Zeitschriften – Greenpeace Magazin

Seit vielen Jahren liegt diese Zeitschrift alle zwei Monate in unserem Briefkasten – ich habe sie meist nur nebenbei durchgeblättert, so wie man das in einem Wartezimmer etwa tut, die neueste Nummer habe ich mir nun zwecks Vorstellung, etwas genauer angeschaut.

Vor einiger Zeit wurde das redaktionelle Konzept verändert: die Hefte sind um einen thematischen Schwerpunkt konzentriert. Zuletzt waren das Auto, Wald, Lokalität oder Essen, die letzte Nummer beschäftigte sich mit der Thematik der Kreisläufe: „Alles kreist“.

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Zu Beginn eines jeden Heftes werden in aller Kürze Personen vorgestellt, die selbst ökologische Problemstellungen in Angriff nehmen – Gold recyceln, städtische Vogelfallen entschärfen, papierfreie Werbung produzieren … alles kleine verdienstvolle Aufgaben.

Den thematischen Aufriß macht kein geringerer als Andreas Weber, Bestsellerautor und philosophischer Publizist, dessen ganzes Denken ums Kreisen kreist. Mit seinem durchaus lesenswerten Buch „Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften“ hatte er vor ein paar Jahren die scheinbar schon totgerittene holistische Welle wiederbelebt. Hier versucht er auf vier Seiten den ewigen Kreislauf von Leben und Tod in einfachen Worten zu beschreiben und endet nicht zufällig auf einer virologischen Note.

Überhaupt sind die Texte – auch wenn sie komplexe Themen behandeln – stets gut faßbar gehalten.

Es folgen Artikel über die inneren Probleme und Schwierigkeiten der Plastik-Neuverwertung, neues Bauen mit abbaubaren Rohstoffen, die Herstellung von Wasserstoff als Antriebsmittel, die Wiedergewinnung von Textilien aus Altstoffen oder mehr oder weniger geschlossene Kreisläufe auf einem Bauernhof der „Circular Economy“. Dazwischen klären farbig gehaltene Informationsseiten über einzelne „Kreisläufe“ auf: Autoakkus, Milchflaschen, Biotonnen.

Das alles ist interessant und informativ – das ist das Mindeste und auch das Höchste, was man sagen kann. Die Artikel sind durch die Bank glatt und professionell geschrieben, man merkt ihnen an, daß geübte Journalisten sie zu verantworten haben. Auch das Bildmaterial ist hochwertig und wäre eines Glanzmagazins würdig. Das Ganze strahlt verinstitutionalisierten und verbürokratisierten Umweltschutz aus. Da gibt es keine Experimente mehr, niemanden, der gegen den Stachel löckt oder das Konzept in Frage stellt.

Auch eine umfassendere Philosophie oder Vision ist kaum zu erkennen. Es geht um das unmittelbar Machbare. Natürlich zeigen alle dargestellten „Kreisläufe“, daß sie eigentlich keine sind, denn sie fressen ebenfalls Ressourcen, wenn auch weniger als die lineare Industrie. Alle vorgeschlagenen Methoden können nur als Nischen funktionieren und das scheint auch das unausgesprochene Credo des Magazins zu sein. Retten können wir uns nur noch ohne Verallgemeinerungen und Menschheitsbeglückungen: das Individuum ist gefragt – jeder nach seinen Möglichkeiten. So entstünde ein Puzzle aus individuellen Wegen, die – im Glücksfall – irgendwie zusammenpassend gemacht werden können. Das Blatt gibt dazu alle zwei Monate Anregungen.

Dieser Rückschritt wirkt einerseits befreiend, zeigt aber auch die Aussichtslosigkeit des Gesamtunterfangens. Wie Leben und Tod gehören offenbar Versuch und Scheitern untrennbar und wie ein Kreislauf zusammen.

In einem zweiten Teil werden gemischte Artikel geboten. Der über einen „Guerillabotaniker“ hat mir besonders gefallen. Das sind „Aktivisten“, die im städtischen Milieu wildwachsende Pflanzen mit Namen beschriften und damit ein Bewußtsein für das unerwünschte Grün und die Vielfalt der allgegenwärtigen Natur auch unter widrigen Bedingungen wecken wollen.

