Die Sache mit der Meinungsfreiheit

Wenn von rechter Seite ein Verlust der Meinungsfreiheit in unserem Land beklagt wird, dann wird von linker Seite fast schon im Reflex geantwortet, daß das Unsinn sei, denn eigentlich könne doch jeder seine Meinung sagen, niemand komme dafür ins Gefängnis und es gebe auch die entsprechenden Organe, in denen selbst die krudesten Theorien vertreten werden dürften, und schließlich sei – das ist das ultimative Totschlagargument – die soeben vorgetragene Klage, daß es keine Meinungsfreiheit mehr gebe, durch sie selbst, durch die Klage, ad absurdum geführt, denn in einer Meinungsdiktatur wäre sie nicht möglich gewesen.

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Walser, Habermas, Höcke

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Vor 20 Jahren hielt Martin Walser seine legendäre Rede in der Frankfurter Paulskirche, deren Worte die deutsche Zivilgesellschaft bis heute ebenso erschüttern, wie die darin aufgezeigten und zu Bewußtsein gebrachten deutschen Idiosynkrasien. Stella Hindemith, eine Kulturwissenschaftlerin mit jüdischen Großeltern, hat dazu soeben einen aufschlußreichen und maßgebenden Artikel veröffentlicht, der den geistigen Zustand der „Eliten“ auf wunderbare Weise selbstkarikiert: „Im Umgang mit der deutschen Nazivergangenheit markierte Martin Walsers Rede in der Paulskirche eine Wende: Vor 20 Jahren verschob er die Grenzen des Sagbaren nach rechts.“

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Wiedersehen im Widerstand

Weit zurück in der Geschichte dieses Blogs liegt dieser Artikel: Gut zu wissen.

Darin findet sich eine Liste exklusiver Namen, die sich im Herbst 2015 durch kritische Kommentare – damals Mangelware, Sensation und tapfer – in jenes Lager geschlagen hatten, in dem auch ich und wohl die Mehrheit der Leser gelandet war. Das war und ist mir noch immer wichtig, denn der Zweifel, man könne irren und die permanente Arbeit daran, diesen Zweifel zu nähren, bleibt.

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Déjà-vu in Dresden

Ich mache mir Sorgen! Um meine Gesundheit. Im „Focus“ muß ich hören, daß Dauer-déjà-vus Symptom ernsthafter psychischer Krankheiten sein können.

Zugegeben, wenn der Angstgenerator „Focus“ die Wahrheit sagte, dann müßte ich schon lange an zerfressener Leber, Bluthochdruck, Diabetes 1, 2 und 3, Alzheimer, Demenz und Parkinson im Gesamtpaket, Haarausfall und 27 Krebsarten – außer Prostata natürlich! – zugrunde gegangen sein.

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Warum der Osten?

Selbstredend sind die Gründe, weshalb der Osten so anders als der Westen wählt, vielfältiger als gestern angedeutet. Einige davon sind, in aller Kürze und ohne wertende Reihung, folgende:

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Die letzten Helden

Some people think football is a matter of life and death. I assure you, it’s much more serious than that. Bill Shankly

In einer wertentkernten Welt wird die identitätsstiftende und geschichtstragende Rolle des männlichen Helden, die seit Jahrtausenden im mythologischen Zentrum der Großzivilisationen lag, nach außen verlagert und medial an Männer vergeben, die es zu überragender und beeindruckender Meisterschaft im Werfen oder Treten von Bällen geschafft haben.

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Too close for comfort

… so sagen die Briten, die Weltmeister im Drumherumreden, in ihrer bildreichen Sprache, wenn sie einer Gefahr, einer Unannehmlichkeit zu nahe gekommen sind.

