Zeit, „Neger“ zu sagen

Wozu braucht man eigentlich Philosophie, wenn man Annalena Baerbock hat?

Mit ihrer neuesten Volte – nämlich das Wort „Neger“ aus ihrem Munde zu „muten“ – hat sie ein bedeutsames philosophisches Problem aufgerissen und zugleich eine Lösung vorgeschlagen.

Sie hatte eine Geschichte referiert, in dem ein Schüler sich weigerte, eine Aufgabe zu bearbeiten, weil in der Aufgabenbeschreibung das Wort „Neger“ in Klarform vorkam. Ihr Fehltritt lag nun darin, in ihrem Referat ebenjenes Wort in Klarform ebenfalls ausgesagt, in den Mund genommen zu haben. Die Erwähnung des Wortes war natürlich konstitutiv, denn sonst wäre ihre Wiederholung der Geschichte gar nicht verstehbar, zumindest hätte sie ein verständliches Substitut finden müssen – im Moment scheint man sich auf „das N-Wort“ geeinigt zu haben, was neue philosophische Probleme aufwirft –, aber politische Korrektheit fragt nicht mehr nach Sinn und Verstand.

Sicher kann man als Außenstehender mit etwas Schadenfreude genießen, wie die Korrekten und Hypermoralischen – Baerbock zeigt in diesem Bereich Hochbegabung – immer öfter in die eigenen Fallen tappen; das sei jedermann gegönnt. Aber man kann auch versuchen, etwas tiefer zu schürfen.

Was Baerbock hier unwissentlich aktualisiert, ist als „Freges Paradox“ bekannt geworden. Strukturell sind hier Ähnlichkeiten zu den Zenonschen Bewegungsparadoxa auffällig, nur wird hier im Bereich der Sprachbewegung agiert. Die menschliche Sprache enthält in sich scheinbar unauflösbare Widersprüche. Es geht letztlich um Identität. Wenn man die Paradoxien durchdringt, dann kann man auch die Frage der Identität besser verstehen, denn alles Ungemach stammt letztlich nicht aus den Tatsachen, den Realitäten, dem Sein etc. sondern aus seiner sprachlichen, also menschlichen Bearbeitung.

Gottlob Frege führte die Differenz von Bedeutung und Sinn ein – er war nicht der einzige. A=A, das sieht jeder ein. Aber A kann auch B sein, wenn ihre Bedeutungen gleich sind. Aristoteles ist Aristoteles, aber Aristoteles auch der Stagirit, oder 5 ist auch die Wurzel aus 25 usw. Aristoteles = Stagirit. Der Satz ist jedem unmittelbar einsichtig, der weiß, das Aristoteles aus Stageira stammte. Dieses Wissen ist freilich Voraussetzung, um die Gleichung zu verstehen, ebenso, wie die Reflexion, das Bewußtsein davon, daß dieses Wissen Voraussetzung ist, Voraussetzung ist, um sie zu verstehen. Man sieht, es wird kompliziert: so sprechen macht Sprache spannender, reicher, schöner aber auch komplexer. Beide Seiten haben also die gleiche Bedeutung, aber einen anderen Sinn.

In seiner „Logik des Sinns“ (1969) widmete sich Gilles Deleuze ausgiebig einer ganzen Serie von Sinn-Paradoxa am Leitfaden der Werke Lewis Carrolls. Carroll hat das „Paradox der Regression und der unbegrenzten Wucherung“ exemplarisch inszeniert in jener berühmten Szene aus „Alice im Spiegelland“, in der der weiße Ritter anhebt, Alice mit einem schönen Lied zu trösten[1]: „Der Name des Liedes heißt ‚Heringsköpfe'“, läßt er sie wissen. Alice reagiert darauf mit der Frage: „Ach! Das ist wirklich sein Name?“… – „‚Nein, du hast mich falsch verstanden“, sagte der Ritter etwas unmutig. „So heißt sein Name nur. Der Name selbst ist ‚Der uralte Mann'“. – „Dann hätte ich also sagen sollen: ‚So heißt das Lied also?‘, verbesserte sich Alice“. – „Aber nein doch, das ist wieder etwas anderes. Das Lied heißt ‚Trachten und Streben‘; aber vielleicht heißt es nur so.“ – „Ja, aber welches Lied ist es dann?“ fragte Alice, die sich nun gar nicht mehr auskannte. – „Das wollte ich dir eben sagen“, erwiderte der Ritter. „Es ist das Lied ‚Hoch droben auf der Pforten'“[2] Alle genannten Namen und Titel kommen anschließend im Lied vor.

