Das Phänomen Zeller

Ein Phänomen ist im Alltagsgebrauch zweierlei: eine Ausnahmeerscheinung und ein Rätsel – und in diesem Verständnis ist Bernd Zellers karikaturistische Arbeit ein Phänomen!

Wie es funktioniert, was sein „Trick“ ist, darüber sinne ich seit Jahren nach und habe noch keine Antwort gefunden, die sein Schaffen begrifflich festnageln könnte. Am Grunde seines Wesens – so eine Arbeitshypothese – ist er gar kein Karikaturist, sondern ein begnadeter Aphoristiker, der zudem die seltene Gabe besitzt, den satirischen Zeichenstift punktgenau zu setzen.

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Die Welt nach Harry Potter

Ich traue meinen Ohren nicht – im ungarischen Oppositionsradio gibt’s ein langes Feature zu Harry Potter und seinen Verfilmungen. Das kann nur eines bedeuten: der Ungeist weht noch immer. Hier mein Bannspruch, ausgesprochen vor über 20 Jahren, hier auch schon mal präsentiert, aber noch immer gültig und offensichtlich notwendig.

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Karlstadt – Luthers (ewiger) Widersacher

Jedes Jahr zum Reformationstag lese ich ein Buch zum Thema – diesmal: A.O.Schwede: Der Widersacher.
Ich will mein Archidiakonat und alle Güter, die ich habe, freiwillig aufgeben, auf Vater, Mutter, Bruder und Schwester verzichten, alles gelassen am Leib und Seele, das mich von göttlichen Zusagen zieht oder entfernt. Ich weiß, daß ich gelassen sein muß und alle Kreaturen gelassen muß. Ja, ich muß nicht allein euch, sondern mich selber gelassen, ich darf mich meines Leibes und Lebens nicht annehmen.“ Andreas Karlstadt

Gut zwei Jahre lang beschäftigte mich während des Studiums die Reformation, der Bauernkrieg, vor allem natürlich die übermächtige Gestalt Luthers. Bald aber kam eine historische Figur in den Fokus, deren Bedeutung für den frühreformatorischen Prozeß kaum zu überschätzen, die dennoch aber wenig bekannt ist und falls doch, dann zumeist unter falschen Zuschreibungen. Und diese stammten von Luther höchstpersönlich und hielten sich durch die Jahrhunderte.

Die Rede ist von Andreas Bodenstein, bekannt als Karlstadt.

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Alles Narren und Schwindler?

We should not aim for a world without power, but for a world where power is consented to, and where conflicts are resolved according to a shared conception of justice.  Roger Scruton [1]

Daß Roger Scruton, der englische Vorzeige-Konservative unter den Philosophen, mit „Fools, Frauds and Firebrands“ ein wesentliches Buch verfaßt hatte, und daß der Finanzbuchverlag selbiges voluminöses Werk nun unter dem Titel „Narren, Schwindler, Unruhestifter“ auf den deutschen Markt brachte, ist zweifelsohne verdienstvoll und ist bei der rechten Intelligenz begeistert aufgenommen worden. Von der Begeisterung kann man sich etwa auf dem „Kanal Schnellroda“ überzeugen.

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Hasnain Kazim: Mein Kalifat

„Demokratie? Ich bin hier, um die Demokratie zu verteidigen! Nicht, um sie zu praktizieren.“  (Der Kalif)

Hasnain Niels Kazim liebt seine deutsche Heimat! Das meint das Dorf Hollern-Twielenfleth und das Alte Land und das liegt irgendwo da oben. Er liebt die Landschaft, den Dialekt, die Leute, das Essen, alles. Aber er liebt auch Österreich, Wien und die Wiener, oder Pakistan, wo seine Familie herstammt, und überhaupt kann der Weitgereiste jeder Gegend, in der er gelebt hat, etwas abgewinnen, nur Sachsen nicht, denn dort gibt es Pegida. Von dort her wird – so empfindet er ganz aufrichtig – seine geliebte Heimat bedroht. Der sächsische Dialekt ist ihm ein Graus – man kann das verstehen –, die Teilnahme an einer Pegida-Demonstration war ihm Schlüsselerlebnis.

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Aus der Zeit gefallen – Nadolny

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Nadolny, der Erzähler, fällt gleich mit der Tür ins Haus. Schon der Titel seines Romans – „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – ist programmatisch und sein erster Satz ringt alle Ambiguität nieder: „John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte.“ Stattdessen hielt er stundenlang das Seil und blickte durch die Aktivitäten der anderen Kinder hindurch in eine andere Zeitdimension.