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Habermas und Holocaust

„Man könnte so weit gehen und sagen, daß der ganze linksliberale Block aus undeutlichen Habermasianern besteht. Für diese große Mehrheit ist typisch, daß sie sich für eine verfolgte Minderheit hält und daß sie ihre fast nirgends angefochtene kulturelle Hegemonie im Stil von Notwehr gegen einen übermächtigen Gegner ausübt.“ Peter Sloterdijk

Fünf Wochen nach Björn Höckes Dresdner Rede, in der bekanntlich das Wort vom „Mahnmal der Schande“ fiel, haben sich die Wogen wieder geglättet. Das ist der Moment der Reflexion, der Einkehr und der Erinnerung. Denn Höckes Rede hat eine lange und vertrackte Geschichte, die Geschichte des „Holocaust-Denkmals“ oder, wie es offiziell heißt, des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“.

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Das Buch des Jahres

Dies ist eine Werbeveranstaltung. Es soll den Lesern eines der wichtigsten – und ich sage bewußt nicht: bedeutendsten – Bücher der laufenden Debatte ans Herz legen.

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Allahu Akbar – eine Klarstellung

Es scheint in der deutschen Presse und Öffentlichkeit ein Mißverständnis zu existieren, wenn es um die islamisch-arabische Phrase „Allahu Akbar“ geht. Zwischen ihr und dem Terror wird ein Kurzschluß herbeigeführt, der schlimme Folgen haben kann.

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Rechne mit deinen Beständen

„Pressestelle Bistum Dresden-Meißen informiert: Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Bücherfreunde, aufgepaßt! Das Ökumenische Informationszentrum in Dresden löst seine Fachbibliothek auf. Wer Interesse an Lektüre zu den Themen Gerechtigkeit, Frieden, Umwelt und Ökumene hat – für den stehen rund 10.000 Bücher als Lesestoff bereit. Bei einem Bücherbasar vom 8. bis 13. August können die Werke gegen eine kleine Spende gleich mitgenommen werden.“

Eine solche Nachricht läßt den Bücherfreund elektrisiert zurück. Als ich sie empfing, stand der nächste Dresden-Besuch schnell fest. Vor dem geistigen Auge trug ich kistenweise Werkausgaben, Raritäten, Werke großer Denker heraus. Vielleicht war sogar ein Heidegger dabei – sonst unsäglich teuer – oder ein seltener Blüher oder Buber oder einfach eine interessante Neuentdeckung. Und damit ja keiner die Schätze vor meiner Nase abgreift, sind wir auch noch überpünktlich vor Ort und warten im Vorraum, in dem sich circa 50 arabischsprechende Menschen – sie wollen zur Immigrationsberatung auf der gleichen Etage – lautstark unterhalten, auf die Öffnung des Tores.

Aber schon ein erster schneller Blick läßt das geübte Auge einer traurigen Realität ins Gesicht schauen. Der Durchgang macht das wahre Ausmaß geistiger Ödnis bald deutlich. Statt anspruchsvoller Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft liegt die endlose intellektuelle Brache grüner und sozialdemokratischer Propagandaliteratur der 70er bis 90er Jahre vor mir. Beträchtliche Reihen an soziologischen Studien zur Ausgrenzung, zum Feminismus, zum Genderdenken, zur Umwelt und zum Frieden. Dazwischen ein paar dunkelrote Spritzer DKP- und SED-verseuchter Einpeitscher. Robert Steigerwald und Kurt Hager statt Blumenberg und Benjamin. Amnesty International statt (wenigstens) Frankfurter Schule. Einsam friert ein schmales Sammelbändchen Karl Barth zwischen Horst-Eberhard Richter, Hans Küng und ostdeutscher Gandhi-Literatur. Das einzige substantielle theologische Werk, Drewermanns „Strukturen des Bösen“ habe ich leider schon längst. Kein Teilhard, kein Rahner, kein Guardini, kein Nell-Breuning, kein Niemöller, nichts. Verzweifelt blättere ich in einem Buch Wolfgang Fritz Haugs über Gorbatschow, wo es zumindest ein halbinteressantes Kapitel über Lenin gibt, kann mich aber vor Entsetzen auch dazu nicht durchringen.