Deleuze schreibt, daß „jeder Name, der ein Objekt bezeichnet, seinerseits Objekt eines neuen Namens werden kann, der seinen Sinn bezeichnet: Das gegebene N₁ verweist auf N₂, das den Sinn von N₁ bezeichnet, N₂ auf N₃ usw.“ Es ist ein glücklicher Zufall, daß die Mathematik das N-Wort „natürliche Zahl“ und „Nullstelle“ ebenfalls mit „N“ wie „Neger“ bezeichnet.

Jedenfalls kann das „Abwechseln zwischen einem wirklichen Namen und einem Namen, der diese Wirklichkeit bezeichnet, bis ins Unendliche verlängerbar“ sein. N₁ ist also „Neger“, N₂  ist „das N-Wort“ oder anders: „das N-Wort“ ist der Name des Wortes „Neger“ auf erster Stufe. Entsprechend dem „Paradox der Regression und der unbegrenzten Wucherung“ ist dieser Prozeß fortsetzbar und wird wohl auch irgendwann fortgesetzt werden, denn warum sollte jemand, der sich vom Wort „Neger“ getroffen fühlt oder glaubt, sich getroffen zu fühlen, oder glaubt, sich getroffen fühlen zu müssen, sich nicht auch vom Wort „das N-Wort“ getroffen fühlen, zumal das „N“ in „das N-Wort“ doch eindeutig auf das „N“ im Wort „Neger“ verweist. Man kann mithin gar nicht „das N-Wort“ sagen, ohne an „Neger“ zu denken, man kann nicht nicht „Neger“ sagen.

Auch Baerbocks „N-Wort“ ist äußerst voraussetzungsreich: ihre langwierige Erklärung und Entschuldigung ist überhaupt nur jenen verständlich, die wissen, daß „das N-Wort“ das Wort „Neger“ ersetzt bzw. benennt – spätere oder frühere Generationen würden ratlos vor diesen Worten sitzen.

Nicht an das Wort „Neger“ zu denken – übrigens kennt die Rechtschreibfunktion das Wort gar nicht mehr -, wäre erst möglich, wenn es „Neger“ oder Menschen, auf die „das N-Wort“ zutrifft, nicht mehr gibt und das kann einerseits durch deren Verschwinden oder das Verschwinden des Kontrastes geschehen. Das Wort wird in beiderlei Form spätestens dann aussterben, unnütz werden, wenn alle neugeborenen Kinder dereinst mit gleicher kaffeebrauner Hautfarbe zur Welt kommen – allerdings wird es dann andere Differenzen geben, von denen wir heute noch nichts ahnen, die aber ebenfalls zu Ungleichbehandlungen führen werden.

Frege und Carroll und vermutlich auch Deleuze hätten sich vor die Stirn geschlagen, aber wir sind mit derartiger Wortakrobatik mittlerweile vertraut – man denke nur an die Debatten um das Wort „Flüchtling“ oder „Studenten“, an all die Gender-Kreativität usw. Vermutlich befinden wir uns erst am Anfang dieses Prozesses.

Auflösen läßt es sich nur historisch. Wir müssen uns fragen, wie das Wort „Neger“ in die Welt kam. Wie jedes Wort ist es nicht die Sache selbst, also im Schöpfungsakt liegt ein arbiträres Moment, allerdings selten in der klassisch biblischen Vorstellung (Gen. 2.19f.).

