Im falschen Film

Mit den Syrern wird das Perfekt geübt. Ich verteile eine lange Liste mit den wichtigsten Verben und deren Partizipien. Vier Seiten nur Verben. Khaled meint die Woche darauf, er könne sie alle, aber schon die erste Frage gerät zum Desaster. Das wurmt ihn und er verspricht mir, bis zur nächsten Woche alle zu beherrschen. „Alle? Wirklich alle?“, frage ich erstaunt. Er beharrt darauf. Ich kann es nicht glauben, wir machen Späße darüber, dann schlage ich ihm eine Wette vor. Angenommen, um welchen Preis? Er nennt eine Kinokarte. Wir schlagen ein.

Auf dem Heimweg bin ich es, der Hussain fragt, ob Wetten nicht haram seien. Er kommt ins Grübeln, weiß es nicht genau, meint aber, daß ich wohl recht habe. Soweit kenne ich meinen Koran schon.

Wieder vergeht eine Woche – nun will ich Khaled abfragen. Die Wette, schon vergessen? Er will keine Wette mehr, denn sie sei – haram. Hussain habe ihn darauf aufmerksam gemacht. Egal, ich teste trotzdem und Khaled hat tatsächlich fleißig gelernt; über ein paar Unsauberkeiten sehe ich gern hinweg. Also ins Kino, anyway. Welcher Film? Hollywood mit garantierten Brüsten und Gestöhne und/oder Ballereien will ich nicht. Bleibt nur „Heidi“. Warum eigentlich nicht? Die Sprache sollte simpel sein, die Geschichte ist zu verstehen und ein Blick in gute alte Vergangenheit kann ebenso wenig schaden wie die wunderbare Natur der Alpen.

Schon aus der Straßenbahn sehe ich sie am Kino stehen. Freudige Begrüßung und dann Hussain: „There is a problem.“ Er hat sein Gebet noch nicht verrichtet, hatte nicht daran gedacht, daß gerade jetzt das Mittagsgebet zu erledigen sei. Tausendmal sorry. „Dann mach dein Gebet jetzt – wir haben noch 12 Minuten.“ „Aber wo?“ „Woher soll ich das wissen? Geh ins Kino und frage, ob die einen Raum haben, gehe in einen Hauseingang oder auf der Toilette.“ Um Gottes Willen – das war Blasphemie. „Was ist mit dir, Khaled?“ „Kein Problem“ „Und du, Hussain?“ „Was soll ich tun?“ „Hussain, es ist dein Problem, nicht meines! Es wird doch wohl irgendeine Sure geben, in der Mohammed das Auslassen eines einzigen Gebetes gestattet!“ „Nein“ „Kann ich nicht glauben. Muslime leben und arbeiten hier, die können doch nicht alle mittags beten.“ „Doch“ „Auch mitten in einer Schlacht?“ „Ja, selbst mitten in einer Schlacht.“ Nun werde ich ungehalten. Immerhin schlage ich mir den Nachmittag um die Ohren, um den beiden eine Freude zu machen und nun das. Ich stelle Hussain vor die Wahl: „Hussain, du mußt dich entscheiden. In fünf Minuten beginnt der Film. Gehst du mit oder nicht?“ „I’m so sorry“, er zögert, kämpft, ringt, überlegt: „I better go.“ „Dann tschüß, komm Khaled“.

Ich bin ziemlich angefressen! Lächele trotzdem, als ich Khaled die Karte bezahle. Das Kino ist leer, wir sind die einzigen Gäste. Ich bitte Khaled, Hussain anzurufen und ihm zu sagen, daß er sein Gebet auch hier verrichten könne, doch Hussains Handy ist aus. Dann nimmt uns der Film gefangen. Alles, wie ich es erhofft hatte. Aber gerade als Heidi nach Frankfurt entführt wird, entschuldigt sich Khaled: nun müsse er beten. Die Situation ist skurril: Vorne pathetische Violinen und in der Reihe hinter mir kniet der Muslim und fleht zu seinem Gott. … Nach dem Film lädt Khaled mich zum Kaffee ein. Das gefällt mir gut – ein gesundes Gespür für Geben und Nehmen.