Trotzdem verlasse ich den Ort der geistigen Leere mit einer neuen Erkenntnis. Nun weiß ich, wes Geistes Kind das „Ökumenische Informationszentrum“ des Bistums Dresden-Meißen seit Jahrzehnten ist und wie tief die Begrünung und Versozialdemokratisierung der Gesellschaft, auch der religiösen, in Zeit und Raum tatsächlich reicht.

Rechne mit den Beständen.

Entwarnung: Moscheenzensus

Wieder so ein Qualitätsprodukt der Leitmedien. „Experten rechnen vor“ – wer die Experten sind, bleibt ungesagt.

Focus: Im vierstelligen Bereich: so viele Moscheen gibt es in Deutschland wirklich

Demnach „recherchiert“ die „Zeit“ und zählt alle Moscheen in Deutschland zusammen, denn bislang gibt es – das ist doch der eigentliche Skandal! – keine offizielle Bestandsaufnahme. Man kommt auf 2750. Ist das nun viel oder wenig? Wie kommt man auf diese Zahl, wenn es „keine offiziellen Auskünfte gibt“? Und was ist überhaupt eine Moschee? Ein Bau mit Kuppel und Minarett oder zählt jeder x-beliebige Gebetskeller im Hinterhaus dazu?

Der „Focus“ schießt den Vogel an Unwissenheit ab, indem er uns das sehenswerte Yenidze-Gebäude in Dresden präsentiert – das definitiv nie eine Moschee war, sondern eine Zigarettenfabrik.

Schön, aber keine Moschee: Yenidze in DD

Schön, aber keine Moschee: Yenidze in DD

Überhaupt will man beim linkspopulistischen „Focus“ durch die Blume Entwarnung geben ohne freilich den Mut zu haben, wirklich zu bekennen. Das signalisiert der Eingangssatz: „In Deutschland gibt es schätzungsweise sechzehn Mal mehr christliche Kirchen als Moscheen.“ Also kein Grund zur Panik.

Doch ist die Zahl sinnlos, wenn man nicht die Dynamik betrachtet. Wie viele Moscheen gab es vor 50 Jahren? Wir wissen es nicht, doch dürfte die Zahl nicht im vierstelligen, sondern eher im zweistelligen Bereich gelegen haben. Und vor 40 Jahren, vor 30, vor 20, vor 10 Jahren? Man riskiert keine Lüge, wenn man von einem exponentiellen Wachstum ausgeht.

Merken wir uns den Faktor 16. Die nächste Zählung wird ihn nicht mehr bestätigen und in 10, 20, 30, 40 oder 50 Jahren wird er Makulatur sein.

Allein unsere Presse bleibt stoisch und lebt – im Hier und Jetzt.

Daraa-Dresden und zurück

Die Welt ist ein Dorf und Deutschland ist die Welt – mit besonderem Kontakt zu Syrien.

Als ich Dresden für einen Ausflug vorschlage, ist Khaled sofort dabei. Er hatte sowieso dort zu tun, er müsse seine Klamotten aus Syrien abholen. Wie? Was? Die Geschichte ist so:

Er hat einen guten Freund in Istanbul, ein Syrer, der dort ein Lampengeschäft betreibt und offenbar recht erfolg- und reich. Von ihm erfährt Khaled in Sachsen – alles über Mobiltelephon natürlich –, daß eine Familie aus Daraa nach Deutschland fliehen will. Könnte die nicht gleich seine Klamotten mitbringen, die noch irgendwo im Süden Syriens lagern? Ein Anruf  aus Istanbul genügt, die Sache ist gebongt.

Wochen später kommt die Familie, nebst Khaleds Kleidungsstücken, in München an. Kontakte in die sächsische Provinz gibt es keine, aber man kennt jemanden in Dresden. Beim nächsten Besuch nimmt dieser Dresdner Syrer Khaleds Kleidung aus Daraa mit zu sich nach Hause. Khaled kennt ihn nicht, das spielt keine Rolle, Syrer zu sein, verbindet genügend. Noch einmal organisiert die Istanbuler Zentrale alles. Der letzte Schritt ist einfach: Khaled muß nach Dresden, verabredet sich dort mit dem Mann, man trifft sich am Bahnhof und voilà, mein syrischer Freund steht plötzlich mit Rucksack da. Alles zum Nulltarif.

