Der Sprung in den Glauben

Merkel im Focus

Merkel im Focus

Bei Anne Anne Will hat Bundeskanzlerin Merkel nun schon zum zweiten Mal ihr Erfolgsgeheimnis verraten. Daß sie ein mediokrer Kopf und „eindimensionaler Mensch“ ist, daraus macht sie kein Geheimnis, aber gerade diese Einfältigkeit beschert ihr Erfolg. Man kann ihr nur Hochachtung zollen, wie sie gerade dieses Format immer wieder nutzt, um die Gefolgschaft auszurichten. Sie wirkt sympathisch, sie lächelt angenehm, ja sie kann sogar kichern wie ein flirtendes Girlie – all das ist die Matrize, in die Mama Merkel ihre einfache Botschaft gießt. Nicht nur die zahme Interviewerin hängt gläubig an ihren Lippen, auch im Auditorium ist man schnell berückt und das mediale Urteil fällt zumindest teilweise euphorisch aus. Wir haben eine starke Kanzlerin – lautet die Subbotschaft, die TV-Rambos wie Til Schweiger auch direkt ausplaudern.

Starker Kanzler? Klingelt es da nicht irgendwo?

Argumente waren nicht vonnöten, um die Anhänger zu bestärken und die Kritiker zu sedieren. Stattdessen bemüht Merkel transzendente Kategorien: Glaube, Hoffnung, Logik.

Die Pfarrerstochter kennt ihre Bibel: „Denn wahrlich ich sage euch: So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben (Mt. 17.20) Auf Kanzlerdeutsch lautet der Satz: „Deshalb wünsche ich mir möglichst viele, die mit daran glauben, dann kann man auch Berge versetzen“. Realität spielt keine Rolle mehr, sie wird durch Wunsch und Glaube und immanente Vergatterung ersetzt. Ihre Logik ist noch immer die gleiche: Wenn es schief geht, dann habt ihr nicht genügend geglaubt, ihr Kleingläubigen. So wie die SPD, die sich klein mache. Damit ist im doppelten Sinne alle Verantwortung von ihr genommen.

Kierkegaard nannte das den „Sprung in den Glauben“ und die „Kreuzigung des Geistes“ – der wahre Glaube enthält immer ein irrationales Element: Credo qia absurdum, brachte Tertullian es auf den Punkt. Ist man einmal in diesen Kreidekreis gesprungen, kann man auch die Schwerkraft überwinden und Berge versetzen. So kann man jeden aufkeimenden Zweifel überwinden: „Ich bin auch manchmal verzweifelt. Aber dann hoffe ich, daß aus der Verzweiflung wieder etwas Vernünftiges wird.“, kontert die Kanzlerin. Das Berufen auf die Vernunft stellt hier einen Kategorienfehler dar, denn Merkel steht gerade nicht in der aufklärerischen Tradition. Mit „etwas Vernünftiges“ meint sie etwas in ihr Weltbild passendes.

Die zweite höhere Instanz, auf die sie sich beruft, ist die Logik: „alles ist gut durchdacht und auch logisch“ und um uns gänzlich davon zu überzeugen, gesteht sie, noch nie so viel nachgedacht zu haben. Ein paar auswendig gelernte Zahlen, nach denen niemand gefragt hatte, sollen den Eindruck umfassenden Wissens und von Kompetenz erwecken. Daran verrät sich diese Logik – es ist nicht die Logik, es ist ihre Logik, es ist die Logik des Kremls, in dem das Licht noch brennt. Wenn Merkel auch nur eine Spur Verständnis von Logik hätte, dann würde sie die Prämissen befragen; sie aber denkt nur vom Ende her und dieses Ende wiederum legitimiert sich aus der Gesinnung. So entwirft sie eine Heilslehre und das Erschreckende ist, daß große Teile der Bevölkerung und der Medien tatsächlich an ihren Lippen hängen und beruhigt ins Bett gehen, weil sie, die starke Kanzlerin, es weiß, es kann, einen Plan hat, nicht abweicht, nicht umsteuert … (Im Focus z.B. wird, ganz Staatsfernsehen, ein zögerlicher Zwischenapplaus zum „begeisterten Applaus“ hochstilisiert.) Das sind für eine Demokratie äußerst bedenkliche Gehorsamsäußerungen, einer sich einem Gesinnungsdiktat ergebenden Gläubigkeit.

