Im falschen Film

Mit den Syrern wird das Perfekt geübt. Ich verteile eine lange Liste mit den wichtigsten Verben und deren Partizipien. Vier Seiten nur Verben. Khaled meint die Woche darauf, er könne sie alle, aber schon die erste Frage gerät zum Desaster. Das wurmt ihn und er verspricht mir, bis zur nächsten Woche alle zu beherrschen. „Alle? Wirklich alle?“, frage ich erstaunt. Er beharrt darauf. Ich kann es nicht glauben, wir machen Späße darüber, dann schlage ich ihm eine Wette vor. Angenommen, um welchen Preis? Er nennt eine Kinokarte. Wir schlagen ein.

Auf dem Heimweg bin ich es, der Hussain fragt, ob Wetten nicht haram seien. Er kommt ins Grübeln, weiß es nicht genau, meint aber, daß ich wohl recht habe. Soweit kenne ich meinen Koran schon.

Wieder vergeht eine Woche – nun will ich Khaled abfragen. Die Wette, schon vergessen? Er will keine Wette mehr, denn sie sei – haram. Hussain habe ihn darauf aufmerksam gemacht. Egal, ich teste trotzdem und Khaled hat tatsächlich fleißig gelernt; über ein paar Unsauberkeiten sehe ich gern hinweg. Also ins Kino, anyway. Welcher Film? Hollywood mit garantierten Brüsten und Gestöhne und/oder Ballereien will ich nicht. Bleibt nur „Heidi“. Warum eigentlich nicht? Die Sprache sollte simpel sein, die Geschichte ist zu verstehen und ein Blick in gute alte Vergangenheit kann ebenso wenig schaden wie die wunderbare Natur der Alpen.

Schon aus der Straßenbahn sehe ich sie am Kino stehen. Freudige Begrüßung und dann Hussain: „There is a problem.“ Er hat sein Gebet noch nicht verrichtet, hatte nicht daran gedacht, daß gerade jetzt das Mittagsgebet zu erledigen sei. Tausendmal sorry. „Dann mach dein Gebet jetzt – wir haben noch 12 Minuten.“ „Aber wo?“ „Woher soll ich das wissen? Geh ins Kino und frage, ob die einen Raum haben, gehe in einen Hauseingang oder auf der Toilette.“ Um Gottes Willen – das war Blasphemie. „Was ist mit dir, Khaled?“ „Kein Problem“ „Und du, Hussain?“ „Was soll ich tun?“ „Hussain, es ist dein Problem, nicht meines! Es wird doch wohl irgendeine Sure geben, in der Mohammed das Auslassen eines einzigen Gebetes gestattet!“ „Nein“ „Kann ich nicht glauben. Muslime leben und arbeiten hier, die können doch nicht alle mittags beten.“ „Doch“ „Auch mitten in einer Schlacht?“ „Ja, selbst mitten in einer Schlacht.“ Nun werde ich ungehalten. Immerhin schlage ich mir den Nachmittag um die Ohren, um den beiden eine Freude zu machen und nun das. Ich stelle Hussain vor die Wahl: „Hussain, du mußt dich entscheiden. In fünf Minuten beginnt der Film. Gehst du mit oder nicht?“ „I’m so sorry“, er zögert, kämpft, ringt, überlegt: „I better go.“ „Dann tschüß, komm Khaled“.

Ich bin ziemlich angefressen! Lächele trotzdem, als ich Khaled die Karte bezahle. Das Kino ist leer, wir sind die einzigen Gäste. Ich bitte Khaled, Hussain anzurufen und ihm zu sagen, daß er sein Gebet auch hier verrichten könne, doch Hussains Handy ist aus. Dann nimmt uns der Film gefangen. Alles, wie ich es erhofft hatte. Aber gerade als Heidi nach Frankfurt entführt wird, entschuldigt sich Khaled: nun müsse er beten. Die Situation ist skurril: Vorne pathetische Violinen und in der Reihe hinter mir kniet der Muslim und fleht zu seinem Gott. … Nach dem Film lädt Khaled mich zum Kaffee ein. Das gefällt mir gut – ein gesundes Gespür für Geben und Nehmen.

Auf dem Rückweg schaue ich noch einmal bei Hussain vorbei. Noch immer bin ich erregt. Richtige Wärme will an diesem Abend nicht zwischen uns aufkommen. Ich bitte ihn, mir eine Sure zu zeigen, die das Gebet unter allen Umständen verlangt. Viele gebe es. Es gebe keine größere Sünde für einen Muslim, als das Gebet zu unterlassen, noch dazu das zentrale Mittagsgebet. Selbst einen Menschen zu töten, sei nicht so gravierend. Dann zeigt er mir “The cow”, Sure 2.238 und 239.

“Guard Salâvâts (the light of benedictions coming from Allah, prayers) and the Requirement Prayer (continue it in uninterrupted manner). And stand up truly obedient to Allah (in reverence mixed with deep respect for a long time).
And if you fear (vital danger) then (perform your prayers) while on foot or riding. And when you are in safety, then remember Allah in the manner He has taught you what you did not know (how you will remember Allah)”

Aber verstehen könne man das ohnehin nur auf Arabisch.

Glückliche Dänen

Die Dänen sind mal wieder die Glücklichsten. Weltmeister im Glück. Titelverteidiger.

Darum sind die Dänen so glücklich

Seit Tagen geistert ein Artikel durch die Gazetten, der dieses Phänomen in zehn Punkten erklären will. Vom Zugang zum Meer und Fahrradfahren über Lakritz essen, gutes Fernsehen, Gemütlichkeit und Familienidylle bis hin zu Duzen und lockerem Umgang oder die moderne Hauptstadt Kopenhagen wird aller möglicher Unsinn angeführt. Lediglich der Punkt „Soziales Sicherheitsgefühl“, der den Wohlfahrtsstaat meint, hat in dieser Reihe Teilberechtigung. Humor, Familie, Gemütlichkeit und dergleichen erklären nichts, sondern rücken die Frage nur eine Dimension weiter: Warum haben denn die Dänen Humor, achten auf ihre Familien, lieben die hygge, Gemütlichkeit?

Den eigentlichen Grund will man mal wieder nicht sehen, wohl weil er gerade nicht en vogue ist.

Es dürfte sich dabei um die stark ausgeprägte nationale Identität handeln! Die Dänen sind glücklich, weil sie Dänen sind! Man fühlt sich wie eine große Familie, vergöttert die eigene Sprache, akzeptiert einen gemeinsamen Literatur-, Musik-, Film- und Kunstkanon, pflegt seine Tradition …, ist stolz, oder besser: froh, Däne zu sein. Das hat viele verschiedene Ursachen, vor allem historische. Und es kann nur funktionieren, wenn man klein bleibt – über fünf Millionen Menschen, so meine Schätzung, und das nationale Band wird gedehnt.

Interessant wäre zu erfahren, ob bei diesen Umfragen, deren Sinn man prinzipiell hinterfragen kann, auch Zuwanderer befragt wurden. Es wäre kaum verwunderlich, wenn die Zustimmung dort weit weniger stark wäre – dafür gibt es empirische Hinweise.

Wenn diese Sichtweise etwas für sich hat, dann kann man folgendes prognostizieren: Die Dänen werden mit zunehmendem Verlust der nationalen Identität durch Zuwanderung – Nichtanerkennung des Kanons, mangelnde Beherrschung der Sprache, Vertrauensverlust usw. – bald weniger glücklich sein. Da es sich um relatives Glück handelt, mögen sie die Spitzenposition noch lange einnehmen, absolut gesehen spürt man jedoch schon heute einen neuen Frust an allen Ecken und Enden.