Abends schlendern wir noch die Prager Straße entlang. Zum ersten Mal esse ich Shawarma. Khaled bestellt auf Arabisch. Wir bummeln weiter. Ein junges sehr hübsches Mädchen im blauen Kopftuch kommt uns entgegen. Khaled strahlt plötzlich über beide Wangen, wird ein bißchen rot und schreitet freudig auf sie zu. Sie plauschen ein paar Minuten, verabschieden sich artig.

Woher kennst du die? Aus Daraa!

Djihad beim Zahnarzt

Dresdener Impressionen

In der Universitätsbibliothek sitzt ein junger Mann neben mir – ich kenne ihn vom Sehen noch vom letzten Mal: er paukt Medizin bis in die Nacht und leidet oft mächtig, stöhnt, ruckelt unruhig auf dem Stuhl hin und her, schaut auf das Handy, steht auf, setzt sich, stöhnt …

Ich lese über Asabiyya und Polis. Der arabische Begriff will mir nicht recht aufgehen und da mein Nachbar arabisch ausschaut, frage ich ihn. Wir sind uns nicht unsympathisch. Es ist Freitag, der 13. – um diese späte Stunde müssen die Pariser Attentäter schon auf dem Weg gewesen sein.

Tags darauf versuche ich den Begriff „irhaab“ (رهاب إ), das arabische Wort für „Terror“, zu verstehen. Ist in diesem Begriff auch die „Botschaft“ enthalten? Gibt es den Begriff im Koran oder ist es, wie bei uns, ein Neologismus? Auch im Arabischen, erfahre ich, ist das Wort neu, wohl einer dieser von Gelehrten geschaffenen Begriffe, um moderne Phänomene zu fassen.

So kommen wir ins Gespräch. Er ist aus Palästina, 24 Jahre alt und studiert Zahnmedizin. Will er zurück? Ja, denn hier wäre es zwar leichter, aber was solle aus seiner Heimat werden, wenn alle ausgebildeten und jungen Menschen das Land verlassen? Eine Bilderbuchantwort, die ihn nur noch sympathischer macht. Und dann so ein Hammersatz: Er verstehe sein Studium als eine Art des Djihads. Ich erschrecke, er bemerkt das und erklärt, daß wir oft eine falsche Vorstellung von diesem Begriff hätten. Er bedeute eben nicht nur Kampf und Krieg, sondern auch Bemühung, Anstrengung, Kampf als Ringen um etwas und wenn er seinem Volke helfe, dann diene das auch der islamischen Sache. Der Gedanke helfe ihm beim Lernen.

Was er von den Attentaten halte? Er verstehe den IS nicht. Muslime seien das jedenfalls keine. Man könne den Koran nicht nach seinem Gutdünken nutzen, sondern müsse ihn als Ganzes sehen. Zum Beispiel Alkohol: Im Koran gebe es zwei Stellen zu diesem Thema – einmal empfehle Mohammed maßvolles Trinken, ein andermal verbiete er es. Also gilt Alkoholverbot, das stärkere, absolutere Argument. So auch beim Töten – zwar gebe es diese Tötungsstellen, aber auch jene, wo zur Barmherzigkeit gegenüber Mensch, Tier und sogar Bäumen aufgerufen wird. Letztere seien dann die allgemein gültigen und wer sich nur einzelne Aussagen herauspickt, ist im Unrecht.

Aber im Grunde genommen wisse er nicht viel über Religion und Philosophie. Überhaupt habe er erst seit zwei Jahren, seit er in Dresden ist, begonnen sich mit dem Islam zu beschäftigen. Ständig würden ihn Leute fragen, also mußte er sich belesen und in der Fremde findet man ohnehin viel leichter zu seiner eigentlichen Identität. Das hat gar nicht unbedingt mit sozialer Ausgrenzung zu tun, sondern einfach mit der Situation, ein Fremder, ein Anderer zu sein, selbst wenn man – wie er – vollkommen eingegliedert ist. Nun glaubt er umso fester daran. Dieses Buch sei einfach anders als alle anderen, ein ganz besonderer Zauber gehe davon aus. Und dann: Mohammed wußte so viele Sachen, die wir erst heute als richtig begreifen. Zum Beispiel, daß jeder Mensch einen eigenen Fingerabdruck hat. Woher konnte der das wissen, wenn nicht aus göttlicher Offenbarung? Oder die genaue Beschreibung der Einpflanzung des Phötus in die Gebärmutter – dieses Argument kannte ich schon von meinem Syrer Hussain.