Elf Jahre Bundeskanzlerschaft sind offensichtlich für jeden zu viel – wenn selbst eine Nullachtfünfzehn-Person sich danach für unfehlbar halten kann. Das große ICH strahlt überall durch, da helfen auch die Beteuerungen nichts, man nehme die Sorgen der Menschen ernst. Auch wenn sie „verständlich“ seien und sie allen zuhöre, falsch sind immer die Sorgen und irrend immer die Sorgenden. Interessanterweise bemüht Merkel auch die Kategorie des Dienstes, die man normalerweise dem rechten Spektrum zurechnet. Warum gerade ihre Politik Deutschland dienen solle, bleibt offen, Begründungen werden durch Visionen ersetzt, die sich wiederum auf einer totalitären Moralkategorie gründen: Das krumme Holz der Humanität. Dialektisches oder gar rhizomatisches Denken ist Merkel fremd und unbegreiflich.

Aber wer genau hingehört hat, dem ist nicht entgangen, daß es sich um eine Fassade an Selbstsicherheit handelt. Zwei Mal erwähnte Merkel unaufgefordert Heidenau, den Ort, an dem sie im späten August zum ersten Mal mit direkten Angriffen auf ihre Person konfrontiert war. Meinungsumfragen sind Papier, die nimmt man aus einer Distanz wahr, aber unmittelbarer Kontakt mit dem Unwillen kann so manche Lebenslüge erschüttern. Unvergessen bleibt der letzte Auftritt Ceausescus, wie ihm das Gesicht einschlief, als die Menge sich plötzlich nicht mehr konform und wie erwartet verhielt und das, obwohl er wußte, wie es gärt im Lande.

Heidenau, Merseburg, der CSU-Parteitag … das sind die Orte, live, die auch eine Angela Merkel erschüttern können. Und sonst wohl nichts mehr.

Islamophobie

Findling

„Solange der Islam in der Minderheit ist,
wird er sich auf die Religionsfreiheit berufen,
wenn er in der Mehrheit ist,
wird er sie abschaffen.“

Forumsbeitrag eines Zeitungslesers

Wahrscheinlich hat er nur Peter Hammond gelesen oder dieses Video gesehen:

„Zeit“ der Entgrenzung

Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Leitmedien nicht Aussagen von AfD-Granden skandalisieren und daraus ein Entgrenzungsskandalon der politischen Diskussion extrahieren.

Die eigenen Grenzverletzungen scheint man dabei nicht sehen zu wollen oder sehen zu können. So geschah es nun mehrfach, daß die Presse bewußt in den ansonsten sakrosankten Familienrahmen eindrang.

Angefangen hatte diese unselige Art wohl mit Frauke Petrys Ehemann, einem Pfarrer, der sich nach der Trennung medienwirksam von der Politik seiner Noch-Frau, die er lange „still ertragen“ hatte, distanzierte und glaubte, der „Zeit“ beichten zu müssen. „Herr Petry predigt Liebe“, heißt der Artikel sinnschwanger und Frau Petry? … Subtil!

Gipfelpunkt war dann eine böse Ohrenbläserei erneut in der „Zeit“, in der Björn Höckes gesamte Familie einbezogen wurde: „Mein Mitschüler, der rechte Agitator“. Darin versuchte ein ehemaliger „Klassenkamerad“, sich Zugang zu Höcke zu erschleichen, wird abgeblockt und reagiert mit unseriösem Verbreiten von Interna: private Photos werden gezeigt, Briefe zitiert, Wohnadressen genannt, Familienverhältnisse offengelegt und psychoanalysiert, Gehaltsangaben ausgeplaudert, alte Lehrer und Kommilitonen ausgequetscht, in Zeitungsabos gestöbert, in der Geschichte des Vaters wie in einem Papierkorb gewühlt, Kondolenzlisten kontrolliert und sogar das väterliche Grab durch fremde Neugier geschändet usw. Gipfelpunkt der Dummheit – die an die schlimmsten Zeiten der Huffington Post erinnert – ist der Vorwurf, Höcke habe seinen Schülern den massenpsychologischen Klassiker Gustave Le Bon empfohlen – übrigens auch eine Empfehlung von mir! – und den hätten die Nazis ja gern gelesen … die lasen übrigens auch Goethe und Schiller.