Pressecodierte Willkommenskultur

Punkt 12.1. des Pressecodex‘ gibt folgende Richtlinie aus:

Berichterstattung über Straftaten
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.
Besonders ist zu beachten, daß die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Es hagelte Kritik, denn viele Menschen möchten gern wissen, ob bestimmte Formen der Kriminalität im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise zugenommen haben könnten. Das ließe sich freilich nur statistisch erfassen – die Nahperspektive birgt Verallgemeinerungsgefahren. Vor kurzem wurde gerade Punkt 12.1. erneut bestätigt.

Dieser Tage weidet sich die Willkommens- und Antifa-Presse an einem pikanten Vorfall: Syrische Flüchtlinge retten NPD-Mann nach schwerem Autounfall. Dieser ist von zwei Asylbewerbern – dieses Wort ist bis auf weiteres genauer – schwerverletzt aus dem Auto gezogen und ersthelfend versorgt worden.

Nun ist Erste Hilfe kein Verbrechen, sondern sehr lobenswert. Ich selbst war schon einmal in der Situation, einem Verunglückten Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung geben zu müssen. Berichtenswert erschien das nicht einmal dem Lokalblatt, geschweige denn den Leitmedien. Und selbst wenn es berichtet worden wäre, dürfte meine religiöse oder ethnische Zugehörigkeit kaum Erwähnung gefunden haben und auch mein Minderheitenstatus nicht.

Hier jedoch liegt die Betonung auf „Syrer“, als ob die beiden bescheidenen Helden – die sich danach aus dem Staub machten – nicht als „Menschen“, „Männer“, „Helfende“, „Zeugen“, sondern eben als „Syrer“ gehandelt hätten. Der subtile rassistische Unterton scheint den süffisanten Rechthabern der Willkommenskultur – „Auch wenn die NPD alle Flüchtlinge am liebsten sofort aus dem Land hätte: In diesem Fall dürfte der Politiker mehr als froh sein, daß die Syrer da waren.“ – nicht bewußt zu sein.

Indem sie die Nationalität ganz uncodiert preisgeben, es offensichtlich „einen begründeten Sachbezug für das Verständnis des berichteten Vorgangs“ gibt, erwecken sie den Eindruck der Überraschung, als ob man ausgerechnet von Syrern eine derart selbstlose Tat nicht hätte erwarten können.

Schöne Willkommenskultur!

Nur in dieser ideologiefreien Lesart jedenfalls wird die Preisgabe der „ethnischen Zugehörigkeit“ sinnvoll.

Terror-Tourismus?

Mason Wells hatte sehr großes Glück, schreiben die Illustrierten. Denn Mason Wells, ein junger mormonischer Missionar, überlebte gerade seinen zweiten Terrorangriff und selbst im Januar 2015 war er nicht weit vom Geschehen entfernt. In Boston stand er am Straßenrand und sah die anderen sterben. Erst jetzt, beim dritten Mal, hat er es ins innerste Herz der Finsternis geschafft – als Beweis liegt er in einem Brüsseler Krankenhaus und kuriert Verbrennungen und Verletzungen aus.

Die Wahrscheinlichkeit ist astronomisch gering.

Wer ist dieser Mason Wells? Warum, so muß man sich doch fragen, setzen islamistische Selbstmordattentäter alles ein, selbst ihr Leben, um Mason Wells zu töten?

Oder funktioniert die Anziehung umgekehrt? Vielleicht sind nicht sie von ihm, sondern er von ihnen angezogen? Ist Mason Wells der erste Vertreter eines neuen Trends? Nach Jackass, Gangnam Style, Harlem Shake, Ice Bucket Challenge, Belfies, Bilfies und Selfies auf Gleisen, Wolkenkratzern und Steilküsten … nun der Terror-Tourismus? Mitten im Geschehen?

Winner is, wer am treffsichersten ahnt, wo es als nächstes kracht. Boston-Paris-Brüssel … Berlin?

Tiefe Bestürzung

Bei einem Selbstmordanschlag auf ein Fußballstadion im Irak sind nach Angaben aus Sicherheitskreisen mindestens 29 Menschen getötet und 70 verletzt worden. Der Attentäter habe sich bei einem Spiel in dem Stadion von Iskanderija, einer Stadt 40 Kilometer südlich der Hauptstadt Bagdad, in die Luft gesprengt.

Lassen Sie mich unsere tiefe Bestürzung und Trauer darüber ausdrücken, was Terroristen den Menschen heute in Iskanderija angetan haben, was Terroristen uns allen angetan haben. Wir verurteilen diesen feigen und barbarischen Akt.

Das sind Feinde aller Werte, für die wir einstehen – Freiheit, Demokratie und das friedliche Zusammenleben als selbstbewußte Bürgerinnen und  Bürger. Wenn wir jetzt komplett in Angst und Schrecken erstarren, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.

Das Entsetzen ist ebenso grenzenlos wie die Entschlossenheit, den Terrorismus zu besiegen. Die Mörder von Iskanderija sind Terroristen ohne Rücksicht auf die Gebote der Menschlichkeit. Unsere Kraft liegt in unserer Einigkeit und so werden wir uns als stärker erweisen als der Terrorismus.

Unsere Gedanken sind bei den Menschen in Iskanderija und im Irak. Ihnen gilt in diesen schweren Stunden unser Mitgefühl und unsere Solidarität. Sie sind nicht allein. Wir müssen gegen den barbarischen Terror zusammenstehen. Die Ziele der Anschläge – ein Fußballstadion in der geschichtsträchtigen Stadt in der Wiege der Menschheit – sprechen dafür, daß dieser terroristische Anschlag nicht nur dem Irak galt, sondern allen kulturellen Errungenschaften. Es ist kein Zufall, daß die Mörder sich ein Fußballstadion gewählt haben, ihre menschenverachtende Ideologie in die Tat umzusetzen. Sie wollen unsere Lebensweise treffen und auch Europa an die fürchterlichen Ereignisse in Paris und Hannover erinnern. Es ist kein Zufall, daß sie sich diese Stadt erwählten, in der einst Saddam Hussein ein friedensbedrohliches Nuklearprogramm entwickelte.

Das ist ein schwarzer Tag für den Irak, den Nahen Osten, für Europa und die gesamte freie Welt. Diese abscheulichen Taten treffen uns alle. Wir stehen an der Seite von # Iskanderija und aller Iraker. Die schrecklichen Verbrechen, die so viele Opfer gefordert haben, verurteilen wir auf das Schärfste. Wir sind von den Ereignissen schockiert, teilen die Trauer des irakischen Volkes und fühlen den Schmerz der Familien und Freunde der Opfer nach. Den Angehörigen der Opfer wünschen wir Kraft in diesen dunklen Stunden, den Verletzten baldige Genesung. Wir fühlen uns ihnen so nah. Wir weinen mit ihnen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar – aller Menschen!

75/40/10

„Gewissensfreiheit“! Wollte man zu dieser Zeit des Kulturkampfes dem Liberalismus seine alten Stichworte zu Gemüt führen, so konnte es doch nur in dieser Form geschehen: Jeder muß seine religiöse wie seine leibliche Notdurft verrichten können, ohne daß die Polizei ihre Nase hineinsteckt. (Karl Marx)

75/40/10 sind nicht die Maße eines fehlgewachsenen konischen Menschen, sondern markieren ein dreifaches Jubiläum. Es geht um einen der einflußreichsten Wissenschaftler unserer Zeit, einen der wenigen, die unser Weltbild tatsächlich unmittelbar verändern konnten.

