Gedankensplitter

Die Geschichte der Menschheit war ein ewiger Kampf der sich widersprechenden Eigeninteressen. Sie war blutig, aber sie hat auch das Überleben garantiert. Daß wir sind, was wir sind, haben wir dieser Geschichte zuzuschreiben. Aufklärung, Befreiungskämpfe, philosophische Ideologisierung und liberale Demokratie haben in einem komplizierten Prozeß einen neuen Aggregatzustand geschaffen. Man kämpft nun für die Interessen der Anderen: Männer für Frauen, Weiße für Schwarze, Christen für Muslime, Arme für Reiche, Heterosexuelle für Homosexuelle, Deutsche für Syrer und Afghanen … Das utopische Element daran ist der Glaube, daß damit beides erreicht werden könnte: das Blutvergießen beenden und die Fortexistenz sichern. Es könnte jedoch nur funktionieren, wenn alle Teilnehmer des Weltprozesses auf gleicher altruistischer Ebene stünden. Andernfalls werden die sich selbst Verleugnenden hinweggefegt werden – blutig.

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Das große Lalula

oder: Vom Sinn des Unsinns (1. April)

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo…
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, Leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []
Lalu lalu lalu lalu la!

„Das große Lalula“ gab und gibt Rätsel auf.

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2. Incipit historia.

Die Suche nach einem Sinn strukturiert das Denken, nachdem dieser als Ursinn verloren gegangen ist. Im eigentlichen, im Ursinn gab es nie Sinn, sondern nur Sein. Dieses selbst war der Sinn. Laotse, so scheint es, ist der früheste Zeuge dieses Bruches[1]; die Art seines Sprechens könnte darauf hindeuten, daß er Zeitzeuge war, daß er diese, für die gesamte Menschheitsgeschichte fundamentale Bewegung tatsächlich wahrnahm:

verloren ging das große Dau –

güte und rechtschaffenheit entstand

hervortrat die klugheit –

die große heuchelei entstand

zerrissen war die sippe –

der familiensinn entstand

in wirrnissen zerfiel der staat –

der treue minister entstand

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Pop Poppen Popper

Was existiert, sind ungenaue Wörter, außerstande, etwas genau zu bezeich­nen. Schaffen wir außergewöhnliche Wörter – unter der Bedingung, von diesen­ den al­lerge­wöhn­lichsten Gebrauch zu machen, und die Entität, die sie be­zeich­nen, nicht minder exi­stent werden zu lassen wie den ge­wöhnlichen Gegen­stand. Gilles Deleuze

Wenn man eine ausführliche Antwort schuldet und sie im Moment nicht geben kann, dann rettet oft ein Witz. Mit dem schnell hingeworfenen Wort, „daß Poppers Hauptwerk eines der katastrophalsten philosophischen Fehlleistungen der Moderne ist und voller intrinsischer Totalitarismen steckt“, wurde ein Faß aufgemacht, das ich jetzt nicht leeren kann. Aber ein alter Text fällt mir dazu ein – und Popper findet darin nur ein Mal Erwähnung –, den ich hier etwas verschämt einwerfe.

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Was Barbie drunter hat

Großer Bahnhof wegen Hidschab-Barbie!

Sehen wir es doch mal von einer anderen Seite, von unten. Seit je ist das Entscheidende nicht, was Barbie anhat, sondern was sie drunter hat.

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Nietzsche und Deleuze

(Fortsetzung und Grundlegung von „Das dritte Geschlecht„)

Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives.      (Gilles Deleuze)

Die gesamte Frage der Affirmation zielt ab auf das Philosophieren Nietzsches[1].

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So geht Heidegger!

Ganz prinzipiell meine ich nämlich, daß man nicht nur die Erlaubnis, sondern sogar die Pflicht hat, zu den Gedanken eines Denkers Stellung zu nehmen, ohne Rücksicht auf den spezifisch persönlichen Hintergrund seiner Gedanken. (K.E. Løgstrup)
Hier erkennt man die gegenwärtige Tendenz, damalige Denker nazistischer zu machen, als sie waren. Je weiter man sich von dieser Zeit entfernt, desto nazistischer scheinen sie zu werden. (Hans Hauge)

Man mache den Test: Man erwähne den Namen Heidegger im Gespräch mit einem Nicht-Heideggerianer und man wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich zu Beginn das Zauberwort „Nazi“ zu hören bekommen. Und meist ist das Thema damit beendet.

