Denkanstöße – Bahro

Frage: Ich dachte an die Linke im engeren Sinne. Die hat doch den denunziatorischen Begriff des „vaterlandslosen Gesellen“ durchaus angenommen – bis heute, auch wenn man es vielleicht bestreiten würde. Man ist, natürlich, Europäer. „Deutschland halt´s Maul“ hieß eine Demo am 3. Oktober. Die nationale Frage war nie ein Thema für Linke.

Bahro: Da haben Sie recht. Ich habe das bei der 2. Sozialistischen Konferenz 1980/81 in Kassel erlebt, als jemand das Wort „nationale Frage“ in die Debatte einwarf. Da gab es einen Aufschrei. Ich saß im Präsidium und sagte zur Beruhigung, daß mich diese Erregung verwundere, wir seien doch wirklich alles Deutsche. Da war das Geschrei noch größer.

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Warum ich kein Vegetarier bin

Seit Marx‘ Zeiten hat vielleicht kein philosophisches Werk unser tatsächliches Leben derart geformt wie Peter Singers „Animal Liberation“ und kaum ein literarisches Werk dürfte die Gesellschaft bis in die Gesetzgebung hinein praktisch so geprägt haben wie Upton Sinclairs „The Jungle“. Beide Bücher wurden zur „materiellen Gewalt“ und beide behandeln unseren Umgang mit den Tieren. Das ist kein Zufall!

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Alles muß weg!

Jacques Schuster trägt einen Namen, der wie für die Guillotine gemacht zu sein scheint. Man sollte vermuten, daß so ein Mensch besonders vorsichtig mit seinen Forderungen ist. Aber nein, in der „Welt am Sonntag“, dem konservativen (hahahaha) Blatt im rasanten Abwärtstrend posaunt er in übergroßen Lettern aus: „Weg mit Hindenburg und Thälmann!

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Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

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Logik der Rettung

Jeder hat so seine Untoten. Für mich ist Rudolf Bahro einer: heute vor 20 Jahren starb er – in meinem Bewußtsein ist er so lebendig wie eh und je.

Das liegt im Grunde genommen an einem einzigen Buch, der „Logik der Rettung“, das ich – würde jemand danach fragen – ohne zu zögern, als das wichtigste Buch in meinem Leben bezeichnen würde, weil es eines der ganz wenigen Bücher ist, die direkt und unmittelbar mein Leben verändert haben. Wieder und wieder habe ich es durchgearbeitet und jede Lektüre ließ mich erschüttert zurück – das letzte Mal vielleicht vor 10,12 Jahren.

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Rechtsschwenk Marsch! Warum?

Wenn man glaubt, der Tiefpunkt einer Debatte sei erreicht, dann gibt es meist noch einen, der auch das letzte Halteseil kappt und den Flug in die Hölle antritt.

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Links und Rechts

Als man mir kürzlich sagte: „Du unterscheidest immer so streng in links und rechts“, da stutzte ich verdutzt einen Moment und versuchte instinktiv den Vorwurf – der darin enthalten war – abzuleugnen. Aber es genügt, auf die Titelliste zu schauen, um zu sehen, daß ins Schwarze getroffen wurde.

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Linke Liebe und richtige Liebe

Der aufrüttelnde – „Geschlechterrollen wurden in linken Kreisen höchstens pro forma in Frage gestellt“ – und bemerkenswert ehrliche – „ich stellte ihnen meine Vagina zur Verfügung, damit sie an und in mir ruhen und rasten konnten nach dem erschöpfenden Kampf gegen Nazis, die imperialistische Weltverschwörung und all die Bösen da draußen“ – Beitrag einer linken Feministin – ist das schon eine Platitude? – führt mich down the memory lane, weckt Erinnerungen.

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Wieviel Merkel braucht das Land?

Ehrlich gesagt, bin ich es satt! Es ödet mich an, immer und immer wieder auf die gleichen Mißstände aufmerksam zu machen …, aber nach einer kurzen Reflexion stellt sich doch die Überzeugung ein: Es muß sein, es ist Pflicht, selbst wenn man sich damit verbrennt.

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Das Kreuz mit der Identität

Vielleicht hat Rudolf Bahro nie einen wirklichen Berg erstiegen, aber er hat einen wesentlichen Satz dazu gesagt:  Wenn du einsam eine Weile einen Gipfel erklimmst, dann fängt der Berg mit dir zu sprechen an.

Otto Barth (1876–1916), Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner, 1911 ©Wiki

Otto Barth: Morgengebet der Kalser Bergführer auf dem Großglockner, 1911 ©Wiki

Der marxistische und grüne Selbstdenker wollte das Mystische betonen, das tief verinnerlichte Gefühl, das Menschen beschleicht, wenn sie mit grandioser Natur konfrontiert sind, wenn sie sich ihrer Nichtigkeit unmittelbar bewußt werden. Es ist letztendlich eine religiöse Empfindung. Berge und Gott oder die Götter gehören seit jeher zusammen. Dort wohnen sie, dort wachen sie und dort glauben die Menschen, ihnen besonders nahe zu sein. Moses, Jesus und Mohammed stiegen mit ihren Gesetzesoffenbarungen alle von Bergen herunter.