Richard Dawkins wurde heute vor 75 Jahren in Nairobi geboren und auch wenn es vermutlich Millionen Menschen gibt, die diesen Tag verfluchen, oder verfluchten – würden sie seine Bücher kennen –: für mich ist es ein Feiertag und es sollte für alle einer sein, auch für die ihn Verfluchenden. Denn Dawkins ist der Hohepriester der Wahrheit, des Ringens um die Wahrheit!

Sein Erstling „The selfish Gene“ – das man besser mit „Das eigennützige Gen“ statt des mißverständlichen „Das egoistische Gen“ übersetzte – schlug wie eine Bombe ein und wirkt bis heute nach. Darin versucht er Paradoxa zahlreicher darwinistischer Fehlinterpretationen ebenso zu korrigieren wie er das seinerzeit neueste genetische Wissen verarbeitete. Bis dahin glaubte man – im Grunde genommen gegen Darwin, aber von ihm durch seine Titelwahl begünstigt – an eine artenzentrische oder individuenzentrische Motivation der natürlichen Auslese.

Dawkins  hingegen sieht das treibende Agens, die essentiale Kraft im „Gen“. Das Wort „Gen“ muß man in Anführungszeichen setzen, um die linguistische Notlage zu signalisieren, denn Worte sind gerade in den neuen Wissenschaften, wie Genetik und Quantenphysik, Hülsen, die den Sachverhalt oft eher abdecken als enthüllen. „Replikatoren“, so Dawkins, sei das treffendere Wort.

Dawkins nun meint: „daß wir und alle anderen Tiere Maschinen sind, die durch Gene geschaffen wurden“, daß wir, wie alles sich geschlechtlich fortpflanzendes Leben, Wegwerfbehälter, Transportmittel quasi-unsterblicher und willenloser Gene sind und daß diese Gene uns nur schaffen, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Der „survival of the fittest“ findet also nicht auf individueller oder spezieistischer Ebene statt, sondern auf genetischer und kulturell sogar erweitert, auf memetischer. Die Folgen sind eklatant! Zum Beispiel – um nur eines herauszugreifen – gäbe es damit keine „Krone der Schöpfung“ mehr oder anders gesagt, unendlich viele Kronen, da jedes bis zum jeweiligen Zeitpunkt überlebende Lebewesen – vom Bakterium über die Eiche bis hin zum Menschen – je eine Krone der „Schöpfung“ ist. Diese bewußte Überspitzung hat den Vorteil, die zahlreichen philosophischen und theologischen Implikationen unmittelbar greifbar zu machen.

Es war freilich vergebene Liebesmüh des Wissenschaftlers, darauf hinzuweisen, daß er „nicht für eine Ethik auf der Grundlage der Evolution“ eintrete, daß er vor einem „moral reading“ warnte und daß ihn die Problematik selbst dazu zwinge – wenn man denn mathematische Gleichungen und chemische Formeln vermeiden will – Anthropomorphismen zu wählen, ohne sie zu meinen: Es erging sich neben wissenschaftlicher Begeisterung ein Bombardement der Entrüstung auf ihn, vor allem aus religiösen Rohren. Immerhin hatten diese „Kritiker“ die wahre Bedeutung der Theorie durchaus erfaßt: Wenn das „egoistische“ Gen – das sich im Übrigen sehr oft durch überwältigenden Altruismus bis hin zur Selbstaufgabe seines Körpervehikels durchsetzen mag –, wenn dieses Gen also die Entstehung des Lebens erklären kann, wozu und warum dann noch Gott? Für den Wissenschaftler ist diese eine reine Frage der Wahrheit, der Evidenz; Motive spielen keine Rolle mehr, nur noch Effekte. Das klingt kälter, als es ist, und wer die Gedanken bis zum Ende durchdenkt, mag mehr Trost und ob seiner intrinsischen Schönheit des Arguments, auch mehr Wohlgefallen darin finden, als ein Glaube an einen Gott jemals leisten kann.

40 Jahre ist dieses Buch nun alt.

Es folgten eine ganze Reihe von Werken, alle lesenswert, in denen Dawkins seine These zu untermauern versuchte. „The Ancestor‘s Tale“ („Geschichten vom Ursprung des Lebens“) war für mich eine Offenbarung, weil es das Aha-Erlebnis, die Evolution „verstanden“ zu haben, brachte – selbstverständlich eine Selbsttäuschung: Vielleicht werden wir sie nie bis ins kleinste Detail verstehen können, denn es wimmelt von Überlagerungen und „cross overs“ und auch mir scheint, daß man bestimmte Anpassungsleistungen ohne eine ziehende oder stoßende transzendente Macht – die kein Gott sein muß, die auch ein Naturgesetz sein kann – kaum zu erklären vermag.

Diese Gott-Losigkeit durchzog sein ganzes Werk, aber erst in „The God Delusion“ – erneut sensationalistisch als „Gotteswahn“ übersetzt – zieht er die Summe daraus; ein Weltbestseller, der auch in Deutschland 300 000 Replikate verkaufte und enormes Aufsehen erweckte. Mit diesem Buch wurde Dawkins auch jenseits der scientific community wahrgenommen. In ihm versucht er die hohe Unwahrscheinlichkeit der Existenz einer divinen Macht, der „God hypothesis“ aufzuzeigen, die klassischen Gottesbeweise zu widerlegen, spürt er den Ursachen und Auswirkungen des Glaubens nach und versucht den Atheismus als eine intellektuell, moralisch und ästhetisch vollkommen befriedigende Daseinsweise zu propagieren, die zudem so etwas wie eine fast sichere Wahrheit für sich verbuchen kann. Er tut das voller Leidenschaft und gerade das brachte ihm viel Feindschaft ein. Sie wurde vielfach als atheistischer Fundamentalismus gelesen, als Austreiben des Teufels – wenn man so ironisch sein darf – mit Beelzebub. Rück- und Vorsicht gegenüber religiösen Positionen kann Dawkins nicht verstehen, denn Gottesglaube ist für ihn genauso kritisierbar und Kritik sollte niemanden verletzen, wie bei jeder anderen Lehre.

Darin verbirgt sich der springende Punkt des Mißverständnisses zahlreicher Kritiker. Er wäre ihnen aufgefallen, wenn sie bemerkt hätten, daß Dawkins die lange und breit ausgefächerte Geschichte des Atheismus gar nicht zu Kenntnis nimmt. Der Atheismus ist so alt wie der Theismus – allein im deutschsprachigen Bereich haben Fritz Mauthner und Hermann Ley vielbändige Geschichten verfaßt. Aber Dawkins scheint weder Lukrez, Seneca noch Pierre Bayle, La Mettrie oder Feuerbach, geschweige denn Marx und Lenin, gelesen zu haben. Und muß es auch nicht, denn er argumentiert von einem archimedischen Punkt aus, der es ihm gestattet, die ganze Welt aus den Angeln zu hebeln: die Evolution.

Daher sind die Kritiken an seiner theologie- und philosophiehistorischen Ignoranz zwar sachlich richtig, treffen ihn jedoch nicht. Wenn dann noch gründlicher deutscher Geist und angelsächsische Luzidität aufeinanderprallen, ist das Ergebnis vorprogrammiert. Beeindruckend brachte das eine Diskussion bei Kerner ans Licht, wo Dawkins sich drei Hardlinern gegenüber sah, u.a. einem messerscharfen Geist wie Bischof Huber, bei dem es einem kalt den Rücken runter läuft, wenn er über Liebe spricht oder die Bedeutung der Hölle im Christentum negiert.