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Aus der Zeit gefallen – Jünger

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Es fällt dem Leser Vesaas‘ mitunter schwer, sich seinen Helden Matti als erwachsenen Mann vorzustellen, so „kindlich“ sind seine Gedankengänge, seine Handlungen, seine Sprache. Dieses Problem hat Ernst Jüngers Figur aus „Die Zwille“  nicht, denn Clamor Ebling ist gerade – zu Beginn der Handlung – Schüler eines Gymnasiums geworden. Sein Lebensweg wurde von einem Vormund umgelenkt, er wurde „verpflanzt“, aus seiner dörflichen Heimat, aus seinem Horizont herausgerissen und ins Stadtleben geworfen. Für Clamor beginnt eine Schreckenszeit, in der ihn die Angst regiert. Jünger macht aus dem Leid kein Hehl, immer wieder benennt er die Defizite des Jungen mit aller Klarheit – „das Tier“ Angst „lag immer auf der Lauer“:

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Aus der Zeit gefallen – Vesaas

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Johannes Møllehave hatte irgendwo geschrieben, er halte Tarjej Vesaas‘ Roman „Fuglane“ – „Die Vögel“ – für die wichtigste Lektüre seines Lebens und Ove Knausgård adelte den Roman als den besten norwegischen aller Zeiten. Der verdienstvolle Guggolz-Verlag, dem wir auch das wundersame „Straumeni“ verdanken, hatte letztes Jahr nun auch Vesaas dem deutschen Publikum in neuer Übersetzung ins Gedächtnis gerufen. Allerdings war Vesaas nie – wie im Feuilleton immer wieder betont wird – ein „wiederentdeckter“ oder „vergessener“ Autor, weder in Deutschland noch in Skandinavien. Erstens hatten Benziger und Hinstorff in den 60er Jahren hüben wie drüben Vesaas verlegt und zweitens war der Autor in der skandinavischen Literatur stetig präsent und diskutiert. Da wurde eigene Unkenntnis zu schnell verallgemeinert.

Das ist deswegen erwähnenswert, weil das unisono überschwengliche Urteil im Feuilleton dadurch relativiert wird und man sich folglich fragen muß, weshalb der fast 65 Jahre alte Roman nun Begeisterungsstürme provoziert.

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Zeitschriften – Greenpeace Magazin

Seit vielen Jahren liegt diese Zeitschrift alle zwei Monate in unserem Briefkasten – ich habe sie meist nur nebenbei durchgeblättert, so wie man das in einem Wartezimmer etwa tut, die neueste Nummer habe ich mir nun zwecks Vorstellung, etwas genauer angeschaut.

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Das Neue des Alten

„Ja, so geht es in der Welt. Kaum sieht es hell aus, da wird es wieder dunkel. Wir müssen nur dem Unseren treu bleiben, so wird es zu guter Letzt doch alles gut.“ Pastor Castbierg

Um Niemandes Zeit zu verschwenden, sage ich gleich vorweg: nachfolgend werde ich einen Roman, einen bedeutenden und hochaktuellen Klassiker besprechen, den es weder auf Deutsch noch auf Englisch zu lesen gibt – bisher!

Die Rede ist von Jakob Knudsens „Den gamle præst“ (Der alte Priester), ein Buch, das 1899 erschien und Knudsens Durchbruch in der dänischen Literatur brachte. Allerdings fast gänzlich aus Mißverständnis. Skandal schrien die Klerikalen und Jubel bekam Knudsen aus freidenkerischer und progressistischer Ecke. Gemeint war alles umgekehrt.

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Identitäten

Gegneranalyse III

Kwame Anthony Appiah hat ein wichtiges Buch geschrieben – es ist so wichtig, daß die „Bundeszentrale für politische Bildung“ es in ihr Programm aufgenommen hat. Es gilt in linken Kreisen als bedeutende Streitschrift, mit deren Argumentation man den Begriff der „Identität“ endlich beiseitelegen könne. Stimmt das?

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Kubitschek: Hin und zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

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Theorie der Diktatur

Philosophie – das muß man sich vor Augen halten – war noch vor hundert Jahren Husserl, Dilthey, Heidegger, war Peirce, James, Moore, war jedenfalls ein zähes, zermürbendes analytisches, oft lebenslanges Ringen, ein immer wieder neu Beginnen und folglich auch ein sich selbst befragen und verwerfen. Heute ist Philosophie – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Precht, Eilenberger, Garcia oder eben Onfray.

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Drei Zeitschriften – Tumult

2. Tumult

 Wie sagt der Engländer? It blew me away! „Tumult“ – gleich vorweg – ist ein Magazin allererster Güteklasse, ich kann nur schwärmen, habe es von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen, viele Unterstreichungen gemacht, immer wieder Recherchen angestellt, Bücher bestellt oder begutachtet, mich immer wieder belehrt und angeregt gefühlt und auch das Gefühl gehabt, nicht dauernd das Gleiche und Altbekannte, sondern wirklich Originelles zu lesen. Geärgert habe ich mich nur darüber, daß ich die Zeitschrift nicht schon früher geordert habe.

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Die Ordnung der Dinge

Betrachtet man den dünnen, ununterbrochen fließenden Faden, konnte man in ihm eine große Ordnung erkennen, denn er lief herab ohne dicker oder dünner zu werden, und dasselbe fehlerfreie Maß, das den Lauf der Gestirne bestimmt, zeigt sich auch in den Fingern der Spinnerinnen.

