Zur Kritik der zahnlichen Vernunft

Sage mir deinen Zahnstand und ich sage dir, wer du bist. Hitler (gechannelt, post mortem)

Oh verdammt – wieder alles verkehrt gemacht. Zufälligerweise treffe ich meine Frau im Badezimmer. Endlich kann ich sie fragen, was ich seit Wochen – seit sie eine Tag- und eine Nachtzahncreme gekauft hatte – fragen wollte. Welche muß man denn nun morgens und welche abends nehmen? Alle vernünftige Logik sagte mir, daß die blaue für die Nacht, die rote für den Morgen gedacht sein muß. Abends ist es dunkel – blau – und morgens glüht die Sonne am Firmament – also rot. Sie spult einen Werbespruch herunter: Morgens Aronal, abends Elmex – das wisse doch jeder und überhaupt: Blau ist der Morgenhimmel und rot die Abendsonne. So ist es: Frauenlogik! Seltsam, aber möglich. Diese Doppelcreme – die übrigens im Ökotest krachend durchfiel – kann wohl nur von einer Frau designt worden sein.

Auf dem Zahnarztstuhl frage ich die Dentistin meiner Wahl nach dem Klopp-Gebiß.

Was das sei und wie man das macht. Sie weiß es nicht, es gäbe verschiedentliche Möglichkeiten, aber sie mag es gar nicht – es ist zu massiv und zu weiß. Farbe B1 sagt sie, das hellste, was es gibt, aber eben nur in der Phantasie der Menschen. Wir rätseln, warum er es hat machen lassen. Vermutlich weil er es kann, finanziell, sage ich, und weil es in Liverpool sicherlich einen guten Spezialisten dafür gibt. Besonders bei dunkelhäutigen Menschen wirke ein solches Gebiß hochgradig gewöhnungsbedürftig, sagt sie und ich muß sofort an Firminio und Couthino denken – Klopps brasilianische –, an Mané – Klopps senegalesischen Spieler. Vermutlich ist es auch Eitelkeit, zieht man die Haartransplantation noch in Betracht. Nötig hatten sie es wohl alle nicht gehabt – Klopps Gebiß vor dem Eingriff war auf der altersgerechten Seite überdurchschnittlich gut. So ist das, die Angst vor der Vergänglichkeit läßt uns alle Möglichkeiten ausschöpfen.

 Vielleicht liegt es auch an seinem Lachen, grübeln wir weiter. Und dann fällt dieses Wort „von acht bis acht“. Wenn er lacht, dann lacht er von acht bis acht. Das ist Zahnarztsprech – wenn er lacht, dann kann man von einem Weisheitszahn (Nummer acht) bis zum anderen sehen. So ist das, der Beruf oder die Beschäftigung, also der Fokus bestimmt die Wahrnehmung. Sage mir, was du machst, und ich sage dir, was du siehst. Der Zahnarzt sieht überall Zähne, der Tattoo-Künstler überall Tattoos, der Modemacher überall schlecht sitzende Kleidung, der Architekt überall Häuser und deren Bauart, der Förster überall Waldschäden, der Künstler überall spannende Formen, Farben, Schattierungen, der Klimawandelbeauftragte überall Klimawandel, der Blogger überall Blogstoff, der Gynäkologe wünschte, er könne endlich mal etwas anderes sehen und der Philosoph sieht überall das Allgemeine – er ist, nach Odo Marquard, der „Stuntman des Experten, sein Double fürs Gefährliche“ oder noch besser mit Sloterdijk: „jemand, der wehrlos ist gegen Einsichten in große Zusammenhänge“. Wer von acht bis acht schaut, übrigens auch, nur kleiner.

Als sie meinen Zahn – dessen Krone zu Bruch ging – noch weiter abschleift, nimmt sie das Wort „grazil“ in den Mund. Ich bedanke mich für diese kundenfreundliche Wortwahl, die wohl meinte, daß da nicht mehr viel zum Beschleifen sei. So ist das, Menschen wollen – wenn es um ihre Eitelkeiten geht oder den Verfall – betrogen werden und kulturvoller Umgang befriedigt dieses Bedürfnis …, weshalb Deutsche im Ausland oft als rüde gelten. In einem Ungarischlehrbuch aus den 60er Jahren lobt die Hauptfigur die besondere Höflichkeit seines Friseurs, weil dieser kein Wort über dessen zunehmende Haarlosigkeit verloren hat und so tat, als würde er schwer arbeiten.