Auf dem Rückweg schaue ich noch einmal bei Hussain vorbei. Noch immer bin ich erregt. Richtige Wärme will an diesem Abend nicht zwischen uns aufkommen. Ich bitte ihn, mir eine Sure zu zeigen, die das Gebet unter allen Umständen verlangt. Viele gebe es. Es gebe keine größere Sünde für einen Muslim, als das Gebet zu unterlassen, noch dazu das zentrale Mittagsgebet. Selbst einen Menschen zu töten, sei nicht so gravierend. Dann zeigt er mir “The cow”, Sure 2.238 und 239.

“Guard Salâvâts (the light of benedictions coming from Allah, prayers) and the Requirement Prayer (continue it in uninterrupted manner). And stand up truly obedient to Allah (in reverence mixed with deep respect for a long time).
And if you fear (vital danger) then (perform your prayers) while on foot or riding. And when you are in safety, then remember Allah in the manner He has taught you what you did not know (how you will remember Allah)”

Aber verstehen könne man das ohnehin nur auf Arabisch.

Glückliche Dänen

Die Dänen sind mal wieder die Glücklichsten. Weltmeister im Glück. Titelverteidiger.

Darum sind die Dänen so glücklich

Seit Tagen geistert ein Artikel durch die Gazetten, der dieses Phänomen in zehn Punkten erklären will. Vom Zugang zum Meer und Fahrradfahren über Lakritz essen, gutes Fernsehen, Gemütlichkeit und Familienidylle bis hin zu Duzen und lockerem Umgang oder die moderne Hauptstadt Kopenhagen wird aller möglicher Unsinn angeführt. Lediglich der Punkt „Soziales Sicherheitsgefühl“, der den Wohlfahrtsstaat meint, hat in dieser Reihe Teilberechtigung. Humor, Familie, Gemütlichkeit und dergleichen erklären nichts, sondern rücken die Frage nur eine Dimension weiter: Warum haben denn die Dänen Humor, achten auf ihre Familien, lieben die hygge, Gemütlichkeit?

Den eigentlichen Grund will man mal wieder nicht sehen, wohl weil er gerade nicht en vogue ist.

Es dürfte sich dabei um die stark ausgeprägte nationale Identität handeln! Die Dänen sind glücklich, weil sie Dänen sind! Man fühlt sich wie eine große Familie, vergöttert die eigene Sprache, akzeptiert einen gemeinsamen Literatur-, Musik-, Film- und Kunstkanon, pflegt seine Tradition …, ist stolz, oder besser: froh, Däne zu sein. Das hat viele verschiedene Ursachen, vor allem historische. Und es kann nur funktionieren, wenn man klein bleibt – über fünf Millionen Menschen, so meine Schätzung, und das nationale Band wird gedehnt.

Interessant wäre zu erfahren, ob bei diesen Umfragen, deren Sinn man prinzipiell hinterfragen kann, auch Zuwanderer befragt wurden. Es wäre kaum verwunderlich, wenn die Zustimmung dort weit weniger stark wäre – dafür gibt es empirische Hinweise.

Wenn diese Sichtweise etwas für sich hat, dann kann man folgendes prognostizieren: Die Dänen werden mit zunehmendem Verlust der nationalen Identität durch Zuwanderung – Nichtanerkennung des Kanons, mangelnde Beherrschung der Sprache, Vertrauensverlust usw. – bald weniger glücklich sein. Da es sich um relatives Glück handelt, mögen sie die Spitzenposition noch lange einnehmen, absolut gesehen spürt man jedoch schon heute einen neuen Frust an allen Ecken und Enden.

Pressecodierte Willkommenskultur

Punkt 12.1. des Pressecodex‘ gibt folgende Richtlinie aus:

Berichterstattung über Straftaten
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.
Besonders ist zu beachten, daß die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Es hagelte Kritik, denn viele Menschen möchten gern wissen, ob bestimmte Formen der Kriminalität im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise zugenommen haben könnten. Das ließe sich freilich nur statistisch erfassen – die Nahperspektive birgt Verallgemeinerungsgefahren. Vor kurzem wurde gerade Punkt 12.1. erneut bestätigt.