Im Berliner Guggolz-Verlag, der sich zur Aufgabe gemacht hat, lang vergessene Meisterwerke der baltischen, nordischen und osteuropäischen Literatur zurück in den Strom der Leseflüsse zu führen, erschien nun unter den zahlreichen Preziosen ein gar wundersames, man darf sagen, einmaliges Buch: Straumēni.

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Sloterdijks Samthandschuhe

Bewahrung läßt sich nur durch Modernisierung verwirklichen. Die echten Konservativen sind progressiv, weil sie etwas haben, wovon sie überzeugt sind, es verdiene Bewahrung. Leerer Progressismus führt zu nichts. Nur wer etwas hat, wofür er die Hand ins Feuer legt, betreibt Bewahrungspolitik authentisch. Peter Sloterdijk

Diese kleine Sammlung später, vor allem coronaler Interviews ist zuvörderst ein Beweis des vitalen und virulenten vierzigjährigen Denkens Sloterdijks. Es stellt ihm ein ganzes, längst erarbeitetes Arsenal an Begriffen und Denkbewegungen zur Verfügung, die jetzige Ausnahmesituation ansatzweise zu erfassen.

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Homöopathie als Weisheitslehre

Gleich der erste Satz eine Wucht: „Dieses Buch ist keine Chronik einer Entwicklung. Alles, was vom Werden … Hahnemanns erzählt wird, wird mit Hinblick auf seine Vollendung erzählt.“ Tatsächlich wird das Buch in weiten Teilen nicht getrieben, sondern gezogen, nicht die Frage „warum“, sondern „wozu“ gestellt, und das eröffnet ganz andere Möglichkeiten, bringt aber auch Probleme mit sich. Zuvorderst entspricht diese Herangehensweise Hahnemanns Philosophie der reinen Phänomenalität, ist also genuine, komplementäre Aussage, und erlaubt ein intensives Sich-Einfühlen. Ja, Hahnemann wird nicht nur besprochen, er wird sogar direkt an-gesprochen, als wäre er noch immer präsent, immer schon und immer noch da. Und wirklich, die Homöopathie, die Fritsche uns vorstellt, ist plötzlich da und in gewisser Weise ewig und sie beginnt mit ihrem Höhepunkt, kennt also keine eigentliche Entwicklung, nur Varianten, meist Dekadenzen. Nur die tiefsten Weisheitslehren des Taoismus, des Buddhismus und des Kynismus können da mithalten, nur diese beginnen auch mit ihrem Höhepunkt (Laotse, Buddha, Diogenes). Damit, als letztes Ergebnis dieser Herangehensweise, wird der Homöopathie von vornherein ein transzendentaler Charakter zugesprochen.

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Das gespaltene Land

Maaz‘ Psychogramm speist sich aus zwei Kraftquellen: der Sorge um den seelischen Zustand des Heimatlandes und der jahrzehntelangen Arbeit mit psychoanalytischen Methoden. Aus dieser Vereinigung zweier scheinbar inkommensurabler Kategorien ergeben sich spannende und ungewohnte Einblicke, aber auch einige argumentative Schwierigkeiten.

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W a s t u n? Selbstrettung!

Wir rufen dazu auf, lange angebetete und todgeweihte Idole wie den Staat, die repräsentative Demokratie, die Großstadt, das moderne Schulsystem, die angebliche Notwendigkeit zum andauernden Abbüßen der geschichtlichen Schuld der Europäer oder die Idealisierung dessen, was „anders“ ist, loszulassen und vielmehr eine ausschließlich vom Persönlichen ausgehende Haltung einzunehmen. (David Engels)

Historisch wird der Konservatismus der Verlierer sein. Zu stark ist der progressistische Strom. Er hat alle Gesellschaftsbereiche begeistert mit sich gerissen: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Medien, Ideologie, Kirchen. Der Konservative kommt sich darin vor, wie der Fels in der Brandung und er meint zu sehen, daß bald alle Dämme brechen müssen, ruft dies dem wildgewordenen Strudel auch verzweifelt zu, wird aber hoffnungslos vom Gebrause übertönt. Die Einsicht in die Ausweglosigkeit greift um sich und während die einen noch fleißig investieren, kommunizieren und transformieren als gäbe es kein Morgen, beginnt im rechten Milieu die Einsicht um sich zu greifen, daß man nun – da der Wirbel wohl nicht zu stoppen ist – sich um sich selbst zu kümmern habe.

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Die Mühen der Ebenen

Dirk Neubauer, der Bürgermeister eines sächsischen Städtchens, ist ein Macher, ein Anpacker, einer der Kraft und Willen hat und zu verändern weiß. Solche Leute braucht das Land! Auch seine Biographie zeigt ein unstetes Element, das gerne Neues probiert und experimentiert – diese Menschen geben Vollgas, solange sie Lust haben. Der Vorteil: Neubauer hat Einblick in ganz verschiedene gesellschaftlich relevante Bereiche und aus seinem letzten Steckenpferd berichtet er: der Politik, der Regionalpolitik.

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