Meine Zahnärztin – wohl unbemerkt – hat das beste Rezept gegen Angstschmerz. Wenn sie sich über meinen Schlund beugt, dann berührt ihre Brust sanft meine Wange – ein ungemein beruhigender Effekt. So ist das, wenn es an die Existenzialien geht – Sorge, Befindlichkeit, Tod und Zahnweh – dann steigen wir hinab zu den Müttern.

Die Sprache der Trikots

Die letzten Spieltage der großen europäischen Ligen gaben uns die Möglichkeit, einen ersten Blick auf die Trikots der kommenden Saison zu werfen. Es ist fester Bestandteil der Merchandising-Industrie, jedes Jahr neue Designs einzuführen und die Fans zum Kauf derselben zu animieren. Ein Shirt wird mittlerweile von 70 bis 120 Euro gehandelt – die weltweiten Umsätze dürften enorm sein, bei den großen Klubs macht das Merchandising zwischen 25 und 50% der Gesamteinnahmen aus – wir sprechen hier von hunderten Millionen. Ein neues, hochwertiges und attraktives Trikot anzubieten – genau genommen sind es drei verschiedene: Heim, Auswärts und drittes – ist ein wesentliches Ereignis, Star-Designer werden engagiert, Ausstatter gewechselt, um immer nahe am Bedarf zu sein.

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Das entscheidende Tor

Die Rede vom entscheidenden Tor hat mich immer verunsichert und nie richtig überzeugt. Nehmen wir an, eine Mannschaft liegt mit Null zu Eins im Rückstand, ihr gelingt der Ausgleich und in der Nachspielzeit schießt sie das zweite Tor. Mit großer Selbstverständlichkeit wird der Reporter vom „entscheidenden Tor“ sprechen, wenn nicht schreien. Dabei wäre dieses Tor nicht entscheidend gewesen, hätte es das erste Tor – also den Ausgleich – nicht gegeben. Damit das zweite Tor überhaupt entscheidend sein konnte, bedurfte es des ersten Tores, das damit entscheidend für das zweite Tor und letztlich für den Sieg war. Umgekehrt hätte es aber nicht für das zweite Tor entscheidend sein können, wenn dieses nicht gefallen wäre, womit das zweite Tor entscheidend dafür ist, daß das erste entscheidend sein konnte. Und von vorn.

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Fußball in Ungarn

Budapester Impressionen III

Seit langem hatte ich mir vorgenommen, in Ungarn ein Fußballspiel zu sehen. Zwei Jahre lang verfolgte ich die erste Liga im Fernsehen, zuerst der Sprache wegen, aber dann auch, um die Atmosphäre, die Stimmung – die uns ja immer in das Innere eines Volkes führt – kennen und verstehen zu lernen. Es gibt leider in unserer Gegend keine attraktive Mannschaft. Man könnte nach Paks fahren, das sind 50 Kilometer, aber diese Mannschaft strahlt den Charme des dortigen Atomkraftwerkes aus. Seit Jahren spielt man da grottigen Fußball vor leerer Kulisse in einem wenig einladenden Stadion.

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Klopps Liverpool als Vorreiter

Spiele dieses Kalibers, wie das CL-Finale, enthalten immer wichtige Lehren, wie wir bereits letztes Jahr gesehen haben. Auch dieses ebenfalls denkwürdige Endspiel, wenn auch aus ganz anderen Gründen, verdient ein paar Zeilen.

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Stammtischparolen

Jeder kennt das: man liest unsere Presse und greift sich alle paar Minuten kopfschüttelnd an den Kopf. Es gehen einem ein paar Gedanken durch selbigen, aber ehe man sie ausgefaltet hat, liest man schon den nächsten Artikel – das Drama beginnt von vorn. Man muß nicht immer alles bis ins Kleinste ausdeuten. Manchmal – auch aus Selbstschutz – genügt das Stammtischniveau.

