Abrüstung: Haß und Hetze

… sind zwei Begriffe, die eine enorme Karriere gemacht haben, seit Menschen aus dem Süden in Massen Einlaß in unser Land begehren.

Da gibt es ein paar hundert oder tausend, die wohl tatsächlich aus Ohnmacht, Wut und Haß oder auch einfach aus Dummheit und Langeweile und ideologischer Indoktrination, vermutlich aus einem Gemisch aus allem, Brandsätze werfen, Menschen attackieren, Politiker beschimpfen. Spiegelbildlich entsprechen diesen Menschen selbsternannte Antifaschisten – man kann sie selbst äußerlich kaum noch unterscheiden.

Dann gibt es ein paar hundert, die bauen vor lauter Haß Bomben und horten Waffen, um – wie in Paris – Terror zu verbreiten. Auch hier dürfte der Haß auf das andere eine wesentliche Rolle spielen.

Mit diesen Extremen hat man zu rechnen. Es gibt sie immer und in jeder Gesellschaft – in Zeiten der Unsicherheit und der zunehmenden Distanz zwischen einfachen Menschen und politisch-ökonomischer Klasse vermehrt und statistisch zwangsläufig. Eine funktionierende Gesellschaft kann diese Gruppen verkraften, so lästig sie sein mögen.

Wirklich bedenklich und zersetzend ist der „Haß“ im öffentlichen Diskurs. Wann immer man den politischen Opponenten treffen will, selbst wenn er demokratisch legitimiert ist, scheint das Wort „Haß“ wie das Wort „Hetze“ gesellschaftsfähig geworden zu sein. „Die Zeit“, „Die Süddeutsche“, „Der Spiegel“, „Die Welt“, die „FAZ“ … alle lieben den „Haß“ – wie eine Guillotine rauscht dieser messerscharfe Terminus auf die ungeliebten Köpfe herunter. Le Pen haßt und wird gehaßt, AfD das gleiche, Haß im Osten und bei Pegida, gegen Muslime und von Muslimen, Haßbotschaften bei Maas und Facebook, Fremdenhaßer, Islamhaßer, Volksverhetzer allerorten, selbst Eurokritiker sind nur noch Eurohasser … Heribert Prantl von der SZ brachte es sogar fertig, in einem Zweiminutenstatement über Pegida, das wie eine H-Parodie wirkt, mit rollendem „R“ und stechendem Auge, fünf Mal das Wort „Volksverhetzung“, vier Mal „Haß“ und selbst die Mafia als Vergleichsgröße unterzubringen – was alles zusammen fast schon den Tatbestand der „Volksverhetzung“ erfüllt, auf jeden Fall aber von einem tiefsitzenden Haß zeugt. So wird systematisch herbeigeredet, was man zu kritisieren vorgibt.

Dabei wäre es so einfach. Unsere schöne deutsche Sprache kennt viele wunderbar differenzierende Wörter, die eine Abneigung, Differenz oder Dissens o.ä. ausdrücken können, ohne gleich so häßlich und hetzlich zu sein. Hier ad hoc eine kleine Auswahl, gern auch in der verbalen und adjektivischen Form, für copy and paste:

Abgeneigtheit, Ablehnung, Abneigung, Abscheu, Aburteilen, Abwerten, Acht, Ächtung, Affekt, Anfall, Anfechten, Angreifen, Animosität, Antipathie, Anwandlung, Ärger, Aufgebrachtheit, Aufgeregtheit, Aufregung, Aufruhr, Aversion, Bann, Barschheit, Beanstanden, Bedenken, Beflecken, Begeifern, Beleidigen, Bemäkeln, Beschmutzen, Beschuldigen, Besudeln, Bissigkeit, Böswilligkeit, Brandmarken, Brüskieren, Demütigen, Desavouieren, Disharmonie, Diskriminieren, Durchhecheln, Fluch, Ekel, Entadeln, Entehren, Entladung, Erbitterung, Ergriffenheit, Ermahnung, Emotion, Empörung, Erregung, Erregtheit, Erschütterung, Erzürnen, Exaltation, Feindschaft, Gefühlsausbruch, Gefühlsbewegung, Gehäßigkeit, Geifern, Geißeln, Gemütsbewegung, Gereiztheit, Geringschätzung, Gräuel, Grimm, Groll, Herabsetzen, Heruntermachen, Herzklopfen, Impuls, Ingrimm, Koller, Kompromittieren, Kritisieren, Lästern, Laune, Leidenschaft, Mißbilligung, Mißfallen, Mißmut, an den Pranger stellen, Rappel, Ressentiment, Richten, Rügen, Schänden, Schärfe, Schelte, Schimpfen, Schmähen, in den Schmutz ziehen, Spannung, Sträuben, Streit, Streitsucht, Tadel, Überdruß, Übellaunigkeit, Übelwollen, Unbehagen, Unmut, Unlust, Unruhe, Unversöhnlichkeit, Unzufriedenheit, Verachtung, Verärgerung, Verbannen, Verbitterung, Verdammen, Verdrießlichkeit, Verdruß, Verfluchen, Verleumden, Vermaledeien, Verstoßen, Verteufeln, Verunglimpfen, Verurteilen, Verweisen, Verwünschen, Widerstreben, Widerwille, Wut, Wutanfall, Zaudern, Zorn, Zurechtweisung, Zweifel, Zwiespalt …

Bitte um weitere Begriffe!

Das Gleichnis von der Mücke

WHO : Das Zika-Virus wird zum globalen Notfall

Mücke

©Wikipedia gemeinfrei

Sollt‘ ich nicht ein Gleichnis brauchen,

Wie es mir beliebt,

Da uns Gott des Lebens Gleichnis

In der Mücke giebt?

Goethe (West-östlicher Divan)

Goethe bezog sich dabei auf Sure 2 Vers 26 des Koran:

„Gott scheut sich nicht, kleine Kreaturen, sei es eine Mücke oder ein größeres Lebewesen, zum Gegenstand von Gleichnissen zu machen. Die Gläubigen wissen, daß es die göttliche Wahrheit von ihrem Herrn ist. Die Ungläubigen aber fragen erstaunt: ‚Was meint Gott mit diesem Gleichnis?‘“

Die Verkehrung der Begriffe

Das ist die endgültige Bankrotterklärung des Humanitarismus. Schweden will die Hälfte der im letzten Jahr aufgenommenen Asylbewerber wieder ausweisen – und zwar in die Herkunftsländer. Schon jetzt werden 50% der Anträge negativ beschieden. Polizei und Behörden sollen sich logistisch vorbereiten, man rechnet mit einem jahrelangen Prozeß …

Dagens Industri und Spiegel

Aber welch unvorstellbares menschliches Leid wird da geschaffen, welch humanitäre Katastrophe organisiert? Menschen wurden dazu verführt, Hab und Gut in der Heimat aufzugeben, alle Brücken hinter sich abzubrechen, wurden millionenfach entwurzelt, weil Länder wie Deutschland und Schweden monatelang falsche Signale in alle Welt sendeten – mediale, monetäre und moralische Signale.

Im Januar 2015 kamen 1700 Menschen über die Ägäis – im Januar dieses Jahres sind es 50 000 …

Und nun ist das hirnlose Gut-Sein-Wollen also am Ende. Und nichts anderes wurde von den Kritikern im Sommer, im Herbst und im Winter immer und immer wieder gesagt: Nur so kann es enden – oder mit dem Untergang unserer staatlichen Verfaßtheit, dem Untergang der EU, der Nationen und Kulturen. So oder ähnlich wird es auch in Deutschland enden. Und wie wurden die Kritiker beschimpft, beleidigt und diffamiert!

Vor allem aber wird all das auf dem Rücken derer ausgetragen, denen man zu helfen vorgab. Mir graut vor all diesem Leid, vor dieser Dummheit und Verlogenheit.

Jeder denkende Mensch mußte und konnte es wissen … „gut“ war schlecht und „schlecht“ war gut. Lögnaktighet auf Schwedisch!

Vielfalt und Einfalt

Vielfalt

© Daniela Hartmann, flickr.com

Vor zwanzig Jahren, während meines ersten Aufenthaltes in Italien, erschrak ich, einen McDonald’s-Palast zu sehen. Das war in Cagliari, Sardinien. Als Liebhaber der vielfältigen und genialen italienischen oder gar der herben sardischen Küche konnte ich nicht begreifen, wieso sich junge Menschen – diese attraktiven, braungebrannten, durchweg schlanken Schönheiten beiderlei Geschlechts – solch pappige Normkost in Massen antaten. Aber sie taten es – McDonald’s war kurz nach der Eröffnung schon ein Hit in Cagliari und begann die Sitten und Rhythmen der sardischen Jugend zu verändern. Heute überragen die Obesitätsraten der jungen Italiener ganz Europa.

Um die gleiche Zeit begannen sich die ostdeutschen Städte mit aller Gewalt einer Synchronitätstortur zu unterziehen – eine Stadt, die nicht der westdeutschen Partnerstadt glich, mußte ein verachtungswürdiges Kaff sein. Ob Hof oder Plauen, der Unterschied bestand bald nur noch im Dialekt der Verkäuferinnen.
In England dann gab es Einkaufsmeilen und Straßenzüge, die den deutschen verblüffend ähnelten. Boutiquen und Kaufhäuser weltweiter Marken reihten sich aneinander und bei Tesco traf sich die ganze Welt als Produkt. Deutsches Bier und italienische Pasta und französischer Käse und spanische Chorizo und multinationale Chips im Korb zu haben war Normalität. … Konsumismus und Kapitalismus haben die nationale und regionale Vielfalt besiegt, indem sie die Vielfalt, alles an alle Orte der Welt karrten.

