Finis Eritreae

Mit einem Mal: keiner da. Wir schauen uns fragend an, ergehen uns in Sarkasmus: „Erwarte nur das Unerwartete“ oder „Es kommt immer anders als man denkt“ – das haben längst alle verinnerlicht, die in der Flüchtlingshilfe zu tun haben. Also dann bis nächste Woche.

Die Woche darauf die gleiche Leere. Kein Mensch nirgends. Der Pfarrer weiß von nichts, die Kollegin weiß von nichts, ich weiß von nichts, das syrische Ehepaar, die zum ersten Mal hier sind, weil sie gehört haben etc., weiß auch von nichts. Adlan, Abraham, Awet, Fiori, Senaid, die eritreischen Freunde sind plötzlich verschwunden, die ganze 25-köpfige eritreische Gruppe abwesend. Dabei hatten wir gerade erst Bücher gekauft, dabei wollte Hailat seine Ausweisungsgeschichte – weswegen ich einen halben Tag mit Anwalt und Ausländerbehörde telefoniert hatte – besprechen (er wird wohl nach Italien ausgewiesen werden), dabei wollte Fiori die Sache mit der Arbeitsstelle klären, die wir organisiert hatten … Alles Makulatur.

Der Pfarrer ermannt sich und ruft Abraham an. Der tummelt sich zufällig im nahegelegenen Einkaufszentrum herum und verspricht, zu kommen. Etwas verlegen erklärt er uns: Sie alle haben einen Brief bekommen mit der Aufforderung, an einem Sprachkurs teilzunehmen. Fünf Mal die Woche, die meisten am Vormittag. Unser Kurs beginnt 18 Uhr. Aber sie haben keine Lust mehr, oder keine Zeit. Auch nicht auf unser privates Treffen Montagabend. „Du hast doch gesagt, wir sollten jede Gelegenheit nutzen.“ Dabei lächelt er betreten.

Das hat mich getroffen, ich muß es gestehen. Ich glaubte, eine persönliche Beziehung aufgebaut zu haben und nun das. Erfreulich, sie endlich in organisierten Strukturen aufgefangen zu sehen, aber warum ruft kein einziger an? Alle haben meine Nummer. Warum gibt es kein Bedauern, keine Reaktion? Darf man Dank erwarten? Nein! Endlich ergreift der Stoiker in mir, der kurzeitig erschüttert war, wieder die Oberhand. „Also dann, viel Glück“ – und weiter geht’s.

Appendix: Wenige Tage später ein Anruf. Eine Frau klagt ihr Leid. Sie betreue Afghanen, schaffe das aber nicht, sei ja nicht ausgebildet … und sie habe gehört, bei mir sei ein Kurs ausgefallen … ob ich nicht … Afghanen, keinerlei Vorkenntnisse, kein Englisch, Kommunikation mit Hand und Fuß, Ziel: Alphabet lernen. Ich mache aus meiner Unlust keinen Hehl. Wenn schon, dann will ich mit den Leuten reden, will selber lernen, will Erfolge sehen. Letztlich lasse ich mich breitschlagen – okay ich mach’s. Bald darauf ruft sie erneut an. Aus den Afghanen wird nichts. Die wollen nicht mehr. Einer von ihnen wurde mitten in der Nacht von der Polizei, mit Blaulicht und Hunden, aus dem Haus getrommelt und abgeschoben. Nun wissen sie, was ihnen bevorsteht. Sie sind ganz niedergedrückt. Sehen keinen Sinn mehr …

Also schlage ich Hussain, dem jüngsten meiner Syrer, eine zusätzliche individuelle Doppelstunde vor: Diskussion, deutsche Geschichte und Kultur einerseits, Arabisch und Koran andererseits.

Lesen Sie auch die grundlegende Auseinandersetzung mit Eritrea als Fluchtland: Eritrea unplugged

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