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Die Gerechtigkeitsillusion

Der Videobeweis im Fußball wird in der Regel mit dem Gerechtigkeitsargument begründet. Tatsächlich opfert er der Illusion der Gerechtigkeit die Schönheit des Sports. Er nährt die Phantasie, daß es so etwas wie Gerechtigkeit überhaupt gäbe.

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Uff, das war knapp!

War heute joggen im Park. Vor mir lief – drei-vierhundert Meter entfernt – eine junge Frau. Sie, 30 Jahre jünger, lief flüssig, geübt, mit federndem Schritt. Keine professionelle Sportlerin, aber eine, die vermutlich regelmäßig läuft.

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Paradoxes Twerken

Wie alle Absolutismen verstrickt sich auch der fundamentalistische Feminismus und ideologische Moralismus schnell in Selbstwidersprüche. Man kann sie tagtäglich wahrnehmen. Schauen wir uns den letzten Skandal an.

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Integrationsversagen Klopp

1. Mein alter Wasserballtrainer war ein integrer und fairer Mann. So sehr, daß ich ihn als Bürgen wählte, als ich in die Partei eintreten wollte. Er sagte voraus, daß ich ein guter und zuverlässiger Genosse sein werde – und hatte recht behalten, wenn auch vielleicht anders als gedacht. Von ihm habe ich einige wichtige Lehren fürs Leben erhalten.

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Sommermärchen 2024

Nun wird alles gut! Deutschland bekommt sein nächstes Sommermärchen geschenkt. Wir wissen aus Erfahrung, daß dann alle Probleme gelöst sein werden, die unendliche Konjunktur um weitere 0,3 Prozent zulegen wird, die ausländischen Fachkräfte alle in Lohn und Brot kommen, Millionen türkischer Fans der deutschen Nationalmannschaft zujubeln werden und stundenlange nächtliche Halal-Autoparaden allerseits – diesel- und emissionsfrei natürlich – Glück vergasen werden.

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Kleine WM-Nachlese

Die Fifa möchte weniger schöne Frauen im Fußball. Die Einblendung junger hübscher Damen in Nationalfarben sei sexistisch. „Federico Addiechi, in der FIFA zuständig für Diversität, sagte: ‚Wir haben es den einzelnen Sendern und den Hosts gesagt. Wir wollen dagegen vorgehen.‘“ Die Lösung liegt auf der Hand: Quotenregelung! Häßlich, dick, verformt, schwarz und weiß … für alles gibt es eine Statistik, ergo eine Quote. Es sollte in Zukunft auch den Spielern untersagt werden, schöne Frauen aus dem gleichen Genpool zu daten, zu heiraten und zu schwängern.

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Die rote Rassismuskarte

Ich spiele die Rass(ismus)karte nur sehr ungern. Als ontologischer Trumpf hat sie mich nie überzeugt – was an mangelnder Kenntnis der Diskussion, die mich bisher auch wenig interessierte, liegen mag –, ästhetisch finde ich sie wenig anziehend und erkenntnistheoretisch scheint sie mir kaum etwas zu leisten. Wenn andere sie allerdings im Diskursskat austeilen, dann muß man sie gezwungenermaßen aufnehmen. Trotzdem: es ist alles nur ein Spiel.

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Sanés mißlungene Integration

Als Manchester City vor drei Wochen die Meisterschaft mit 100 000 Fans in der Stadt feierte, wurde Ilkay Gündogan, der den ganzen Tag schon sehr nachdenklich wirkte – es war der Tag, an dem sein Besuch bei Erdogan publik wurde –, auf offener Bühne gefragt (ab 16.55):Do you think this Manchester City side can beat the German National side?“ Gündogan kann endlich wieder lachen, muß eine Weile nachdenken – ein wahres Dilemma der Loyalitäten – und sagt dann lachend, zur Freude der Fans: „It’s possible“. Ich glaube, seit heute ist es mehr als das, es ist probable.

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Gedanken zum CL Finale

Man kann nicht nichts lernen – aus Fußballspielen schon gar nicht. Und über dieses, das Finale zwischen Liverpool und Real Madrid, kann man heute schon Bücher schreiben. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, so viele Aufregungen bot das Spiel.

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