Eritrea neu denken

Es tut sich was in Eritrea! Sollte sich der Annäherungsprozeß zwischen Äthiopien und diesem kleinen afrikanischen Land bestätigen, sollte es tatsächlich einen „eritreischen Frühling“ geben, dann dürfte das auch für uns Konsequenzen haben. Grund genug, erneut einen Blick auf das eritreische Problem zu werfen.

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Migrationsunterricht in Ungarn

Ein seltsames Phänomen: seit ich in Ungarn bin, muß ich mich um nichts mehr kümmern, alles kommt auf mich zu. Aus kaum erklärlichen Gründen werden mir dauernd Vorschläge gemacht, werden Anfragen gestellt und ich kann mir heraussuchen, was ich annehme und was nicht.

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Eine Erfolgsstory

Hin und wieder gibt es Gespräche – ich versuche, sie zu meiden –, die einem lange drinstecken. Immer wieder schweifen die Gedanken ab, geht man die Argumente des anderen durch, bedauert, nicht schlagfertig genug gewesen zu sein.

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Frauenmangel

Im zentralen Einkaufstempel in Plauen werde ich plötzlich an alte Zeiten erinnert – an meine Armeezeit.

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Worum es geht

Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben. Goethe

Um mit der Tür ins Haus zu fallen: 25 Jahre deutsche Einheit, 100 Jahre Demokratie, 250 Jahre Aufklärung, 350/450 Jahre Religionsfrieden, 1000 Jahre deutsche Geschichte, 2000 Jahre christliche Geschichte, 2500 Jahre europäische Zivilisation stehen auf dem Spiel, der Abbruch dieser Traditionen wird riskiert und wird stattfinden, wenn … Mit Worten, die uns aus der Wetterprognose und dem Klimawandel bekannt sind: das ist die größte europäische und nationale Krise seit Beginn der Aufzeichnungen.

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Zahlenmystik

Es muß eine Verschwörung sein!  Viele Einwanderer sind am 1. Januar geboren. Drei von 12 Eritreern versicherten mir hoch und heilig, am ersten Tag des Jahres geboren worden zu sein. Ich kann an diesen Zufall nicht glauben, doch sie bestehen darauf.

Nun erfahre ich auch von einem Syrer, daß er zwei Geburtstage hat. Man feiert das Datum in Syrien nicht, trotzdem nennt er einmal September und ein anderes Mal lese ich im Ausweis den März.

Wie ist das möglich?

Aus pädagogischen Gründen ist es vorteilhaft, zu Beginn des Jahres geboren zu werden. Wenn man das Kind für begabt hält, will man es mit sechs statt sieben Jahren einschulen lassen. Also geht man zu den Behörden und läßt das Geburtsdatum des Kindes – gegen einen Bakschisch – ändern.

Andere Länder, andere Sitten.

Gerüche

Jedes Mal wenn ich ein Haus betrete, das vornehmlich mit Asylbewerbern bewohnt ist, geht mir der Gedanke auf: Darüber könntest du auch mal einen Artikel schreiben. Aber sofort setzt die Schere im Kopf zum Cut an: Nein, das könnte man als rassistisch verstehen, das ist vielleicht sogar rassistisch?

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Bautzen ist überall

Die Vermutung darf man zumindest aussprechen. Denn was in Bautzen der Kornmarkt, sind in Plauen der Tunnel, der Klostermarkt und der Altmarkt …

Das Stadtbild vieler ostdeutscher Kleinstädte ähnelt sich. Zentrale Plätze wurden nach der Wende umgestaltet, nicht selten wurde alte Struktur entfernt, um Raum für den Fortschritt zu schaffen – in Form von Konsumpalästen, Einkaufspassagen, ganzen Kaufländern. In Plauen trägt das Schmuckstück den euphemistischen Namen „Stadt-Galerie“ und wird im Volksmund „UFO“ genannt.

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Abraham, Isaak und Jakob

Zufällig Abraham in der Stadt getroffen, den Eritreer, einer meiner fünf ersten Schützlinge. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Gelegenheit in Kürze nach allen anderen zu fragen. Sein Deutsch merklich besser.

Wie geht es:

  • Dir? – Gut, alles in Ordnung. Mache im Dezember meine B1-Prüfung. Will danach Tischler werden. (Im Winter wollte er noch unbedingt Automechaniker werden. Schwer einzuschätzen, ob der Berufswunsch tatsächlich besteht, oder ob es ein angelerntes Wort ist.)
  • Jakob? (Er war in meiner großen Gruppe, schon etwas älter und mit Frau und Kind hier; half bei der chaotischen Erstbesetzung der großen Erstaufnahme, die nun wieder leer ist) – Alles okay!
  • Hawet und Senaid? (Ein Ehepaar) – Die sind nach Dortmund gegangen. – Warum? – Ist besser dort. Haben Freunde.
  • Der kleine Junge, den sie dabei hatten? – Der ist jetzt in Schweden bei seiner Mutter, von der er drei Jahre getrennt war. (Sprechblase: was macht so etwas mit einem Kind?)
  • Haylat? (Er bekam im Dezember den Ausweisungsbescheid nach Italien) Ist noch immer hier. Hat einen Anwalt, der ihm jedes Mal sechs Monate Verlängerung prozessiert. Haylat muß ihn bezahlen.
  • Mohammed? (Er nahm nach dem Mord an Khaled B.  in Dresden an einer Demonstration gegen Rechts teil) Keine Ahnung.
  • Fiori? (Sie war die mit Abstand beste eritreische Schülerin und im November sichtbar schwanger) – Ist mit ihrem Mann (Freund, Eritreer) in eine andere Stadt. – Welche? – Weiß nicht. – Wann hat sie denn ihr Kind bekommen und was ist es? – Ein Mädchen. Vor acht Monaten, nein, im Januar, nein, im Februar. (Wie dem auch sei, ich bin vom frühen Termin überrascht.)
  • Adlan? – Lernt weiter Deutsch. Ist cool wie immer.
  • Isaak? (sorry, einen Isaak gibt es nicht unter meinen Bekannten, aber er paßte so gut in die Reihe. Und unter christlichen Eritreern ist er sicher ein häufiger Name).