Der Mord an Khaled B.

Mehrere Male habe ich versucht, meine beiden eritreischen Sprachgruppen mit dem Mord des eritreischen Asylsuchenden Khaled B. zu konfrontieren. Zur Erinnerung:

Am 13. Januar 2015, einem Montag, einem Pegida-Tag, wurde ein eritreischer Mann vermißt, tags darauf die Leiche gefunden. Äußere Gewalteinwirkung soll nicht sichtbar gewesen sein, weshalb eine Obduktion angeordnet wurde. Diese wiederum brachte tödliche Stichwunden zum Vorschein, woraufhin in einem Mordfall ermittelt wurde.

Sofort und lange bevor polizeiliche Erkenntnisse kund wurden, schrillten in den dafür bekannten Medien die Alarmglocken, man sah die Pegida-Saat aufgehen, eine fremdenfeindliche Tat mußte es sein, man stellte einen Zusammenhang zu den Demonstrationen her. Grünen-Politiker Beck vermutete eine polizeiliche Verschwörung und stellte Strafanzeige gegen die Polizei, linke und grüne Politiker*innen twitterten und facebookten, Antifa-Demonstrationen fanden statt, auf denen „Rassismus tötet“ skandiert und brutale Straßenschlachten mit der Polizei geführt wurden. Selbst die internationale Presse berichtete, internationale Menschenrechtsorganisation appellierten an die deutsche Politik gegen Extremismus vorzugehen …

Zwei Wochen darauf wurde der Täter ermittelt: Es war der ebenfalls eritreische Asylsuchende Hassan S., der in Gegenwehr gehandelt haben will, der am 6.11. aber dennoch zu fünf Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt wurde.

Quelle BR

Quelle: br.de

Auf einem der Photos der „spontanen Mahnwache“ vom 14.1., die sich zu einer „Spontandemo“ entwickelte, erkannte ich einen meiner Schüler – Mohammed – wieder. Im Zusammenhang mit der Meldung über den Prozeß, befragte ich ihn dazu. Ja, er sei deswegen nach Dresden gereist – wie viele andere. Ob er wisse, wer der Täter sei? Nein, er verstehe nicht recht.

Und das ist der Tenor aller dieser Versuche. Es gab sehr große Aufmerksamkeit, wenn ich den Fall besprach. Einige schienen die involvierten Personen auch gekannt zu haben. Daß der Täter jedoch ein Landsmann gewesen sein soll, schien ihnen nur schwer verständlich zu sein. Die Reaktionen waren ausweichend, fast schamhaft. Es ist mir nicht gelungen, konkrete Aussagen zu erlangen. Immer wieder versteckte man sich hinter dem rettenden „nicht verstehen“.

Nun versuchte ich ihnen zu erklären, daß es sich nicht um die Tat eines Rechtsextremen gehandelt habe. Aber auch hier stieß ich auf Verständnis-schwierigkeiten. Was ein Rechtsextremer, ein Skinhead, ein Neonazi sei, konnten oder wollten sie nicht verstehen. Trotzdem gab es sehr aufgeregte Diskussionen auf Tigrinya.

Schließlich entschied ich, den Zeitungsartikel über den Prozeß der besten Schülerin zu geben, mit der Aufgabe, ihn zu übersetzen und die anderen beim nächsten Mal zu informieren. Auf die Frage, ob sie die Übersetzung geschafft hätte, antwortete die junge Frau positiv, fing aber erneut an, um den heißen Brei herumzureden, so als sei es ein Sakrileg oder überschreite die Schamgrenze, zu sagen: Einer von „uns“ war es. Die Namen von Täter und Opfer weisen auf muslimische Männer hin – die Gruppen bestehen zu 70% aus Christen. Vielleicht ist das eine Hürde? Oder ist es wirklich die Angst vor Gewalttaten oder spricht man einfach nicht darüber …?