Im Falle „Neger“ ist die Rückführung dennoch recht einfach, denn es läßt sich auf „negro“ ableiten, was in latinischen Sprachen „schwarz“ bedeutet. Daran sieht man schon, daß Sprache und Sein zwei verschiedene Dinge sind, denn was als „schwarz“ bezeichnet wurde, das sind Abstufungen des Dunklen oder des Braunen, so wie es an sich auch keine „Weißen“ gibt, sondern nur Menschen mit rosafarbenen, gelblichen, ockerfarbenen, bräunlichen, rötlichen oder anderen seltsamen Schattierungen der Haut. Man kann dennoch davon ausgehen, daß die Erstbeschreibung – die es in Reinform aufgrund der Sprachentwicklung selten gegeben hat – noch vollkommen wertfrei stattgefunden hat, möglichweise sogar von den dunkelhäutigen Menschen selbst als Selbstbeschreibung stammt. Noch Martin Luther King komponierte seine berühmte Rede („I have a dream“) um den Begriff „negro“ herum, den er wie in einer Litanei ganz selbstbewußt viele Male wiederholt.

Wer sich die Mühe macht, durch die Schichten der Bedeutungsverschiebungen hindurchzulauschen, durch seine langjährigen und zahlreichen pejorativen Formen ebenso wie seine neueren ideologischen, dem wird dieser Sinn des Wortes „Neger“ wieder verständlich. Ein Weg – der beste übrigens – aus dem Paradox wäre also, sich dieses ursächlichen Sinnes zu besinnen und ihn wieder zu affirmieren.

Im Moment scheint das unwahrscheinlich. Man kann es auch mit Substituten versuchen, aber die Erfahrung lehrt, daß Menschen, wenn sie Sprache mit Absicht „machen“, nicht sehr begabt sind. Ein Begriff wie „people of colour“ oder „PoC“ steht dafür exemplarisch. Er ist unhandlich und leistet im Prinzip nichts, denn er wiederholt den Inhalt des Wortes „Neger“, diversifiziert ihn zwar, aber was soll „Farbe“ hier bedeuten? – der „Neger“ bleibt präsent, man kann nicht nicht „Neger“ sagen. Es ist nicht anzunehmen, daß „PoC“ lange Bestand haben wird, er wird das Schicksal der LGBTQI+ … XY erleiden und an seiner eigenen Binnenvielfalt zugrundegehen, weil Überdifferenzierung gleich Entdifferenzierung ist.

Dem Ganzen liegt auch ein magisches Denken zugrunde, wie man es aus Märchen, Mythen und Religionen kennt. Der, dessen Namen nicht genannt werden darf, ist der Unantastbare, der Unvorstellbare. Der Islam etwa kennt die 99 Namen Allahs, die Juden sprechen lieber vom Herrn als von JHWH, mit „In nomine patris“ beginnen die christlichen Gebete, man sagt auch „Dein Name werde geheiligt“, und Rumpelstilzchens Macht über die Königstochter erlischt, als sie seinen Namen sagt.

Magisches Denken beinhaltet auch der Glaube, daß etwas Seiendes durch Umbenennung oder Verschweigen verschwindet. Begriffe wie „Krüppel“, „Buckliger“, „Klumpfuß“ und dergleichen sind aus unserer Sprache fast verschwunden und alle damit beschriebenen Menschen haben die gleichen Rechte wie alle anderen, aber wenn wir vor – durch Menschen verursachten Klimawandel – Feuerwalze oder Springflut um unser Leben laufen müssen, dann wird sich das Überleben an diesen Tatsachen sortieren.

Der wahrhaft, der einzig magische Moment ist jedoch die Erstbenennung. Statt „Neger“ wäre jeder andere Begriff denkbar gewesen – an der Sache hätte sich nichts geändert. Er ist in gewisser Weise sogar gut „gewählt“, weil er seinen Inhalt beschreibt. Es gibt also eine dritte Möglichkeit, den Paradoxa teilweise zu entkommen: man müßte eine Sprachregelung finden, die der Evidenz entspricht. Demnach wäre „Dunkelhäutige“ etwa denkbar oder auch das bereits satirisch verbrannte „stark Pigmentierte“ und dergleichen.