Aus den Augen, aus dem Sinn

Nein, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Je öfter es passiert, umso weniger.

Da lernt man fremde Menschen kennen, besucht sie, lernt mit ihnen, versucht ihnen zu helfen, kommt sich schließlich menschlich näher, umarmt sich, küßt sich, baut eine Art Freundschaft auf – wer der andere Mensch im Grunde genommen ist, wird freilich aufgrund der vielen Differenzen auf ewig unbekannt bleiben –, ist auch traurig, wenn er geht … und dann, mit einem Mal: nichts. Nichts mehr. Kein Wort, kein Brief, keine Mail, kein Anruf, nichts. Verschwunden, woanders, vergessen?

Ich weiß es nicht. Schnell steigt das Wort „Undankbarkeit“ auf, aber ich vermute, das trifft es nicht. Keiner weiß, was im anderen wirklich vorgeht. Mir scheint, es ist die Tradition und auch die Religion. Diese Menschen leben viel mehr im Hier und Jetzt. Sie planen kaum und sie schauen auch wenig zurück. Sie leben immer in der unmittelbaren Konfrontation mit der Gegenwart und überlassen alles andere ihrem Gott. Der sorgt für alles und falls nicht, dann hat er seine Gründe dafür. Muß man akzeptieren. Vielleicht ist das sogar die bessere Sichtweise.

Aber gewöhnen werde ich mich daran wohl nicht. Man kann sich nur wappnen.

Noch einmal Eritrea

Eritrea ist und bleibt ein Rätsel. Letztes Jahr stellten eritreische Flüchtlinge die drittgrößte Gruppe, jeden Monat verlassen mehr als 5000 Männer das Land, statistisch blutet es weltweit am meisten aus: nirgendwo sonst verlassen mehr Menschen ihre Heimat, sie stellen den Löwenanteil der Ertrunkenen im Mittelmeer.

Im Januar hatte ich versucht, anhand von italienischen Quellen, ein anderes „Narrativ“ vorzustellen, das zumindest partiell den üblichen undifferenzierten Reden über Diktatur und Tortur widersprach. Italien, als ehemalige Kolonialmacht, darf man ein besonderes Interesse an und tiefere Einsichten in Eritrea unterstellen.

Aber auch Dänemark, so seltsam das klingen mag, spielt im Eritrea-Disput eine besondere Rolle. Es ist ein vieldiskutiertes dänisches Papier, eine Untersuchung des dänischen Integrationsdienstes, das in Großbritannien oder Israel etwa dazu führt, eritreischen Einwanderern den Asylstatus zu verweigern, denn der Grad der Unterdrückung rechtfertige keine politisch motivierte Flucht.

Eine Sendung des Staatsrundfunks DR P1 nahm das Thema kürzlich auf und brachte interessante Einsichten zu Tage. Ich beschränke mich auf Ergänzungen und Relativierungen zum Bericht „Eritrea unplugged“. Schon jetzt kann man das Fazit wagen: Eritrea braucht endlich eine valide und allgemein anerkannte Neubewertung, will man den bei einer Geburtenrate von vier Prozent schier unerschöpflichen Menschenstrom richtig bewerten – die Bevölkerung Eritreas wird sich in den nächsten 25 Jahren, trotz massiver Abwanderung, verdoppeln.

Im Studio saßen ein bei der UN angestellter Afrikawissenschaftler, eine Flüchtlingshelferin und ein Entwicklungsökonom, der in Eritrea und im Sudan lebt und mit einer eritreischen Frau verheiratet ist. Die Standpunkte der Diskutanten könnten unterschiedlicher nicht sein.

Während die ersten beiden durchaus zu recht von Diktatur und Gefängnis und Demokratielosigkeit und fehlendem Wahlrecht, mangelnder Pressefreiheit und dem berüchtigten obligatorischen Staats- und Militärdienst sprachen und sich dabei ausschließlich auf Meinungen bereits Geflüchteter beriefen, wußte letzterer von einem regen Stadtleben, belebten Straßen, einer passeggiata-Kultur, von Cafés, Bars, Musik, Kino, einer ausgeprägten Film- und Kunstszene, von starkem Zusammenhalt, von in zwei Schichten kommenden und gehenden Schulkindern zu erzählen. Die gern benutzte Benennung Eritreas als „Nordkorea Afrikas“ wies er zurück, vielmehr sei es das „Kuba Afrikas“. Staatlichen oder polizeilichen Druck spüre man in der Öffentlichkeit nicht, nur ein Mal hatte er Kontakt mit der Polizei, als er bei Rot über die Straße ging. Erwähnt wurde auch das für afrikanische Verhältnisse hervorragende Gesundheitssystem, die eigenen Kinder seien in Asmara zur Welt gekommen. … Diese Beschreibung deckt sich mit zahlreichen anderen. Europäer, die das Land aus erster Hand kennen, zeigen oft ein ganz anderes Bild als die westlichen Hauptmedien.

Irgend etwas kann nicht stimmen. Warum reißen trotzdem 5000 Menschen jeden Monat aus? Christian Sørensen nennt einen überraschenden und paradoxen Grund. Er spricht von der zweiten oder dritten Welle des Exils. Die erste habe es während der Befreiungskriege von Äthiopien Ende der 90er Jahre gegeben. Damals flohen Teile der „kommunistischen“ Rebellen in den Westen. Es entstand regelrecht eine Exilkultur, eine eritreische Diaspora. Diese Menschen unterstützten einerseits den Befreiungskampf, schafften sich andererseits ein bürgerliches Leben im Westen. Nachdem sie es zu verhältnismäßigem Wohlstand gebracht hatten, kehrten sie nach dem Sieg der „Revolution“ oft zurück und führten im bitterarmen Land ein privilegiertes Leben. Einerseits mit Geld gesegnet, andererseits der EPLF Afewerkis ergeben. Sie brachten die westlichen Gewohnheiten, Kleidung, Slang, den Lebensstil mit und weckten damit das Begehren der jungen Menschen. Man nennt sie den „zehnten Stamm“, der den neun Ethnien eine neue Lebensform hinzufügte. So entstand das Paradox, daß die einstigen Revolutionäre durch ihren Erfolg die „Revolution“ durch Dekadenz unterminieren.