Als ich ein Kind war, konnte ich noch am Akzent hören, ob mein Gesprächspartner aus Auerbach oder aus Klingenthal oder auch nur aus dem drei Kilometer entfernten Rodewisch stammte. Selbst der Brunner, aus einem anderen Stadtteil, hatte einen leicht diversen Klang. Spreche ich heute mit „gebildeten“ jungen Menschen, dann imitieren sie oft ein unerträglich arrogant klingendes Standard-Westidiom, kalt und gierig und fad wie die Bürokraten, denen sie das „Hochdeutsch“ abgelauscht haben.

Deutschland wird bunt. Deutschland ist Vielfalt. Gezeigt werden uns dazu lächelnde Menschen verschiedenen Aussehens, friedlich vereint. Bunt ist hübsch, bunt ist aufregend. Sehe ich genauso: Ich mag das Blau Frankreichs und das Weiß Italiens und das Rot Polens und das Gelb Deutschlands und auch das Grün Arabiens …, ich liebe die geheimnisvolle Tiefe der Russen, den Esprit der Franzosen, die Ironie der Engländer, den metaphysischen Schwermut der Deutschen, die Innerlichkeit der Ostasiaten … ich liebe den melodischen Klang des Italienischen, die rauen Töne der Holländer, den Singsang der Norweger, die Kehllaute der Berber … Aber diese Farben, Klänge, Idiosynkrasien werden verschwinden und verwischen, wenn Europa ein „Meltingpot“ geworden sein wird, wenn man überall – in London, Paris, Berlin – den Muezzin rufen hören wird, wenn auf den Straßen in Mailand, Brüssel, Zürich der gleiche Babelsprech gesprochen werden wird.

Was die Apostel der „Vielfalt“ nicht begreifen: daß sie genau diese Vielfalt zerstören. Wirkliche Vielfalt besteht aus vielen distinkten eigenen Identitäten, nicht aus einem weltweit ununterscheidbaren bunten Brei.

Vielfalt!

© Wikimannia.org

 

Djihad beim Zahnarzt

Dresdener Impressionen

In der Universitätsbibliothek sitzt ein junger Mann neben mir – ich kenne ihn vom Sehen noch vom letzten Mal: er paukt Medizin bis in die Nacht und leidet oft mächtig, stöhnt, ruckelt unruhig auf dem Stuhl hin und her, schaut auf das Handy, steht auf, setzt sich, stöhnt …

Ich lese über Asabiyya und Polis. Der arabische Begriff will mir nicht recht aufgehen und da mein Nachbar arabisch ausschaut, frage ich ihn. Wir sind uns nicht unsympathisch. Es ist Freitag, der 13. – um diese späte Stunde müssen die Pariser Attentäter schon auf dem Weg gewesen sein.

Tags darauf versuche ich den Begriff „irhaab“ (رهاب إ), das arabische Wort für „Terror“, zu verstehen. Ist in diesem Begriff auch die „Botschaft“ enthalten? Gibt es den Begriff im Koran oder ist es, wie bei uns, ein Neologismus? Auch im Arabischen, erfahre ich, ist das Wort neu, wohl einer dieser von Gelehrten geschaffenen Begriffe, um moderne Phänomene zu fassen.

So kommen wir ins Gespräch. Er ist aus Palästina, 24 Jahre alt und studiert Zahnmedizin. Will er zurück? Ja, denn hier wäre es zwar leichter, aber was solle aus seiner Heimat werden, wenn alle ausgebildeten und jungen Menschen das Land verlassen? Eine Bilderbuchantwort, die ihn nur noch sympathischer macht. Und dann so ein Hammersatz: Er verstehe sein Studium als eine Art des Djihads. Ich erschrecke, er bemerkt das und erklärt, daß wir oft eine falsche Vorstellung von diesem Begriff hätten. Er bedeute eben nicht nur Kampf und Krieg, sondern auch Bemühung, Anstrengung, Kampf als Ringen um etwas und wenn er seinem Volke helfe, dann diene das auch der islamischen Sache. Der Gedanke helfe ihm beim Lernen.

Was er von den Attentaten halte? Er verstehe den IS nicht. Muslime seien das jedenfalls keine. Man könne den Koran nicht nach seinem Gutdünken nutzen, sondern müsse ihn als Ganzes sehen. Zum Beispiel Alkohol: Im Koran gebe es zwei Stellen zu diesem Thema – einmal empfehle Mohammed maßvolles Trinken, ein andermal verbiete er es. Also gilt Alkoholverbot, das stärkere, absolutere Argument. So auch beim Töten – zwar gebe es diese Tötungsstellen, aber auch jene, wo zur Barmherzigkeit gegenüber Mensch, Tier und sogar Bäumen aufgerufen wird. Letztere seien dann die allgemein gültigen und wer sich nur einzelne Aussagen herauspickt, ist im Unrecht.

Aber im Grunde genommen wisse er nicht viel über Religion und Philosophie. Überhaupt habe er erst seit zwei Jahren, seit er in Dresden ist, begonnen sich mit dem Islam zu beschäftigen. Ständig würden ihn Leute fragen, also mußte er sich belesen und in der Fremde findet man ohnehin viel leichter zu seiner eigentlichen Identität. Das hat gar nicht unbedingt mit sozialer Ausgrenzung zu tun, sondern einfach mit der Situation, ein Fremder, ein Anderer zu sein, selbst wenn man – wie er – vollkommen eingegliedert ist. Nun glaubt er umso fester daran. Dieses Buch sei einfach anders als alle anderen, ein ganz besonderer Zauber gehe davon aus. Und dann: Mohammed wußte so viele Sachen, die wir erst heute als richtig begreifen. Zum Beispiel, daß jeder Mensch einen eigenen Fingerabdruck hat. Woher konnte der das wissen, wenn nicht aus göttlicher Offenbarung? Oder die genaue Beschreibung der Einpflanzung des Phötus in die Gebärmutter – dieses Argument kannte ich schon von meinem Syrer Hussain.

Medikamentencocktail

Im Essensregal steht meist nicht viel. Eine Tüte Teigwaren, Linsen, eine Flasche Olivenöl, Zucker, Salz und ein Teller voller Öl mit Pfeffer und Chili angemacht. Darein tauchen die Syrer ihr Brot.

Diesmal sehe ich Arzneipackungen, vier an der Zahl. „Ist jemand krank“, frage ich? Mohammed hat es mit den Ohren. Tinnitus, wie sich herausstellt. Er ist 40 und spricht noch kein Wort Deutsch und auch kein Englisch. Hussain muß übersetzen. Mohammed macht das Geräusch nach: ssssssssss oder mmssmmssmmss macht es in seinem Kopf. Dabei liegt er auf dem Bett, selten sehe ich ihn erhoben, außer er raucht. Hat er Streß, frage ich? Oder war er einer Knallerei ausgesetzt? Er kann nicht schlafen, macht sich Gedanken um seine Familie.

Und wo kommen die Medikamente her? Ich schaue sie mir an: Pentoxifyllin 400, Ibubeta 400 akut, Betavert 12 mg und ein Vitamin-B-Komplex. Ein Bekannter hat sie ihm besorgt. Welcher Bekannte? Ist er Arzt? Nein, aber irgendwas hat er mit Pharmazie zu tun – ich werde nicht recht schlau. Wohl ein Student.

Also widme ich mich den Beipackzetteln. Ibuprofen, das Schmerzmittel, war gerade in den Gazetten. Muß man sich nicht antun, es sei denn, man hält den Schmerz nicht aus. „Hast du Schmerzen?“ – „Nein“ – „so, leave it“. Pentoxifyllin reguliert die Fließeigenschaften des Blutes und hat sooo eine Latte Nebenwirkungen – meist nehmen es wohl alte Leute mit Arterienverschluß, aber man kann es auch bei Tinnitus einsetzen. Betavert soll gegen Schwindelanfälle helfen, hat also was mit dem Gleichgewichtsorgan im Ohr zu tun. Aber Schwindel? Negativ: „leave it“.

Bleibt der Vitamin B-Komplex. Wie viel nimmt er davon? Drei pro Tag? Aber auf der Packung steht doch eine Tablette täglich! Und alles zusammen, also vier Mittel zusammengewürfelt und in mehrfacher Dosis? Ist das schon ein Suizidversuch oder einfach nur Naivität? Zwei der Mittel greifen den Magen an, zwei vertragen sich gegenseitig nicht … Wer, verdammt noch mal, übernimmt dafür die Verantwortung? Ich schaue mir seine Augen an, ob Adern geplatzt sind. Hat er Magenprobleme? Mohammed sitzt fast apathisch da und schüttelt nur mit dem Kopf.

„Okay. Die Vitamine kannst du nehmen, eine Tablette pro Tag, den Rest laß liegen und am Montag gehst du zum Arzt, wenn es wirklich schlimm ist. Aber Tinnitus bekämpft man am besten mit Ruhe, mit frischer Luft, mit viel Sonne und Licht und mit Sport. Und nicht mit Zigaretten“.