Tatsche ist, daß uns die Baerbock und Co. in die sprachliche Wüste, in die Ausdrucks- und Sprachlosigkeit führen. Bis auf weiteres kann es daher sinnvoll sein, sich – statt der absurden Verrenkungen – des ursächlichen Sprachgebrauchs zu befleißigen, wie überhaupt ein Verbot am besten durch bewußte Überschreitung gekontert wird. Freiheitsliebende Menschen reagieren habituell und instinktiv auf Verbote, wenn auch oft nur im Verborgenen, mit reflexhafter, aber absichtlicher Übertretung, so wie ein Zaun ein Haus zwar schützt, es aber auch als Schützenswertes besonders kenntlich und damit ungeschützt macht. Die Übertretung  kann sogar zur moralischen Pflicht werden. Man sollte dann bewußt in jene Fallen treten, um sie zu entschärfen. Möglicherweise ist der Aufwand, dunkelhäutigen Menschen zu erklären, daß in der jetzigen Nutzung des Wortes „Neger“ kein Insult (mehr) liegt, geringer, als sich der ausufernden Gehirnakrobatik, der Zerstörung gewachsener Sprache, der künstlichen Schaffung von Sinnparadoxa, letztlich der Verunmöglichung von sinnvoller Kommunikation zu unterwerfen.

Übrigens feiert ein ganz anderes N-Wort seit einigen Jahren steile Karriere: das Wort „Nazi“, das ein viel höheres Recht auf Substitution hätte, da es reine Zuschreibung, reine Abstraktion ohne natürliche Evidenz ist. Darüber ließe sich eine Menge sagen.

[1] Nach der Übersetzung Enzensbergers – original: ‘You are sad,’ the Knight said in an anxious tone: ‘let me sing you a song to comfort you.’
‘Is it very long?’ Alice asked, for she had heard a good deal of poetry that day.
‘It’s long,’ said the Knight, ‘but very, VERY beautiful. Everybody that hears me sing it–either it brings the TEARS into their eyes, or else–’
‘Or else what?’ said Alice, for the Knight had made a sudden pause.
‘Or else it doesn’t, you know. The name of the song is called “HADDOCKS’ EYES.”’
‘Oh, that’s the name of the song, is it?’ Alice said, trying to feel interested.
‘No, you don’t understand,’ the Knight said, looking a little vexed. ‘That’s what the name is CALLED. The name really IS “THE AGED AGED MAN.”’
‘Then I ought to have said “That’s what the SONG is called”?’ Alice corrected herself.
‘No, you oughtn’t: that’s quite another thing! The SONG is called “WAYS AND MEANS”: but that’s only what it’s CALLED, you know!’
‘Well, what IS the song, then?’ said Alice, who was by this time completely bewildered.
‘I was coming to that,’ the Knight said. ‘The song really IS “A-SITTING ON A GATE”: and the tune’s my own invention.’
[2]Leider versagt an dieser Stelle die Übersetzung von Remané, die den Sinn von Carrolls Paradox nicht erfaßt, indem sie die Differenz von „sein“ und „heißen“ verwischt und durch die Ver­wendung des Partizip II des Verbs „nennen“, statt des treffenderen „heißen“, die logische Schärfe des Dialogs entzaubert. Deshalb wurde hier die Übersetzung Enzensbergers gewählt.

Quelle: Gilles Deleuze: Logik des Sinns (1969). Frankfurt 1993

Das Neue des Alten

„Ja, so geht es in der Welt. Kaum sieht es hell aus, da wird es wieder dunkel. Wir müssen nur dem Unseren treu bleiben, so wird es zu guter Letzt doch alles gut.“ Pastor Castbierg

Um Niemandes Zeit zu verschwenden, sage ich gleich vorweg: nachfolgend werde ich einen Roman, einen bedeutenden und hochaktuellen Klassiker besprechen, den es weder auf Deutsch noch auf Englisch zu lesen gibt – bisher!