Internet und Mobiltelefon sind ein weiterer wesentlicher Faktor, der insbesondere den Jugendlichen Schaufenster in den Westen bietet und das Verlangen anheizt. Die Frage, was die politischen Eliten in 25 Jahren tatsächlich geleistet haben, wird vornehmlich materiell beantwortet und solange noch nicht einmal die Stromversorgung garantiert werden kann, bleibt das Ergebnis mager.

Der obligatorische Staatsdienst darf bei dieser Rechnung auf keinen Fall außer Acht gelassen werden. Mit dem 18. Lebensjahr kann bzw. muß jeder Eritreer, männlich und weiblich, zum Dienst einberufen werden. Offiziell dauert der 18 Monate, die Realität kennt oft jahrelangen Frondienst, zivil oder militärisch. Desertion ist der dritte und der wesentliche treibende Grund – die anderen beiden sind ziehende. Sie wird mit fünf Jahren Gefängnis geahndet. Und vor allem diese Regelung macht Eritreer im Westen zu asylberechtigten Flüchtlingen, denn würden sie zurück geschickt, droht ihnen Haft. Andererseits wird Desertion wohl in jedem Land der Welt bestraft.

Sørensen bringt eine weitere interessante Erklärung. Er glaubt, daß die alte Revolutionsgarde, die unter enormen Entbehrungen die Unabhängigkeit von Äthiopien erfochten hatte, nun von den Jungen, für die man zu kämpfen ja vorgab, ähnliche Opfer erwarte. Aber diese Jugend gehört schon einer anderen Welt, einer anderen Zeit an, sie ist nicht entbehrungswillig und opferbereit. Viele verlassen nun das Land bereits in sehr jungen Jahren, um dem Desertionsvorwurf zu entgehen. Später stützen auch sie mit einer zweiprozentigen „freiwilligen Steuer“ an das Regime exakt jenes System, das zu fliehen zu vorgaben.

Eritrea ist und bleibt paradox. Wir brauchen deutlich mehr Informationen über dieses Land, bevor politische Entscheidungen getroffen werden.

Die Sendung zum Nachhören: Verden ifølge Gram: Eritrea – Afrikas Nordkorea

Die Brennesselprobe

Brennessel ist ein „Superfood“ – ich schwöre darauf. Von April bis Oktober gehört sie in großer Menge auf unseren Tisch. Im Garten wird bei uns das Kraut, das die Nachbarn mit großem Ernst und allen technisch-chemischen Mitteln bekämpfen – wie übrigens auch den wunderbaren Löwenzahn, die Knoblauchrauke, das würzige Schaumkraut, den Spitzwegerich – kultiviert und gepflegt. Wenn es um Inhaltsstoffe geht, ist die Brennessel aber kaum zu schlagen: Man kann sich wochenlang nur von ihr ernähren und trotzdem perfekt gesund leben. Und sie schmeckt!

Ich sach immer: In Deutschland muß keener Hunger leiden – zumindest nich im Sommer.

Wie man sie zubereitet? Gar nicht! Am besten roh! Brennt doch? Tja, was will man machen? Alles hat seinen Preis.

Der Trick ist folgender: Nie von oben zugreifen, die Pflanze von unten nehmen und Stiel und Blätter in der Hand zerreiben. Und sollte es doch ein bißchen piecksen – na ja, das geht vorbei. Alternativ kann man die Nesseln in ein Tuch wickeln und quetschen und wer ganz und gar sich nicht traut, der übergießt sie kurz mit heißem Wasser.

Die Brennessel taugt aber auch zur Menschenkunde. Wenn ich mit meinen ausländischen Schülern draußen bin, versuche ich ihnen auch unsere Natur näher zu bringen. Und die Brennessel ist der Star! Es gibt übrigens zwei Arten, die große und die kleine (Urtica dioica und Urtica urens); die große ist gesünder, die kleine brennt dafür deutlich mehr. Für den didaktischen Teil ist sie daher besonders gut geeignet.

Man nehme einen Flüchtling (oder einen sonstigen Schüler), führe ihn an eine Brennessel heran, erläutere die zahlreichen Vorteile dieser Pflanze, verschweige auch die „Gefahren“ nicht, pflücke ein schönes Exemplar und halte sie dem Neuankömmling hin. Es gibt nun zwei typische Verhaltensweisen: A) Zurückschrecken und Kichern B) vorsichtige Annäherung und Neugier. In beiden Fällen vollführe man einen kurzen Schwenk mit der Nessel über die Hand oder den Arm. Erneut lassen sich meist zwei Verhaltensweisen beobachten A) Schmerzäußerungen B) Lachen. Fast immer ergibt sich die Kombination AA oder BB.

Noch interessanter wird es, wenn man bemerkt, daß just die AA-Schüler jene sind, die sich eher durch wenig Lerninteresse und Lernerfolge auszeichnen, wohingegen die BB-Kandidaten die Überflieger sind: junge, dynamische, neugierige Schnellerner. Ich habe davon bisher zwei (von ca. 30) kennenlernen dürfen, die Eritreerin Fiori und den Syrer Hussain. Sie sprechen beide schon richtig gut Deutsch, sind ständig aufmerksam und wach und saugen alles förmlich auf. Fiori etwa nahm die Brennessel gleich mit nach Hause, um Tee zu bereiten – sehr gut bei Nierenbeschwerden, die Wurzel übrigens ein Wundermittel bei Prostatabeschwerden – und Hussain, der aufgrund seiner Schulden sowieso sparen muß, wird sie bald als reguläres Gemüse nutzen.

Diese beiden gehen ihren Weg – so Gott will.

Islam und dicke Eier

Bei Maischberger diskutiert man: „Mann, Muslim, Macho – Was hat das mit dem Islam zu tun?“ Uff! Vielleicht später mal ein paar Gedanken dazu.