Höcke selbst hatte im Vorfeld des Artikels zu einem Fragebogen Stellung genommen, der ihm von der „Zeit“ zugesandt worden war.

Am Schluß wirbt das Blatt unverhohlen um Informelle Mitarbeiter im Casus Höcke – Denunzianten, Petzer, Informanten werden gebeten, in einen „Anonymen Briefkasten“ Material einzusenden. Daß es sich um eine konzertierte Aktion handelt, legt auch dieser Artikel nah. Widerlich, um es mal mit Heiko Maas zu sagen – der sich übrigens auch gerade von seiner Frau getrennt hat …

Und nun also Gaulands Tochter, ebenfalls evangelische Pfarrerin und ebenfalls in der „Zeit“, die des Vaters Äußerungen über als emotionale Erpressung genutzte Kinderaugen „schrecklich“ findet. Organisierter Familienzwist als politisches Mittel.

Wird man morgen den Großonkel Meuthens ins Licht zerren oder einen vergessenen von Storch oder werden Paparazzi Poggenburg durch die Gardine dabei abfilmen, wie er sich braune Schokopaste aufs Frühstücksbrot schmiert?

Nun kann jeder jede Äußerung eines jeden „schrecklich finden“ oder „still ertragen“, nur ändert das nichts daran, daß eine öffentliche Stimme eine repräsentative Stimme sein sollte und wen bitteschön repräsentieren Töchter, Väter, Ehemänner, wenn nicht sich selbst? Und es ändert auch nichts daran, daß diese Versuche, Politiker über private Interna persönlich zu treffen, maßlos und unanständig hoch drei sind!

Hoffnung und Reue

Nach dem Essen werden sie oft gesprächig, die syrischen Flüchtlinge. Es gab gewürzten Fisch, Pommes, Tomaten, Spiegelei, Bohnen mit Knoblauch und Rosenkohl. Letzteren fand ich im Kühlschrank – sie wußten damit nichts anzufangen. Er war in einer Sammelkiste der Tafel. Schon beim gemeinsamen Kochen fängt Khaled zu sprechen an.

Als wir satt am leergeräumten Tisch sitzen und er sich eine Zigarette gedreht hat, sprechen wir über Syrien. Khaled erzählt, daß Assads Truppen jetzt vor seinem Heimatdorf stünden. Er hatte seine Cousine gesprochen. Gemeint ist die Stadt Daal, nördlich von Daraa, unmittelbar an der jordanischen Grenze. Daraa war eine schöne und antike Stadt. Dort begannen 2011 die Unruhen gegen Assad. Heute ist die Stadt ein riesiger Trümmerhaufen – es genügt bei Google-Bilder den Namen einzugeben und die fürchterlichsten Aufnahmen springen einem entgegen. Nicht jeder verträgt das, daher Vorsicht!

2012 floh Khaled in den Libanon und verdingte sich als Gelegenheitsarbeiter auf dem Bau. Nur die weiblichen Familienmitglieder sind noch in der Stadt. Aber der Libanon ist in diesem Teil schiitisch und die Syrer sind Sunniten. Überall gibt es Schikanen und Anfeindungen. Drei Mal wird er auf offener Straße von Hisbollah-Milizen ausgeraubt und geschlagen – weil er Sunnit ist. Und 2015 sagt ihm sein Arbeitgeber am Zahltag: Heute kein Geld – und schickt ihn wie einen Hund weg. Da hat er sich entschlossen, den Weg nach Deutschland anzutreten.

Ob er es bereut habe, frage ich ihn. Er ringt um Worte und kann es auch nur auf Arabisch sagen. Hussain muß übersetzen: Ja, manchmal schon, aber es gab keine andere Wahl. Was soll er denn machen und nun ist es, wie es ist. Alles liegt in Gottes Hand.