Dieser Tage weidet sich die Willkommens- und Antifa-Presse an einem pikanten Vorfall: Syrische Flüchtlinge retten NPD-Mann nach schwerem Autounfall. Dieser ist von zwei Asylbewerbern – dieses Wort ist bis auf weiteres genauer – schwerverletzt aus dem Auto gezogen und ersthelfend versorgt worden.

Nun ist Erste Hilfe kein Verbrechen, sondern sehr lobenswert. Ich selbst war schon einmal in der Situation, einem Verunglückten Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung geben zu müssen. Berichtenswert erschien das nicht einmal dem Lokalblatt, geschweige denn den Leitmedien. Und selbst wenn es berichtet worden wäre, dürfte meine religiöse oder ethnische Zugehörigkeit kaum Erwähnung gefunden haben und auch mein Minderheitenstatus nicht.

Hier jedoch liegt die Betonung auf „Syrer“, als ob die beiden bescheidenen Helden – die sich danach aus dem Staub machten – nicht als „Menschen“, „Männer“, „Helfende“, „Zeugen“, sondern eben als „Syrer“ gehandelt hätten. Der subtile rassistische Unterton scheint den süffisanten Rechthabern der Willkommenskultur – „Auch wenn die NPD alle Flüchtlinge am liebsten sofort aus dem Land hätte: In diesem Fall dürfte der Politiker mehr als froh sein, daß die Syrer da waren.“ – nicht bewußt zu sein.

Indem sie die Nationalität ganz uncodiert preisgeben, es offensichtlich „einen begründeten Sachbezug für das Verständnis des berichteten Vorgangs“ gibt, erwecken sie den Eindruck der Überraschung, als ob man ausgerechnet von Syrern eine derart selbstlose Tat nicht hätte erwarten können.

Schöne Willkommenskultur!

Nur in dieser ideologiefreien Lesart jedenfalls wird die Preisgabe der „ethnischen Zugehörigkeit“ sinnvoll.

Terror-Tourismus?

Mason Wells hatte sehr großes Glück, schreiben die Illustrierten. Denn Mason Wells, ein junger mormonischer Missionar, überlebte gerade seinen zweiten Terrorangriff und selbst im Januar 2015 war er nicht weit vom Geschehen entfernt. In Boston stand er am Straßenrand und sah die anderen sterben. Erst jetzt, beim dritten Mal, hat er es ins innerste Herz der Finsternis geschafft – als Beweis liegt er in einem Brüsseler Krankenhaus und kuriert Verbrennungen und Verletzungen aus.

Die Wahrscheinlichkeit ist astronomisch gering.

Wer ist dieser Mason Wells? Warum, so muß man sich doch fragen, setzen islamistische Selbstmordattentäter alles ein, selbst ihr Leben, um Mason Wells zu töten?

Oder funktioniert die Anziehung umgekehrt? Vielleicht sind nicht sie von ihm, sondern er von ihnen angezogen? Ist Mason Wells der erste Vertreter eines neuen Trends? Nach Jackass, Gangnam Style, Harlem Shake, Ice Bucket Challenge, Belfies, Bilfies und Selfies auf Gleisen, Wolkenkratzern und Steilküsten … nun der Terror-Tourismus? Mitten im Geschehen?

Winner is, wer am treffsichersten ahnt, wo es als nächstes kracht. Boston-Paris-Brüssel … Berlin?

Tiefe Bestürzung

Bei einem Selbstmordanschlag auf ein Fußballstadion im Irak sind nach Angaben aus Sicherheitskreisen mindestens 29 Menschen getötet und 70 verletzt worden. Der Attentäter habe sich bei einem Spiel in dem Stadion von Iskanderija, einer Stadt 40 Kilometer südlich der Hauptstadt Bagdad, in die Luft gesprengt.

Lassen Sie mich unsere tiefe Bestürzung und Trauer darüber ausdrücken, was Terroristen den Menschen heute in Iskanderija angetan haben, was Terroristen uns allen angetan haben. Wir verurteilen diesen feigen und barbarischen Akt.

Das sind Feinde aller Werte, für die wir einstehen – Freiheit, Demokratie und das friedliche Zusammenleben als selbstbewußte Bürgerinnen und  Bürger. Wenn wir jetzt komplett in Angst und Schrecken erstarren, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.