Hier jedenfalls haben sich Alice Schwarzer, ein DITIB-Vertreter, ein Ex-Salafist, ein Journalist und eine Quoten-Grüne darüber zerfetzt. Ich hab’s nicht gesehen, aber fünf grundverschiedene Besprechungen in der Presse zeigen, daß jeder seine Vorurteile bestätigt bekommen konnte, der beleidigte Muslim ebenso wie die Differenzierungsrelativiererin Simone Peter und auch der Islamophobiker (FAZ, Focus, Spiegel, Welt, Huff)

Einig schien man sich beim „Überdruck“-Theorem zu sein. Junge Männer haben dicke Eier, um es mal salopp zu sagen, besonders wenn sie Muslime sind und oft erst im fortgeschrittenen Alter eine nackte Frau zu sehen – nee, das weiß ich nicht mal –, also zu spüren bekommen. Ergo kann man die Grapscher, Vergewaltiger und sogar den Salafisten und IS-Touristen irgendwie verstehen: Alle wollen nur eine Mö …, mö …, möglichst eine Madame – „Madame“ höre ich oft, wenn man irgend etwas über meine Frau wissen will..

Norbert Elias hatte in seinem Jahrhundertwerk „Über den Prozeß der Zivilisation“ die Kontrolle über den Sexualtrieb als eine wesentliche zivilisatorische Errungenschaft beschrieben. Bevor einer Salafist wird, um eine Ische abzufassen, sollte er vielleicht Elias lesen.

Aber wie sieht es denn nun in der Praxis aus mit dem sexuellen Druck? Dank gewisser politischer Entwicklungen bewege ich mich seit acht Monaten in reinen Männergesellschaften. Gerade erst hatte ich den Spargel in die Speisekarte eingeführt. Daß er zugegebenermaßen etwas komisch aussieht, diese kleine Bemerkung, rief ein großes Gelächter hervor. Ich demonstrierte, wie er mit seiner hübschen Spitze durch die Erde stößt. Salim nahm die Spitze in den Mund und vollführte typische Bewegungen. Sah aus, als ob er aus der Praxis berichtete.

Sexualität ist ein häufiges, wenn auch eher beiläufiges Thema. Scham scheint „unter Männern“ kein Hindernis zu sein. Schon im November hatte man mir gesagt, daß es schwer sei ohne Frauen. Hier muß man freilich unterscheiden, denn Ehe- und Jungmänner sprechen aus ganz anderen Erfahrungshorizonten. Hussain jedenfalls ist davon überzeugt, daß ein Muslim vor der Ehe keinen Sex gehabt haben kann. Damit wäre der Mittzwanziger Khaled, der sich jetzt verlobt, noch jungfräulich, hätte noch nie eine Frau berührt oder in persona nackt gesehen. Kein Wunder, wenn er die erstbeste Gelegenheit ergreift, sich eine zu angeln. Die nächsten Monate bis hin zur Hochzeit dürften dann besonders schwierig werden: in ihrer Nähe leben – er übernachtet im Nebenzimmer bei seinem künftigen Schwager –, immer diese inneren Bilder haben und doch nicht dürfen. Die erste Nacht zweier studierter, erwachsener Menschen sich vorzustellen, wenn dann alles klappen muß, ist vielleicht auch keine Freude.

Mohammed spielte eine Zeit lang mit dem Gedanken, sich eine Zweitfrau zuzulegen. Khaled klagte immer wieder über seine Einsamkeit. Muhannad vermißte seine Frau. Salim ebenso. Auf der Straße wird man von jungen Landsmännern und Nordafrikanern angesprochen, die nach „women to fuck“ suchen usw.

Auch meine Jungs leiden. Eine ganz typische arabische Geste ist der Griff in den eigenen Schritt.  Alle paar Minuten, fast unbewußt. Und ob man es will oder nicht: es ist auch die Religion, die ihnen natürliche und lebensweltliche  Erleichterung verwehrt.

Zur vertiefenden Lektüre: Islam und Masturbation

Über Sexualnöte junger deutscher Muslime

grundlegend: Ödipus in Arabien

 

Sensibles Thema

Ich weiß, es ist eine sensible Frage, ein gesellschaftliches Tabu ersten Ranges, über das man nur hinter vorgehaltener Hand spricht (ganz ohne böse Ironie) oder besser noch gänzlich schweigt, nur unter allerallerbesten Freunden vielleicht …, ein empfindsames Thema, eigentlich vollkommen politisch inkorrekt und mancher Leser – was mir sehr leid täte und wofür ich mich pflichtgemäß schon mal vorab entschuldigen möchte – wird die Grenzen des guten Geschmacks oder sogar der Moral überschritten sehen, mich vielleicht sogar einen Unmenschen oder schlimmer noch Rassisten nennen – dabei glaube ich nicht und behaupte auch nicht, daß es sich um eine Frage der Rasse im eigentlichen oder auch nur im weitesten Sinne handelt und überhaupt distanziere ich mich von Rassismus und solchen Sachen –, man wird mich möglicherweise mit Sarrazin in einen Topf werfen – was der liebe Herrgott verhindern möge –, aber ich sage es jetzt trotzdem, betone aber ausdrücklich, daß ich nicht über alle Eritreer spreche, diese fast sechs Millionen Menschen, noch nicht einmal über die meisten, also durchaus nicht behaupte, daß das Eritreer-Sein bzw. weil sie Eritreer sind, dafür verantwortlich sei, und ich spreche auch nicht über d e n Eritreer an sich, sondern nur über die wenigen, die ich kenne (und die ja kaum repräsentativ sein können), also 21 Menschen eritreischer Abstammung, alle jung, zwischen 18 und 35 Jahren, Christen und Muslime, Männlein und Weiblein gleichermaßen, letztere auch schwanger – was im Einzelfall eine Erklärung hätte sein können –, daß also diese mir bekannten Eritreer alle, durch die Bank, eines, neben ihrer Herkunft und Hautfarbe – das darf man doch sagen? – eines gemeinsam haben, nämlich, nämlich …: Halitosis, also, also ich meine also … Mundgeruch. Richtig schweren Mundgeruch, kein Knoblauch etwa, das auch, aber ich habe nichts gegen Knoblauch, sondern solchen, der es dem Gegenüber schwer macht, unbefangen zu bleiben, Würgereiz erzeugt, der instinktiv dazu zwingt, den Kopf zur Seite zu nehmen, die Hand vor die Nase …

