Für einen Analytischen Realismus

Gegneranalyse

Die Sorgen, die Enno Stahl – Autor bei JW und taz – umtreiben, kann man teilen. Die geliebte Literatur befindet sich in der Dekadenz, als zeitgenössische kommt sie kaum noch an die klassischen Vorbilder heran, es regieren die Egotrips, die gefühligen Ich-Erzählungen, die „narzißtischen Selbstentblößungen“, die „Bauchnabelperspektiven literarischer Pfeifenheinis und Flötentussis“, die Literatur hat ihren Status als „zentrales Instrument zur Übermittlung von Erfahrung, Weltwissen, Deutungsmustern und der Kritik am Bestehenden weitgehend verloren“, die Postmoderne hat trotz kritischer Einsätze der Analyse der Machtstrukturen zu einer „ironisch-distinktiven Haltung“ oder zu „anti-sozialistischen Säuberungen“ geführt, ist zu einem „Sidekick der neoliberalen Wirtschaft“ verkommen, kurz: es herrscht eine „literarische Anämie der Gegenwartsliteratur“ vor. Weiterlesen

Reise ins verlorene Europa

Ein Kommentator bringt in Anlehnung an meine Siebenbürgen-Reise den Klassiker Fermor ins Gespräch. Darin durchwandert 1934 ein junger Engländer, noch keine 20 Jahre alt, entlang der großen Flüsse Rhein und Donau den halben Kontinent und beschreibt diese unglaubliche Reise ein halbes Jahrhundert später. Weiterlesen

Der Aufmarsch – Das Buch zum Krieg

Daß der russische Angriff auf die Ukraine nicht aus dem Nichts kam, sondern eine lange Vorgeschichte hat und also Verantwortlichkeiten verteilt, ist in unseren Lesezirkeln Konsens. Gemeinhin wird dann das eine oder andere Ereignis, die eine oder andere Konferenz oder Konvention angeführt, um beispielhaft zu beweisen. Dabei hat Jörg Kronauer den gesamten Vorlauf akribisch aufgearbeitet und in ein Buch gepreßt. Er kann sich dabei auf jahrelange Vorstudien beziehen, denn mit seinen Arbeiten  „Ukraine über alles“ (2014) und „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“ (2018) hatte er das komplexe Terrain bereits abgeschritten.

Weiterlesen

Edzard Schapers Wiedererweckung

Gesamtauflage sechs Millionen und heute dennoch nahezu unbekannt – wie ist das möglich? Dies ist nur eine von vielen Fragen, denen Uwe Wolff in seiner bedeutenden Edzard-Schaper-Biographie nachgeht. Bedeutend ist sie nicht nur für Wolff, den Angelologen, den Schüler Blumenbergs, den Autor bei „Tumult“, der „Tagespost“ und „NZZ“, der in Schaper eine verwandte Seele mit ähnlichen inneren Wandlungen entdeckt, bedeutend ist sie vor allem, weil sie zum einen genuine Archivarchäologie betreibt und seltene Funde hervorbringt und zum anderen in eine aus deutscher Sicht wenig beachtete historische Komplexität einführt: in das gesellschaftliche und politische Leben des Baltikums und Skandinaviens, das vom deutschen Schicksal nicht zu trennen ist.

Weiterlesen

Klimawandel neu gedacht

Follow the science” skandieren die Thunberg-Jünger. Täten sie es, müßten sie ganz andere Forderungen aufstellen. Das zumindest behauptet Bjørn Lomborg in seinem vor zwei Jahren erschienenen und hier in wunderbar flüssiger Übersetzung endlich auf Deutsch vorliegenden Buch. In seiner Muttersprache nennt man Typen wie Lomborg „tryllemand“, das sind Menschen, die scheinbar zaubern können, die bezaubern und bannen. Atemlos folgt man seinem Wortstrom. Weiterlesen

Heimo Schwilks weiches Herz

Tagebuchveröffentlichungen müssen sich rechtfertigen: der Verfasser sollte historisches Gewicht mitbringen, von Bedeutung sein und die von ihm notierten Ereignisse und Gedanken sollten selbstredend erzählens- und erhaltenswert sein.

Weiterlesen

Das Phänomen Zeller

Ein Phänomen ist im Alltagsgebrauch zweierlei: eine Ausnahmeerscheinung und ein Rätsel – und in diesem Verständnis ist Bernd Zellers karikaturistische Arbeit ein Phänomen!