Die Schweinefleischfaschisten

Spiegel: Frikadellenkrieg: Dänische Stadt verordnet Schweinefleisch

SZ: Dänische Stadt zwingt Schulkantinen, Schweinefleisch anzubieten

Ich liebe Dänemark! In keinem anderen europäischen Land dürften „velfærd, sammenhængskraft og værdifællesskab“, also Wohlstand, Zusammenhalt und Wertegemeinschaft so ausgeprägt sein wie bei unserem kleinen nordischen Nachbarn. Es hat eine überragende Literatur und wenn es auch als Land der Denker nicht mit Deutschland mithalten kann, als Land der Dichter steckt es uns locker in die Tasche. Die Menschen sind ruhig und bescheiden, freundlich und hilfreich, die Natur ist grandios unspektakulär und auch die Städte haben ihren traditionellen Charme oft beibehalten. Gründe genug, in dieses Land vernarrt zu sein – das Essen gehört nicht dazu.

Nicht, weil es übel wäre – da hat England mehr zu bieten –, sondern schlicht und einfach seiner Beschränktheit wegen. Blendet man die Fischseite der dänischen Tafel aus, dann bleibt eigentlich nur – Schweinefleisch. Schweinefleisch in allen Variationen: flæskesteg, frikadeller, bøffer, kødrand, biksemad, rød pølse, leverpostej und wieder flæskesteg. Dazu Kartoffeln, Möhren (guderod) oder Rotkraut (rødkål) und brun sos (braune Soße), fertig ist der Mittagstisch.

Dänemark hat gelernt, demütig zu sein. Einst ein Riesenreich, wurde es in immer neuen Kriegen zusammengeschrumpft. Schweden verloren, Norwegen verloren, Island verloren, dann durch Bismarck Schleswig und Holstein. Das hat am Selbstbewußtsein der Dänen genagt, aber sie auch eng zusammenrücken lassen. Sie sind wie eine große Familie, die nationale Identität, die danskhed (Dänischheit) ist stark ausgeprägt, falsches Verhalten gilt nicht als schlecht, sondern als udansk (undänisch), statt Wälder aus Bäumen sieht man Wälder aus Dannebrog flag (Nationalflagge) … Die letzte große Demütigung fügten ihnen einmal mehr die Deutschen zu: fünf qualvoll lange Jahre war es von der Wehrmacht besetzt. Nur wenige konnten daraus Nutzen ziehen und das waren neben einigen Baufirmen vor allem die Schweinezüchter. Das fremde Heer mußte ernährt werden, die Nachfrage aus dem Süden war enorm … Später hat man sich auch für das Schweinefleisch geschämt. Hans Kirk hat die Geschichte der Kollaboration in zwei Romanen beschrieben.

Kirk gehört zur großen Phalanx der genialen dänischen Autoren – bei ihnen allen kann man die dänische Kultur kennen lernen: Pontoppidan, Andersen-Nexø, Jakob Knudsen, Johan Skjoldborg, Knuth Becker usw. Man wird ein einfaches, ein armes Land kennenlernen, das vornehmlich agrarisch geprägt ist. Aber auch an ihm ging der Wandel nicht vorbei: Hans Kirks „Tagelöhner“ und „Die neuen Zeiten“ legen Zeugnis davon ab. Oder man schaut „Matador“.

Schweinefleisch also, Schweinefleisch ist Nationalgericht, Schweinefleisch ist heilig. Nimm den Franzosen die Froschschenkel, dann essen sie eben Gänseleberpastete, nimm ihnen die Gänseleberpastete, dann schlürfen sie Austern, nimm ihnen die Austern, so finden sie Trüffel und endlos weiter. Nimm den Dänen das Schweinefleisch – und plötzlich sieht der Teller traurig leer aus: Möhren, Kartoffeln und brun sos.

Dummerweise mochte Mohammed ausgerechnet kein Schweinefleisch. Kein Mensch weiß warum, wahrscheinlich hat er es von den Juden abgeschrieben. Egal: daß Dänen und Mohammedaner beste Freunde werden, steht unter keinem guten Michelin-Stern. Und obwohl die meisten Muslime vermutlich gar nicht wissen, wo Dänemark liegt oder daß es überhaupt existiert, waren vor zehn Jahren Millionen äußerst erregt und erbost auf dieses kleine friedliche Land und wollten es am empfindlichsten Punkt treffen: den landwirtschaftlichen Produkten. Auch von diesem Schock hat sich das Land noch längst nicht erholt.

Und nun kommen also diese Muslime, all diese Fremden, gänzlich undänischen Menschen, leben meist in Hochhausgettos an den Stadträndern, zeigen oft auch kein allzugroßes Verlangen, rundherum Dänen zu werden, bauen Moscheen, haben Probleme mit der Sprache, laufen in weiten Kleidern herum … und mäkeln auch noch am dänischen Essen, sprich am Schweinefleisch. Das kann auch dem tolerantesten Dänen – und davon gibt es circa fünf Millionen – auf den Magen schlagen. Und hätte die halbhysterische deutsche Presse ein klein wenig über den Affront nachgedacht, der in diese Richtung geht, dann wären die Urteile über den Affront in die andere Richtung vielleicht weniger hysterisch ausgefallen. Natürlich ist es verkehrt, vollkommen verkehrt, Menschen dazu zwingen zu wollen, Schweinefleisch zu essen. Das ist weder juristisch oder moralisch und auch nicht erzieherisch zu rechtfertigen. Und das hat auch niemand verlangt, soweit ich sehe. Aber zu sagen, daß wir Dänen unsere Traditionen haben, und sind sie auch einfach und eindimensional, und daß wir diese Tradition bewahren und überhaupt aufhören wollen mit vorauseilendem Gehorsam und permanenter Rücksicht, das erscheint mir vollkommen legitim.

Kaum ein anderes Land hat für seine Migranten mehr getan als Dänemark – es mag dennoch zu wenig sein …–, die Schelte der letzten Wochen und Monate verdient es nicht.

Ausgrenzungen

Kein Flüchtlingshelfertreffen ohne Ausgrenzungsgeschichten von Andersgläubigen. Um es deutlich zu sagen: Das ist nicht die Norm – aber es findet statt.

Zum Christentum Konvertierte flüchten die Stadt und wechseln die Identität.

Heimlich werden SIM-Karten mit christlichen Botschaften in verschiedenen Sprachen verteilt, damit Interessierte in aller Privatheit Jesus schauen können. Im Notfall ließen sie sich schnell vernichten. Der Notfall ist der aufmerksame Muslim nebenan.

Eine VHS-Lehrerin kommt in der Pause ins Gespräch mit einem Lernenden. Er fragt, ob sie Christ, sie fragt zurück, ob er Muslim sei. Schüchtern schüttelt er mit dem Kopf und weicht verschreckt zurück, als die Klassenkameraden plötzlich eintreten. Ein Mensch in Angst.

Diskussion, ob man die Weihnachtskrippe im Raum lassen könne oder ob das religiöse Gefühle verletze.

Vereinzelt suchen Menschen bei der Kirche Schutz, weil sie sich in den Unterkünften aufgrund ihres Glaubens verfolgt fühlen.
Usw.

Aber keiner der Flüchtlingshelfer, die ich kenne, kam bisher auf die Idee, darin ein systemisches Problem zu sehen. Man ist über den Einzelfall erbost, das schon, doch zu einer Religionskritik kommt es nicht. Selbst der Pfarrer meint, man könne zwar in den Islam ein-, aber nicht austreten – und das sei eben so, das müsse man akzeptieren. Und an unserer Hilfspflicht ändere das gar nichts.

Die Stunde des Gebets

Die Engländer nennen das „an awkward situation“. Die Tür geht auf – ich bin fünf Minuten zu zeitig –, Hussain, barfuß, läßt mich ein und plötzlich steht zwei Meter neben mir ein betender Mensch. Muslim natürlich. Hände vor der Brust, Oberkörper in der Waage, Gemurmel, Allah und so, Kniebeuge – das volle Programm.

Man kommt an diesem Allah einfach nicht vorbei, wenn man bei den Syrern ist. Gefühlt jedes zweite Wort fängt mit A an und endet mit ah, Allahu-Akbar-Klingeltöne, Koranseiten auf dem Handy, Gebetsgeräusche im Nebenzimmer oder eben, wie gerade erlebt, Rezitation und Gymnastik in Armeslänge.

Salim ist vertieft, würdigt mich keines Blickes. Ich schleiche als beschämter Europäer, etwas unangenehm berührt, an der Szene vorbei, nicht recht wissend, wohin mit mir und meinen Blicken. Fühle mich wie ein unverhofft ins elterliche Schlafzimmer eintretender Teenager. Schiebe mich selbst in Hussains Zimmer – sonst nutzen wir die Küche. Als guter Pfadfinder hätte ich die Zeichen lesen können. Nasse Fußspuren auf dem Laminat. Verstehe ich aber erst, als Hussain mich bittet, noch fünf Minuten zu warten – auch er müsse noch beten. Das war garantiert das letzte Mal, daß ich zu Sonnenuntergang dort antanze. Nun also geht Hussain ins Bad und wäscht sich Gesicht, Hände und Füße und befeuchtet sich das Haar. In der Küche haben sich mittlerweile Männer versammelt, ist es unruhig geworden. Also fragt er mich, ob es mich störe, wenn er hier bete? „Nö, of course not!“

Während ich mir ein paar Notizen mache, um die seltsame Szene festzuhalten, betet man nun hinter mir. Ohne Teppich und in ganz andere Richtung als Salim, alles ganz dezent und leise und kaum daß ich diesen Allah im Getuschel unterscheiden kann. Auch drüben scheint jemand bei der Gebetsgymnastik zu sein. Mohammed. Salim hat die Wohnung inzwischen verlassen. Es klingelt, keiner geht ran oder läßt sich auch nur stören. Gebet geht vor.