Fragt mich nicht warum. Statistisch sind 90% aller Fälle von Foetor ex ore, wie die Ärzte auch sagen (gegoogelt, gebe ich zu), im Mund- und Rachenraum verursacht und tatsächlich ist der Zahnstand bei einigen schon optisch sehr prekär. Verfärbungen sind weit verbreitet, Zahnarztbesuche häufig, nicht selten mit Extraktionen, auch – Ob das schon eine Form des diffusen Rassismus ist? Oder hat es mit den Krankenkassen zu tun? – Mehrfachextraktionen. Als ich z.B. Früchte behandelte und Proben reichte, wollten zwei nicht kosten und zeigten auf den Mund – vermutlich Säurevermeidung aufgrund sensibler Zahnhälse oder Karies.

Ich mag meine Eritreer – es sind liebe, nette, bescheidene Menschen, aber es ist nun mal, wie es ist. Hätte ich besser schweigen sollen?

Finis Eritreae

Mit einem Mal: keiner da. Wir schauen uns fragend an, ergehen uns in Sarkasmus: „Erwarte nur das Unerwartete“ oder „Es kommt immer anders als man denkt“ – das haben längst alle verinnerlicht, die in der Flüchtlingshilfe zu tun haben. Also dann bis nächste Woche.

Die Woche darauf die gleiche Leere. Kein Mensch nirgends. Der Pfarrer weiß von nichts, die Kollegin weiß von nichts, ich weiß von nichts, das syrische Ehepaar, die zum ersten Mal hier sind, weil sie gehört haben etc., weiß auch von nichts. Adlan, Abraham, Awet, Fiori, Senaid, die eritreischen Freunde sind plötzlich verschwunden, die ganze 25-köpfige eritreische Gruppe abwesend. Dabei hatten wir gerade erst Bücher gekauft, dabei wollte Hailat seine Ausweisungsgeschichte – weswegen ich einen halben Tag mit Anwalt und Ausländerbehörde telefoniert hatte – besprechen (er wird wohl nach Italien ausgewiesen werden), dabei wollte Fiori die Sache mit der Arbeitsstelle klären, die wir organisiert hatten … Alles Makulatur.

Der Pfarrer ermannt sich und ruft Abraham an. Der tummelt sich zufällig im nahegelegenen Einkaufszentrum herum und verspricht, zu kommen. Etwas verlegen erklärt er uns: Sie alle haben einen Brief bekommen mit der Aufforderung, an einem Sprachkurs teilzunehmen. Fünf Mal die Woche, die meisten am Vormittag. Unser Kurs beginnt 18 Uhr. Aber sie haben keine Lust mehr, oder keine Zeit. Auch nicht auf unser privates Treffen Montagabend. „Du hast doch gesagt, wir sollten jede Gelegenheit nutzen.“ Dabei lächelt er betreten.

Das hat mich getroffen, ich muß es gestehen. Ich glaubte, eine persönliche Beziehung aufgebaut zu haben und nun das. Erfreulich, sie endlich in organisierten Strukturen aufgefangen zu sehen, aber warum ruft kein einziger an? Alle haben meine Nummer. Warum gibt es kein Bedauern, keine Reaktion? Darf man Dank erwarten? Nein! Endlich ergreift der Stoiker in mir, der kurzeitig erschüttert war, wieder die Oberhand. „Also dann, viel Glück“ – und weiter geht’s.

Appendix: Wenige Tage später ein Anruf. Eine Frau klagt ihr Leid. Sie betreue Afghanen, schaffe das aber nicht, sei ja nicht ausgebildet … und sie habe gehört, bei mir sei ein Kurs ausgefallen … ob ich nicht … Afghanen, keinerlei Vorkenntnisse, kein Englisch, Kommunikation mit Hand und Fuß, Ziel: Alphabet lernen. Ich mache aus meiner Unlust keinen Hehl. Wenn schon, dann will ich mit den Leuten reden, will selber lernen, will Erfolge sehen. Letztlich lasse ich mich breitschlagen – okay ich mach’s. Bald darauf ruft sie erneut an. Aus den Afghanen wird nichts. Die wollen nicht mehr. Einer von ihnen wurde mitten in der Nacht von der Polizei, mit Blaulicht und Hunden, aus dem Haus getrommelt und abgeschoben. Nun wissen sie, was ihnen bevorsteht. Sie sind ganz niedergedrückt. Sehen keinen Sinn mehr …

Also schlage ich Hussain, dem jüngsten meiner Syrer, eine zusätzliche individuelle Doppelstunde vor: Diskussion, deutsche Geschichte und Kultur einerseits, Arabisch und Koran andererseits.

Lesen Sie auch die grundlegende Auseinandersetzung mit Eritrea als Fluchtland: Eritrea unplugged

Eritrea unplugged

Fragt man die Eritreer, weshalb sie in Deutschland sind, werden sie schmallippig. Nur Adlan, der Aufgeweckteste unter ihnen, sagt was von „democracy“. Fragt man, was Demokratie für ihn bedeutet, erhält man Schweigen oder Gemeinplätze wie: „freedom“. Fragt man schließlich, wo es am schönsten ist auf der Welt, beginnen die Augen zu leuchten: ERITREA – kein schöner Land!

Eritrea sollte uns alle angehen. Seit Jahren fließt ein konstanter Strom an eritreischen Flüchtlingen nach Europa. Manchmal sollen es 5000 pro Monat sein, alarmistische Quellen sprechen von unglaublichen 360 000 allein im letzten Jahr, meist Männer, und das bei einem Land von nur knapp sechs Millionen Einwohnern. In Deutschland kamen davon letztes Jahr 13 253 und in diesem Jahr 10 102 offiziell an, aber diesen Zahlen ist kaum zu trauen – es schwirren alle möglichen Ziffern durch die Medien. Einmal sollen die Eritreer mehr als 8%, ein andermal 3,3% oder 2,6% der Flüchtlinge ausmachen, diese Zahlen können mit den absoluten Zahlen nicht übereinstimmen, wenn man von einer Million Asylsuchenden im Jahr 2015 ausgeht, eine Nummer, die ohnehin zu niedrig sein muß und aller Logik entbehrt, denn allein im Herbst dürften so viele Menschen die deutsche Grenze überschritten haben.