Das Magazin erscheint 90 000-fach, hat ca. 100 Seiten und kostet 8.40 Euro. Es ist nett und informativ, perfekt für anspruchsvollere Wartesäle, aber es wird die Welt auch nicht retten.

PS: Meine zweite Nummer „Tumult“ bestätigt den Ersteindruck, auch diesmal einige herausragende Artikel, etwa der über „Die starke Frau im maskulinoiden Formenkreis“ von Bettina Gruber.
Auch auf „Die Kehre“ möchte ich noch einmal ausdrücklich hinweisen – diesmal nicht ganz uneigennützig.

Das Neue des Alten

„Ja, so geht es in der Welt. Kaum sieht es hell aus, da wird es wieder dunkel. Wir müssen nur dem Unseren treu bleiben, so wird es zu guter Letzt doch alles gut.“ Pastor Castbierg

Um Niemandes Zeit zu verschwenden, sage ich gleich vorweg: nachfolgend werde ich einen Roman, einen bedeutenden und hochaktuellen Klassiker besprechen, den es weder auf Deutsch noch auf Englisch zu lesen gibt – bisher!

Die Rede ist von Jakob Knudsens „Den gamle præst“ (Der alte Priester), ein Buch, das 1899 erschien und Knudsens Durchbruch in der dänischen Literatur brachte. Allerdings fast gänzlich aus Mißverständnis. Skandal schrien die Klerikalen und Jubel bekam Knudsen aus freidenkerischer und progressistischer Ecke. Gemeint war alles umgekehrt.

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Identitäten

Gegneranalyse III

Kwame Anthony Appiah hat ein wichtiges Buch geschrieben – es ist so wichtig, daß die „Bundeszentrale für politische Bildung“ es in ihr Programm aufgenommen hat. Es gilt in linken Kreisen als bedeutende Streitschrift, mit deren Argumentation man den Begriff der „Identität“ endlich beiseitelegen könne. Stimmt das?

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Kubitschek: Hin und wieder zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

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Theorie der Diktatur

Philosophie – das muß man sich vor Augen halten – war noch vor hundert Jahren Husserl, Dilthey, Heidegger, war Peirce, James, Moore, war jedenfalls ein zähes, zermürbendes analytisches, oft lebenslanges Ringen, ein immer wieder neu Beginnen und folglich auch ein sich selbst befragen und verwerfen. Heute ist Philosophie – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Precht, Eilenberger, Garcia oder eben Onfray.

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Drei Zeitschriften – Tumult

2. Tumult

 Wie sagt der Engländer? It blew me away! „Tumult“ – gleich vorweg – ist ein Magazin allererster Güteklasse, ich kann nur schwärmen, habe es von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen, viele Unterstreichungen gemacht, immer wieder Recherchen angestellt, Bücher bestellt oder begutachtet, mich immer wieder belehrt und angeregt gefühlt und auch das Gefühl gehabt, nicht dauernd das Gleiche und Altbekannte, sondern wirklich Originelles zu lesen. Geärgert habe ich mich nur darüber, daß ich die Zeitschrift nicht schon früher geordert habe.

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Die Ordnung der Dinge

Betrachtet man den dünnen, ununterbrochen fließenden Faden, konnte man in ihm eine große Ordnung erkennen, denn er lief herab ohne dicker oder dünner zu werden, und dasselbe fehlerfreie Maß, das den Lauf der Gestirne bestimmt, zeigt sich auch in den Fingern der Spinnerinnen.

Im Berliner Guggolz-Verlag, der sich zur Aufgabe gemacht hat, lang vergessene Meisterwerke der baltischen, nordischen und osteuropäischen Literatur zurück in den Strom der Leseflüsse zu führen, erschien nun unter den zahlreichen Preziosen ein gar wundersames, man darf sagen, einmaliges Buch: Straumēni.