Hölle hin oder her – die von mir betreuten Muslime haben eine Höllenangst vor ebenjener Hölle und aller natürlicher Zweifel wird immer wieder von dieser Angst besiegt. Dawkins‘ Buch – so mangelhaft es sein mag und so schwer sein Ton für europäische Ohren zu ertragen ist – leistet hier hervorragende Dienste als Fuß in der Tür. Der Klügste von ihnen hat es nun gelesen, in einer im arabischen Raum verbotenen Übersetzung, und wir werden es bald ausführlicher diskutieren.

Zehn Jahre ist es alt – kein Alter für ein ewiges Thema!

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Tafeleien

Nun ist Hussain wieder allein zu Haus. Seine beiden Mitbewohner sind ausgezogen. Salims Frau und die beiden Kinder, die im Frühjahr den Weg über Griechenland nach Deutschland gewagt hatten, durften die Erstaufnahme in Dresden verlassen. Jetzt haben sie eine gemeinsame Wohnung am anderen Ende der Stadt bezogen. Mohammed, Salims Bruder, ging gleich mit. Mohammed will zurück in die Türkei. In einigen Tagen wird er gemeinsam mit Hussain nach Berlin fahren, um weitere Formalitäten auf der Türkischen Botschaft zu klären. Die beiden Brüder sind noch immer hilflos ohne den halb so alten Hussain.

Der scheint es nicht zu bedauern, denn weder konnten sie ihm intellektuell etwas bieten, noch lag ihm der dauernde Jammerton. So begrüßt er mich freundlich wie immer. Er bietet mir zu essen an. Erdbeeren im März. „Gut waschen“, sage ich.

Dann zeigt er mir ein seltsames Kraut und fragt, wie man das essen könne. Es sind Schnittblumen, Narzissen, noch nicht aufgeblüht und tatsächlich ähneln sie Zwiebellauch. Wir lachen. Wir lachen überhaupt sehr viel! Als nächstes kommt Zitronengras. Was kann man denn damit anstellen. Ich selbst habe es noch nie gesehen oder genutzt, nehme aber an, daß es nur als Gewürz dient.

„Wie kommst du denn dazu?“ – „Alles Tafel.“

So lernt Hussain über die Resteverwertung die globale Welt manchmal besser und schneller kennen als ich.

Zur Sloterdijk-Debatte III

Fortsetzung von: Zur Sloterdijk-Debatte II

Sloterdijk – Precht, Schami, Diez, Nassehi und Co.

Der Ertrag anderer Meinungen bleibt erschreckend dünn. Hier kann in aller Kürze nur eine repräsentative Auswahl getroffen werden.

Da ist zum einen die „Reflex-Polemik im Gewächshaus der diskutierenden Klasse“, wo „Übererregte“, wie der Korrespondent des „Tagesspiegels“ gleich in polemischer und mundtotmachender Absicht von „Stahlhelm“ und „Stacheldraht“ schwätzen, andere von „Staats- und Grenztümelei“ und dergleichen. Diesen Zeilen spürt man sowohl die vollkommene Unkenntnis des Werkes Sloterdijks an – nur so kann die Metapher der „starkwandigen Container-Gesellschaften“ eins zu eins in „Berliner Mauer“ übersetzt werden –, als sie auch durch primäre Dummheit glänzen, etwa wenn der Schreiberling im Deutschlandfunk nicht in der Lage ist, zwischen substantivischer und adjektivischer Bedeutung des Begriffes „Souverän“ bei Carl Schmitt zu unterscheiden. Diese Elaborate sind nur als historische Dokumente des „Lügenäthers“ und der „Verwahrlosung“ nennenswert.

Wenn derartige „Ungezogenheiten“ freilich von namhaften Autoren stammen, wird es schon bedeutsamer.

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Katastrophendidaktik – Brüssel 1

Man versteht den Terrorismus nur, wenn man ihn als eine Form der Erforschung der Umwelt unter dem Blickwinkel der Zerstörbarkeit auffaßt. (Peter Sloterdijk: „Luftbeben“)

Am 13. November letzten Jahres saß ich die ganze Nacht vor dem Bildschirm und saugte geschockt jede neue Zahl und jedes neue Bild auf. Mir schien der 13.11. der 11.9. Europas zu sein – trotz London, Madrid, Paris und Oslo, trotz der schon lange eingeübten Bilder. Wie schwarzer Rauch lag der Verdacht in der Luft, daß Paris II unmittelbar mit der sogenannten Flüchtlingskrise im Zusammenhang stehen könnte.

Heute Morgen schalte ich den Computer ein, nehme die Explosionen zur Kenntnis, lese im Überblick die ersten eingeschliffenen Sprachspiele – der deutschen Regierung fällt keine bessere Vokabel als „widerwärtig“ ein; muß ich nicht lesen – und schalte ab, um in drei, vier Stunden das Ergebnis der Zählung einzuholen. Es begann, wie in Paris, mit einigen Verletzten, dann einem Toten und ich bin auf alles gefaßt, auch auf dreistellige Zahlen.

Stattdessen greife ich mir einen alten luziden präapokalyptischen Sloterdijk-Text: „Wieviel Katastrophe braucht der Mensch?“. Vor 30 Jahren wurde er in einer Zeitschrift veröffentlicht, drei Jahre später dann in leicht veränderter Form in „Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik“ aufgenommen. Darin versuchte Sloterdijk einer historischen Singularität – die längst keine mehr ist, was den Text noch bedrückender macht – Herr zu werden: Tschernobyl. Ist die Menschheit lernfähig? Und welche psychosozialen Vorgänge bestimmen unseren Umgang mit Katastrophen, die aus der Moderne nicht mehr wegzudenken, die konstitutiv in ihr verankert sind?

Der moderne Mensch befindet sich, so schreibt Sloterdijk, in einem permanenten Panikmodus: „Panik wird die Seinsweise des restlos in die Zeit geschleuderten Bewußtseins.“ Kein Wunder, denn: „Das Katastrophale ist eine Kategorie geworden, die heute nicht mehr zur Vision, sondern zur Wahrnehmung gehört“.

2015 ist, wie 1986, ein „Lehrjahr der Katastrophendidaktik“. Die archetypischen Bilder endloser Menschenschlangen mit vornehmlich jungen Männern und bedeckten, kindertragenden Frauen erweckten ebenso Panikzustände wie die Anschläge von Paris. Einige versuchten ihre Angst in rituellen Gesängen, rhythmischen Beifallsbekundungen und magischen Formeln (Say it loud, say it clear …) auf zugigen Bahnhöfen herunterzuwürgen und trugen sowohl dazu bei, das Katastrophische zu vermehren als auch zu verdrängen.

Eine der Ängste, die sich früh Ausdruck verschafften, war die vor dem Terror, denn simpelste Logik ließ schließen, daß unter den bärtigen Männern auch jene sein werden, die man bis vor kurzem nur mit schwarzer Flagge und einseitiger Rhetorik vom anderen kulturellen Ende der Welt her kannte. Arabisch hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Zweitsprache in deutschen Haushalten etabliert – „Allahu Akbar“ ist schon ironischer Street-Slang und dürfte bald in Duden und Oxford Dictionary Aufnahme finden.