Die Eritreer jedenfalls sind in Massen hier, sie prägen mit ihrer auffälligen Physiognomie alle Städte. Was bringt sie dazu, den gefährlichen Weg über das Mittelmeer zu wagen, der so viele Menschenleben fordert?

Schon diese Frage ist nicht korrekt gestellt. Alle Eritreer, die ich befragen konnte, kamen nicht auf einem Seelenverkäufer übers große Wasser, sondern nutzten ganz offiziell Fähren und Passagierschiffe. Was die deutsche Öffentlichkeit aus der Presse über das ostafrikanische Land weiß – obwohl sie zugibt, daß sie so gut wie nichts weiß -, ist in Kürze dies: eine brutale Militärdiktatur unterdrückt die eigene Bevölkerung, preßt sie massenweise und auf unabsehbare Zeit ins Militär, wo gehungert und gefoltert wird – ein freudloses Leben in Angst und Elend; die Menschen sind bitterarm; auf dem Pressefreiheitsindex steht Eritrea an letzter Stelle, es ist – in einem Wort – das Nordkorea Afrikas. Tatsächlich gibt es nur eine Zeitung und einen Fernsehsender, von Meinungsvielfalt kann keine Rede sein. Tatsächlich gibt es den sogenannten „Zivildienst“, der für die meisten Männer, aber auch viele Frauen einen 18-monatigen Militärdienst bedeutet, welcher unbegrenzt verlängert werden kann. Von meinen 20 Eritreern war es einer, der in der Armee gedient hat oder dies äußerte (als ich meine 36 Monate erwähnte, staunte man mich wie einen Helden an). Meist wird der Zivildienst dann auch zivil fortgesetzt – die Menschen werden in einen zivilen Job gezwungen, wo sie für 30 Euro im Monat als Kellner oder Landarbeiter oder Lehrer etc. arbeiten müssen, also ganz normale Berufe ausüben.

Aufgrund des noch immer anhaltenden Militärkonflikts mit dem mächtigen Äthiopien, von dem man sich 1993 emanzipierte, meint Präsident Afewerki und seine „Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit“ die Notwendigkeit einer starken Armee begründen zu können. Man kann Afewerki mit Fidel Castro vergleichen, ein in sich selbst erstarrter einst verdienstvoller Freiheitskämpfer.

Sieht man sich dagegen italienische und afrikanische Quellen an, kann ein ganz anderes Bild entstehen. Italien hat als ehemalige Kolonialmacht ein besonderes Interesse an Eritrea, zudem nimmt es auf Lampedusa, Sizilien und in Kalabrien den Großteil der Boatpeople auf und muß sich auch den hunderten Leichen immer wieder stellen. Die Dokumentationsserie „Settesera“, wesentlich von der Afrika-Korrespondentin Marilena Dolce gestaltet, spricht zwar ebenfalls von großer Armut in einem agrarischen Wüstenland, zeichnet hingegen auch Szenen des Friedens, der Eintracht, der Einfachheit. Auch diese haben etwas für sich. Eritrea besteht aus neun verschiedenen Ethnien und ist jeweils zur Hälfte christlich und muslimisch. Von Spannungen keine Spur. Es scheint überhaupt ein Land ohne Straßenkriminalität zu sein. Die Menschen werden als gelassen, zufrieden und mit natürlichem Stolz ausgestattet beschrieben, es sei „wie in den 40er oder 50er Jahren in westlichen Ländern“.

Dort berichtet auch Christine Umutoni von den Vereinten Nationen über ihre Arbeit vor Ort und sie betont die enormen Fortschritte, die das Land auf dem Weg zur wirtschaftlichen und sozialen Eigenständigkeit gerade macht. Von den sogenannten „United Nations Millenium Development Goals“ wurden drei bereits erreicht: das Senken die Kindersterblichkeit, der Müttersterblichkeit und die Bekämpfung von AIDS und Malaria. Eritrea hat für seine Verhältnisse ein ausgesprochen avanciertes Gesundheitssystem. Fortschritte gibt es auch in allen anderen Punkten: Armutsbekämpfung, Schulbildung für alle, Geschlechter-gleichheit, ökologische Nachhaltigkeit und globale Zusammenarbeit. So liegt Eritrea in der Pro-Kopf-Nutzung der Sonnenenergie weltweit an Stelle zwei. Die UN-Vertreterin sieht jedenfalls ein aufstrebendes afrikanisches Musterland in Eritrea, niemand muß hungern, Bildung und medizinische Versorgung sind flächendeckend und frei. Sie bewundert den Stolz der Eritreer, deren Liebe für ihr eigenes Land und den Willen, dafür zu arbeiten, sie sieht in Eritrea einen der wenigen afrikanischen Staaten, die den „richtigen Weg eingeschlagen haben, um die Milleniumsziele zu erreichen“. Sie wirbt für verstärkte internationale Hilfe und wendet sich unausgesprochen gegen die Isolationspolitik der EU und der USA und stellt sich auf die Seite Großbritanniens, wo Eritrea als sicheres Herkunftsland gilt. „Jeder investierte Dollar trägt reiche Früchte in diesem Land“. In Wirklichkeit leidet Eritrea unter westlichen Sanktionen.

Sieht man die Bilder aus Asmara, der Hauptstadt, dann scheinen diese jene Worte zu bestätigen. Die Armut als Problem verschweigt niemand und auch der „Zivildienst“ wird immer wieder erwähnt. Sehen die einen darin ein Repressionsinstrument, so machen die anderen daraus eine ökonomische Notwendigkeit. Signora Dolce – deren Beiträge erbitterte pro- und contra-Diskussionen auslösen – versorgt uns mit Bildern von erfolgreichen Unternehmern, von enttäuschten Müttern, die ihre geflohenen Kinder zurückflehen, von Lehrern, die an die Jugend appellieren, doch das eigene und nicht fremde Länder aufzubauen, sie weist auf ein reiches Kulturleben (Musik und Film – siehe Youtube) hin, auf ein mediterranes Flair. Ich selbst habe eine italienische Freundin in Asmara, die dort als Lehrerin an der italienischen Schule arbeitet und vom Land schwärmt.

