Hussains Weg

Fast sind wir Freunde – also frage ich Hussain, ob er uns die Geschichte seiner Ausreise mitteilt. Er hat keine Geheimnisse …

Hussain abgemagert und erschöpft © AP Photo/Darko Bandic http://news.yahoo.com/look-migrants-carrying-them-europe-175047662.html

Hussain abgemagert und erschöpft © AP Photo/Darko Bandic

Am 17.8.2015 brechen in der Dunkelheit mehrere hundert Menschen auf. Fast alle stammen aus Idlib, einer Stadt im Norden Syriens. Jeder Flüchtling händigt einem Schmuggler 10 000 syrische Pfund aus, circa 30 Euro. Zu Fuß geht es über die türkische Grenze. Das türkische Militär hat – wie immer an solchen Tagen – gerade andernorts zu tun. Wir wissen ja, wie so etwas funktioniert. Einen Paßport hat Hussain nicht – es sei gefährlich, in Syrien einen Ausweis zu beantragen. Hinter der Grenze müssen sie drei Tage warten, dann fahren Busse vor. 200 türkische Lira (60 Euro) kostet das Ticket nach Izmir, sieben Stunden dauert die Fahrt, ein weiterer Tag wird verwartet. Weiter geht es nach Edrimit an der Küste. Lesbos liegt nun schon in Sichtweite, 20 km Wasser. Mit dem Boot geht es für 1200 Dollar nach Mytilene auf Lesbos, wo man erneut drei Tage zu warten hat. Schließlich Weiterfahrt nach Athen und von dort nach Mazedonien. Von der mazedonischen Polizei werden sie mit Schlagstöcken geschlagen, dürfen schließlich doch den Zug, der das Land durchquert, besteigen. Dort werden einem Polizisten von jedem Passagier 10 Euro in die Hand gedrückt. Die nächsten 100 Euro gehen an einen serbischen Busfahrer, der sie nach Ungarn befördert.

Vier Tage verbringt Hussain im berüchtigten Lager in Röszke, an der serbisch-ungarischen Grenze. In Röszke wird er von einem englischsprachigen Journalisten photographiert und interviewt – der Artikel erscheint in Großbritannien, Kanada, den USA, Brasilien und anderswo. Abgemagert und erschöpft hält er seinen Schulausweis in die Kamera. Die Zustände dort sind katastrophal. Überall Müll, die Toiletten quellen über vor Exkrementen, die Stimmung ist aufgeheizt. Sie wollen nicht, werden aber von der ungarischen Polizei zur Registrierung mit Fingerabdruck gezwungen. Man gibt ihnen das Versprechen, daß Deutschland alle syrischen Flüchtlinge aufnehme, die Erstregistrierung in der EU also bedeutungslos für die Wahl ihres Ziellandes sei. Alle wollen nach Deutschland. Warum? Weil alle anderen auch wollen.

Schließlich landen sie in Budapest am Südbahnhof. Dort gelingt es Hussain einen Fahrschein nach Berlin zu lösen (150 Euro). An der tschechischen Grenze werden sie von der Polizei aus dem Zug geholt. Sie erhalten ein provisorisches Papier, das vorgibt, innerhalb von 15 Tagen die Republik zu verlassen. Weiter nach Prag. Wieder ein Ticket kaufen, diesmal nach Frankfurt/Main, dort hat Hussain einen Cousin. Erneut werden sie von der Polizei aus dem Zug geholt, diesmal der deutschen, diesmal in Dresden. Es ist der 4. September 2015 – dieses Datum steht in seinen provisorischen Papieren. Man bringt sie in die Erstaufnahme in Freiberg, wo sie einen Monat verbringen ohne negative Erfahrungen mit der deutschen Bevölkerung zu machen. Danach geht es Anfang Oktober nach Plauen. Alle Männer der von mir betreuten syrischen Gruppe stammen aus diesem Zug, kannten sich jedoch vorher nicht und kommen auch aus ganz unterschiedlichen Landesteilen. Jetzt wohnen sie in verschiedenen Stadtvierteln, oft mehrere Parteien in einem Haus.

Warum Deutschland, frage ich ihn. Alle wollen nach Deutschland. Dort kann man studieren, die deutsche Regierung unterstützt das. Er selbst hat mehrere Semester Civil Engineering studiert, will hier jedoch gern Mediziner werden, wie schon zwei seiner Brüder und eine Schwester. Ein bis zwei Jahre rechnet er, um die Sprache zu beherrschen. Auch arbeiten will er. Er hat Schulden, 3000 Euro, bei Familienangehörigen, die er schnell begleichen muß – das erwarte man von ihm. Ist seine Familie wohlhabend? Nein, ein Auto konnte man sich nicht leisten, der Vater war Bankangestellter und ernährte eine achtköpfige Familie. Es gibt entfernte Onkel, die hätten Geld und im Übrigen auch mehrere Ehefrauen.

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