Umberto Eco über Migration

Die Rassisten müßten theoretisch eine aussterbende Rasse sein. (Eco)

Noch einmal Eco! Unter allen Nachrufen auf den großen Mann stechen die Worte Arno Widmanns von der Berliner Zeitung heraus – zumindest auf den ersten Blick und von den Flüchtigkeitsfehlern abgesehen; eine Zweitlektüre läßt Zweifel aufkommen. Immerhin macht er auf einen äußerlich unscheinbaren Text Ecos aufmerksam, der den geäußerten Genieverdacht zu bestätigen scheint. Wenigstens was den aus der Geschichte heraus denkenden Visionär betrifft. Schon vor fast 20 Jahren beschrieb der polyglotte Polykulturalist zwei Erscheinungsweisen der Jetztzeit. Die Entartung der politcal correctness zum Fundamentalismus und die Migrationsströme des dritten Jahrtausends – nach christlicher, besser eurozentrischer Rechnung.

„Die Migration, die Toleranz und das Untolerierbare“ heißt das Traktätchen – es zeigt auch Ecos blinden Fleck oder seine Zeitgebundenheit. Trotzdem hat Widmann recht: Hätte man Eco damals verstehend gelesen, wir müßten nicht vor einem derartigen Scherbenhaufen aus mißlungener Humanität, gesellschaftlicher Zerrissenheit, Bigotterie und schnell zusammengeschusterten Notlösungen stehen. Eco setzt für das neue Jahrtausend ein „Gemisch von Kulturen“ voraus, er sieht ein Europa, das dem New York der 90er Jahre ähnelt. Dort

„erleben wir die Negation des Konzepts vom melting pot, verschiedene Kulturen existieren nebeneinander, von den Puertoricanern bis zu den Chinesen, von den Koreanern bis zu den Pakistani; einige Gruppen haben sich miteinander vermischt (wie Italiener und Iren, Juden und Polen), andere bleiben getrennt (in verschiedenen Vierteln, wo sie verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Traditionen pflegen) und alle treffen sich auf der Basis einiger allgemeingültiger Gesetze und einer allgemeingültigen Verkehrssprache, des Englischen, das jeder leidlich genug spricht, um sich verständigen zu können.“

Hier muß man freilich Einspruch erheben. Mittlerweile ist die Zweisprachigkeit in den USA ein anerkanntes Problem geworden. Der Süden ist hispano- der Norden anglophon und immer weniger Menschen lernen die andere Sprache. Es wurde sogar schon die Teilung des Landes angedacht. Vor allem aber übergeht Eco einen wichtigen Fakt, den er zwar nennt, aber nicht zu denken wagt. Warum, so muß man sich doch fragen, haben sich Italiener, Iren, Juden und Polen – Deutsche dürften auch dazu zählen – miteinander vermischt, wohingegen Puertoricaner, Chinesen, Koreaner oder Pakistani „nebeneinander existieren“? Es liegt auf der Hand: die kulturellen und religiösen Differenzen sind zu gravierend. Es genügt Ed McBain zu lesen, den großartigen Krimiautor – der hat in über hundert Romanen anhand der „Big Bad City“ die Phänomenologie der Migration, die Eco fordert, schon längst entworfen … spannend zu lesen, aber kein schönes Bild.

Aber Eco will eigentlich die Abstraktion und die Kritik, die Unterscheidung und da wird er wieder wichtig. Es ist die (Im)Migration:

„Man sollte den Begriff der ‚Immigration‘ von dem der ‚Migration‘ unterscheiden. Immigration liegt vor, wenn einige Individuen sich aus einem Land in ein anderes begeben. Immigrationsphänomene können politisch kontrolliert, begrenzt, gefördert, programmiert und hingenommen werden. Nicht so die Migrationen. Gleich ob sie gewaltsam oder friedlich daherkommen, sie sind wie Naturphänomene. Sie treten ein und niemand kann sie kontrollieren. Migration liegt vor, wenn ein ganzes Volk aus einem Gebiet in ein anderes zieht (wobei es nicht relevant ist, wie viele von ihm im Ursprungsland bleiben, sondern wie radikal es die Kultur des Landes, in das es eingewandert ist, verändert).“

Dann unterscheidet Eco zwischen verschiedenen historischen Migrationsformen – eine Arbeit, die endlich fortgesetzt werden müßte.