In solchen Momenten bleiben mir diese Menschen fremd.

DD-Dialog

Dresdener Impressionen

– Stehen Sie schon immer hier?
– Nein.
– Seit wann?
– Einiger Zeit.
– Und warum?
– Wegen der Sicherheit der Verkäuferinnen …
– Ist die Sicherheit der Verkäuferinnen denn gefährdet?
– … und wegen den Waren.
– Ach so?
– Die Inventur hat ergeben, daß in letzter Zeit verstärkt …
– War das schon immer so?
– Nö.
– Womit hängt das zusammen?
– Nu, ja, keine Ahnung …
– Das hat nicht etwa mit der neuen Einrichtung zu tun?
– Nö …, es gibt genügend Deutsche, die auch klauen.
– Ja, da haben Sie leider recht.

Dieser Dialog fand am 11.11. nicht um 11.11 Uhr statt. Handelnde Personen: der Verfasser und ein Sicherheitsmann eines örtlichen Sicherheitsdienstes in grüner Phantasieuniform. Ort: Der Nacht-Konsum Münchner Straße, Ecke Würzburger Straße in Dresden.

Konsum

Dort hatte es drei Wochen zuvor eine schwere Vergewaltigung gegeben. Als Täter wurden zwei Männer „südländischen Aussehens“ gesucht. In 700 m Entfernung, in den Sportstätten der TU Dresden, befindet sich seit August eine Asylunterkunft für 600 Asylsuchende. Diese „Vergewaltigung“ hat sich mittlerweile als Vortäuschung einer Straftat erwiesen!

TU

Gefragt habe ich den Wachmann, nachdem eine ortsansäßige Bekannte mir von einem Einkaufserlebnis berichtete. Demnach betraten nach 21 Uhr mehrere dunkelhäutige Männer mit leeren Bierflaschen das Geschäft, was nicht nur ihr, sondern sichtlich auch den beiden Verkäuferinnen einen Schrecken einjagte. Die ältere Dame rief sofort die jüngere Kollegin an die Kasse, um die Männer möglichst schnell und reibungslos zu bedienen. Auf Nachfrage gestanden die beiden Verkäuferinnen, tatsächlich Angst zu haben, insbesondere nach Ladenschluß, wenn sie an Gruppen junger und wohl auch alkoholisierter Männer im anliegenden Park vorbei gehen müssen.

Die Sorge der Frauen erweist sich als unbegründet – die jungen Männer bezahlen ihre Getränke und verlassen das Geschäft. Wenige Tage darauf steht seither der Wachmann an der Kasse …

Kleine Flaggenkunde Pegida II

Dresdener Impressionen

Neben den Staatsflaggen findet sich auch eine ganze Reihe von Landesflaggen.

Eine brandenburgische Fraktion:

Brandenb

Bayern im Lichterglanz:

Bayern

Die sächsische Flagge mit Wappen. Auch das stellt eigentlich eine Ordnungswidrigkeit dar, da diese Flagge nur staatlichen Institutionen zusteht. Frei hingegen ist die grün-weiße Flagge.

SAchsen klassisch

Auf die „stolze Tradition Sachsens“ wollte der Träger dieser Flagge hinweisen.

Sachseb König

Auf ihr ist das Wappen des Königreiches Sachsen zu sehen – die Flagge war von 1816 bis 1918 im Dienst. Sie erinnert u.a. an die 1848/49 er Revolution. Auch die schwarz-gelbe (nicht Dynamo Dresden) Vorgängerflagge des Königreichs Sachsen (1805-1815) war zu sehen.