Hussain ist nun fertig. Ich frage ihn, wie oft er sich verbeugt hat. Er erklärt: Fünf Mal Beten am Tag: Zu Sonnenaufgang zwei Verbeugungen, mittags vier, nachmittags, wenn der Schatten doppelte Manneslänge aufweist, wieder vier, zum Sonnenuntergang – also gerade eben – drei Mal und in der Nacht, aber vor Mitternacht, noch einmal vier. Macht 17. Hatte ich nicht erst von 18 gelesen? 17 ist wohl die Mindestzahl, Eifrige dürfen demnach auch mehr.

Aber Hussain weiß offensichtlich, was sich gehört.

Ein ganz normaler Tag

Am 5. September, einen Tag nach Merkels Syrien-Beschluß, hatte ich ein 40-minütiges Gespräch mit einem Herrn des Bundeskanzleramtes. Dort hatte ich angerufen, um ihm und seiner Dienstherrin meine Meinung kundzutun. Ich war nicht der erste an diesem Tag und wohl auch nicht der letzte, weshalb der junge Mann etwas grantig reagierte. Trotzdem gab er sich anfangs Mühe, mich zu beruhigen: man habe das im Griff, was sollte ein Prozent Zuwanderer schon bedeuten, „glauben Sie wirklich, daß …?“ und dergleichen.

Im Laufe des hitzigen Gespräches wurde er immer aggressiver und als wir zum Thema Islam kamen und ich ihm sagte, daß es durchaus Imame gäbe, die die Vergewaltigung von nichtmuslimischen Frauen rechtfertigten, glaubte er endlich einen Ausweg gefunden zu haben – er schrie ins Telefon: „Wollen Sie etwa behaupten, daß die Imame den Muslimen befehlen, ihre Frauen zu vergewaltigen?“ Darin waren gleich drei Fehler und Unterstellungen enthalten, die Chance jedoch, darauf aufmerksam zu machen, bekam ich nicht mehr, denn er plärrte weiter: „Jetzt reicht es aber, das ist ja Rassismus, ich lege jetzt auf!“ – sprach’s und tat‘s. Wie gern hätte ich ihn noch wissen lassen, daß al-Quaradawi genau dies 2004 in London behauptet hatte und al-Quaradawi ist nicht irgendwer, sondern ein bedeutender Rechtsgelehrter mit einer Millionengefolgschaft.

Ein anderer Streit hatte sich aus meiner Äußerung ergeben: „Sie gefährden den inneren Frieden im Land, es wird in alle Richtungen schwere Konflikte geben“. Es wäre spannend, den jungen Dienstmann heute noch einmal zu befragen.

Nachfolgend liste ich in willkürlicher Reihenfolge die Zeitungsmeldungen von 24 Stunden auf (17./18.1.2016), veröffentlicht in den Onlineausgaben der sechs führenden Leitmedien (Spiegel, FAZ, Welt, Süddeutsche, Zeit, Focus), die den momentanen Zustand der inneren Sicherheit belegen und offenbaren, wie sehr sich dieses Land in nur wenigen Monaten verändert hat. Die Liste wäre deutlich länger, wenn „alternative“ und regionale Quellen einbezogen worden wären.

FAZ: Asylschnellverfahren für Nordafrikaner geplant
Süddeutsche: Deutschland, Österreich und Slowenien prüfen gemeinsame Grenzkontrollen
Die Welt: Kriminelle Nordafrikaner, ein lang gehütetes Staatsgeheimnis
Focus: Zahl islamistischer Gefährder so hoch wie nie
Spiegel: Justizminister Maas ruft zum Rechtsextremismusgipfel
Die Welt: Steigende Nachfrage. Grüne wollen Kauf von Schreckschußwaffen erschweren
FAZ: BKA-Chef warnt vor rechten Terrorgruppen
Die Welt: Die unerträgliche Milde der Richter in NRW
FAZ: Ohne Zwang geht es nicht mehr. Wohnungen für Flüchtlinge sollen beschlagnahmt werden
Focus: Sexuell belästigt und ausgeraubt. 31-jährige von fünf Unbekannten überfallen
Die Welt: Terroranschlag in Istanbul. Deutsche Anschlagsopfer mit Sondermaschine nach Berlin überführt
Die Welt: Fremdenfeindlichkeit. Pegida-Bündnis will europaweit Stärke demonstrieren
Der Spiegel: Silvester-Übergriffe. Grüne Frauen fordern offene Debatte über Herkunft der Köln-Täter
Süddeutsche: Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat in einem SZ-Interview vorgeschlagen, eine Benzinsteuer zur Finanzierung der Flüchtlingspolitik einzuführen
Zeit: Linksautonome schlagen in Oschersleben Rechte krankenhausreif
Die Welt: Merkel unter Druck. Flüchtlingszahl in EU steigt auf das 17-Fache
Die Welt: Düsseldorfer Maghreb-Viertel – „In den letzten sechs Monaten ist es schlimm geworden“
Süddeutsche: 40 Festnahmen bei Großrazzia im Düsseldorfer Maghreb-Viertel
Die Welt: Flüchtlingshelferin. Extrem fordernd, unzuverlässig und anzüglich
Zeit: Sexismus. Wer ist der arabische Mann?
Die Welt: Zentralrat der Muslime will Polizeischutz. Er erlebt eine Welle von Anfeindungen
Die Welt: Bürgerwehren. Sie wollen nur für Sicherheit sorgen – sagen sie
Die Welt: Allmachtsfantasien. Merkels Flüchtlingspolitik ist Größenwahn
Zeit: Eine Menge Angst. Nach den Übergriffen auf Frauen ändert sich in St. Paulis Clubwelt die Stimmung – und zwar gewaltig
Zeit: Jung, aber wenig qualifiziert. Niedrigqualifizierte sind die Verlierer auf dem Jobmarkt – jetzt kommen noch die Flüchtlinge hinzu
FAZ: Konflikte in der EU Europas Zerreißprobe. Flüchtlingskrise, Brexit-Abstimmung, der Konflikt mit Polen: Nie war das Ende der EU so realistisch wie heute
Süddeutsche: Schwimmbadverbot für Flüchtlinge. Klare Regeln statt pauschaler Verbote
Focus: BKA geht davon aus, dass die sexuellen Übergriffe in Köln organisiert waren
Focus: Nach Sparkassen-Eklat in NeussBurka, Niqab, Motorradhelm: Diese Verschleierungsregeln gelten in Deutschland

Aber auch: Süddeutsche: Amerikanerin in Köln. Syrische Männer schützten mich

Fürchtet euch nicht

Medien, diverse Weihnachtsansprachen, zweit- und drittrangige Systemträger, Kirchenrepräsentanten, „Stars“ und Nachrichtensprecherinnen … sie alle bilden eine Phalanx der Eintracht, sie alle ermahnen uns im Angesicht des nationalen Notstands: Habt keine Angst. Sie wenden sich damit gegen ein primäres menschliches Empfinden in der Konfrontation mit dem Fremden. Daß sie ohne Autorität sprechen, versteht sich von selbst, denn die historische Vergleichslosigkeit bietet keinen Grund zur Zuversicht. Man muß schon sehr weit in der Geschichte zurückgehen, um grob analoge Entwicklungen heranziehen zu können, und ob diese positiv oder negativ zu bewerten sind, hängt von der Perspektive ab. Vergleicht man etwa die islamische Expansion des 7. und 8. Jahrhunderts mit der rasanten Ausbreitung der muslimischen Kommunen der letzten dreißig Jahre in ganz Mittel- und Nordeuropa, dann mag das einem Imam oder Mullah Wonneschauer über den Rücken jagen, ein „besorgter Bürger“ dagegen kann das ganz anders empfinden, auch wenn es heute und bislang meist ohne Schwert und Tauhid-Bekenntnis stattfindet. Die relative Gewaltlosigkeit der Besitznahme ist ihre stärkste Waffe.

Aber auch logisch sind die Appelle zur Nichtangst problematisch. Sie haben jene paradoxe Form, die Paul Watzlawick in seinen Werken immer wieder als „geistige Akrobatik“ thematisierte und die nicht Lösung, sondern Teil eines Problems sind. Das sind „Forderungen nach einem Verhalten, das sich seinem Wesen nach nur spontan ergeben kann, dessen Spontaneität (und damit die Möglichkeit seines Eintretens) aber eben durch sein Gefordertwerden unmöglich gemacht wird.“ (Lösungen: 86) Sie sind also nicht nur sinnlos, sondern regelrecht kontraproduktiv.

Funktionieren können sie nur, wenn die auffordernde Instanz eine transzendente ist. „Non abbiate paura! – aprite, anzi spalancate le porte a Christo“ – mit diesen Worten erlangte Johannes Paul II. 1978 Aufsehen, aber er konnte sich auf die höchste Instanz berufen, auf den Engel des Herrn, der nach Lukas 2.10 sprach: „Fürchtet euch nicht!“

Wenn die Mutter ihr Kind ermahnt, keine Angst zu haben, dann tritt sie als diese Transzendenz auf und nicht primär die Worte beruhigen das Kind, sondern das Dasein der Mutter, ihre Ruhe, ihr geistiges und körperliches Versprechen, das Kind nie zu verlassen.