Tschernobyl ging wenige Jahre das Unglück von Harrisburg voraus. Gebannt starrte die Welt aus sicherer Entfernung auf die Reaktorgebäude, in denen sich gerade eine partielle Kernschmelze abspielte, und wartete auf die Explosion. „Im Blick auf die mögliche Explosion des Reaktors war mit einem Mal die Zeit des Noch-Zeit-Habens vorüber, über der Erde schwebte ein fataler Schimmer, der Welt ging ihre Zeit aus.“ Nun war das Ende des unvollendeten „Projektes der Moderne“ offensichtlich. Aber die Bilder enthielten, neben der „autodidaktischen Dimension“ auch eine „heterodidaktische“, die ein seltsames psychosoziales Phänomen erklärbar machte: es war ein Schlag gegen „die Anderen, die verfluchten Optimisten in den Medien, die unbelehrbaren Nuklearagenten“ und die heimliche Freude am: „Das geschieht euch recht!“. Es wird nicht wenige geben, die heute an den Bildschirmen kleben und wütend ähnliche Sätze vor sich hersagen und gen Berlin channeln werden.

Harrisburg hat Tschernobyl nicht verhindert und Tschernobyl nicht Fukushima … „Zugleich haben die mächtigsten Gruppen der Gesellschaft unternehmerisch, politisch, vital und ideologisch, so viel in fatale Praktiken investiert, daß Unfälle noch so großen Formats von vornherein das Recht abgesprochen wird, prinzipielle Zweifel an den Verfahren auszulösen. Es gibt massenhaft irreversibel geprägte Mentalitäten, die gewissermaßen katastrophenfest sind, und die im Bunker ihrer Überzeugung jeder Erschütterung gewachsen bleiben. An solchen Strukturen prallt die apokalyptische Evidenz ab, letztlich sind Bewußtseine härter als Tatsachen.“ Heute scheinen die geistig Eingemauerten in architektonisch interessanten Glashäusern zu sitzen.

Sloterdijk fragt sich nun, ob es eine „Pädagogisierung der Katastrophe“ geben könne, ob die Menschheit also in der Lage sein kann, aus Katastrophen zu lernen oder anders: „Wann ist die Katastrophe im didaktischen Sinn schlimm genug?“. Die Antwort ist wenig ermutigend. Weder gibt es ein „quantitatives Maß“ – „Menschliche Bewußtseine besitzen auf vielfache Weise die Fähigkeit, gegen katastrophische Evidenz immun zu sein“ –, noch läßt sich in Zeiten des „Gott ist tot“, aus ihnen ein handlungsleitender „göttlicher Wink“ ableiten. Vor allem aber gibt es „die Menschheit“ nicht. „Die Menschheit ist a priori lernbehindert, weil sie eben kein Subjekt ist“, sie hat keine „intellektuelle Kohärenz“, keine „lernfähige Reflexivität“, sie hat letztlich „keinen Leib“, an dem sie das Lernen aus schmerzlicher Erfahrung exerzieren könnte. In diesem Moment liegen vermutlich dutzende Menschen blutend und jammernd auf den Fliesen und sind mit ihrem Schmerz allein.

Aber auch die Katastrophe ist subjektlos, „die Katastrophe als Ereignis hat nicht die gleiche Grammatik wie die Katastrophe als Handlung“ und an diesen „Übertragungsproblemen“ wird alle Politik scheitern.

Eines freilich konnte vor 30 Jahren noch kaum jemand ahnen. Dem Panikmodus hat sich ein natürlicher Bruder zugesellt: Der Lethargiemodus. Wir betreten eine Zeit, in der die geschichtliche Akzeleration die mnemonische Leistungsgrenze überschreitet. Bald wird es Gespräche wie diese geben: „Wann war noch mal Paris VII? Vor Berlin III oder nach Brüssel V?“ Wann und nicht wo! Paris VII wird nicht mehr das siebente Arrondissement meinen, sondern den siebenten Anschlag 100 plus und so kreuz und quer über Europa.

Doch gerade in dieser zwangsläufigen Gewöhnung liegt auch eine Hoffnung, denn je weniger Interesse wir zeigen, desto unsinniger werden die Terrorattacken, die das Medium, the weapons of mass distraction, brauchen, um ihr Ziel – die Panik – zu erreichen. Es liegt freilich auch eine Gefahr darin: Je weniger Panik erzeugt wird, desto größer muß das „Event“ werden, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken und Angst zu schüren. Sollten die lebensverachtenden Islamisten je Zugang zu weapons of mass destruction erhalten, so darf man gespannt bleiben. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses dürfte zudem steigen, wenn mit the weapon of mass migration weiterhin gezündelt wird.

22.März, 13.11 Uhr – kurzer Blick auf die Zahl: 26 hier, 28 dort, nach oben offen.

Zur Sloterdijk-Debatte II

Fortsetzung von: Zur Sloterdijk-Debatte I

Sloterdijk-Münkler-Sloterdijk

Wie hätte Sloterdijk reagieren können? Vielleicht gar nicht! Wer ihn allerdings kennt, der weiß, daß er auf bösartige Fehlinterpretationen – nur so kann er es empfinden – und geistige Unterbietungen oft allergisch reagiert. Legendär sein Auftritt bei Gertrud Höhler und „den drittklassigen Figuren“.

Sloterdijk: Primitive Reflexe

Liest man nun Sloterdijks Apologie in eigener Sache – „Primitive Reflexe“ –, so fällt bei aller Schärfe der versöhnende Grundton gerade gegenüber Münkler auf. Es ist ein Aufruf an die Intelligenz, sich von der rasanten sprachlichen und denkerischen Nivellierung der letzten Monate, von der „Aufheizung des Debattenklimas in unserem Land“, die „auf eine Tendenz zur Entkulturalisierung hindeutet“, nicht mitreißen zu lassen. Daran ändert auch das scharfe Vokabular nichts. Im Gegenteil, wenn sich ein Teil der Akteure erneut reflexartig an Begrifflichkeiten ereifert, so wird die These des Pawlowschen Reflexes nur noch unterstrichen.

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Zur Sloterdijk-Debatte I

Wir haben mal wieder eine Sloterdijk-Affäre. Die dritte, wenn ich richtig mitgezählt habe. Um die Jahrtausendwende lösten die „Regeln für den Menschenpark“ die klassischen Konditionierungsmechanismen der Kulturbehavioristen aus – großer Aufschrei auf allen Kanälen, der mittlerweile auf 650 Seiten aufbereitet wurde. Immerhin auf noch 250 Seiten brachte es die Debatte um den Text „Die nehmende Hand und die gebende Seite“ vor sechs Jahren. Viele, die den Vorschlag, die Steuerpflicht durch ein Recht auf Gabe zu ersetzen, nicht mitdenken wollten, zogen die Wahnsinnskarte und sprachen dem Denker den klaren Verstand ab.

Nun also gilt es, ein paar Anmerkungen zur Flüchtlingsdebatte zu verdauen, und wenig überraschend wird der Ton noch einmal verschärft: Gegenwärtig verortet man Sloterdijk in den linksdralligen Gazetten unisono rechts bis neurechts und David Precht hört sogar den Auschwitzkommandanten Höß durch. Lassen wir diese Verfehlungen der Prechts, Nassehis, Schamis und No-names vorerst links liegen und kümmern uns um die Kerndebatte zwischen Sloterdijk und Münkler. Da durchaus Typisches zum Vorschein kommen wird, sei die Ausführlichkeit entschuldigt.

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AfD – halbfaschistischer Sumpf!

