Notfall

Mohammed jammert wie ein Kind. Unruhig liegt er auf dem Bett – ein Mann wie ein Strich, 40 Jahre alt – und winkt mir verzweifelt zu, als ich eintrete. Sein Bruder Salim sitzt seelenruhig am Tisch und schaut auf sein Handy, sieht mich, steht auf, kommt zur Begrüßung. „Is he ill?“ frage ich, aber Salim versteht mich nicht. Stattdessen nickt Hussain: „very ill“.

Mohammed hört, daß wir über ihn sprechen, also steht auch er auf und kommt an die Tür. Aber nicht zur Begrüßung, sondern aus Verzweiflung. Er hängt sich an meinen Arm und redet auf mich ein. Verstört schaue ich Hussain an, der mir erklärt. Der Tinnitus ist es, der seit Tagen in seinem Kopf summt. Seit Nächten hat er nicht mehr geschlafen, tigert in der Wohnung hin und her und läßt auch die anderen nicht zur Ruhe kommen. Wie ein kleines Kind schaut er mich hilfesuchend an. Auch mit der Familie gibt es Ärger – seine Frau ist in der Türkei und will nicht kommen. Daß es in der Ehe Probleme gibt, weiß ich seit Wochen. Nun will er weg von hier, zu seiner Familie. Seit Wochen starrt er nur an die Wand, weiß nichts mit sich anzufangen, hat nichts zu tun, außer auf die Anrufe seiner Frau zu warten, die wiederum nur Ärger bescheren. Nun geht es weder vorwärts noch zurück: vorne keine Aussicht, hinten kein Halt.

Inzwischen liegt Mohammed wieder auf dem Bett und jammert. Ich setze mich zu ihm, er macht Platz und zieht mich zu sich hinunter. Er umarmt mich, klammert, zwingt mich, mein Gesicht an seine Schulter zu schmiegen. Ich rede beruhigend auf ihn ein, streichle ihn. Er nimmt meine Hand und küßt sie. Dann mimt er wieder das Summgeräusch, das seinen Schädel spaltet, und haut sich auf den Kopf.

„Wenn es Tinnitus ist“, lasse ich über Hussain übersetzen, „dann wird es lange dauern, dann muß er es akzeptieren, aber es wird vorübergehen. Je intensiver er daran denkt, umso schlimmer wird es …“ Aber das weiß er alles. Auch die Tabletten helfen nicht. Allmählich bekomme ich den Eindruck, der Mann dreht durch. Sein nächster Arzttermin ist in drei Wochen. Niemand weiß, was ein Mensch in Verzweiflung anstellen kann. …

Ich rufe den Rettungsdienst. Dort ist man nicht begeistert. „Wie alt ist denn der Mohammed?“, fragt man am anderen Ende. Offenbar gibt es auch juristische Schwierigkeiten. Schließlich kann ich ihn überzeugen, einen Wagen zu schicken. Mohammed küßt und herzt mich, als er es hört. Seine Not scheint groß.

Auch den beiden jungen Helfern ist das Unbehagen anzumerken. Der junge kräftige Sanitäter liest sich die ärztliche Diagnose durch. Darauf steht, daß Mohammed vor drei Wochen eine psychiatrische Behandlung abgelehnt hatte. Er empfand es als große Schande – ein Mann geht nicht in die Anstalt. Nun trichtere ich ihm ein, daß er diesmal unbedingt zusagen muß, sonst senden ihn die Ärzte einfach zurück. Da stutzt er einen Moment, scheint mit sich zu kämpfen, nickt dann aber. Inzwischen ruft der Helfer in der Klinik an, ob ein Arzt mit Arabischkenntnissen im Dienst sei. Es gebe schon arabischsprechende Doktoren sagt er mir, während ein kurzes Lächeln über sein Gesicht huscht. Heute leider nicht. Also muß Hussain als Übersetzer mit. Er hatte sich auf unser Gespräch über Koran und Evolution gefreut – aber nun ist es, wie es ist.

Muslime sind – so steht es allerorten – besonders schicksalsergeben. So lehrt es Mohammed.

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