Die Rede ist von Jakob Knudsens „Den gamle præst“ (Der alte Priester), ein Buch, das 1899 erschien und Knudsens Durchbruch in der dänischen Literatur brachte. Allerdings fast gänzlich aus Mißverständnis. Skandal schrien die Klerikalen und Jubel bekam Knudsen aus freidenkerischer und progressistischer Ecke. Gemeint war alles umgekehrt.

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Über den Wert des Lebens

Einen Wert kann dem Leben nur der Dienst verleihen, mit dem wir uns der Sache der Menschen zuwenden. Das klingt ein wenig streng und allgemein, aber dies ist die einzige Wahrheit, die ich mit allen ihren Konsequenzen kennengelernt habe. Niemand kann auf der Blumenwiese sitzen, wie Ferdinand der Stier[1], und ungestraft die schönen Blumen riechen.

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Identitäten

Gegneranalyse III

Kwame Anthony Appiah hat ein wichtiges Buch geschrieben – es ist so wichtig, daß die „Bundeszentrale für politische Bildung“ es in ihr Programm aufgenommen hat. Es gilt in linken Kreisen als bedeutende Streitschrift, mit deren Argumentation man den Begriff der „Identität“ endlich beiseitelegen könne. Stimmt das?

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Nichts gegen meine Ungarn

Die Kraft und Qual der fünf Herzen in meiner Brust:

Nichts gegen meine Ungarn. Sie haben gekämpft wie wahre Männer und wie immer verloren. Aber in der Niederlage haben sie Größe gezeigt und mit der Hand auf dem Staatswappen gemeinsam mit ihren härtesten Fans – von denen man sich in unseren Gefilden hätte distanzieren müssen – stolz und leidenschaftlich die Nationalhymne gesungen, ein Lied, das exakt die Geschichte dieses Spieles beschreibt: kämpfen, verlieren, und danach sich verhalten, als hätte man gewonnen – das ist so typisch ungarisch wie Pálinka und Paprikahuhn. Die Ungarn waren ein Nachruf, die letzte wahre europäische Nationalmannschaft des Turniers und vielleicht der Fußballgeschichte.

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Das Kräuterbuch – Zueignung

In der Márai-Welle, die vor 20 Jahren über das Land schwappte und besonders vom Piper-Verlag bewirtschaftet wurde, war fast alles des großen ungarischen Autoren übersetzt worden, auch durchaus Zweitrangiges. Erstaunlicherweise entging das „Füves Könyv“ dem Übersetzungseifer, und das ist umso merkwürdiger, als es ein Zentralwerk des Künstlers ist. In ihm finden wir nämlich auf einzigartige Weise seine Lebensphilosophie ausgedrückt, komprimiert in meist kurze aphorismenartige Sequenzen. Deutlicher wird Márais innere Befindlichkeit nirgendwo, selbst in den Tagebüchern nicht.

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Kubitschek: Hin und wieder zurück

Es ist unter den sogenannten Rechtsextremismusexperten dieses Landes fast schon eine Standardfloskel, „die dünne Substanz der viel diskutierten Rechtsintellektualität“[1] zu erwähnen, und zu behaupten, Götz Kubitschek sei eigentlich gar kein richtiger Vor-Denker, weil er kein genuiner Denker sei. Wer nun seine soeben erschienene Aufsatzsammlung aufmerksam liest, der lernt zumindest zweierlei: wer obige Meinung vertritt, der kann kein Denker sein und auch kein verstehender Leser, denn der Befund ist Nonsens, und: wir dürfen annehmen, daß der Vorwurf taktisch begründet wiederholt wird.

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Haltung und Doppelmoral im Fußball

Unsere Fußballhelden wollen Haltung zeigen und mutig sein. Das könnte so einfach sein! So weit ich sehe, hat das auf dieser EM bisher nur einer getan, der viel gescholtene Ronaldo, als er angewidert ein paar Coca-Cola-Flaschen, die man ihm vor die Nase gestellt hatte, beiseiteschob und durch sein „aqua“ ersetzte.