Man gibt sich gern erstaunt in unseren großen Blättern, wenn der Vorwurf der Manipulation oder Lüge kommt – vor allem, wenn es um die AfD geht. Dabei sind die propagandistischen Mechanismen – diesen Begriff wähle ich ganz bewußt und um seine historische Bedeutung wohl wissend! – mittlerweile so eingeschliffen und eingeübt, daß sie tatsächlich kaum noch auffallen, daß man sich mittlerweile daran gewöhnt hat … was sie umso schlimmer macht! Durch permanente Wiederholung bestimmter Adjektive, also Zuschreibungen, soll eine Gewöhnung, eine feste Verknüpfung hergestellt werden, eine Art Pawlowscher Reflex: Hört man AfD, dann soll sofort assoziiert werden … Hier die Ausbeute eines beliebigen Tages (17.3.2016) bei FAZ, Süddeutsche, Spiegel, FR: fremdenfeindlich, Angstschürer, Rechtspopulisten, Rassismus und als neueste Steigerung hin zur Totalstigmatisierung: halbfaschistischer Sumpf.

afd agitprop
1. Daß diese Methode längst greift, zeigt das mangelnde Bedürfnis überhaupt noch argumentativ beweisen zu müssen, ob Skepsis vor dem Fremden, Angst und Sorge, Populismus etc. tatsächlich per se Negativismen sind und wenn ja, weshalb. Diese Begriffe, auch der Rassismus und Faschismus, sind reine, sprich inhaltsleere oder jederzeit auffüllbare, Sprachspielmarken und Diffamierungen geworden.

2. Die Zuschreibung dieser Attribute wird ebenfalls nicht mit der Realität abgeglichen, und falls doch, so verweist man auf Einzelbeispiele, nicht auf Programmatisches.

3. Was man der AfD propagandistisch unterstellt – es mag argumentativ ja tatsächlich nachweisbar sein, nur sollte man die Argumentation inklusive Widerrede dann wagen – wird selbst praktiziert, denn was sonst, wenn nicht entfremdend (spaltend), Angst schürend, populistisch und diskriminierend sind diese skandalisierenden Überschriften und Texte?

4. Bewußt wird die Zirkularität gesucht, um die Beschimpfungen gegen Widerrede zu imprägnieren. Paradogmatisches Beispiel liefert der „Spiegel“, der einen Interviewpartner, nachdem dieser alle Brücken abgebrochen hat („halbfaschistisch“), ausposaunen läßt: „Das ist eine alte Taktik der Rechten: Diskurse so lange zu vergiften, bis es einen vernunftgeleiteten Gedanken darin nicht mehr geben kann.“

5. Böse Erinnerungen steigen auf: „Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben. Man kann die Lüge so lange behaupten, wie es dem Staat gelingt, die Menschen von den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Konsequenzen der Lüge abzuschirmen. Deshalb ist es von lebenswichtiger Bedeutung für den Staat, seine gesamte Macht für die Unterdrückung abweichender Meinungen einzusetzen. Die Wahrheit ist der Todfeind der Lüge, und daher ist die Wahrheit der größte Feind des Staates.“

Was geschieht eigentlich mit Menschen, die sich permanent derartigen Ausgrenzungen und Unterstellungen ausgesetzt sehen? Wie will man den inneren Frieden bewahren, wenn man bewußt Ausgrenzung und Radikalisierung betreibt?

Wo, bitteschön, ist die gegenteilige, ausgleichende Stimme zum „Halbfaschismus“ im „Spiegel“, die die alternative Sicht repräsentiert – ohne danach massiv angefeindet zu werden (siehe Sloterdijk-Debatte)?

Unser Land erleidet gerade einen fatalen Rechtsruck – er kommt von Links!

Quellen:
FAZ: Das fremdenfeindliche Städtchen
SZ: AfD-Abgeordnete – Angstmacher, Biedermänner, Ex-Kommunisten
Spiegel: Beruf Geheimdienstoffizier, Hobby AfD
FR: Rassismus statt Repolitisierung
Spiegel: Diskurs über die AfD: „Halbfaschistischer Sumpf“

Mohammeds Musik

Vergeblich suche ich das Radio in der Wohnung von Hussain, Salim und Mohammed. Vor einigen Wochen – es war eine Spende – hatte es dank eines Lesers organisiert werden können. Nun steht es unter dem Bett. Ich ahne den Grund und frage nach.

Die Sprache sei noch zu kompliziert, man verstehe noch nichts. Und Musik? Hört ihr keine Musik? Und schon sind wir wieder mittendrin: Islam hinten, Islam vorne. Natürlich hatte Mohammed (der Prophet) – Allahs Friede und Segen auf ihm – auch eine Meinung zu Musik und die klingt ein bißchen wie Lenin. Der versagte sich bewußt Beethovens Appassionata, die er so sehr liebte. Sie mache ihn weich, sie verführe ihn dazu, den Schopf anderer Menschen zu streicheln … und hinderte ihn, die Revolution voranzutreiben.

So auch Mohammed der Prophet. Singen ja, aber Musik, Instrument eher nein. Und wenn schon Instrument, dann exakt nach Vorschrift. Khalid bringt einen Topf zur Demonstration. Der ist halal, also erlaubt, weil – als Trommel – oben geschlossen und unten offen. Tunesienurlauber bringen gerne eine Djembe mit – das darf man im Islam. Aber auf beiden Seiten geschlossen ist haram, verboten. Die Flöte: haram! Warum? Ohne Begründung – Mohammed hat gesagt …

Allerdings – so einfach ist es nicht. Denn, so belehrt mich Hussain, der recht koranfest zu sein scheint, steht das nicht im Koran, sondern in den Hadithen und dort auch in verschiedenen Versionen und nicht alle werden gleichermaßen anerkannt. Er selbst tendiert eher dazu, Musik als halal anzusehen, meidet es aber trotzdem, sich ihr bewußt auszusetzen. Insbesondere westliche Musik. Bedenkenlos dagegen ist die dafu, ﺪﻒ‬‎, die Rahmentrommel.

Tja, da bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als die Jungs ins Sinfoniekonzert zu führen: Beethoven.

AfD und mediale Lernresistenz

Wer geglaubt hat, die mediale Macht an Rhein, Spree und Isar habe aus der permanenten unsachlichen Verbalklatsche gegen die AfD gelernt und begriffen, daß sie der neuen Partei damit massenweise mündige Wähler zuschanzte, sieht sich getäuscht. Im Gegenteil, das Trommelfeuer wird intensiviert. Statt die inhaltliche Auseinandersetzung zu suchen, statt die Wählerstimme zu akzeptieren, statt selbstkritisch zu reflektieren, wird weiter und wird sogar verstärkt fehlinformiert, gemeint, gebogen und gehaßt – hier ein besonders unterbelichtetes Elaborat. Eines der zahlreichen Geschosse, ist das sogenannte „Geheimpapier“ der AfD-Spitze, das nun durchgesickert ist, „geleakt“, und mit diversen Invektiven – „Stimmung gegen den Islam“, „rückwärtsgewandt“, „alles verbieten“, „unsozial“ – garniert wurde.

Ich kann jedermann nur dringend empfehlen, sich der Mühe zu unterziehen, diese 70 sehr aufschlußreichen Seiten zu lesen, unter dem Vorbehalt eines Entwurfes. Man kann eine Menge über diese Partei und unsere „freien Medien“ lernen.

Allein das Inhaltsverzeichnis beweist die Unsinnigkeit der Unterstellung, es handele sich „im Kern um einen strikten Anti-Islamkurs“ (was im Übrigen nicht verboten ist). Kein einziger Punkt ist – soweit ich sehen kann – jenseits des Diskutablen und kein Programm der Welt deckt alle Vorstellungen eines selbständig denkenden Menschen. Parteientscheidungen sind immer Schnittmengenentscheidungen.