Daher ist es vielleicht kein Zufall, wenn Angel A der Bundesrepublik gern die Staatsmama, die Mutti gibt – der Staat, ihr einziges Kind. In den letzten Wochen waren wir Zeugen erschütternder Szenen an Gläubigkeit. Immer wenn Mutti sagte „Wir schaffen das“ – ihre Übersetzung von „Fürchtet euch nicht“ – dann hing die journalistische Jünger*innenschar wie gebannt an ihren Lippen und Brüsten und verkündete die Frohe Botschaft: Volk, sei stille – Mutti sagt, wir schaffen das, also schaffen wir das, Mutti hat einen Plan, also klappt das irgendwie, Mutti ist bei euch alle Tage.

Was aber, wenn der Gott nur ein Popanz ist?

Blick in die Zukunft

Vor zwei Wochen erhielt der Syrer Salim seine Anerkennung als Flüchtling. Salim ist 35, sehr freundlich, hilfsbereit und immer lächelnd. Von Beruf Schreiner oder etwas Ähnliches. In Syrien hatte er in einem Unternehmen gearbeitet, das Schränke, Türen, Fenster etc. herstellte. Seit Anfang September ist er in Deutschland und spricht weder Deutsch noch Englisch. Im Gegensatz zu Hussain, Muhannad und Khaled, aber vergleichbar mit Schlasch, Mohammed und Walid macht er auch keine Anstrengungen, die Sprache zu lernen – nicht etwa, weil er zu faul wäre, sondern weil er als einfacher Arbeiter das Lernen nie gelernt hat. Arbeiten will er – immer wieder fragt er, ob es in der Stadt nicht Tischler gäbe.

Wie könnte seine Zukunft aussehen? Die Zahlen sind Annäherungen, da es schwierig ist, aus den sich widersprechenden Angaben, genaue Schlüsse zu ziehen.

Von nun ab erhält er die volle Unterstützung von ca. 400 Euro. Seine Familie hat sich sofort nach Erhalt des Bescheides auf den Weg gemacht. Man wartete in der Türkei und befindet sich gerade in Griechenland, hat die Meerespassage also unbeschadet überstanden. In ca. 10 Tagen dürften seine Frau und die beiden Kinder bei ihm sein. Er freut sich sehr, zeigt seine Freude aber nicht.

Mit der Aufenthaltserlaubnis ist ihm auch die Bewegungsfreiheit garantiert. Irgendwann wird er vermutlich die kleine sächsische Stadt verlassen und zu Verwandten ziehen. Alle Syrer, die ich kenne, haben bereits Familienmitglieder irgendwo in Deutschland, meist im Westen: Hamburg, Frankfurt, Landshut, Münster, Essen, Hagen … Dort wird man zusammen wohnen und leben – der Kontakt zur deutschen Umwelt wird vermutlich noch geringer werden, als er jetzt schon ist. Da Salim keine Schule besucht, bin ich wohl der einzige Deutsche – von Zufallsbegegnungen, Amts- oder Arztbegegnungen abgesehen – mit dem er einmal die Woche zu tun hat.

Seine Frau wird vermutlich anfangs um die 300 Euro erhalten, später, wenn auch sie den Asylstatus besitzen wird, knapp 400. Wohnung, Heizung, Betriebskosten übernimmt der Staat. Ob sie einen Sprachkurs besuchen wird, bleibt abzuwarten.

Für die Kinder wird es Kindergeld in Höhe von 130 – 150 Euro geben. Insgesamt wird die Familie so monatlich über mehr als 1100 Euro verfügen. Damit läßt sich in einer syrischen Kommune sehr gut leben. Der Anreiz für Salim, die Sprache zu erlernen, um einen Beruf ausüben zu können, wird mit der Zeit sinken. Stattdessen werden die Kinder in Kindergarten und Schule sehr schnell die deutsche Sprache erlernen und in Zukunft vermutlich den administrativen Teil des Lebens der Familie erledigen. Salim wird darauf achten, sie zu guten Muslimen zu erziehen.

Sollte der Aufenthaltsstatus nach drei Jahren nicht erneuert werden oder sollten die Eltern irgendwann entscheiden, nach Syrien zurück zu gehen, dann dürften die Kinder das größte Hindernis werden. Sie werden in Syrien entwurzelt sein, man wird sie vermutlich als fremd empfinden – daher werden sie sich sträuben, das Land wieder zu verlassen. Ob sie sich je als Deutsche empfinden werden, bleibt abzuwarten. Wie viele solche Kinder werden sie keine nationale Identität, keine Heimat mehr haben.

Später frage ich Hussain nach Salims Chancen – er kommt zu einem ähnlichen Resultat. Es sei denn, er findet einen arabischen Arbeitgeber – wie wahrscheinlich ist das?

Es liegt nun wohl an Salim selbst, ob er diesen absehbaren Verlauf ändern will und kann – erster und einziger Schritt: die Sprache.

Das Ende ist nah

Die Anzeichen mehren sich, die Stimmung kippt. Die Tage der Bundeskanzlerin als Bundeskanzlerin könnten gezählt sein – es werden deutlich weniger als die knapp 600 Tage bis zur Bundestagswahl 2017.

Köln mag dabei eine Rolle spielen, wichtiger dürften die noch kommenden Ereignisse werden. Angela Merkel muß nun hoffen, daß es in den nächsten Wochen und Monaten reibungslos vonstattengeht, was bei den jetzt schon zu erwartenden Flüchtlingszahlen sehr unwahrscheinlich zu sein scheint. Entwicklungsminister Müller sieht acht bis zehn Millionen Menschen gen Nord und Nordwest wandern, ein Bruchteil davon dürfte die Bundesrepublik bereits überfordern, spätestens im April könnten die Flüchtlingszahlen wetterbedingt wieder dramatisch ansteigen, schon jetzt wächst der Zustrom aus Nordafrika exponentiell.

Deutliche Anzeichen für den Stimmungswechsel sind:

Die innerparteiliche Opposition. Gerüchte und Meldungen von Gehorsamsverweigerung, geheimen Papieren, internen Briefen u. ä. machen die Runde, Landesverbände proben den Aufstand – man kommt kaum noch hinterher. Die erbärmliche Salamipolitik der CSU weist trotz allem eine Grundrichtung auf und die steuert auf Konflikt zu. Seehofer könnte seinen taktischen Opportunismus aufgeben, sobald die Lage günstig erscheint, und den Griff zur Macht wagen. Vereinzelt lassen sich Landräte und Regionalpolitiker zu fragwürdigen symbolträchtigen Verzweiflungsaktionen hinreißen.

Die verantwortlichen Mandatsträger hecheln gehetzt der Entwicklung hinterher. Im Eilverfahren werden Beschlüsse gefaßt, deren bloße Nennung vor wenigen Wochen noch schwere Diffamierungen hervorgerufen hätte und hat.

Die Medien schwenken allmählich um. Der Anteil an kritischen Artikeln steigt stetig, mitunter scheinen auch ganze Leitmedien umzukehren. „Die Welt“ z.B. hat mit dem Ex-Linken Stefan Aust einen neuen Herausgeber, der eine deutliche Rechtswende vollzogen hat. In seinem gerade preisgekrönten Film „An der Grenze“ verweist er mehrfach und ausdrücklich auf die Amtsanmaßung der Bundeskanzlerin und die fehlende Legitimation durch den Bundestag. Auch die FAZ bietet sich immer öfter als Plattform zur Verbreitung defätistischer und moralzersetzender Artikel an – beide Blätter waren unter normalen Bedingungen die natürlichen Verbündeten der CDU.

Führende Staatsrechtler haben in verschiedenen Ansätzen auf den multiplen Rechtsbruch und die Mißachtung des Parlamentes hingewiesen. Karl Albrecht Schachtschneider, Rupert Scholz und Michael Bertrams hatten bereits im Herbst ihre Bedenken öffentlich gemacht, nun folgen Udo di Fabio, Hans-Jürgen Papier, Ulrich Battis und Josef Isensee nach. Es ist nicht mehr unmöglich, sich eine Ex-Bundeskanzlerin vor einem ordentlichen Gericht vorzustellen.

Auch in den anderen Parteien, die die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin bisher unterstützt haben, brodelt es. So scheren bei den Linken die beiden Leitfiguren Lafontaine und Wagenknecht aus. Alt-Kanzler Schröder kritisiert Merkel ungeschminkt, Niedersachsens Ministerpräsident fordert die Kurskorrektur … Das dürfte den Druck von außen erhöhen.

Immer mehr führende Intellektuelle erheben öffentlich ihre Stimme, was zu einem Schneeballeffekt führen könnte. Neuestes Beispiel Monika Maron, die sich wiederum auf Safranski beruft, der sich zu Sloterdijk äußert …

Neuere statistische Untersuchungen weisen auf deutlich zunehmende Skepsis der deutschen Bevölkerung hin.

Ein Grund zur Freude sollte das selbst bei den politischen Gegnern von Merkels Politik nicht unbedingt sein, denn wie auch immer ihr vermutlich unehrenhafter Abgang aussehen könnte, er würde ein Zeichen der politischen Instabilität darstellen. Es stünden uns ungewisse Zeiten bevor – aber ist das nicht eine Banalität?

