Umberto Eco über Migration

Die Rassisten müßten theoretisch eine aussterbende Rasse sein. (Eco)

Noch einmal Eco! Unter allen Nachrufen auf den großen Mann stechen die Worte Arno Widmanns von der Berliner Zeitung heraus – zumindest auf den ersten Blick und von den Flüchtigkeitsfehlern abgesehen; eine Zweitlektüre läßt Zweifel aufkommen. Immerhin macht er auf einen äußerlich unscheinbaren Text Ecos aufmerksam, der den geäußerten Genieverdacht zu bestätigen scheint. Wenigstens was den aus der Geschichte heraus denkenden Visionär betrifft. Schon vor fast 20 Jahren beschrieb der polyglotte Polykulturalist zwei Erscheinungsweisen der Jetztzeit. Die Entartung der politcal correctness zum Fundamentalismus und die Migrationsströme des dritten Jahrtausends – nach christlicher, besser eurozentrischer Rechnung.

„Die Migration, die Toleranz und das Untolerierbare“ heißt das Traktätchen – es zeigt auch Ecos blinden Fleck oder seine Zeitgebundenheit. Trotzdem hat Widmann recht: Hätte man Eco damals verstehend gelesen, wir müßten nicht vor einem derartigen Scherbenhaufen aus mißlungener Humanität, gesellschaftlicher Zerrissenheit, Bigotterie und schnell zusammengeschusterten Notlösungen stehen. Eco setzt für das neue Jahrtausend ein „Gemisch von Kulturen“ voraus, er sieht ein Europa, das dem New York der 90er Jahre ähnelt. Dort

„erleben wir die Negation des Konzepts vom melting pot, verschiedene Kulturen existieren nebeneinander, von den Puertoricanern bis zu den Chinesen, von den Koreanern bis zu den Pakistani; einige Gruppen haben sich miteinander vermischt (wie Italiener und Iren, Juden und Polen), andere bleiben getrennt (in verschiedenen Vierteln, wo sie verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Traditionen pflegen) und alle treffen sich auf der Basis einiger allgemeingültiger Gesetze und einer allgemeingültigen Verkehrssprache, des Englischen, das jeder leidlich genug spricht, um sich verständigen zu können.“

Hier muß man freilich Einspruch erheben. Mittlerweile ist die Zweisprachigkeit in den USA ein anerkanntes Problem geworden. Der Süden ist hispano- der Norden anglophon und immer weniger Menschen lernen die andere Sprache. Es wurde sogar schon die Teilung des Landes angedacht. Vor allem aber übergeht Eco einen wichtigen Fakt, den er zwar nennt, aber nicht zu denken wagt. Warum, so muß man sich doch fragen, haben sich Italiener, Iren, Juden und Polen – Deutsche dürften auch dazu zählen – miteinander vermischt, wohingegen Puertoricaner, Chinesen, Koreaner oder Pakistani „nebeneinander existieren“? Es liegt auf der Hand: die kulturellen und religiösen Differenzen sind zu gravierend. Es genügt Ed McBain zu lesen, den großartigen Krimiautor – der hat in über hundert Romanen anhand der „Big Bad City“ die Phänomenologie der Migration, die Eco fordert, schon längst entworfen … spannend zu lesen, aber kein schönes Bild.

Aber Eco will eigentlich die Abstraktion und die Kritik, die Unterscheidung und da wird er wieder wichtig. Es ist die (Im)Migration:

„Man sollte den Begriff der ‚Immigration‘ von dem der ‚Migration‘ unterscheiden. Immigration liegt vor, wenn einige Individuen sich aus einem Land in ein anderes begeben. Immigrationsphänomene können politisch kontrolliert, begrenzt, gefördert, programmiert und hingenommen werden. Nicht so die Migrationen. Gleich ob sie gewaltsam oder friedlich daherkommen, sie sind wie Naturphänomene. Sie treten ein und niemand kann sie kontrollieren. Migration liegt vor, wenn ein ganzes Volk aus einem Gebiet in ein anderes zieht (wobei es nicht relevant ist, wie viele von ihm im Ursprungsland bleiben, sondern wie radikal es die Kultur des Landes, in das es eingewandert ist, verändert).“

Dann unterscheidet Eco zwischen verschiedenen historischen Migrationsformen – eine Arbeit, die endlich fortgesetzt werden müßte.

Sind Migrationen wie Naturphänomene? Ja und nein! Selbst ein berstender Staudamm – wie die Mossul-Talsperre – wäre ein Naturphänomen, wenn es denn eintritt, und doch von Menschen gemacht. Daß es im Zeitalter der Globalisierung und Verflüssigung, „in einem Klima großer Mobilität“ – das hat Eco als einer der ersten gesehen – zu geschwinden Strömen, plötzlichen Wirbeln und überraschenden Wellen auch an Menschen kommen wird, ist unvermeidlich, das konkrete Wie aber beeinflußbar.