Nach diesem „Narrativ“ flüchten die jungen Leute also nicht primär vor Unterdrückung, sondern vor der relativen Armut und Einfachheit des Lebens. Demnach sind sie vom westlichen Lebensstil angezogen, suchen das angenehme, bunte Leben, den Wohlstand, scheuen die Anstrengung, wollen Internet, sind kurz und gut: Wirtschaftsflüchtlinge. Meine nichtrepräsentativen persönlichen Erfahrungen tendieren in diese Richtung.

Die innere Logik wäre dann diese: Je mehr junge Menschen das Land verlassen, desto mehr werden die Zurückgebliebenen gezwungen sein, soziale und materielle Härten auf sich zu nehmen. Ein so radikales Urteil wie Andreas Strixner, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer und AfD-Mitglied, möchte ich mir nicht zutrauen – für ihn sind die Eritreer schlicht und einfach Wehrdienstverweigerer. Angesichts der weiterhin auf uns zukommenden Welle an Asylsuchenden scheint eine Neubewertung der eritreischen Situation – zumal auch Äthiopier und Somalis sich aufgrund der überwältigenden Anerkennungsquote von über 90%, die zudem wie ein mächtiger Magnet wirkt, gern als Eritreer ausgeben – allerdings unbedingt erforderlich. Statt das Land durch Sanktionen wirtschaftlich zu schwächen, könnte eine ökonomische und logistische Hilfe möglicherweise viele Probleme lösen.

Im Übrigen unterstützt der Westen mit seiner Asylpolitik das diskreditierte Regime und hält es finanziell am Leben: der eritreische Staat fordert von jedem im Ausland lebenden Eritreer zwei Prozent des Einkommens ein und da die meisten von sozialer Unterstützung leben, bezahlen westliche Sozialsysteme das vom Westen verteufelte Regime.

zur weiteren Lektüre empfohlen:

Andre Vltchek: Englisch / Englisch / Deutsch

Gute-Nacht-Meditation

Übe jeden Abend (!) zwei mal fünf Minuten. Suche Dir eine bequeme Sitzposition. Wenn Du möchtest, lasse leise sanfte Musik erklingen. Entspanne dich! Schließe für einen Moment die Augen, atme tief durch. Aktiviere dein Scheitelchakra. Öffne danach die Augen und schaue jeweils fünf Minuten auf einen Bildschirm der Kategorie 1, schließe danach die Augen für einige Sekunden und schaue dann fünf Minuten auf einen Bildschirm der Kategorie 2.

Kategorie 1 – bitte drücke                                 Kategorie 2 – bitte drücke

hier oder                                                                 hier oder

hier oder                                                                 hier oder

hier oder                                                                 hier oder

hier oder                                                                 hier oder

hier oder                                                                 hier oder

hier …                                                                      hier

Obst und Gemüse

Wir gehen die Bildtafel „Obst und Gemüse“ auf Wikipedia durch. Jede in Deutschland handelsübliche Frucht, Beere, Wurzel, jedes Blatt, jede Nuß. Nach einer Weile wird es ziemlich ermüdend, denn die 12 Eritreer kennen fast nichts und die Aufnahmekapazität ist begrenzt. Es werden drei Veranstaltungen daraus. Auf ihrem Speiseplan stehen Reis, Kartoffeln, Äpfel, Bananen, Orangen, seltener schon Melonen, Kiwis und kaum Gemüse. Die Kaktusfeige mögen sie gern, findet man hier leider selten und wenn, dann zu Preisen, die für jemanden, der gewohnt ist, sie am Straßenrand zu pflücken, schwer verständlich sind. Erstaunt lerne ich, daß ihnen die Feige und der Granatapfel – die klassischen Früchte aus 1001 Nacht – unbekannt sind, nur die Dattel gibt es zuhauf.

Gemüse – für das ich gerade im Winter besonders werbe – scheint kein großer Favorit zu sein, Tomate, Knoblauch, Zwiebel ausgenommen. Fast alles empfehle ich roh zu essen; Brokkoli, Weißkohl, Rettich … und Brennessel.

Ich lasse verkosten, aber sie zeigen bei Umbekanntem wenig Interesse, verziehen den Mund und spucken Aronia und Sanddorn angeekelt aus oder verweigern gänzlich. Und als ich mir dann Brennessel in den Mund schiebe, halten sie mich für verrückt (man muß die Blätter zuvor rollen und kneten) und kichern. Zur „Strafe“ gehe ich herum und jeder muß die Brennessel berühren. Adlan – sonst der coolste Typ von allen – hat Angst, also gibt es einen Streich über den nackten Arm. Schnell bilden sich Pusteln – ein Heidenspaß. Nur Fiori, eine Ausnahme unter den Eritreern, will mehr über die Brennessel wissen, die ich in höchsten Tönen lobe. Sie nimmt sich die Pflanze mit nach Hause und will Tee daraus machen.

Die Syrer sind ganz anders geartet. Am Gemüsestand kennen sie fast alles. Ich nehme Radieschen, Sauerkraut und Blumenkohl mit, erfahre zu Hause dann jedoch, daß sie all das schon kennen. Russisch Kraut heißt es dort – von wegen Sauerkraut und Würstel seien deutsch. Blumenkohl essen sie roh mit Olivenöl. Da muß ich nicht mehr aufklären. Was sie noch nicht kennen, stecken sie neugierig in den Mund und finden alles gut, zumindest interessant. Ziererei gibt es keine. Wir leben hier – wir essen, was ihr eßt.