Eritrea unplugged

Fragt man die Eritreer, weshalb sie in Deutschland sind, werden sie schmallippig. Nur Adlan, der Aufgeweckteste unter ihnen, sagt was von „democracy“. Fragt man, was Demokratie für ihn bedeutet, erhält man Schweigen oder Gemeinplätze wie: „freedom“. Fragt man schließlich, wo es am schönsten ist auf der Welt, beginnen die Augen zu leuchten: ERITREA – kein schöner Land!

Eritrea sollte uns alle angehen. Seit Jahren fließt ein konstanter Strom an eritreischen Flüchtlingen nach Europa. Manchmal sollen es 5000 pro Monat sein, alarmistische Quellen sprechen von unglaublichen 360 000 allein im letzten Jahr, meist Männer, und das bei einem Land von nur knapp sechs Millionen Einwohnern. In Deutschland kamen davon letztes Jahr 13 253 und in diesem Jahr 10 102 offiziell an, aber diesen Zahlen ist kaum zu trauen – es schwirren alle möglichen Ziffern durch die Medien. Einmal sollen die Eritreer mehr als 8%, ein andermal 3,3% oder 2,6% der Flüchtlinge ausmachen, diese Zahlen können mit den absoluten Zahlen nicht übereinstimmen, wenn man von einer Million Asylsuchenden im Jahr 2015 ausgeht, eine Nummer, die ohnehin zu niedrig sein muß und aller Logik entbehrt, denn allein im Herbst dürften so viele Menschen die deutsche Grenze überschritten haben.

Die Eritreer jedenfalls sind in Massen hier, sie prägen mit ihrer auffälligen Physiognomie alle Städte. Was bringt sie dazu, den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu wagen, der so viele Menschenleben fordert?

Schon diese Frage ist nicht korrekt gestellt. Alle Eritreer, die ich befragen konnte, kamen nicht auf einem Seelenverkäufer übers große Wasser, sondern nutzten ganz offiziell Fähren und Passagierschiffe. Was die deutsche Öffentlichkeit aus der Presse über das ostafrikanische Land weiß – obwohl sie zugibt, daß sie so gut wie nichts weiß -, ist in Kürze dies: eine brutale Militärdiktatur unterdrückt die eigene Bevölkerung, preßt sie massenweise und auf unabsehbare Zeit ins Militär, wo gehungert und gefoltert wird – ein freudloses Leben in Angst und Elend; die Menschen sind bitterarm; auf dem Pressefreiheitsindex steht Eritrea an letzter Stelle, es ist – in einem Wort – das Nordkorea Afrikas. Tatsächlich gibt es nur eine Zeitung und einen Fernsehsender, von Meinungsvielfalt kann keine Rede sein. Tatsächlich gibt es den sogenannten „Zivildienst“, der für die meisten Männer, aber auch viele Frauen einen 18-monatigen Militärdienst bedeutet, welcher unbegrenzt verlängert werden kann. Von meinen 20 Eritreern war es einer, der in der Armee gedient hat oder dies äußerte (als ich meine 36 Monate erwähnte, staunte man mich wie einen Helden an). Meist wird der Zivildienst dann auch zivil fortgesetzt – die Menschen werden in einen zivilen Job gezwungen, wo sie für 30 Euro im Monat als Kellner oder Landarbeiter oder Lehrer etc. arbeiten müssen, also ganz normale Berufe ausüben.

Aufgrund des noch immer anhaltenden Militärkonflikts mit dem mächtigen Äthiopien, von dem man sich 1993 emanzipierte, meint Präsident Afewerki und seine „Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit“ die Notwendigkeit einer starken Armee begründen zu können. Man kann Afewerki mit Fidel Castro vergleichen, ein in sich selbst erstarrter einst verdienstvoller Freiheitskämpfer.

Sieht man sich dagegen italienische und afrikanische Quellen an, kann ein ganz anderes Bild entstehen. Italien hat als ehemalige Kolonialmacht ein besonderes Interesse an Eritrea, zudem nimmt es auf Lampedusa, Sizilien und in Kalabrien den Großteil der Boatpeople auf und muß sich auch den hunderten Leichen immer wieder stellen. Die Dokumentationsserie „Settesera“, wesentlich von der Afrika-Korrespondentin Marilena Dolce gestaltet, spricht zwar ebenfalls von großer Armut in einem agrarischen Wüstenland, zeichnet hingegen auch Szenen des Friedens, der Eintracht, der Einfachheit. Auch diese haben etwas für sich. Eritrea besteht aus neun verschiedenen Ethnien und ist jeweils zur Hälfte christlich und muslimisch. Von Spannungen keine Spur. Es scheint überhaupt ein Land ohne Straßenkriminalität zu sein. Die Menschen werden als gelassen, zufrieden und mit natürlichem Stolz ausgestattet beschrieben, es sei „wie in den 40er oder 50er Jahren in westlichen Ländern“.

Dort berichtet auch Christine Umutoni von den Vereinten Nationen über ihre Arbeit vor Ort und sie betont die enormen Fortschritte, die das Land auf dem Weg zur wirtschaftlichen und sozialen Eigenständigkeit gerade macht. Von den sogenannten „United Nations Millenium Development Goals“ wurden drei bereits erreicht: das Senken die Kindersterblichkeit, der Müttersterblichkeit und die Bekämpfung von AIDS und Malaria. Eritrea hat für seine Verhältnisse ein ausgesprochen avanciertes Gesundheitssystem. Fortschritte gibt es auch in allen anderen Punkten: Armutsbekämpfung, Schulbildung für alle, Geschlechter-gleichheit, ökologische Nachhaltigkeit und globale Zusammenarbeit. So liegt Eritrea in der Pro-Kopf-Nutzung der Sonnenenergie weltweit an Stelle zwei. Die UN-Vertreterin sieht jedenfalls ein aufstrebendes afrikanisches Musterland in Eritrea, niemand muß hungern, Bildung und medizinische Versorgung sind flächendeckend und frei. Sie bewundert den Stolz der Eritreer, deren Liebe für ihr eigenes Land und den Willen, dafür zu arbeiten, sie sieht in Eritrea einen der wenigen afrikanischen Staaten, die den „richtigen Weg eingeschlagen haben, um die Milleniumsziele zu erreichen“. Sie wirbt für verstärkte internationale Hilfe und wendet sich unausgesprochen gegen die Isolationspolitik der EU und der USA und stellt sich auf die Seite Großbritanniens, wo Eritrea als sicheres Herkunftsland gilt. „Jeder investierte Dollar trägt reiche Früchte in diesem Land“. In Wirklichkeit leidet Eritrea unter westlichen Sanktionen.

Sieht man die Bilder aus Asmara, der Hauptstadt, dann scheinen diese jene Worte zu bestätigen. Die Armut als Problem verschweigt niemand und auch der „Zivildienst“ wird immer wieder erwähnt. Sehen die einen darin ein Repressionsinstrument, so machen die anderen daraus eine ökonomische Notwendigkeit. Signora Dolce – deren Beiträge erbitterte pro- und contra-Diskussionen auslösen – versorgt uns mit Bildern von erfolgreichen Unternehmern, von enttäuschten Müttern, die ihre geflohenen Kinder zurückflehen, von Lehrern, die an die Jugend appellieren, doch das eigene und nicht fremde Länder aufzubauen, sie weist auf ein reiches Kulturleben (Musik und Film – siehe Youtube) hin, auf ein mediterranes Flair. Ich selbst habe eine italienische Freundin in Asmara, die dort als Lehrerin an der italienischen Schule arbeitet und vom Land schwärmt.

Nach diesem „Narrativ“ flüchten die jungen Leute also nicht primär vor Unterdrückung, sondern vor der relativen Armut und Einfachheit des Lebens. Demnach sind sie vom westlichen Lebensstil angezogen, suchen das angenehme, bunte Leben, den Wohlstand, scheuen die Anstrengung, wollen Internet, sind kurz und gut: Wirtschaftsflüchtlinge. Meine nichtrepräsentativen persönlichen Erfahrungen tendieren in diese Richtung.

Die innere Logik wäre dann diese: Je mehr junge Menschen das Land verlassen, desto mehr werden die Zurückgebliebenen gezwungen sein, soziale und materielle Härten auf sich zu nehmen. Ein so radikales Urteil wie Andreas Strixner, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer und AfD-Mitglied, möchte ich mir nicht zutrauen – für ihn sind die Eritreer schlicht und einfach Wehrdienstverweigerer. Angesichts der weiterhin auf uns zukommenden Welle an Asylsuchenden scheint eine Neubewertung der eritreischen Situation – zumal auch Äthiopier und Somalis sich aufgrund der überwältigenden Anerkennungsquote von über 90%, die zudem wie ein mächtiger Magnet wirkt, gern als Eritreer ausgeben – allerdings unbedingt erforderlich. Statt das Land durch Sanktionen wirtschaftlich zu schwächen, könnte eine ökonomische und logistische Hilfe möglicherweise viele Probleme lösen.