Wer bei der Niederschlesischen Flagge

schlesien

reflexartig „Revanchismus“ ruft, muß sich historisch belehren lassen. Der Träger gab als Argument vor, seine Frau sei aus Glogau, weshalb er die Flagge trage. Ich selbst war der Meinung, das sei „nicht ganz ohne“. Tatsächlich aber gehörten Teile des heutigen Sachsen – Niederlausitz (Görlitz) – zur preußischen Provinz Schlesien und wurden nach 1945 Sachsen zugeschlagen. Das Tragen der gelb-weißen Flagge ist laut Verfassung des Freistaates auch heute noch in diesen Gebieten – ebenso wie in den sorbischen Gebieten die sorbische Flagge – neben der sächsischen gleichberechtigt erlaubt.

Zwei Flaggen stellten mich vor große Rätsel.

Saarland

Weißes skandinavisches Kreuz auf rotem und blauem Grund – der Träger war aus dem Saarland angereist und trug die saarländische Protektoratsflagge, die von 1946 – 1957 gültig war.

„Flag of Saar (1947–1956)“ von User:Khardan - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons ©https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flag_of_Saar_

© Wiki gemeinfrei

In diesen Jahren war das Saarland zwar Frankreich unterstellt – daher die Tricolore-Farben –, besaß aber eine teilweise Souveränität. 1955 wurde dann in einem Volksentscheid die Angliederung an die Bundesrepublik mit 67% zu 33% legitimiert. Auf diesen Volksentscheid kam es dem Saarländer besonders an – er begriff das Mitführen der Flagge also als symbolischen Ausdruck für die Forderung nach Volksentscheiden in wesentlichen Fragen.

Träger dieser Flagge

Kurpfalz

war ein junger Mann in Bundeswehruniform. Er stammte aus Kaiserslautern und trug die (historische?) Flagge der Kurpfalz die wohl bis 1777, als die Wittelsbacher Linie ausgestorben war und die Pfalz Bayern angeschlossen wurde, gültig war.

Unter den politischen Flaggen, die bei Pegida-Demonstrationen gezeigt werden, muß man Phantasieprodukte oder Willensentäußerungen von Symbolen politischer Bewegungen unterscheiden.

Weltberühmt und eher dem linken Spektrum zugehörend, ist die Regenbogenflagge der Friedensbewegung mit der Aufschrift „Pace“ oder „Peace“.

pace

Sie wird auch bei Greenpeace und gelegentlich bei Homosexuellenkundgebungen gezeigt. Sie „dient in vielen Kulturen weltweit als Zeichen der Toleranz bzw. Akzeptanz, Vielfältigkeit, der Hoffnung und der Sehnsucht“ (Wiki).

Am ganz anderen Pol, was die Verbindlichkeit betrifft, ist dagegen die Flagge der „Identitären Bewegung“ einzuordnen, hier in einer stark stilisierten Form – es gibt sie auch in Umkehrfarben.

IdentitDas Lambda, der griechische Buchstabe „Λ“, steht für „Lakedaimon“, den antiken Stadtstaat, dessen geistiges Zentrum Sparta war. Die Identitären sind eine vor allem junge Bewegung – auch wenn der Träger der Flagge die 50 bereits überschritten haben dürfte – deren Hauptziel es ist, „den großen Austausch“ der Bevölkerung zu verhindern. Sie setzt dabei vor allem auf spektakuläre und symbolische Aktionen, bemüht sich aber auch um eine „metapolitische“ Fundierung.

Die Flagge „Widerstand“ konnte weder der Träger noch eine Recherche aufklären. Das Wort stand dort Pate für die zu transportierende Botschaft.

WiderstandGleiches gilt für die Phantasiefahne „Frieden – Mir – Peace“.

Freieden

Das Rentnerehepaar wollte eigentlich die in der DDR weit verbreitete Picassotaube, doch ist diese urheberrechtlich geschützt und diese weiße Taube auf hellblauem Grund kam dem am nächsten.

Eine Aufnahme der polnischen, ungarischen und norwegischen Landesfahnen ist mir leider nicht gelungen.

Fortsetzung: Kleine Flaggenkunde Pegida I