Ecco Eco!

Sobald ein Text für eine bestimmte Kultur „heilig“ wird, wird er Gegenstand des Spiels der argwöhnischen Interpretation und damit zweifellos überinterpretiert. (Umberto Eco)

Auch Unsterbliche müssen sterben. Vielleicht klingt das in deutschen Ohren pathetisch, denn schließlich sei Eco doch nur ein Bestsellerautor gewesen, wie es sie heutzutage zu tausenden gibt. Das wäre grob daneben!

Richtig ist: Eco schrieb Bestseller. Falsch ist: diese in die Phalanx der Schriften von der Stange einzureihen. Ecos Bestseller – genau genommen sind es nur zwei – „Der Name der Rose“ und „Das Foucaultsche Pendel“, sind hochkomplexe Logikexerzitien, randvoll mit philosophischen, semiotischen, literaturtheoretischen und historischen Fragestellungen. Wenn es je autopoetische Texte gegeben hat, dann sind diese beiden Romane der Idealtypus. Und dies alles zudem in eine fesselnde Handlung gepackt zu haben – Sherlock Holmes, den Eco liebte, sei dank –, dürfte nicht das geringste Alleinstellungsmerkmal gewesen sein.

Danach freilich, nach dem großen Erfolg, hatte der Schriftsteller die Leichtigkeit verloren. „Die Insel des vorigen Tages“ stellt den Übergang zu den zu sehr gewollten späten Romanen dar. Ecos Name jedoch machte auch den „Baudolino“, die „Königin Loana“ oder den „Friedhof von Prag“ zu gut verkauften Büchern. Für mich war die „Rose“ ein Schock und eine Offenbarung – um es im Original zu lesen, habe ich Italienisch gelernt.

Zwanzig Jahre vor dem Welterfolg (1962) war Eco den philosophischen Insidern längst ein Begriff. Sein Buch „Das offene Kunstwerk“ hatte wahrlich öffnende Wirkung. Es war die Eintrittskarte in die Welt der neuen avantgardistischen Literatur und Kunst und in die postmoderne Philosophie. „Die Poetik des ‚offenen‘ Kunstwerks strebt … danach, im Interpreten ‚Akte bewußter Freiheit‘ hervorzurufen, ihn zum aktiven Zentrum eines Netzwerkes von unausschöpfbaren Beziehungen zu machen, unter denen er seine Form herstellt, ohne von einer Notwendigkeit bestimmt zu sein, die ihm die definitiven Modi der Organisation des interpretierten Kunstwerks vorschriebe.“ „Netzwerk“ und „Labyrinth“ waren zwei seiner Schlüsselkategorien.

Im Osten war das noch Anfang der 90er Jahre Sprengstoff. Nun, nachdem man Zugang zu allen Quellen bekam, hat man sich durch die „Semiotik“ durchgearbeitet, und die „Philosophie der Sprache“, das Logikbuch „Der Zirkel oder im Zeichen der Drei“, in dem Eco eine Lanze für die logische Schlußform der Abduktion brach, dann die ästhetischen und literaturtheoretischen Schriften und „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“ und schließlich wollte man auch die zahlreichen Essays, Kritiken und Gespräche nicht verpassen – und immer, immer blieb man belehrt und um vieles reicher zurück.

Für Italien aber war Eco noch mehr! Er war eine Instanz, eine Institution, nach Benedetto Croce wohl der letzte seiner Art – Deutschland hat dergleichen schon lange nicht mehr zu bieten. Eco war das nationale Orakel. Als Historiker und Visionär, als Zeitanalytiker, Kommunikationspionier und als Kompendium war er berechtigt, zu allem eine maßgebliche Meinung zu haben – heute und in Zukunft wird man seinesgleichen nicht wiederfinden. Wo dieser humorvolle Ästhet und Genußmensch Zeit und Kraft hernahm, all das zu bewältigen? Auch das wird nun sein Geheimnis bleiben.

Ecce homo! Ecce Eco!

Empfehlung: Die Theorie der Abduktion bei Charles Sanders Peirce und Umberto Eco

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s