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Linkes Raunen

Wir wollen schon hier anmerken, daß konservativ ist, in Gesetzmäßigkeiten zu denken, die sich immer wieder herstellen, während fortschrittlich zu sein scheint, sich mit Erwartungen zu beschäftigen, die sich niemals erfüllen. (Moeller van den Bruck)

„Raunen“ ist so ein Wort, das der linke Diskurs besonders gern nutzt, wenn es um „konservatives Denken“, um nicht-linkes Denken geht und insbesondere dann, wenn der zu diskreditierende Denker gewisse geistige Anforderungen stellt, die bereits sprachlich einen „Elitismus“, eine Trennung von Spreu und Weizen anstreben. Hegel war schon so einer, aber Heidegger ist der Paradefall, ein „dunkler Rauner“ durch und durch, den man von Adorno und Popper her schon deswegen ablehnt und alle revolutionäre und analytische Philosophie (Habermas, Hösle u.a.) nehmen das „Raunen“ gern als Anlaß, Heidegger gar nicht erst (unvoreingenommen) zu lesen.

Evola ist auch so ein Rauner oder Stefan George oder Moeller van den Bruck … und im jetzigen Kulturkampf werden auch Sloterdijk oder Botho Strauß gern als solche oder gar als „Schwurbler“ ermittelt.

In einem ansonsten kaum lesenswerten Artikel über das Kulturverständnis und die ärgerliche Kulturliebe der „Rechten“ (AfD und Hintermänner), zeigt uns Thomas Assheuer – Habermas-Schüler und Missionar –, daß er die Kunst des Raunens auch sehr gut beherrscht, wenn es „der Sache nützt“. Man muß den Aufsatz nicht lesen, um meiner Argumentation folgen zu können, es genügen die letzten Zeilen:

„Nach Wahlverwandtschaften mit konservativen Intellektuellen aus der Weimarer Republik muß man hier nicht lange suchen. Auch damals wurde zwischen Kunst und Kultur nicht groß unterschieden, auch damals sollte die tragische deutsche Kunst in Konkurrenz zur Verfassung treten; sie sollte Gewißheit erzeugen und Gottvertrauen in die nationale Stärke. Darüber hinaus sollte sie die Religion überflüssig machen, die ungeliebte Erfinderin von Gleichheit und Menschenrechten: Deutsche Kunst ,erfüllt jeden wahrhaft modernen Menschen mit derselben Sicherheit ums Weltall, die sonst nur das Vertrauen auf Gott geben konnte‘. Der Autor dieser Zeilen war der konservative Revolutionär Arthur Moeller van den Bruck. Das Buch, das ihn 1923 schlagartig berühmt machte, hieß: Das Dritte Reich.“

Wie man sieht, wird nicht nur Unsinn erzählt – z.B. Gottvertrauen ja, Religion nein –, es wird auch geraunt und angedeutet und insinuiert. Das abschließende Zitat, der letzte Satz, von einem Lieblingsrauner, effektvoll ins Offene gestellt, was soll er anderes bedeuten, als daß die „konservative Revolution“ und damit die „Neue Rechte“ und damit die AfD … einen direkten historischen Draht zum „Dritten Reich“, zum Nationalsozialismus hat?

Dabei weiß Assheuer als gebildeter Mensch sehr wohl, daß die Idee des „Dritten Reiches“ oder des „Tausendjährigen Reiches“ in den alttestamentarischen Prophetenschriften wurzelt, daß sie durch die christliche Trinitätslehre (Offenbarung, Paulus) noch einmal beschleunigt wurde und letztlich durch den mittelalterlichen Theologen Joachim di Fiore endgültig scharf gemacht und von Franziskus von Assisi gelebt wurde, daß die Idee des kommenden Endreiches seither vor allem der Linken ihre kinetische Energie verlieh. Er hat das von Ernst Bloch etwa gelernt, dessen Utopie nichts anderes ist und der sich sehr ausführlich mit Joachims Meisterschüler Thomas Müntzer beschäftigt hatte. Er konnte das bei Lessing ebenso wie bei Hegel verfolgen und all sein Marxstudium wäre umsonst gewesen, wenn Assheuer just entgangen sein sollte, daß Marx und seine Vorläufer – von Robespierre und Bakunin bis Owen – vom „Dritten Reich“ durchglüht waren und selbst die späten postmarxistischen Apokalyptiker, wie Rudolf Bahro, waren Fioristen bis in die Haarspitzen. Auch Habermas, Assheuers Lehrer, gehört mit seinem Wunschbild des „herrschaftsfreien Diskurses“ dazu …

Die Nationalsozialisten – das darf man nicht vergessen – verstanden sich als Sozialisten; sie haben der linken Denktradition viel mehr entnommen, als heutigen „Antifaschisten“ lieb sein kann.

Assheuer will uns anderes einreden. Er rekurriert auf den Topos des „Reiches“ im NS und verbindet den konservativen Klassiker van den Bruck – der schon 1925 starb und das Bild, als Übersetzer Dostojewskis, im Übrigen von dem großen Russen übernahm –, von dessen Lehre Hitler sich ausdrücklich distanzierte, unausgesprochen, im raunenden, andeutenden Gestus, mit den Verbrechen des NS. Er hätte auch Friedrich Hielschers „Das Reich“ nennen können oder Stefan Georges „Neues Reich“ … und damit nur bewiesen, wie virulent der Begriff in der Weimarer Republik war.

Aber Information war von Anfang an nicht sein Ansinnen.