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Sloterdijk, ohne zu lachen

„Daher sage ich, wir leben nicht so sehr in einer Umwälzung als in einer Ausfaltung. In meinem Sphärenbuch habe ich sogar den Vorschlag gemacht, den Begriff Revolution fallenzulassen und ihn durch Explikation zu ersetzen.“ (Sloterdijk: Ausgewählte Übertreibungen)

Schon Mitte der 80er Jahre, also lange bevor Sloterdijk zum deutschen Interview-Orakel wurde, das auf alles eine Antwort haben soll und offensichtlich auch eine hat, schon damals notierte Otto Kallscheuer in sein Tagebuch: „sturzbesoffen und zugleich überwach, bin ich mit Freunden seit drei Stunden im Gespräch mit Peter Sloterdijk. Ich habe ihn eben erst auf dieser Fete kennengelernt und bin begeistert. Wir reden über Gott und die Welt, vom Bumsen bis zur Negativen Dialektik; endlich einer, der etwas von Philosophie versteht und vom Leben …“[1] Kallscheuer traf den Nagel auf den Kopf und trifft ihn noch immer und wenn es eines Beweises noch bedurft hätte – hier ist er: „Ausgewählte Übertreibungen“!

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Sloterdijks Kunst

Sloterdijk polarisiert. Die Kritiken seiner Bücher, im Feuilleton ebenso wie bei Amazon, legen Zeugnis davon ab. Halten die einen ihn für einen genialen und sprachakrobatischen Neudenker, so sehen die anderen in ihm einen Schwätzer und aufgeblasenen Besser- und Alleswisser. Am Grunde der Aversion liegt oft ein frustrierendes Lektürescheitern. Tatsächlich ist die Einstiegshürde hoch und tatsächlich kann man Sloterdijk ohne ironisches Zwinkern – und vielen Menschen fehlt der Zugang zur Ironie – nicht genießend lesen. Um trotzdem einige seiner Gedanken kennenzulernen, mag man zur Sekundärliteratur greifen. Die ist vergleichsweise noch immer gering – vermutlich ein Zeichen der intellektuellen Verunsicherung, aber auch des weitgehenden Ausschlusses aus der akademischen Gemeinde des „philosophischen Schriftstellers“.

Zwei einführende Werke sind (bedingt) empfehlenswert: Hans Jürgen Heinrichs: „Peter Sloterdijk. Die Kunst des Philosophierens“ und Sjoerd van Tuinen: „Peter Sloterdijk. Ein Profil“

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Sehr geehrter Peter Sloterdijk

Heute, am 26.6., wird Peter Sloterdijk 70 Jahre alt. Ich halte ihn – man entschuldige die Wiederholung – für den bedeutendsten und schillerndsten Denker unserer Zeit. Wie gestern stehen mir die Feierlichkeiten zum 65. noch in Erinnerung – damals hoffte er, noch 13 Jahre leben und arbeiten zu können.

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Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Einen besonders intrikaten Gedanken versucht Karl Heinz Bohrer zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe.

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Der Rhizom-Terror!

Der Philosoph Gilles Deleuze hat schon in den siebziger Jahren das Bild des Rhizoms entwickelt, in dem er ausdrücken wollte, wie postmoderne Organisationen verfaßt sind: Sie gleichen dem Wurzelwerk von Bäumen, weithin verästelt, und sie lösen damit die straffen Hierarchien herkömmlicher Institutionen ab. Solchen wuchernden Rhizomen gleichen nun die dschihadistischen Netzwerke (Gilles Kepel)

Gilles Kepel, den man auch in Deutschland gerne als Terrorexperten zitiert, hatte bereits in seinem umfänglicheren Werk von 2009 – „Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte“ – seine Vorliebe für den Poststrukturalismus bewiesen, denn dort wollte er den Terror im Paradigmenwechsel von historischer Faktizität (das reale Ereignis) zur historischen Fiktionalität (das mediale Ereignis) beschreiben. Unter Poststrukturalismus verstehen wir eine Vielzahl von philosophischen Ansätzen, die sich alle auf eine Zeichentheorie (affirmativ oder negativ) beziehen und die psychoanalytische, marxistische Begrifflichkeiten überwindend nutzen. Das einigende Band ist die „Dekonstruktion“ – also die Destruktion und insgeheime Neukonstruktion – einer Objektivität.

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Das Terror-Rhizom?