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Das ist nicht meine Mannschaft!

Gegen 19.30 Uhr hallte gestern ein lauter Schrei durch unser Viertel. Gerade hatte Raheem Sterling England gegen die Deutschen in Führung geschossen. Zu meiner Verblüffung mußte ich feststellen, daß der Jubel aus meiner Kehle kam.

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Theorie der Diktatur

Philosophie – das muß man sich vor Augen halten – war noch vor hundert Jahren Husserl, Dilthey, Heidegger, war Peirce, James, Moore, war jedenfalls ein zähes, zermürbendes analytisches, oft lebenslanges Ringen, ein immer wieder neu Beginnen und folglich auch ein sich selbst befragen und verwerfen. Heute ist Philosophie – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Precht, Eilenberger, Garcia oder eben Onfray.

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Dänemark ist bereits Europameister!

Seit 1992 träumen die Dänen davon, daß sich der nationale Wunschtraum noch einmal wiederholen könnte. Damals hatte eine Nachrückmannschaft, die noch nicht mal zur EM qualifiziert war, aber durch die Sanktion gegen Jugoslawien, ohne spezielle Vorbereitung, ins Turnier einsteigen konnte, sensationell den Titel geholt – man gewann im Finale gegen Deutschland. Die Namen der Spieler sind noch heute Legende.

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Die Delta-Variante

Am Wochenende fand in den Tiefen des Darknets ein Schachturnier statt, die meisten Teilnehmer waren Insulaner und – wie das bei Schachspielern die Regel ist – immer auf dem neuesten Stand und konform. Folgender kleiner Dialog entspann sich in der Analyse eines Spiels:

–        Sorry, ich war schlecht drauf, hatte Corona und fühle mich noch ein wenig schwach, die Eröffnung ging in die Hose.

–        Welche Variante denn?

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Nathan Never

Es gibt in Italien eine ausgesprochen vielfältige Comic-Kultur, die weit in die Geschichte zurückreicht. Es begann bereits 1948 mit dem legendären Tex Willer, einer Cowboy-Figur, die 20 Jahre später von anderen Wildwest-Erscheinungen, einem „Mister No“ und einer neuen Serie namens „Zagor“ ergänzt wurde. Treibende Kraft war Gian Luigi Bonelli, der sich ein kleines „Fumetti“-Imperium aufbaute, das später von seinem Sohn Sergio Bonelli ins Gigantische ausgebaut wurde. Die Hefte von „Sergio Bonelli Editore“ liegen bis heute in jedem „Edicola“ an der Ecke aus.

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Drei Zeitschriften – Hohe Luft

Die „Hohe Luft“ – ein vielversprechender Titel –, die als „Philosophie-Zeitschrift“ vertrieben wird, „für alle, die Lust am Denken haben“, kam ganz zufällig in meinen Blick. Daniel-Pascal Zorn hatte via Twitter auf einen seiner Artikel in diesem Blatt und damit auf ein überhohes Niveau verwiesen – Zorn sieht sich quasi als letzten streng denkenden Philosophen der Gegenwart, der gern fast allen anderen Zeitgenossen das Philosoph-Sein abspricht. Exakt, was meine dürstende Seele suchte.

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Drei Zeitschriften – Tumult

2. Tumult

 Wie sagt der Engländer? It blew me away! „Tumult“ – gleich vorweg – ist ein Magazin allererster Güteklasse, ich kann nur schwärmen, habe es von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen, viele Unterstreichungen gemacht, immer wieder Recherchen angestellt, Bücher bestellt oder begutachtet, mich immer wieder belehrt und angeregt gefühlt und auch das Gefühl gehabt, nicht dauernd das Gleiche und Altbekannte, sondern wirklich Originelles zu lesen. Geärgert habe ich mich nur darüber, daß ich die Zeitschrift nicht schon früher geordert habe.

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