Im Übrigen unterstützt der Westen mit seiner Asylpolitik das diskreditierte Regime und hält es finanziell am Leben: der eritreische Staat fordert von jedem im Ausland lebenden Eritreer zwei Prozent des Einkommens ein und da die meisten von sozialer Unterstützung leben, bezahlen westliche Sozialsysteme das vom Westen verteufelte Regime.

zur weiteren Lektüre empfohlen:

Andre Vltchek: Englisch / Englisch / Deutsch

Gefahr aus der Mitte

Bei mancher Meldung wird mir physisch richtiggehend schlecht. Zum Beispiel bei dieser (unbedingt ansehen): „Prominente Behörden und Firmen werben auf rechtspopulistischen Webseiten“. Nicht etwa, weil Lufthansa, Aldi, Adidas, die Deutsche Bahn, Telekom oder sogar die Bundesarbeitsagentur und die Bundespolizei Werbungen auf den Webseiten der Jungen Freiheit, des Kopp-Verlages oder bei PI-News schalten, sondern weil die ARD sich nicht entblödet, ihre mediale Macht zu mißbrauchen und massiv in die freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit eingreift. Und selbst diese Multikonzerne kuschen, kuschen aus Angst, als „rechts“, „fremdenfeindlich“ oder was weiß ich eingestuft zu werden.

Was ist der Hintergrund? Auf besagten Internetmedien sind Werbungen dieser Giganten geschaltet – womit sie, so die Argumentation der ARD-Tante, diese nicht nur finanziell unterstützen, sondern auch Seriosität suggerieren. Und was seriös ist, das bestimmen immer noch die Öffentlich-Rechtlichen oder Professor X eines „Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung“ und Medienwissenschaftler Y …

Gelesen wurden die Medien offensichtlich nicht, denn dann wäre die Mannigfaltigkeit aufgefallen, man begnügt sich mit zwei Einzelmeinungen und klaubt dazu ein paar Zitate zusammen, untermalt das mit dramatisierender Musik und setzt die Enthüllungsstimme auf. Auch die auffallenden Differenzen zwischen den Webseiten werden ignoriert, man subsumiert sie einfach unter die Begriffe „rechtspopulistisch“ und „rechtsextrem“ – das genügt dieser Tage. Während der Kopp-Verlag von Esoterik und Verschwörungstheorie über Lebenshilfe und Alternativmedizin bis hin zu politischen Manifesten ein breites Spektrum anbietet, hat sich Politically Incorrect einen Namen in rechtskonservativen Kreisen verschafft, wohingegen die Junge Freiheit eine konservativ-liberale Qualitäts-Wochenzeitung ist. Aber das alles spielt eigentlich keine Rolle, man muß die Meinungen nicht mögen oder teilen, man kann da ganz andere Einschätzungen treffen: Entscheidend ist, daß diese Medien – zu denen man stehen kann, wie man will und die im Übrigen gegen den allgemeinen Trend starke Zuwachsraten verzeichnen – aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschaltet werden sollen und das mit unlauteren Mitteln, mit Verunglimpfung, Denunziation und Erpressung. Wenn gegen die Blätter etwas juristisch Relevantes vorliegt, dann hat man in einem Rechtsstaat die Mittel, dagegen vorzugehen. Die ARD vermeidet diesen Weg und setzt stattdessen auf Druckmittel der selbstreferenziellen Öffentlichkeit und welche Macht die Mainstreammedien haben, zeigt die Wirkung: Alle, auch die größten Kartelle, ziehen widerstandslos den Schwanz ein! Da wird mir schlecht …

Man muß sich auch mit „extremen“ Meinungen auseinandersetzen – egal ob links oder rechts oder Mainstream. Nicht das Links-oder Rechts-Sein darf über das Erscheinen entscheiden. Immer öfter hat man den Eindruck, daß die größte Gefahr für die Demokratie aus der Mitte kommt.

Gutmensch über Gutmensch

Das Wort „Gutmensch“ ist wirklich häßlich! Nie wäre es – aus ästhetischen Gründen – in diese Tastatur getippt worden, wenn es nicht just heute Karriere gemacht hätte: es wurde zum Unwort des Jahres gewählt. „Als ‚Gutmenschen‘“ – schreibt die „unabhängige Jury“ – „wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen“ usw.usw.usw.

Nun, nachdem ich diese moralinsaure und wirklich gutmenschentümliche Begründung vernommen habe und den darin verborgenen Imperativ: Sag nicht zu anderen „Gutmensch“! – worauf ich, wie gesagt, vorher nie gekommen wäre – übermannt mich eine unbändige Lust, Wucht und Wut, das Wort „Gutmensch“ zu sagen: „Gutmensch, Gutmensch …“, zu schreien: „Guuuutmensch“ und zu tippen:

Gutmensch und noch einmal: Gutmensch und viele Male: Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch Gutmensch …

Uff, dus tut gut! Munchmul muß mun unfuch mul un Schluchtmunsch sun!

Vertigo

Hört man sich um, so ist es schwer, eine Stimme zu finden, die die augenblickliche Regierungspolitik unterstützt – zumindest hier in Sachsen. Verfolgt man die Foren und Threads in den verschiedensten Medien – was ich seit Monaten intensiv tue – so verstärkt sich der Eindruck. Das Verhältnis ist erdrückend Anti-Merkel, Anti-CDU, Anti-Grün, Anti-SPD und einige wagen es sogar Pro-AfD zu sein. Nach dem Kölner Beben zeigt der Seismograph schwere Erschütterungen bis in die CDU-Parteibasis hinein. Insbesondere die Grünen-Politiker*innen Roth, Beck, Özdemir und Göring-Eckhardt, aber auch SPD-Chef Gabriel müssen schwere Kritik und sehr oft massive Beleidigungen über sich ergehen lassen und Angela Merkel scheint kaum noch Rückhalt zu haben. Mit überwältigender Mehrheit lehnen die Deutschen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ab. In weiten Teilen der Bevölkerung scheint sich eine bedrohliche Wut, ein beängstigendes Ohnmachtsgefühl aufgestaut zu haben …

Und doch sagt uns eine Emnid-Umfrage nach der anderen: an den Mehrheitsverhältnissen ändert sich nichts. Auch die letzte Befragung vom 9.1.2016 – „Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre …“ – zeigt das übliche Standbild. Demnach bleibt die CDU weiterhin bei 39% und hat damit seit Oktober wieder 3% zugelegt, die SPD fällt minimal auf 23%, die Linke bleibt stabil bei 10% und die Grünen gewinnen sogar ein Prozent hinzu und kommen erneut auf 10% – die AfD hingegen verliert ein Prozent und steht nun bei 8%. Das ergäbe via Parteienwahl einen phantastischen Zustimmungsanteil von 82% auch und vor allem für die derzeitige Flüchtlingspolitik – unterstellt, daß CDU, SPD, Grüne und Linke in dieser Frage gemeinsam an einem Strick drehen.

Es entsteht ein seltsam dissoziativer Zustand, ein Schwindel, eine Trennung von unmittelbarer Wahrnehmung und medial und demoskopischer Widerspiegelung. Ich gebe zu: es verwirrt mich. Kann ich meiner Wahrnehmung noch trauen? Belügt man uns? Wo sind wir? Kann es sein, daß eine kleine „rechte“ Minderheit alle Presseforen gekapert hat und massiv Meinungsportale manipuliert? Kann es sein, daß man sich selbst nur in negativistischen Kreisen bewegt? Sagen die Befragten massenhaft nicht die Wahrheit? Aber mit welchem Kalkül und wie sollte sich das statistisch ausdrücken? Und wo werden diese Umfragen überhaupt gemacht? Im Regierungsviertel?

Und was ist die Konsequenz? Bedeutet das, daß es auch nach den Wahlen 2016 und 2017 so weiter geht?

http://www.wahlrecht.de/umfragen/emnid.htm

Köln in Plauen

Auch eine Woche nach den Kölner Ereignissen, haben meine syrischen Schüler noch keine Kenntnis davon. Medien nehmen sie nicht wahr, in der Schule scheint sie niemand darauf aufmerksam gemacht zu haben und untereinander wird nichts weitergereicht. Ergo muß ich mal wieder ran.

Erst als ich Khalid sich erheben lasse um ihm „am lebenden Objekt“ den mutmaßlichen Vorgang des hundertfachen hunderthändigen Begrapschens am ganzen Körper begreiflich zu machen, verstehen sie die wahre Dimension und die radikale Enthemmung. Sie sagen nichts. Hussain kann nur ein „bad, bad“ ausstoßen. In ihren Vorurteilen gegenüber den Maghrebinern fühlen sie sich bestätigt. Große Liebe herrscht wohl nicht zwischen Syrern und Marokkanern etc.

Ich frage sie, ob sie einen Zusammenhang zwischen Religion und Verhalten sehen? Hussain wird nun lebhaft und sagt, daß der große Fehler sei, das Fehlverhalten von bestimmten Menschen auf andere zu verallgemeinern und schlechte Menschen gibt es doch überall. Vollkommen d’accord. Und islamisch ist es definitiv nicht, weder das Trinken von Alkohol noch das Berühren von Frauen. Im Gegenteil, der Koran ist hier ziemlich deutlich und viele Muslime haben sogar ein Problem, einer Frau die Hand zu geben. … Also hat es doch mit dem Islam zu tun? Diesen Gedanken muß ich erklären:

Kann es sein, daß Männer, die ein Leben lang ihre Sexualität unterdrücken müssen, die kaum Kontakt zum anderen Geschlecht haben, die Frauen oft nur als verschleierte Familienmitglieder kennen lernen, die zudem patriarchalisch erzogen werden, enthemmt reagieren, wenn ihnen plötzlich weibliche Gestalten in kurzen Röcken, mit Dekolleté, parfümiert und geschminkt begegnen, daß diese Männer dann Probleme haben, ihr traditionelles Frauenbild aufrecht zu erhalten? Hussain kommt ins Grübeln, nachdem ich diesen Gedanken in mehreren Pirouetten dargelegt habe – und gibt mir recht … ein bißchen.