…was in Wirklichkeit nicht darstellbar ist, weil es ein Rhizom ist, eine unvorstellbare Globalität. Umberto Eco

Der französische Soziologe Gilles Kepel gilt als einer der besten Kenner des Islamismus und des islamistischen Terrors. Gerade hat er in einer Reihe von Interviews im Zusammenhang mit seinem letzten Buch die neue Qualität des Terrors zu beschreiben versucht und sich dabei auf den singulären Philosophen Gilles Deleuze berufen. Kepel will den Begriff des „Rhizoms“ in die Debatte einführen, um den Aggregatzustand der Terrorgesellschaften zu beschreiben.

Nachfolgend wird in einem ersten Durchgang versucht, den philosophischen Begriff „Rhizom“ nach Deleuze zu entwickeln und in einem zweiten zu prüfen, was dieser Begriff im Kontext des Terrors zu leisten vermag und ob Kepel ihn berechtigterweise in Anschlag bringt. Teil 1 ist demnach eine ausführliche und streng philosophische Rede, Teil 2 eine politische.

Was ist ein Rhizom?

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Sprache und Sein – produktives Paradox

Lesen ist auf etwas zugehen,das gerade entsteht und von dem noch keiner weiß, was es sein ­wird … Italo Calvino

Es gibt seit je eine Schere zwischen der Sprache und dem Sein, doch erst mit der Moderne beginnt diese sich in einem solch rasanten Tempo zu spreizen, daß es zunehmend schwie­riger wird, das Sein sprachlich bewältigen zu können, dem Sein zu ent-sprechen. Zu­nehmend werden die Menschen vom Sein überrannt – sie werden, im Verhältnis zu diesem, sprachlos. Dabei wird das überschüssige Sein erst vom Menschen in die Existenz gesetzt. Überschüssig ist das Sein, das nicht sein oder nicht wahrgenommen werden müßte. Nicht, daß es den Men­schen je­mals ge­lungen wäre, selbst dem nicht überschüssigen Sein zu entspre­chen – aber das muß­te auch nie sein. Daß die Sprache keine Seinsverdopplung sein und auch nicht an­streben kann, ist evident, und die Sprache in der Geschichte entsprach, alles Über­schüssige abge­zogen, immer nur dem, was sein mußte – um zu überleben. Die neu­zeitli­chen Proble­me betreffen folglich nicht den Überlebenswortschatz und auch nicht dessen Mangelerscheinungen, die auszufül­len das Überlebenwol­len nicht verlangte.

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Die Geschichte der Zukunft

Die Geschichte der Zukunft und die Frage der Identität

Anthropologie ist jene Deutung des Menschen, die im Grunde schon weiß, was der Mensch ist und daher nie fragen kann, wer er sei. Denn mit dieser Frage müßte sie sich selbst als erschüttert und überwun­den bekennen. (Martin Heidegger)
Sicher gibt es bei Heidegger ein Bemühen, den Namen Nietzsche oder das „Wer ist Nietz­sche“ auf die Einheit der abendländischen Metaphysik, ja auf die Ein­zigkeit einer Grenzsi­tuation auf dem Gipfel dieser Metaphysik zu reduzieren. Und dennoch war die Frage „Wer ist X?“ seiner­zeit, auf Denker bezogen, eine seltene Frage; sie ist es noch immer, wenn man sie nicht in einem trivialen biographi­schen Sinn versteht. (Jacques Derrida)

Wie Alice das Wunderland durchstreift, gerät sie an eine blaue Raupe, mit der sie ins Ge­spräch kommt. Mit der Frage „‚Wer bist du?‘ erkundigte sie sich gelangweilt und mit schläfriger Stimme“. Alltäglicher und banaler kann ein Dialog kaum beginnen und doch: „Diese Eröffnung der Unterhaltung war nicht gerade ermuti­gend“. „‚Ich weiß nicht recht, mein Herr‘, antwortete Alice ziemlich kühl, ‚wenigstens augenblick­lich nicht'“. Dieses Nichtwissen über das eigene Sein hat seine Gründe, die jenseits der abstrusen Situation liegen. Sicher, in Alices Fall spielt die Verunsicherung eine wesentliche Rolle, denn seit sie sich im Wunderland befindet, mußte sie die wunderlich­sten Verände­rungen an sich erfahren, so daß sie Identitätsprobleme bekommt: „Ich bin nicht ich“. Was aber hätte sie antworten können auf die Frage „Wer bist du“?

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