Sind Migrationen wie Naturphänomene? Ja und nein! Selbst ein berstender Staudamm – wie die Mossul-Talsperre – wäre ein Naturphänomen, wenn es denn eintritt, und doch von Menschen gemacht. Daß es im Zeitalter der Globalisierung und Verflüssigung, „in einem Klima großer Mobilität“ – das hat Eco als einer der ersten gesehen – zu geschwinden Strömen, plötzlichen Wirbeln und überraschenden Wellen auch an Menschen kommen wird, ist unvermeidlich, das konkrete Wie aber beeinflußbar.

„Immigration haben wir nur, wenn die Immigranten (die aufgrund einer politischen Entscheidung aufgenommen worden sind) in großer Zahl die Lebensweise des Landes, in das sie einwandern übernehmen, Migration dagegen haben wir, wenn die Hereinströmenden (die niemand an der Grenze aufhalten kann) die Kultur des Landes radikal verändern.“

Sowohl Anzahl als auch Abstand dürften entscheidend sein.

„Solange man es mit Immigration zu tun hat, können die Völker hoffen, die Immigranten in einem Ghetto zu halten, damit sie sich nicht mit den Einheimischen vermischen. Ist es Migration, dann hilft kein Ghetto mehr, und die Vermischung wird unkontrollierbar. Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist nicht mehr, zu entscheiden, ob in Paris Schülerinnen mit dem Tschador herumlaufen dürfen oder wie viele Moscheen man in Rom errichten soll. Das Problem ist, daß Europa im nächsten Jahrtausend ein … vielrassiger, wenn man lieber will, ein ‚farbiger‘ Kontinent sein wird. Ob uns das paßt oder nicht, spielt keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem kommen.“

Darin die Aufforderung zu erkennen – wie Widmann das tut – einer problematischen Sache eine freiwillige Affirmation entgegenzusetzen, um sie dann als Problem aus dem Zirkel der Aufmerksamkeit gezaubert zu haben und sie vielleicht sogar positiv voranzutreiben – als quasi-marxistischer Helfer der Geschichte –, entbehrt der Logik, die hier ohnehin verletzt wird. Liest man diese Zeilen genau, dann fällt der Kategoriensprung auf. Gleichsam im Nebensatz schwenkt Eco vom ethnischen und kulturellen Fokus auf den religiösen. Ob er es nicht gesehen hat oder nicht sehen wollte, er meidet jedenfalls diese Auseinandersetzung, was umso erstaunlicher ist, als er im nächsten Abschnitt ausführlich über den wachsenden Fundamentalismus und Integralismus spricht, ohne auch nur das Hauptproblem zu benennen: die Einwanderung einer Fundamentalreligion, deren innerster Kern der totale Integralismus ist.
Die Kernfrage der Zukunft wird sein, wie die „Offene Gesellschaft“ mit sich rasch vermehrenden geschlossenen Ideologien umgehen wird: bleibt sie offen, wird sie an ihrer Offenheit schon numerisch untergehen, bekämpft sie das Geschlossene, ist sie nicht mehr offen. Ecos Trost, daß diese Ein- und Unterwanderung wie im dekadenten Rom sich über Jahrhunderte hinziehen könnte, ist angesichts der vollkommen anderen Mengen und der Fluidität auf allen Ebenen leider wohl ein Selbstbetrug.

Schließlich widmet er sich dem Begriff der Toleranz. Auch hier sind Licht und Schatten eng beieinander. Erfrischend ist, den Begriff nicht als Ideologem behandelt zu sehen:

„Intoleranz beginnt vor jeder Doktrin. In diesem Sinne hat sie biologische Wurzeln … Intoleranz gegenüber dem Andersartigen oder Unbekannten ist beim Kind so natürlich wie der Instinkt, sich alles, was es haben will, einfach zu nehmen. … Es ist jedoch nicht so, daß die Doktrinen der Verschiedenheit diese rohe Intoleranz hervorbrächten. Im Gegenteil, die Doktrinen machen sich einen bereits diffus vorhandenen Bodensatz von Intoleranz zunutze.“

Gegen diese rohe Intoleranz könne keine Theorie und kein Intellektueller etwas ausrichten. Sie in die politische Rechnung von vornherein mit aufzunehmen – das scheint die Konklusion daraus zu sein – ist ein Akt staatskluger Weisheit, sie auszuschließen und mit Moralin zu übergießen – was wie ein Brandbeschleuniger wirkt – dagegen politische Dummheit. So verabscheuenswürdig die zahlreichen direkten Angriffe auf Flüchtlinge sind, sie waren so vorhersagbar und damit auch einrechenbar wie der morgige Sonnenaufgang.