Das Entsetzen ist ebenso grenzenlos wie die Entschlossenheit, den Terrorismus zu besiegen. Die Mörder von Iskanderija sind Terroristen ohne Rücksicht auf die Gebote der Menschlichkeit. Unsere Kraft liegt in unserer Einigkeit und so werden wir uns als stärker erweisen als der Terrorismus.

Unsere Gedanken sind bei den Menschen in Iskanderija und im Irak. Ihnen gilt in diesen schweren Stunden unser Mitgefühl und unsere Solidarität. Sie sind nicht allein. Wir müssen gegen den barbarischen Terror zusammenstehen. Die Ziele der Anschläge – ein Fußballstadion in der geschichtsträchtigen Stadt in der Wiege der Menschheit – sprechen dafür, daß dieser terroristische Anschlag nicht nur dem Irak galt, sondern allen kulturellen Errungenschaften. Es ist kein Zufall, daß die Mörder sich ein Fußballstadion gewählt haben, ihre menschenverachtende Ideologie in die Tat umzusetzen. Sie wollen unsere Lebensweise treffen und auch Europa an die fürchterlichen Ereignisse in Paris und Hannover erinnern. Es ist kein Zufall, daß sie sich diese Stadt erwählten, in der einst Saddam Hussein ein friedensbedrohliches Nuklearprogramm entwickelte.

Das ist ein schwarzer Tag für den Irak, den Nahen Osten, für Europa und die gesamte freie Welt. Diese abscheulichen Taten treffen uns alle. Wir stehen an der Seite von # Iskanderija und aller Iraker. Die schrecklichen Verbrechen, die so viele Opfer gefordert haben, verurteilen wir auf das Schärfste. Wir sind von den Ereignissen schockiert, teilen die Trauer des irakischen Volkes und fühlen den Schmerz der Familien und Freunde der Opfer nach. Den Angehörigen der Opfer wünschen wir Kraft in diesen dunklen Stunden, den Verletzten baldige Genesung. Wir fühlen uns ihnen so nah. Wir weinen mit ihnen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar – aller Menschen!

75/40/10

„Gewissensfreiheit“! Wollte man zu dieser Zeit des Kulturkampfes dem Liberalismus seine alten Stichworte zu Gemüt führen, so konnte es doch nur in dieser Form geschehen: Jeder muß seine religiöse wie seine leibliche Notdurft verrichten können, ohne daß die Polizei ihre Nase hineinsteckt. (Karl Marx)

75/40/10 sind nicht die Maße eines fehlgewachsenen konischen Menschen, sondern markieren ein dreifaches Jubiläum. Es geht um einen der einflußreichsten Wissenschaftler unserer Zeit, einen der wenigen, die unser Weltbild tatsächlich unmittelbar verändern konnten.

Richard Dawkins wurde heute vor 75 Jahren in Nairobi geboren und auch wenn es vermutlich Millionen Menschen gibt, die diesen Tag verfluchen, oder verfluchten – würden sie seine Bücher kennen –: für mich ist es ein Feiertag und es sollte für alle einer sein, auch für die ihn Verfluchenden. Denn Dawkins ist der Hohepriester der Wahrheit, des Ringens um die Wahrheit!

Sein Erstling „The selfish Gene“ – das man besser mit „Das eigennützige Gen“ statt des mißverständlichen „Das egoistische Gen“ übersetzte – schlug wie eine Bombe ein und wirkt bis heute nach. Darin versucht er Paradoxa zahlreicher darwinistischer Fehlinterpretationen ebenso zu korrigieren wie er das seinerzeit neueste genetische Wissen verarbeitete. Bis dahin glaubte man – im Grunde genommen gegen Darwin, aber von ihm durch seine Titelwahl begünstigt – an eine artenzentrische oder individuenzentrische Motivation der natürlichen Auslese.

Dawkins  hingegen sieht das treibende Agens, die essentiale Kraft im „Gen“. Das Wort „Gen“ muß man in Anführungszeichen setzen, um die linguistische Notlage zu signalisieren, denn Worte sind gerade in den neuen Wissenschaften, wie Genetik und Quantenphysik, Hülsen, die den Sachverhalt oft eher abdecken als enthüllen. „Replikatoren“, so Dawkins, sei das treffendere Wort.