„Immigration haben wir nur, wenn die Immigranten (die aufgrund einer politischen Entscheidung aufgenommen worden sind) in großer Zahl die Lebensweise des Landes, in das sie einwandern übernehmen, Migration dagegen haben wir, wenn die Hereinströmenden (die niemand an der Grenze aufhalten kann) die Kultur des Landes radikal verändern.“

Sowohl Anzahl als auch Abstand dürften entscheidend sein.

„Solange man es mit Immigration zu tun hat, können die Völker hoffen, die Immigranten in einem Ghetto zu halten, damit sie sich nicht mit den Einheimischen vermischen. Ist es Migration, dann hilft kein Ghetto mehr, und die Vermischung wird unkontrollierbar. Die Phänomene, die Europa heute noch als Fälle von Immigration zu behandeln versucht, sind indessen schon Fälle von Migration. Die dritte Welt klopft an die Pforten Europas, und sie kommt herein, auch wenn Europa sie nicht hereinlassen will. Das Problem ist nicht mehr, zu entscheiden, ob in Paris Schülerinnen mit dem Tschador herumlaufen dürfen oder wie viele Moscheen man in Rom errichten soll. Das Problem ist, daß Europa im nächsten Jahrtausend ein … vielrassiger, wenn man lieber will, ein ‚farbiger‘ Kontinent sein wird. Ob uns das paßt oder nicht, spielt keine Rolle: Wenn es uns gefällt, umso besser; wenn nicht, wird es trotzdem kommen.“

Darin die Aufforderung zu erkennen – wie Widmann das tut – einer problematischen Sache eine freiwillige Affirmation entgegenzusetzen, um sie dann als Problem aus dem Zirkel der Aufmerksamkeit gezaubert zu haben und sie vielleicht sogar positiv voranzutreiben – als quasi-marxistischer Helfer der Geschichte –, entbehrt der Logik, die hier ohnehin verletzt wird. Liest man diese Zeilen genau, dann fällt der Kategoriensprung auf. Gleichsam im Nebensatz schwenkt Eco vom ethnischen und kulturellen Fokus auf den religiösen. Ob er es nicht gesehen hat oder nicht sehen wollte, er meidet jedenfalls diese Auseinandersetzung, was umso erstaunlicher ist, als er im nächsten Abschnitt ausführlich über den wachsenden Fundamentalismus und Integralismus spricht, ohne auch nur das Hauptproblem zu benennen: die Einwanderung einer Fundamentalreligion, deren innerster Kern der totale Integralismus ist.
Die Kernfrage der Zukunft wird sein, wie die „Offene Gesellschaft“ mit sich rasch vermehrenden geschlossenen Ideologien umgehen wird: bleibt sie offen, wird sie an ihrer Offenheit schon numerisch untergehen, bekämpft sie das Geschlossene, ist sie nicht mehr offen. Ecos Trost, daß diese Ein- und Unterwanderung wie im dekadenten Rom sich über Jahrhunderte hinziehen könnte, ist angesichts der vollkommen anderen Mengen und der Fluidität auf allen Ebenen leider wohl ein Selbstbetrug.

Schließlich widmet er sich dem Begriff der Toleranz. Auch hier sind Licht und Schatten eng beieinander. Erfrischend ist, den Begriff nicht als Ideologem behandelt zu sehen:

„Intoleranz beginnt vor jeder Doktrin. In diesem Sinne hat sie biologische Wurzeln … Intoleranz gegenüber dem Andersartigen oder Unbekannten ist beim Kind so natürlich wie der Instinkt, sich alles, was es haben will, einfach zu nehmen. … Es ist jedoch nicht so, daß die Doktrinen der Verschiedenheit diese rohe Intoleranz hervorbrächten. Im Gegenteil, die Doktrinen machen sich einen bereits diffus vorhandenen Bodensatz von Intoleranz zunutze.“

Gegen diese rohe Intoleranz könne keine Theorie und kein Intellektueller etwas ausrichten. Sie in die politische Rechnung von vornherein mit aufzunehmen – das scheint die Konklusion daraus zu sein – ist ein Akt staatskluger Weisheit, sie auszuschließen und mit Moralin zu übergießen – was wie ein Brandbeschleuniger wirkt – dagegen politische Dummheit. So verabscheuenswürdig die zahlreichen direkten Angriffe auf Flüchtlinge sind, sie waren so vorhersagbar und damit auch einrechenbar wie der morgige Sonnenaufgang.

Leider hat Eco es hier versäumt, den Begriff der Toleranz näher zu beleuchten, obwohl er der italischen Sprache entstammt: „tolerare“. Er bedeutet nicht „anerkennen“, wie viele meinen, sondern „dulden, ertragen, aushalten“. Goethe hingegen hatte das Problem bereits erkannt. Dabei muß man genau auf die grammatischen Subtilitäten achten, wenn er in den Maximen und Reflexionen schreibt:

„Toleranz sollte eigentlich eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Quelle: Umberto Eco: Vier moralische Schriften. München 1998
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