Dann erzählt Khalid von seiner gestrigen Begegnung mit vier Männern aus Marokko, Tunesien, Ägypten und Syrien. Sie fragten ihn an der Straßenecke nach einer Adresse. Ich verstehe nicht. … Einer Adresse „to fuck“. Man war auf der Suche nach „woman to fuck“, Prostituierte nehme ich an, oder eben „Schlampen“. Dafür sind sie aus irgendwelchen Dörfern extra angereist. Hussain versucht zu retten: Viele Immigranten sagen zwar, sie seien Muslime aber in Wirklichkeit wollen sie nur das westliche Leben abschöpfen: Alkohol, Party, Frauen, Geld … oder andersherum.

Ich weiß: Auch meine Syrer haben starke sexuelle Bedürfnisse. Es fällt ihnen schwer – ohne Frauen, das hatten wir schon vor Wochen besprochen. Aber sicher ist auch: Sie gehören nicht zu dieser Klasse verrohter Menschen.

Warum Köln uns trifft

„Think but how vile a spectacle it were
To view thy present trespass in another.
Men´s faults do seldom to themselves appear
Their own transgressions partially they smother.“
(Shakespeare: The rape of Lucrece)

Seit Tagen tobt die Schlacht um die Deutungshoheit eines bislang einmaligen Ereignisses: der kollektive Angriff von mutmaßlich fremdländischen Männern auf hunderte Frauen an geschichtsträchtigem Ort in Köln. Sie wurden beraubt, belästigt, begrapscht, mehr noch, sie wurden im Wort- und übertragenen Sinne vergewaltigt. Diese Tat trifft die Öffentlichkeit in Deutschland ins Herz. De iure dürfte der linke Kolumnist Augstein mit seinem Zynismus recht behalten – es waren „minderschwere Straftaten“ – de facto aber könnte sich ein umfassender Paradigmenwechsel andeuten, gegen den die Mainstream-Medien sich mit Händen und Füßen wehren. Selbst ein Bataclan in Berlin hätte kaum solch eine Wirkung gezeitigt wie die Notzuchten von Köln.

Rubens: Tarquinius und Lucretia (© Wikipedia public domain)

Rubens: Tarquinius und Lucretia (© Wikipedia public domain)

Das Ereignis spricht ein archetypisches, tief in unserer Kollektivseele verwurzeltes Bild und Gefühl an und weil es überkulturell, also anthropologisch grundiert ist, können es auch Menschen aus anderen patriarchalischen Kulturkreisen – unbewußt oder willentlich – aktivieren, muß man es folglich mit einer „archetypischen Hermeneutik“ (Drewermann) befragen.

Schon in den Homerischen Gesängen wird vergewaltigt was das Zeug hält. Frauenraub – ein gängiger Euphemismus – findet in alle Richtungen statt: Kastor und Pollux vergewaltigen die Töchter des Leukipp, Hades „entführt“ Persephone und Zeus nimmt sich in vielerlei Gestalt jede Jungfrau, die ihm gerade zusagt. Auch die Trojanischen Krieger wußten um die Macht dieser Untat und „nahmen sich“ die Frauen ihrer besiegten Feinde, die erst dann endgültig besiegt waren, wenn die Weiber geschändet werden konnten.

Auch im Alten Testament wird fleißig entehrt – was eifrige Youtube-Milchbubis zu dem Dummjungenstreich verleitete, eine „Bibel“ (die Differenz zwischen AT und NT war wohl unbekannt) in einen Koran-Umschlag zu hüllen und somit naive Passanten zu schocken … ein viraler Hit (and Run), den deutsche Qualitätsmedien gerne weiter verbreiteten. Dabei ging es im Koran und bei Mohammed selbstverständlich auch nicht zivilisierter zu – hier schweigt des Sängers Höflichkeit – und wer will, kann Zwangsheiraten und Vielehen schon unter dieser Perspektive betrachten.

Peter Sloterdijk hatte verschiedentlich die Verbindung zwischen Vergewaltigung und Zivilisationsprozeß exemplifiziert. Als Rom unter Romulus immer weiter erstarkte, da Massen an Flüchtlingen, Vertriebenen und Desperados die Stadt als Neuanfang entdeckten, hatte man – so berichtet es Livius – ein massives Problem: Es fehlte an Weibern. Mit einem perfiden Trick lud Romulus die Sabiner (ein Nachbarvolk) ein und während man fleißig zechte, raubte man in einem gut orchestrierten Überraschungscoup die Jungfrauen – der berühmte Raub der Sabinerinnen. Diese Geschichte nimmt ein gutes Ende, denn als es zum Krieg kommt, stellen sich die Neurömerinnen – mittlerweile geschwängert und verheiratet – den eigenen Vätern und Brüdern entgegen. Geboren war der erste gesellschaftliche Vertrag.

Mehr noch aber meint Sloterdijk die Gründung der Republik: „Wer Rom erwähnt, sagt zugleich res publica, und wer von dieser spricht, sollte nicht versäumen, nach dem Geheimnis ihrer Anfänge zu fragen.“ Und diese Anfänge liegen mythologisch in einer Vergewaltigung. Tarquinius Superbus, ein junger etruskischer Königssohn, konnte den Reizen der bereits verheirateten Lukretia nicht widerstehen und bemächtigte sich ihrer. Diese konnte die Schmach nicht ertragen, aber bevor sie ins Schwert lief, alarmierte sie Familie und Volk, die den Prinzen vertrieben und damit die Herrschaft der Etrusker beendeten. „Aus der Konvulsion der Bürger erwächst eine folgenschwere Idee: Die Gemeinwesen-lenkung wird künftig allein von Römern ausgeübt werden, sie wird pragmatisch und profan erfolgen. Zwei Konsuln halten sich gegenseitig in Schach, ihre jährliche Neuwahl beugt jeder erneuten Verwechslung von Amt und Person vor.“ Incipit res publica nebst Gewaltenteilung und Urnengang.

Schon immer und überall haben Frauen auf diesen „trespass“, diesen Übergriff mit selbstzerstörerischen Tendenzen reagiert, zu groß die Scham, zu massiv der Eingriff, zu hilflos das Empfinden. Die voraussehbare Reaktion ist Teil des Macht-„Spiels“ und wird vom Täter sowohl gewußt als auch genossen. Vergewaltigungen haben unzählige Facetten – ihre komplette innere Logik zu verfolgen ist kaum möglich. Der Faktor der Macht ist freilich unübersehbar. Nicht selten ist es eine Kampfansage an den feindlichen Mann oder dessen Emanation, den patriarchalen Staat. Indem man die Frau des anderen Mannes „besitzt“, hat man diesen besiegt.

Wenn Männer beim Grenzübertritt von beblümten „Jungfrauen“ wie Befreier empfangen werden, wenn sie mehr noch in einer Kultur aufwachsen, in der sie Frauen nur als allmächtige und umhangene Mütter und Schwestern kennen, wenn sie ihren ersten Geschlechtskontakt idealtypisch erst in der Hochzeitsnacht mit einer oft ungewollten und unbekannten und unbefleckten Frau ausführen sollen, wenn sie zudem die Welt in Gläubige und Ungläubige zu teilen gelernt haben, wenn in dieser Welt unverhüllte und ungläubige Frauen als minderwertig gelten, wenn ferner auf Übergriffe weder von der Exekutive noch von den unmittelbar betroffenen Beschützern adäquate Gegenwehr zu erwarten ist …, dann ist das Bett bereitet worden für eine sozialpsychologisch begründbare gruppendynamische Enthemmung, umso mehr wenn sie orchestriert stattfindet.

Man muß kein Kenner der Mythen, Sagen und Heiligen Bücher sein, um das kulturübergreifende Urbild wahrzunehmen und als Erobererverhalten zu dechiffrieren. In der gesamtgesellschaftlichen Affektreaktion zeigt sich aber auch ein letzter Rest eines nationalen, europäischen, zivilisatorischen „Wir“-Gefühls. So ist das „ganze Land“ in der Tat „zivilisatorisch zurückgeworfen worden“, aber vielleicht ist es auch das Fanal für eine zivilisatorische Ermannung.

Literatur:
Drewermann, Eugen: Tiefenpsychologie und Exegese. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende. 1993
Sloterdijk, Peter: Zorn und Zeit. 2006

Köln im Jahre I v. I.

Das Bemerkenswerte an den Übergriffen in Köln: Ein medial erzeugter Mythos wird bloßgestellt.

Man behauptete, Konflikte wären vermeidbar, ein gesellschaftlicher Gewinn gar vorstellbar, wenn es uns gelänge, die Flüchtlinge zu integrieren. Jetzt wird das Risiko dieser Kalkulation deutlich: Die Nacht von Köln zeigt den Mißerfolg bereits versuchter Integration (sollten es Nachkommen von Einwanderern gewesen sein) oder den Leichtsinn der Aussage (sollten es „Flüchtlinge“, Asylbewerber gewesen sein – worauf einiges hindeutet): Die Probleme beginnen eben schon vorher.

Deutschland im Jahre 1 vor der großen Integration.