Dawkins nun meint: „daß wir und alle anderen Tiere Maschinen sind, die durch Gene geschaffen wurden“, daß wir, wie alles sich geschlechtlich fortpflanzendes Leben, Wegwerfbehälter, Transportmittel quasi-unsterblicher und willenloser Gene sind und daß diese Gene uns nur schaffen, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Der „survival of the fittest“ findet also nicht auf individueller oder spezieistischer Ebene statt, sondern auf genetischer und kulturell sogar erweitert, auf memetischer. Die Folgen sind eklatant! Zum Beispiel – um nur eines herauszugreifen – gäbe es damit keine „Krone der Schöpfung“ mehr oder anders gesagt, unendlich viele Kronen, da jedes bis zum jeweiligen Zeitpunkt überlebende Lebewesen – vom Bakterium über die Eiche bis hin zum Menschen – je eine Krone der „Schöpfung“ ist. Diese bewußte Überspitzung hat den Vorteil, die zahlreichen philosophischen und theologischen Implikationen unmittelbar greifbar zu machen.

Es war freilich vergebene Liebesmüh des Wissenschaftlers, darauf hinzuweisen, daß er „nicht für eine Ethik auf der Grundlage der Evolution“ eintrete, daß er vor einem „moral reading“ warnte und daß ihn die Problematik selbst dazu zwinge – wenn man denn mathematische Gleichungen und chemische Formeln vermeiden will – Anthropomorphismen zu wählen, ohne sie zu meinen: Es erging sich neben wissenschaftlicher Begeisterung ein Bombardement der Entrüstung auf ihn, vor allem aus religiösen Rohren. Immerhin hatten diese „Kritiker“ die wahre Bedeutung der Theorie durchaus erfaßt: Wenn das „egoistische“ Gen – das sich im Übrigen sehr oft durch überwältigenden Altruismus bis hin zur Selbstaufgabe seines Körpervehikels durchsetzen mag –, wenn dieses Gen also die Entstehung des Lebens erklären kann, wozu und warum dann noch Gott? Für den Wissenschaftler ist diese eine reine Frage der Wahrheit, der Evidenz; Motive spielen keine Rolle mehr, nur noch Effekte. Das klingt kälter, als es ist, und wer die Gedanken bis zum Ende durchdenkt, mag mehr Trost und ob seiner intrinsischen Schönheit des Arguments, auch mehr Wohlgefallen darin finden, als ein Glaube an einen Gott jemals leisten kann.

40 Jahre ist dieses Buch nun alt.

Es folgten eine ganze Reihe von Werken, alle lesenswert, in denen Dawkins seine These zu untermauern versuchte. „The Ancestor‘s Tale“ („Geschichten vom Ursprung des Lebens“) war für mich eine Offenbarung, weil es das Aha-Erlebnis, die Evolution „verstanden“ zu haben, brachte – selbstverständlich eine Selbsttäuschung: Vielleicht werden wir sie nie bis ins kleinste Detail verstehen können, denn es wimmelt von Überlagerungen und „cross overs“ und auch mir scheint, daß man bestimmte Anpassungsleistungen ohne eine ziehende oder stoßende transzendente Macht – die kein Gott sein muß, die auch ein Naturgesetz sein kann – kaum zu erklären vermag.

Diese Gott-Losigkeit durchzog sein ganzes Werk, aber erst in „The God Delusion“ – erneut sensationalistisch als „Gotteswahn“ übersetzt – zieht er die Summe daraus; ein Weltbestseller, der auch in Deutschland 300 000 Replikate verkaufte und enormes Aufsehen erweckte. Mit diesem Buch wurde Dawkins auch jenseits der scientific community wahrgenommen. In ihm versucht er die hohe Unwahrscheinlichkeit der Existenz einer divinen Macht, der „God hypothesis“ aufzuzeigen, die klassischen Gottesbeweise zu widerlegen, spürt er den Ursachen und Auswirkungen des Glaubens nach und versucht den Atheismus als eine intellektuell, moralisch und ästhetisch vollkommen befriedigende Daseinsweise zu propagieren, die zudem so etwas wie eine fast sichere Wahrheit für sich verbuchen kann. Er tut das voller Leidenschaft und gerade das brachte ihm viel Feindschaft ein. Sie wurde vielfach als atheistischer Fundamentalismus gelesen, als Austreiben des Teufels – wenn man so ironisch sein darf – mit Beelzebub. Rück- und Vorsicht gegenüber religiösen Positionen kann Dawkins nicht verstehen, denn Gottesglaube ist für ihn genauso kritisierbar und Kritik sollte niemanden verletzen, wie bei jeder anderen Lehre.