Leider hat Eco es hier versäumt, den Begriff der Toleranz näher zu beleuchten, obwohl er der italischen Sprache entstammt: „tolerare“. Er bedeutet nicht „anerkennen“, wie viele meinen, sondern „dulden, ertragen, aushalten“. Goethe hingegen hatte das Problem bereits erkannt. Dabei muß man genau auf die grammatischen Subtilitäten achten, wenn er in den Maximen und Reflexionen schreibt:

„Toleranz sollte eigentlich eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Quelle: Umberto Eco: Vier moralische Schriften. München 1998

Sensibles Thema

Ich weiß, es ist eine sensible Frage, ein gesellschaftliches Tabu ersten Ranges, über das man nur hinter vorgehaltener Hand spricht (ganz ohne böse Ironie) oder besser noch gänzlich schweigt, nur unter allerallerbesten Freunden vielleicht …, ein empfindsames Thema, eigentlich vollkommen politisch inkorrekt und mancher Leser – was mir sehr leid täte und wofür ich mich pflichtgemäß schon mal vorab entschuldigen möchte – wird die Grenzen des guten Geschmacks oder sogar der Moral überschritten sehen, mich vielleicht sogar einen Unmenschen oder schlimmer noch Rassisten nennen – dabei glaube ich nicht und behaupte auch nicht, daß es sich um eine Frage der Rasse im eigentlichen oder auch nur im weitesten Sinne handelt und überhaupt distanziere ich mich von Rassismus und solchen Sachen –, man wird mich möglicherweise mit Sarrazin in einen Topf werfen – was der liebe Herrgott verhindern möge –, aber ich sage es jetzt trotzdem, betone aber ausdrücklich, daß ich nicht über alle Eritreer spreche, diese fast sechs Millionen Menschen, noch nicht einmal über die meisten, also durchaus nicht behaupte, daß das Eritreer-Sein bzw. weil sie Eritreer sind, dafür verantwortlich sei, und ich spreche auch nicht über d e n Eritreer an sich, sondern nur über die wenigen, die ich kenne (und die ja kaum repräsentativ sein können), also 21 Menschen eritreischer Abstammung, alle jung, zwischen 18 und 35 Jahren, Christen und Muslime, Männlein und Weiblein gleichermaßen, letztere auch schwanger – was im Einzelfall eine Erklärung hätte sein können –, daß also diese mir bekannten Eritreer alle, durch die Bank, eines, neben ihrer Herkunft und Hautfarbe – das darf man doch sagen? – eines gemeinsam haben, nämlich, nämlich …: Halitosis, also, also ich meine also … Mundgeruch. Richtig schweren Mundgeruch, kein Knoblauch etwa, das auch, aber ich habe nichts gegen Knoblauch, sondern solchen, der es dem Gegenüber schwer macht, unbefangen zu bleiben, Würgereiz erzeugt, der instinktiv dazu zwingt, den Kopf zur Seite zu nehmen, die Hand vor die Nase …

Fragt mich nicht warum. Statistisch sind 90% aller Fälle von Foetor ex ore, wie die Ärzte auch sagen (gegoogelt, gebe ich zu), im Mund- und Rachenraum verursacht und tatsächlich ist der Zahnstand bei einigen schon optisch sehr prekär. Verfärbungen sind weit verbreitet, Zahnarztbesuche häufig, nicht selten mit Extraktionen, auch – Ob das schon eine Form des diffusen Rassismus ist? Oder hat es mit den Krankenkassen zu tun? – Mehrfachextraktionen. Als ich z.B. Früchte behandelte und Proben reichte, wollten zwei nicht kosten und zeigten auf den Mund – vermutlich Säurevermeidung aufgrund sensibler Zahnhälse oder Karies.

Ich mag meine Eritreer – es sind liebe, nette, bescheidene Menschen, aber es ist nun mal, wie es ist. Hätte ich besser schweigen sollen?