Grundsatzprogramm 1Grundsatzprogramm 2Grundsatzprogramm 3Grundsatzprogramm 4

Was ist Konservativ?

In meinem langen Leben habe ich an allen möglichen Versammlungen, Symposien, Seminaren und Kongressen teilgenommen: Historikertagungen, Philosophiekongresse, politische Parteitage, Bürgerforen, ja selbst Schachturniere wurden nicht ausgespart – dort war es besonders schlimm. Allein in den letzten Monaten besuchte ich Versammlungen, Zusammenkünfte, Demonstrationen, Diskussionsrunden, Vorträge, Beratungen, Treffen, Themenabende, Tagungen und Sitzungen aller Art von Ultralinks bis gemäßigt träge und tiefgläubig.

Nun hatte ich Gelegenheit, einem größeren Kongreß von Konservativen – die Presse hätte von „Neuen Rechten“ gesprochen – beizuwohnen. Und es gab, neben den hochwertigeren Beiträgen, einen wesentlichen Unterschied: Auch nach fünf Stunden und 150 Tagungsteilnehmern waren die zwei einzigen Toiletten selbst ohne Reinigungskraft noch blitzblank!

Die Unzertrennlichen

Ein wahres Märchen

Es war einmal ein König, der liebte Vögel über alles. Und da er reich war und über große Macht verfügte, ließ er sich Vögel aus aller Herren Länder bringen. Überall in seinem Palast zwitscherte und flatterte es, kein Raum, kein Winkel in seinem Schloß mit tausend Zimmern blieb ungenutzt; Käfige, Vogelbauer und Volieren sah man allerorten. Nur ein großer Zwinger blieb leer und dieser stand inmitten des weitläufigen Hofes. Dieser Käfig war für den schönsten Vogel der Welt bestimmt, doch gerade dieser fehlte dem König in seiner einmaligen Sammlung.

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Wahl-Oh!-Mat 2016

Drei Bundesländer, ein Wahltag. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt stimmen am 13. März über einen neuen Landtag ab. Testen Sie mit dem Wahl-O-Mat, welche Partei am besten zu Ihnen paßt.

Schauen Sie sich folgendes Video an. (Ignorieren Sie das Geschnattere.) Entscheiden Sie sich danach für eine Option!

A: Sie wollen sich einreihen und mitlaufen – haben Sie noch etwas Geduld, Ihre Partei gibt es noch nicht.

B: Sie finden das gut. So haben Sie sich die Gesellschaft der Zukunft vorgestellt. Zu bunt gehören auch Schwarz und Weiß – wählen Sie Grün.

C: Sie finden, der Demonstrationszug solle nicht neben, sondern auf der Passage ziehen? Sie sind für „umfassende Gleichbehandlung“ und meinen: „Freiheit ist stets gleiche Freiheit“. Wählen Sie Rot.

D: Egal, was Sie empfinden, Sie glauben, das sei durch die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit gedeckt und sollte daher unterstützt werden – Sie wählen heimlich CDU oder – fast schon unheimlich – FDP.

E: Sie sehen gar nichts – Sie sind Nichtwähler.

f: Sie reagieren mit Abneigungen von Angst über Mißbehagen bis Sorge und Zorn. Sie haben keine andere Wahl …!

Merkel – müssen, wollen, können

Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen! Das Alles von Heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich – ich will es noch stoßen! (Nietzsche: Also sprach Zarathustra)

Merkel muß weg, skandieren Land auf, Land ab hypereifrige Demonstranten. Sie nutzen dabei das falsche Modalverb. Erfolgversprechend wäre der Satz nur, wenn man das „muß“ durch ein „kann“ ersetzen könnte. Und sinnvoller wäre es zudem, den Imperativ in einen Fragesatz zu verwandeln: Kann Merkel weg? Oder, um die Parodieshow „Heute Show“ zu parodieren: „Ist das noch Politik oder kann das weg?“, „Ist das noch Bundeskanzler, oder kann das weg?“, „Ist das noch rational oder sollte man die Ambulanz rufen?“

Wohin man nämlich schaut, und ganz unabhängig davon, wie man zu Merkel steht, fast überall wird sie als Epitom ihrer eigenen Parole wahrgenommen: „alternativlos“. Die deutschen Wähler lehnen mit überwältigender Mehrheit ihre Flüchtlingspolitik ab, würden sie aber mehrheitlich sofort wiederwählen, denn sie ist der Inbegriff von Sicherheit auch in komplett (durch sie) verunsicherten Zeiten und weit und breit kein Wesen am Horizont zu sehen, dem man im Politbetrieb trauen mag. Ihre innerparteilichen und interkoalitionären Gegner zündeln zwar gern, wenn es dann aber zum Rapport geht, kuschen alle zuverlässig. Seehofer spielt dieses perverse Spiel zur „Perfektion“ – wenn dieser Euphemismus erlaubt sei – die großen Geschosse wie Schäuble, de Maizière, Gabriel wagen gerne mal, wenn SIE gerade nicht guckt, den verschämten Seitenhieb, der dann, zur Rede gestellt, ein „Mißverständnis“ gewesen sein soll; die sich-profilierenden Kleindarsteller wie Klöckner und – wie heißt der baden-württembergische Zwerg noch? –, wie Wolf und Co. zucken regelmäßig zurück, wenn der strafende Blick aus Berlin auf ihnen ruht.

Aber auch in Europa pflegt man die Haßliebe: die Briten, die Franzosen, die Italiener …, sie alle hängen an Merkels Strippen, lächeln gequält, üben den Bruderkuß und Schulterschluß – nur durchs Auge sieht der geübte Beobachter den Dolch im Hinterkopf. Selbst UN-Generalsekretär Ban Ki-moon entblödete sich nicht, Merkel als die personifizierte Moral zu preisen.

Ein vergiftetes Lob, wenn man etwas darüber nachdenkt, und ein treffendes Epitaph an das man sich erinnern wird, wenn Merkel einmal Imperfekt sein sollte. Sie wird in die Geschichte eingehen – allerdings garantiert nicht, wie sie sich das vorstellt; das ist noch niemandem gelungen, Tony Blairs Deinstallation in Großbritannien ist nur ein aktuelles Beispiel.

Politik ist wie ein Eisberg – hier ist die überstrapazierte Metapher wirklich recht am Platze. Man bekommt nur einen Bruchteil zu sehen, seine Essenz liegt unter der Oberfläche. Und selbst der sichtbare Bereich wird durch Partialabdeckungen der Medien noch minimiert – vorausgesetzt, die Mär von der Aufklärung ist durchschaut. Daher wäre es müßig und rein spekulativ, aus Sicht des mehrfach umgelenkten Oberflächenbeobachters tiefgründige Analysen zu wagen, aber durch sekundärlogische Reflexionen dürfte sich doch einiges gewinnen lassen.