Wie es funktioniert, was sein „Trick“ ist, darüber sinne ich seit Jahren nach und habe noch keine Antwort gefunden, die sein Schaffen begrifflich festnageln könnte. Am Grunde seines Wesens – so eine Arbeitshypothese – ist er gar kein Karikaturist, sondern ein begnadeter Aphoristiker, der zudem die seltene Gabe besitzt, den satirischen Zeichenstift punktgenau zu setzen.

Weiterlesen

Die Welt nach Harry Potter

Ich traue meinen Ohren nicht – im ungarischen Oppositionsradio gibt’s ein langes Feature zu Harry Potter und seinen Verfilmungen. Das kann nur eines bedeuten: der Ungeist weht noch immer. Hier mein Bannspruch, ausgesprochen vor über 20 Jahren, hier auch schon mal präsentiert, aber noch immer gültig und offensichtlich notwendig.

Weiterlesen

Karlstadt – Luthers (ewiger) Widersacher

Jedes Jahr zum Reformationstag lese ich ein Buch zum Thema – diesmal: A.O.Schwede: Der Widersacher.
Ich will mein Archidiakonat und alle Güter, die ich habe, freiwillig aufgeben, auf Vater, Mutter, Bruder und Schwester verzichten, alles gelassen am Leib und Seele, das mich von göttlichen Zusagen zieht oder entfernt. Ich weiß, daß ich gelassen sein muß und alle Kreaturen gelassen muß. Ja, ich muß nicht allein euch, sondern mich selber gelassen, ich darf mich meines Leibes und Lebens nicht annehmen.“ Andreas Karlstadt

Gut zwei Jahre lang beschäftigte mich während des Studiums die Reformation, der Bauernkrieg, vor allem natürlich die übermächtige Gestalt Luthers. Bald aber kam eine historische Figur in den Fokus, deren Bedeutung für den frühreformatorischen Prozeß kaum zu überschätzen, die dennoch aber wenig bekannt ist und falls doch, dann zumeist unter falschen Zuschreibungen. Und diese stammten von Luther höchstpersönlich und hielten sich durch die Jahrhunderte.

Die Rede ist von Andreas Bodenstein, bekannt als Karlstadt.

Weiterlesen

Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

Weiterlesen

Hasnain Kazim: Mein Kalifat

„Demokratie? Ich bin hier, um die Demokratie zu verteidigen! Nicht, um sie zu praktizieren.“  (Der Kalif)

Hasnain Niels Kazim liebt seine deutsche Heimat! Das meint das Dorf Hollern-Twielenfleth und das Alte Land und das liegt irgendwo da oben. Er liebt die Landschaft, den Dialekt, die Leute, das Essen, alles. Aber er liebt auch Österreich, Wien und die Wiener, oder Pakistan, wo seine Familie herstammt, und überhaupt kann der Weitgereiste jeder Gegend, in der er gelebt hat, etwas abgewinnen, nur Sachsen nicht, denn dort gibt es Pegida. Von dort her wird – so empfindet er ganz aufrichtig – seine geliebte Heimat bedroht. Der sächsische Dialekt ist ihm ein Graus – man kann das verstehen –, die Teilnahme an einer Pegida-Demonstration war ihm Schlüsselerlebnis.

Weiterlesen

Aus der Zeit gefallen – Nadolny

VesaasJüngerNadolny

Nadolny, der Erzähler, fällt gleich mit der Tür ins Haus. Schon der Titel seines Romans – „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – ist programmatisch und sein erster Satz ringt alle Ambiguität nieder: „John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte.“ Stattdessen hielt er stundenlang das Seil und blickte durch die Aktivitäten der anderen Kinder hindurch in eine andere Zeitdimension.

Weiterlesen

Aus der Zeit gefallen – Jünger

VesaasJüngerNadolny

Es fällt dem Leser Vesaas‘ mitunter schwer, sich seinen Helden Matti als erwachsenen Mann vorzustellen, so „kindlich“ sind seine Gedankengänge, seine Handlungen, seine Sprache. Dieses Problem hat Ernst Jüngers Figur aus „Die Zwille“  nicht, denn Clamor Ebling ist gerade – zu Beginn der Handlung – Schüler eines Gymnasiums geworden. Sein Lebensweg wurde von einem Vormund umgelenkt, er wurde „verpflanzt“, aus seiner dörflichen Heimat, aus seinem Horizont herausgerissen und ins Stadtleben geworfen. Für Clamor beginnt eine Schreckenszeit, in der ihn die Angst regiert. Jünger macht aus dem Leid kein Hehl, immer wieder benennt er die Defizite des Jungen mit aller Klarheit – „das Tier“ Angst „lag immer auf der Lauer“:

Weiterlesen

Aus der Zeit gefallen – Vesaas

VesaasJüngerNadolny

Johannes Møllehave hatte irgendwo geschrieben, er halte Tarjej Vesaas‘ Roman „Fuglane“ – „Die Vögel“ – für die wichtigste Lektüre seines Lebens und Ove Knausgård adelte den Roman als den besten norwegischen aller Zeiten. Der verdienstvolle Guggolz-Verlag, dem wir auch das wundersame „Straumeni“ verdanken, hatte letztes Jahr nun auch Vesaas dem deutschen Publikum in neuer Übersetzung ins Gedächtnis gerufen. Allerdings war Vesaas nie – wie im Feuilleton immer wieder betont wird – ein „wiederentdeckter“ oder „vergessener“ Autor, weder in Deutschland noch in Skandinavien. Erstens hatten Benziger und Hinstorff in den 60er Jahren hüben wie drüben Vesaas verlegt und zweitens war der Autor in der skandinavischen Literatur stetig präsent und diskutiert. Da wurde eigene Unkenntnis zu schnell verallgemeinert.

Das ist deswegen erwähnenswert, weil das unisono überschwengliche Urteil im Feuilleton dadurch relativiert wird und man sich folglich fragen muß, weshalb der fast 65 Jahre alte Roman nun Begeisterungsstürme provoziert.

Weiterlesen

Zeitschriften – Greenpeace Magazin

Seit vielen Jahren liegt diese Zeitschrift alle zwei Monate in unserem Briefkasten – ich habe sie meist nur nebenbei durchgeblättert, so wie man das in einem Wartezimmer etwa tut, die neueste Nummer habe ich mir nun zwecks Vorstellung, etwas genauer angeschaut.

Weiterlesen

Das Neue des Alten

„Ja, so geht es in der Welt. Kaum sieht es hell aus, da wird es wieder dunkel. Wir müssen nur dem Unseren treu bleiben, so wird es zu guter Letzt doch alles gut.“ Pastor Castbierg

Um Niemandes Zeit zu verschwenden, sage ich gleich vorweg: nachfolgend werde ich einen Roman, einen bedeutenden und hochaktuellen Klassiker besprechen, den es weder auf Deutsch noch auf Englisch zu lesen gibt – bisher!

Die Rede ist von Jakob Knudsens „Den gamle præst“ (Der alte Priester), ein Buch, das 1899 erschien und Knudsens Durchbruch in der dänischen Literatur brachte. Allerdings fast gänzlich aus Mißverständnis. Skandal schrien die Klerikalen und Jubel bekam Knudsen aus freidenkerischer und progressistischer Ecke. Gemeint war alles umgekehrt.

Weiterlesen

Identitäten

Gegneranalyse III

Kwame Anthony Appiah hat ein wichtiges Buch geschrieben – es ist so wichtig, daß die „Bundeszentrale für politische Bildung“ es in ihr Programm aufgenommen hat. Es gilt in linken Kreisen als bedeutende Streitschrift, mit deren Argumentation man den Begriff der „Identität“ endlich beiseitelegen könne. Stimmt das?

Weiterlesen

Kubitschek: Hin und zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

Weiterlesen

Theorie der Diktatur

Philosophie – das muß man sich vor Augen halten – war noch vor hundert Jahren Husserl, Dilthey, Heidegger, war Peirce, James, Moore, war jedenfalls ein zähes, zermürbendes analytisches, oft lebenslanges Ringen, ein immer wieder neu Beginnen und folglich auch ein sich selbst befragen und verwerfen. Heute ist Philosophie – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Precht, Eilenberger, Garcia oder eben Onfray.

Weiterlesen

Drei Zeitschriften – Tumult

2. Tumult

 Wie sagt der Engländer? It blew me away! „Tumult“ – gleich vorweg – ist ein Magazin allererster Güteklasse, ich kann nur schwärmen, habe es von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen, viele Unterstreichungen gemacht, immer wieder Recherchen angestellt, Bücher bestellt oder begutachtet, mich immer wieder belehrt und angeregt gefühlt und auch das Gefühl gehabt, nicht dauernd das Gleiche und Altbekannte, sondern wirklich Originelles zu lesen. Geärgert habe ich mich nur darüber, daß ich die Zeitschrift nicht schon früher geordert habe.

Weiterlesen