Darin verbirgt sich der springende Punkt des Mißverständnisses zahlreicher Kritiker. Er wäre ihnen aufgefallen, wenn sie bemerkt hätten, daß Dawkins die lange und breit ausgefächerte Geschichte des Atheismus gar nicht zu Kenntnis nimmt. Der Atheismus ist so alt wie der Theismus – allein im deutschsprachigen Bereich haben Fritz Mauthner und Hermann Ley vielbändige Geschichten verfaßt. Aber Dawkins scheint weder Lukrez, Seneca noch Pierre Bayle, La Mettrie oder Feuerbach, geschweige denn Marx und Lenin, gelesen zu haben. Und muß es auch nicht, denn er argumentiert von einem archimedischen Punkt aus, der es ihm gestattet, die ganze Welt aus den Angeln zu hebeln: die Evolution.

Daher sind die Kritiken an seiner theologie- und philosophiehistorischen Ignoranz zwar sachlich richtig, treffen ihn jedoch nicht. Wenn dann noch gründlicher deutscher Geist und angelsächsische Luzidität aufeinanderprallen, ist das Ergebnis vorprogrammiert. Beeindruckend brachte das eine Diskussion bei Kerner ans Licht, wo Dawkins sich drei Hardlinern gegenüber sah, u.a. einem messerscharfen Geist wie Bischof Huber, bei dem es einem kalt den Rücken runter läuft, wenn er über Liebe spricht oder die Bedeutung der Hölle im Christentum negiert.

Hölle hin oder her – die von mir betreuten Muslime haben eine Höllenangst vor ebenjener Hölle und aller natürlicher Zweifel wird immer wieder von dieser Angst besiegt. Dawkins‘ Buch – so mangelhaft es sein mag und so schwer sein Ton für europäische Ohren zu ertragen ist – leistet hier hervorragende Dienste als Fuß in der Tür. Der Klügste von ihnen hat es nun gelesen, in einer im arabischen Raum verbotenen Übersetzung, und wir werden es bald ausführlicher diskutieren.

Zehn Jahre ist es alt – kein Alter für ein ewiges Thema!

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Tafeleien

Nun ist Hussain wieder allein zu Haus. Seine beiden Mitbewohner sind ausgezogen. Salims Frau und die beiden Kinder, die im Frühjahr den Weg über Griechenland nach Deutschland gewagt hatten, durften die Erstaufnahme in Dresden verlassen. Jetzt haben sie eine gemeinsame Wohnung am anderen Ende der Stadt bezogen. Mohammed, Salims Bruder, ging gleich mit. Mohammed will zurück in die Türkei. In einigen Tagen wird er gemeinsam mit Hussain nach Berlin fahren, um weitere Formalitäten auf der Türkischen Botschaft zu klären. Die beiden Brüder sind noch immer hilflos ohne den halb so alten Hussain.

Der scheint es nicht zu bedauern, denn weder konnten sie ihm intellektuell etwas bieten, noch lag ihm der dauernde Jammerton. So begrüßt er mich freundlich wie immer. Er bietet mir zu essen an. Erdbeeren im März. „Gut waschen“, sage ich.

Dann zeigt er mir ein seltsames Kraut und fragt, wie man das essen könne. Es sind Schnittblumen, Narzissen, noch nicht aufgeblüht und tatsächlich ähneln sie Zwiebellauch. Wir lachen. Wir lachen überhaupt sehr viel! Als nächstes kommt Zitronengras. Was kann man denn damit anstellen. Ich selbst habe es noch nie gesehen oder genutzt, nehme aber an, daß es nur als Gewürz dient.

„Wie kommst du denn dazu?“ – „Alles Tafel.“

So lernt Hussain über die Resteverwertung die globale Welt manchmal besser und schneller kennen als ich.