Mei Arzgebirg wie bist de schie

Die Ausschreitungen von Clausnitz treffen mich besonders hart. Denn ich kenne diese Leute. Diejenigen, die im Bus sitzen, weinen, vor Wut und Abscheu gegen die Scheibe spucken, sich aneinander klammern und sich nicht aus dem Bus wagen, diejenigen, deren schlimmste Alpträume soeben Realität wurden: Neu ankommen, hoffnungsvoll und ängstlich zugleich, und vehement abgewiesen, ja angefeindet zu werden.

Aber ich kenne auch die anderen, die draußen stehen, in warme farbige Jack-Wolfskin-Jacken gekleidet, Jeans, Handschuhe – sie frieren nicht, ihnen fröstelt nur vom Warten, aber nun sind sie heiß und haben rote Köpfe.

Nicht persönlich kenne ich diese Leute, aber ich erkenne sie an ihrer Sprache. Zu behaupten, es wären hundert gewesen, könnte übertrieben sein. Man hört ein, zwei Dutzend, der Rest dürfte aus Schaulustigen bestanden haben, auch „Widerständlern“, doch nicht bereit, aktiv verbal gewalttätig zu werden. Auch muß man vorsichtig sein – wir haben nur den einen Blick in einem kurzen Zeitfenster und wissen nicht, was die andere Seite – die mit den aufgerissenen Augen – gesehen und getan hat. Gerade weil ich diese Leute kenne, gehen sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie einfach, wie billig ist es doch, zu schreiben: Ich – als Vogtländer, Sachse, Deutscher – schäme mich. Eine einstudierte Demutsübung, Usus mittlerweile in solchen Fällen …

Das Erzgebirge liegt gleich hinter dem Horizont. Aue und Schwarzenberg und Annaberg-Buchholz und Schneeberg … gehören zur näheren Heimat. Die Leute sprechen dort ein Idiom, das dem meinen (ich kann mich davon auch emanzipieren) sehr ähnelt. Würde ich diese Männer persönlich kennen und ginge ich zu ihnen, um zu fragen: „Du, Günther, kannst du mir mal die Dachrinne reparieren“ oder: „Rainer, ich bräuchte am Wochenende mal deine Hilfe. Wir bereiten das Schulfest vor.“ oder dergleichen, dann würden diese Männer mit großer Wahrscheinlichkeit nicken, lächeln und stünden auf die Minute genau an der Türschwelle und legten los … und wären danach entrüstet, wenn man ihnen einen Fuffi in die Hand drücken wollte.

Aber nun standen sie vor einem Hauseingang und schrien verängstigte asylsuchende Menschen an: „Weg!“, „Heem!“, „Naus!“, „Verpisst eich doch“, „Ab nach Hause“, „Raushoaln“ …, nun jubelten sie, als ein junger Kerl von einem Polizisten überwältigt und ins Haus gezerrt wurde, jetzt rufen sie „Wir sind das Volk“ und „Widerstand“.

Damit haben sie allen „Widerstand“ diskreditiert. Und sie beweisen, nichts, aber auch gar nichts verstanden zu haben. Mögen diese Frauen mit Kopftuch fremd und bedrohlich wirken oder diese hageren schwarzhaarigen Männer mit den Adlernasen … sie haben die geringste Verantwortung an der ganzen Misere. Sie sind die Schwächsten und wer wirklich glaubhaften „Widerstand“ leisten will, der sollte zuerst seine Empathiefähigkeit unter Beweis stellen (denn „Widerstand hat mit Entscheidungsfreiheit zu tun) und wer wirklich für das christliche Abendland zu kämpfen meint, der muß auch zeigen, daß er christliche und zivilisatorische Grunderrungenschaften umsetzen kann.

Warum aber mangelt es diesen Männern in solchen Situationen am einfachsten Anstand? Welcher Gesellschaft entstammen sie, die ihnen die primärsten zwischenmenschlichen Regeln aberzogen oder doch zumindest nicht anerzogen hat? Resultat welcher Erziehung und Geschichte sind sie? Jedes Land hat das Volk, das es verdient. Ein starker Grund, sich ein anderes Land zu suchen.