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Sloterdijks Samthandschuhe

Bewahrung läßt sich nur durch Modernisierung verwirklichen. Die echten Konservativen sind progressiv, weil sie etwas haben, wovon sie überzeugt sind, es verdiene Bewahrung. Leerer Progressismus führt zu nichts. Nur wer etwas hat, wofür er die Hand ins Feuer legt, betreibt Bewahrungspolitik authentisch. Peter Sloterdijk

Diese kleine Sammlung später, vor allem coronaler Interviews ist zuvörderst ein Beweis des vitalen und virulenten vierzigjährigen Denkens Sloterdijks. Es stellt ihm ein ganzes, längst erarbeitetes Arsenal an Begriffen und Denkbewegungen zur Verfügung, die jetzige Ausnahmesituation ansatzweise zu erfassen.

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Homöopathie als Weisheitslehre

Gleich der erste Satz eine Wucht: „Dieses Buch ist keine Chronik einer Entwicklung. Alles, was vom Werden … Hahnemanns erzählt wird, wird mit Hinblick auf seine Vollendung erzählt.“ Tatsächlich wird das Buch in weiten Teilen nicht getrieben, sondern gezogen, nicht die Frage „warum“, sondern „wozu“ gestellt, und das eröffnet ganz andere Möglichkeiten, bringt aber auch Probleme mit sich. Zuvorderst entspricht diese Herangehensweise Hahnemanns Philosophie der reinen Phänomenalität, ist also genuine, komplementäre Aussage, und erlaubt ein intensives Sich-Einfühlen. Ja, Hahnemann wird nicht nur besprochen, er wird sogar direkt an-gesprochen, als wäre er noch immer präsent, immer schon und immer noch da. Und wirklich, die Homöopathie, die Fritsche uns vorstellt, ist plötzlich da und in gewisser Weise ewig und sie beginnt mit ihrem Höhepunkt, kennt also keine eigentliche Entwicklung, nur Varianten, meist Dekadenzen. Nur die tiefsten Weisheitslehren des Taoismus, des Buddhismus und des Kynismus können da mithalten, nur diese beginnen auch mit ihrem Höhepunkt (Laotse, Buddha, Diogenes). Damit, als letztes Ergebnis dieser Herangehensweise, wird der Homöopathie von vornherein ein transzendentaler Charakter zugesprochen.

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Das gespaltene Land

Maaz‘ Psychogramm speist sich aus zwei Kraftquellen: der Sorge um den seelischen Zustand des Heimatlandes und der jahrzehntelangen Arbeit mit psychoanalytischen Methoden. Aus dieser Vereinigung zweier scheinbar inkommensurabler Kategorien ergeben sich spannende und ungewohnte Einblicke, aber auch einige argumentative Schwierigkeiten.

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W a s t u n? Selbstrettung!

Wir rufen dazu auf, lange angebetete und todgeweihte Idole wie den Staat, die repräsentative Demokratie, die Großstadt, das moderne Schulsystem, die angebliche Notwendigkeit zum andauernden Abbüßen der geschichtlichen Schuld der Europäer oder die Idealisierung dessen, was „anders“ ist, loszulassen und vielmehr eine ausschließlich vom Persönlichen ausgehende Haltung einzunehmen. (David Engels)

Historisch wird der Konservatismus der Verlierer sein. Zu stark ist der progressistische Strom. Er hat alle Gesellschaftsbereiche begeistert mit sich gerissen: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Medien, Ideologie, Kirchen. Der Konservative kommt sich darin vor, wie der Fels in der Brandung und er meint zu sehen, daß bald alle Dämme brechen müssen, ruft dies dem wildgewordenen Strudel auch verzweifelt zu, wird aber hoffnungslos vom Gebrause übertönt. Die Einsicht in die Ausweglosigkeit greift um sich und während die einen noch fleißig investieren, kommunizieren und transformieren als gäbe es kein Morgen, beginnt im rechten Milieu die Einsicht um sich zu greifen, daß man nun – da der Wirbel wohl nicht zu stoppen ist – sich um sich selbst zu kümmern habe.