Offensichtlich ist doch zumindest, daß Angela Merkel keine geistige Leuchte erster Ordnung ist. Davon zeugt jedes beliebige Fernsehinterview und in letzter Zeit werden wir bekanntlich ausgiebig damit beglückt. Und kein Geheimnis ist es, daß Helmut Kohl, ihr einstiger Förderer und selbst schon ein auf der Mediokritätsleiter weit Avancierter, der Größe durch historische Zufälligkeit, den Sprung auf die Mauer und „Helmut, Helmut“-Rufe erlangte, daß also Helmut Kohl sie genau deswegen, aufgrund ihrer intellektuellen Blässe, als Erbin beauftragte, in der trügerischen Hoffnung, eine politische Kohltinuität, eine Dynastie aufzubauen. Auf diese Selbstverarsche sind bislang noch alle „Mächtigen“ hereingefallen, intelligent oder nicht: Sobald der Popanz, der Golem das Bewußtsein tatsächlicher Macht erlangt, wird er den Vater, die Mutter rituell morden. Diese Erwartung hat Angela Merkel perfekt erfüllt und übererfüllt. Nach zwei Generationen strategischen Mittelmaßes ist die CDU nun scheinbar vollkommen entkernt und wird als geistige Hülle noch eine Weile im Politbetrieb herum spuken. Schäuble, vielleicht der einzig übriggebliebene Substantialist mit Rückgrat, wird zusammen mit dem Gerippe Merkel, der letzten Stütze, in die Hölle fahren und man wird abwarten müssen, ob die Spahns und Klöckners noch genügend Rückenmark enthalten, um eine Stammzelltransplantation erfolgreich abschließen zu können. Die ephemeren Figuren hingegen, die Altmaiers, Tillichs, Gröhes und wie sie alle heißen, werden sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden.

Aber, ein großes ABER: Sie sind im Moment die tatsächliche Substanz der Partei, und die vielen Unsichtbaren. Wie sollte man sich sonst Merkels Stabilität erklären? Jeder Politiker, selbst Hitler und Stalin, der sich lange Zeit und/oder erfolgreich behaupten kann, muß einen genialen Zug besitzen – so kaputt wir sie uns auch reden wollen – und wenn es weder der denkerische, noch der strategische ist, so kann es nur der (un)moralische oder besser moralistische sein und/oder der kabalistische, der unmittelbar machtpolitische.

Das ist die aus der sekundärlogischen Reflexion generierte Unterstellung: Merkel muß es gelungen sein, ein überwältigendes, allumspannendes, vieldimensionales, in die Tiefe reichendes Netz an Beziehungen, Abhängigkeiten, Ängsten, Versprechungen geschaffen zu haben. Mit arachnider Empfindsamkeit erspürt sie jedes Zittern und mit perfektionierter (auch weiblicher) Mimikry lullt sie noch jeden ein. International kann sie dabei – wenn das Schauspiel versagt – das wirtschaftliche und geopolitische Gewicht Deutschlands als Preßmasse in die Waagschale werfen, aber intern wird man es sich als intricare vorstellen müssen, als divide et impera, als Kabale und Liebe(sentzug).

So hat sich Merkel scheinbar unersetzlich gemacht. Es umgibt ihre Gesprächspartner eine Angst-Aureole, die sich auch über die Mattscheibe ins Unbewußte der Fernzuschauer frißt. Kann sie also weg? Bis in die Journaille hinein wird uns vorgebetet: Dann würde alles zusammenbrechen. Sie ist der Schlußstein eines ganzen Systems geworden, sie hat sich trotz ihrer geistigen Anorexie genialerweise in eine Position manövriert, die sie alternativlos erscheinen läßt.

Und deshalb muß, was muß!

Syrien verstehen

Früher hätte so ein Buch „Geschichte und Gesellschaft Syriens“ oder „Syrien. Religion und Politik“ oder so ähnlich geheißen. Heute muß es den Totalitätsanspruch stellen und auch wenn das werbewirksam ist, hat man damit doch das Scheitern schon eingebaut. Trotzdem ist Gerhard Schweizers 500-Seiten-Werk derzeit der Renner, wohl auch in Ermangelung brauchbarer Alternativen.

Syrien verstehen

Syrien wirklich zu verstehen, kann nie sein Anspruch gewesen sein. Stattdessen reist er durch das Land, vornehmlich mit touristischem und journalistischem Blick, und wirft Schlaglichter auf einzelne Problemzonen historischer, sozialer, vor allem aber religiöser Art. Ans Licht tritt ein Land, das gar keines ist, dem es mithin wesentlich am nationalen Kitt ermangelt, auch heute noch. Die Religionszugehörigkeit ist das Primat und dann sind es regionale oder familiäre und tribale Orientierungen, die Identitäten schaffen. Es ist eine schier undurchdringliche Gemengelage an Auffassungen und meistens Dogmen.

Muslime, Christen und Juden treten auf. Erstere sind in Sunnis und Schiiten gespalten, unter letzteren haben wir die Siebener- und Zwölfer-Schiiten, die Alawiten, Ismailiten und unter letzteren die Drusen und Nizariten … und so verzweigen sich alle Gruppierungen in Unter- und Untergruppierungen, so auch bei den Christen (Maroniten, Syrisch-Orthodox, Armenisch-Orthodox, Griechisch-Orthodox, Nestorianer, diverse katholische Konfessionen, Protestanten …) und das alles wird überlagert von ethnischen und tribalen und politischen und sozialen und individuellen Interessen … und fast alle glauben, die anderen sähen alles falsch. Man addiere dazu die Interessen der jeweils in sich selbst inkonsistenten Nachbarländer Iran, Türkei, Jordanien, Libanon, Israel plus die Interessen der Saudis und des Irak, die wiederum Milizen und Armeen mit schnell wechselnden Loyalitäten wie Hizbollah, Hamas, die Freie Syrische Armee, Al-Nusra, IS etc. bekämpfen oder unterstützen, plus die historischen Verwicklungen durch die Kolonisation der Franzosen und Engländer plus die globalen Interessen von EU, Rußland und Amerika plus die wirtschaftlichen Interessen der Multis … und man ahnt, was es heißt, Syrien zu befrieden.

Dabei reichen die Wurzeln oft weit in die Antike zurück. Syrien liegt am Grunde der halben Weltgeschichte. Es ist ein an tiefen Erinnerungen und Wunden überreiches Land. Es zu erfassen, ist unmöglich und muß Simplicissimi wie Bush und Trump maßlos überfordern. Andererseits gewinnt man schnell den Eindruck, daß vielleicht nur noch eine starke Faust Ordnung schaffen kann, nun, nachdem die Büchse der Pandora geöffnet wurde. Auch die politische Leistung des Assad-Clans nötigt Respekt ab, bei aller Abscheu vor den Mitteln. Aber auch Syrien hatte eine – wenn auch kurze – Blütezeit unter Assad Senior und Junior.

Schweizer nutzt einen kleinen Trick, wenn es darum geht, die politische Korrektheit nicht zu verletzen. Dann legt er einheimischen Gesprächspartnern das explosive Material in den Mund. Vielleicht trägt auch dieses Stilmittel dazu bei, daß die Lektüre seltsam zwiegespalten ist. Auch bekam ich aufgrund des Stils und der veralteten Daten mehr und mehr das Gefühl, ein antiquiertes Buch zu lesen, und kam leider erst nach einiger Zeit darauf, die bibliographischen Daten zu prüfen, und siehe da: das Buch ist 1998 unter dem Titel „Syrien. Religion und Politik im Nahen Osten“ erschienen und wurde lediglich durch ein schnell zusammengezimmertes Abschlußkapitel, in dem auch die Flüchtlingskrise erwähnt wird, ergänzt.

Verstehen wir Syrien nach der Lektüre? Wir verstehen zumindest eines: Syrien ist nicht zu verstehen –nur mehr oder weniger –, nicht aus dieser Perspektive.

Quelle: Gerhard Schweizer: Syrien verstehen. Stuttgart 2015