen Lebens, sind alle tot und werden in ein paar Dekaden vergessen sein, es sei denn, irgendein Freak findet in ihnen eine noch unbekannte disruptive Idee.

Auch daß dieser Idiotismus so klug daher kommt, erschreckt mich. Da hat jemand tief gedacht und ist auf Lösungen gestoßen, die mir bislang undenkbar schienen. Und damit wird er die Jugend infiltrieren. Tatsächlich sind die großen global player, die Facebook, Ebay, WhatsApp, Amazon, Google, PayPal, Spotify, Twitter, Youtube und wie sie alle heißen, diese virtuelle Wirtschaft, die – so meine naive Auffassung – verschwinden müßte, wenn man nur den Stecker zieht, die wahren Akteure unserer Zeit. Sie sind längst an der Macht, sie bestimmen, zensieren, lassen existieren und vernichten, wen sie wollen. Leute wie Thiel haben reale Macht!

Und schließlich verunsichern mich auch diese seltsamen Widersprüche. Wie kann dieser Antipode meines Seins meine Positionen vertreten. Seine Analysen zur Politischen Korrektheit sind haarscharf. Politisch ist dieser Mensch konservativ, unterstützt Trump, versteht ihn besser als tausend Mainstream-Journalisten. Einerseits. Andererseits macht er auch den amerikanischen Präsidenten zu meinem Erzfeind und zwar aus konservativem Denken heraus, nicht aus linker Kritik, wie wir sie tagtäglich tausendfach um die Ohren geschleudert bekommen.

Wiederum steht er scheinbar voller Unverständnis vor den einfachsten, fast kindisch-naiven dialektischen Zusammenhängen, die man ob ihrer Offensichtlichkeit gar nicht mehr erwähnen mag. Daß das Zeitalter der Software vorbei sei, scheint ihn zu überraschen, nun stünde die Expansion im Bereich der „digital aufgerüsteten Hardware“ bevor, also der Verschmelzung der Körper mit dem Unkörperlichen. Er sieht einerseits, daß „die Ökonomie digitaler Plattformen“ sich erschöpft, daß sie unser Leben – entgegen der Heilsversprechen – nicht erleichtert, sondern entseelt und verkompliziert hat, aber ein Zurück scheint ihm undenkbar.

Und er begreift nicht den primitiven Gedanken, daß Software immer Kommunikation erzeugt, aber Kommunikation definitorisch erschöpfbar und gerade nicht unendlich ist. Unser kommunikatorischer Radius ist durch unsere „biologische Software“ stark begrenzt. Wir können sie vielfältig variieren, ihre programmatischen Grenzen ausloten, aber wir können nicht jenseits davon kommunizieren. Das ist so offensichtlich und nahezu simpel, wie auch der Gedanke, daß Intensität und Innovation – wenn der Rausch vorbei ist – nicht „die guten, sondern die gierigen Leute“ anzieht und also erstickt wird. Es gibt kein ewiges Feuer.

Aber eines wurde mir klar! Diejenigen, die mit dem ewigen Feuer spielen, sind meine Feinde. Man muß sie hineinstoßen.

Bevor der Mensch unsterblich wird, muß er sterben. Wenn nicht von selbst, dann mit Sterbehilfe.

siehe auch:

Warum das Ende naht

Ist Sterben noch modern?

Selbstüberholungen

Intensität – ein Kryptodialog

 

Nachwirkende Vorverurteilung

Was immer der Attentäter von Christchurch bezweckt haben mochte, das meiste dürfte gescheitert sein. Vor allem: vom unvorstellbaren und sinnlosen Leid abgesehen, das er unschuldigen Menschen bereitete, hat er der Widerstandsbewegung, deren Teil und Protagonist zu sein er vorgab, schweren Schaden zugefügt.

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Ein Brief an den Feind

Es dürfte im Umkreis dieses Blogs ein mehrfaches Interesse an Helmut Lethens neuem Buch „Die Staatsräte“ geben. Das Zeitsujet, die Jahre des Nationalsozialismus und ihre Verwindung, gehören seit je zum engeren Aufmerksamkeitsspektrum, Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Gottfried Benn zählen zum spezifischen Kanon, aber es kommt nun ein dritter wesentlicher Punkt hinzu: Lethen, Jahrgang 39, 68er, emeritierter Professor, Literaturwissenschaftler, einst in KPD-Kreisen aktiv und noch immer bekennender Linker, ist mit Caroline Sommerfeld verheiratet, die seit zweieinhalb Jahren einen kometenhaften Aufstieg im Sezessions-Milieu feierte. Das führte zu Verunsicherungen, hüben wie drüben.

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Helmut Lethen – 80 Jahre

Von Lethen lernen

„Es ist ja auffällig, wie in Augenblicken der Depression die Linke zu den Konservativen schielt.“ Helmut Lethen

Müßte ich unter Helmut Lethens Büchern eines wählen, dann wäre das nicht sein Hauptwerk „Verhaltenslehren der Kälte“, worin er die Topoi der Gefühllosigkeit und Frostigkeit in den „Lebensversuchen nach dem Krieg“ systemisch nachzeichnet, es wäre auch nicht sein lehrreiches Buch über Gottfried Benn, das bewußt keine Biographie sein will, sondern ein szenischer Einfühlversuch in einen hermetisch sich absondernden Paradigmenmenschen und es wäre schließlich auch nicht sein neuestes Werk „Die Staatsräte“, selbst wenn man es als lobenswertes Gesprächsangebot an den politischen Gegner mißverstehen kann, nein, meine Wahl fiele ohne zu zögern auf das schmale autobiographische Bändchen „Suche nach dem Handorakel“ und ich möchte sogleich hinzufügen, daß man es exakt als solches lesen müsse, nämlich als ein eigenes Handorakel! Vor allem die Rechte täte gut daran, dieses erzlinke Brevier genauestens unter die Lupe zu nehmen.

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Demokratiedefizite

Ein wichtiges Buch: „Die Zukunft der Demokratie

Acht bedeutende Denker, vier allgemein gehaltene und vier spezifische, an einem Beispiel exemplifizierende Beiträge erwarten den Leser. Die Lage ist ernst, die Stimmung kritisch, das Argumentationsniveau hoch.

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Reisenotizen: Berlin

Übernachte als Begleiter einer ungarischen Reisegruppe in einem großen Hostel. Hier sieht man die Zukunft. Eine dänische Klasse, eine deutsche aus Friedrichshafen, eine andere aus dem Ruhrgebiet … alle in allen Hautfarben der Welt. Ein paar neudeutsche Halbstarke mit Schalke-Beutel und pakistanischer Flagge auf dem Shirt, sprechen wohl Farsi, während der deutsche Lehrer einweist. Mehrere Mädchen im Kopftuch und Kaftan.

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George: Kreis ohne Meister

Man war sich doch einig. Vor 10 Jahren hatte Thomas Karlauf die ultimative George-Biographie geschrieben; sie wurde wenig später von Ulrich Raulffs gelehrter Studie über Georges Erben im bundesrepublikanischen Betrieb und durch Ernst Osterkamps tiefsinnige paradigmatische Analyse einiger Gedichte – als Flaggschiffe der postsakralen George-Deutung – kongenial ergänzt, das Kapitel schien vorerst abgeschlossen.

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