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Die Mühen der Ebenen

Dirk Neubauer, der Bürgermeister eines sächsischen Städtchens, ist ein Macher, ein Anpacker, einer der Kraft und Willen hat und zu verändern weiß. Solche Leute braucht das Land! Auch seine Biographie zeigt ein unstetes Element, das gerne Neues probiert und experimentiert – diese Menschen geben Vollgas, solange sie Lust haben. Der Vorteil: Neubauer hat Einblick in ganz verschiedene gesellschaftlich relevante Bereiche und aus seinem letzten Steckenpferd berichtet er: der Politik, der Regionalpolitik.

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Sorokins Eis-Trilogie

Der erste Band, „Bro“, lebt über die Geschichte, nicht über Stil und Konstruktion. Artistisch stellt er überraschend geringe Ansprüche; die geradlinige, einsträngige, in der ersten Person erzählte Handlung ist es, worauf es Sorokin ankam. (Kein Wunder, daß sein Held sich von Dostojewski lossagt). Von einem fast schon als modernen Klassiker betitelten Autoren, einem „Postmodernen“ zudem, erwartet man das nicht zwangsläufig.

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Prometheus des Sex

Auch nachdem Otto Mainzers Opus Magnum „Prometheus“ 1993 bei Rowohlt als Paperback erschien und nun endlich auf die verdiente Verbreitung hoffen konnte, scheint es noch immer nicht entdeckt worden zu sein, führt es noch immer ein ungerechtes Nischendasein. Das kann auch an seiner Brisanz liegen, die den Leser ganz unmittelbar anspricht, die aber vor allem nach gesellschaftlicher Veränderung schreit.

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Rosananz

Die schrecklichste Zeit des Jahres steht vor der Tür: Weihnachten. Man muß andächtig tun, sich sinnlos den Bauch vollschlagen, sein Dauergrinsen auflegen und vor allem: man muß verschenken – womit die Idee des Schenkens bereits torpediert ist. Es gibt überhaupt nur ein passendes Geschenk – ein Buch. Ich schenke nie etwas anderes und auch das nur meiner Frau und ein, zwei Auserwählten. In den kommenden Wochen werde ich einige mehr oder weniger verschenkbare Bücher besprechen.

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit – eine Buchbesprechung

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Gombrowicz: Pornographie

Woody Allen sagte mal, er hasse Pornographie, die Filme seien immer so schlecht belichtet.

Nur unter einem umgekehrten Belichtungsimperativ kann Gombrowiczs legendärer Roman als pornographisch bezeichnet werden, denn man muß lange im Gedächtnis suchen um ein derart unverschämtes Werk in Erinnerung zu rufen – man wird nicht fündig werden.

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Für Ferdydurkisten

Für Aficionados und Ferdydurkisten ein wichtiger Tag: am 25. Juli  1969 starb der große polnische Autor Witold Gombrowicz. Von wenigen gelesen, von vielen, die ihn lesen mußten, gehaßt, von ganz wenigen erkannt, gehört er zum Bedeutendsten, was europäische Literatur erschaffen hat. Der Todestag war Anlaß, einige seiner Hauptwerke erneut aus dem Regal zu ziehen.

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Der große Austausch

Das Massaker von Christchurch und die unsägliche Affäre um Martin Sellner hat den Topos des „großen Austausches“ wieder an die Oberfläche der medialen Wahrnehmung gespült. Dort wird er nahezu unisono als „Verschwörungstheorie“ behandelt. Die Art und Weise, wie die meisten Journalisten und Experten über den Begriff oder den philosophischen Überbau der „Identitären Bewegung“ schreiben, deutet darauf hin, daß sie sich weder mit dem Gründungsdokument dieses Erklärungsansatzes noch mit den zahlreichen Veröffentlichungen Sellners und anderer Identitärer – hervorzuheben ist etwa Patrick Lenart – unvoreingenommen auseinandergesetzt haben.

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Hotel Amerika

Es gibt in Plauen eine Bücher-Telefonzelle. Man stellt ein Buch hinein und nimmt sich eines heraus – im Idealfall. Funktioniert seit drei Jahren recht ordentlich. Deswegen gehe ich nie ohne ein, zwei ausrangierte Schwarten in die Stadt. Man fischt dort keine Edelsteine heraus, aber da es praktisch nichts kostet und für mich nur Recycling ist, kann man mal etwas mitnehmen, was man sonst nicht kaufen würde, mal was probieren.

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