Zu Gast bei den SyrernZum gemeinsamen Abendessen gibt es Pizza, Fladenbrot, in welches man Humus – im arabischen Laden gekauft und kunstvoll über einen Teller verbreitet –, gesalzenes oder saures Gemüse, Pommes oder Salat wickelt. Salz, sehr viel Salz. So üppig sei es nur zu meinen Ehren.am Tisch

Dreams

Frage an alle Teilnehmer der kleinen eritreischen Studiengruppe: Was willst du werden?

Adlan (Mitte 20, Muslim), seit 18 Monaten in D: „Electronics“ – „Was meinst du damit?“ – „Electronics, good hands“ – „Du arbeitest gern mit deinen Händen?“ – „Ja“ – „Also Elektriker?“, zeige auf Steckdose und Kühlschrank – „Ja, Elektrik“ – „Was hast du gelernt? Was hast du vorher gemacht?“ – „Soldat“

Abraham (Anfang 20, Christ), seit ca. 6 Monaten in D: „Auto“ – „Auto was?“ – Zeigt mir Schraubgeräusche – „Automechaniker? Autoschlosser? Mechanics?“ – „Ja, mechanics“ „Sehr gut, brauchen wir. Das heißt: A-u-t-o-s-c-h-l-o-s-s-e-r“ – Wir üben … „Hast du schon mal ein Auto repariert, gebaut?“ – „Nein, kein Auto, in Eritrea kein Auto“.

Senait (Anfang 20, Christin, verheiratet), seit drei Monaten in D in Begleitung ihres sechsjährigen Neffen, dessen Mutter seit drei Jahren schon in Schweden lebt – das Kind soll irgendwann nachziehen: „Nurse“ – „Krankenschwester – auch sehr gut, werden gebraucht. Erfahrungen?“ – „Nein“ – „Krankenhaus oder Altersheim?“ – erkläre „Altersheim“ – „Krankenhaus“ … Senait ist sehr intelligent, schnelle Auffassung und fleißig, sie hatte als einzige eine zwölfjährige Schulausbildung, die Männer hingegen nur sieben oder acht Jahre.

Hawet (sprich „Aut“, Anfang 20, Ehemann Senaits, von der Sprache bisher vollkommen überfordert; jetzt endlich, nachdem ich seine Frau dazu vergatterte über die Woche 3000 Mal die Hilfs- und Modalverben zu konjugieren, kann er sie): hat noch gar keine Vorstellung, war zuvor „Bauer“ – „Bauer? Was heißt Bauer?“ – Senait erklärt: Hilfe auf dem elterlichen kleinen Hof mit ein paar Ziegen und etwas Landwirtschaft für den Eigenbedarf (in der großen Gruppe erzählen mir acht von 12 Männern, daß sie Bauern gewesen seien – heißt wohl so viel wie: ohne eigentliche Arbeit bzw. im Familienhaushalt helfend).

Fiori (Anfang 20, schwanger, Christin), seit mindestens sechs Monaten in D, spricht mit Abstand am besten Deutsch, will Ärztin werden, also studieren. Sie könnte das schaffen, hat eine angeborene Neugier, im Gegenteil zu allen anderen, fragt, probiert, will wissen …

Abdel-Nasser (Somalier, Muslim, Anfang 20, nach dieser Lektion, trotz Beteuerung und guter Mitarbeit nie wieder gesehen) war ebenfalls „Bauer“ und hat keine Berufsvorstellung.

Der Mord an Khaled B.

Mehrere Male habe ich versucht, meine beiden eritreischen Sprachgruppen mit dem Mord des eritreischen Asylsuchenden Khaled B. zu konfrontieren. Zur Erinnerung:

Am 13. Januar 2015, einem Montag, einem Pegida-Tag, wurde ein eritreischer Mann vermißt, tags darauf die Leiche gefunden. Äußere Gewalteinwirkung soll nicht sichtbar gewesen sein, weshalb eine Obduktion angeordnet wurde. Diese wiederum brachte tödliche Stichwunden zum Vorschein, woraufhin in einem Mordfall ermittelt wurde.

Sofort und lange bevor polizeiliche Erkenntnisse kund wurden, schrillten in den dafür bekannten Medien die Alarmglocken, man sah die Pegida-Saat aufgehen, eine fremdenfeindliche Tat mußte es sein, man stellte einen Zusammenhang zu den Demonstrationen her. Grünen-Politiker Beck vermutete eine polizeiliche Verschwörung und stellte Strafanzeige gegen die Polizei, linke und grüne Politiker*innen twitterten und facebookten, Antifa-Demonstrationen fanden statt, auf denen „Rassismus tötet“ skandiert und brutale Straßenschlachten mit der Polizei geführt wurden. Selbst die internationale Presse berichtete, internationale Menschenrechtsorganisation appellierten an die deutsche Politik gegen Extremismus vorzugehen …

Zwei Wochen darauf wurde der Täter ermittelt: Es war der ebenfalls eritreische Asylsuchende Hassan S., der in Gegenwehr gehandelt haben will, der am 6.11. aber dennoch zu fünf Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt wurde.

Quelle BR

Quelle: br.de

Auf einem der Photos der „spontanen Mahnwache“ vom 14.1., die sich zu einer „Spontandemo“ entwickelte, erkannte ich einen meiner Schüler – Mohammed – wieder. Im Zusammenhang mit der Meldung über den Prozeß, befragte ich ihn dazu. Ja, er sei deswegen nach Dresden gereist – wie viele andere. Ob er wisse, wer der Täter sei? Nein, er verstehe nicht recht.

Und das ist der Tenor aller dieser Versuche. Es gab sehr große Aufmerksamkeit, wenn ich den Fall besprach. Einige schienen die involvierten Personen auch gekannt zu haben. Daß der Täter jedoch ein Landsmann gewesen sein soll, schien ihnen nur schwer verständlich zu sein. Die Reaktionen waren ausweichend, fast schamhaft. Es ist mir nicht gelungen, konkrete Aussagen zu erlangen. Immer wieder versteckte man sich hinter dem rettenden „nicht verstehen“.

Nun versuchte ich ihnen zu erklären, daß es sich nicht um die Tat eines Rechtsextremen gehandelt habe. Aber auch hier stieß ich auf Verständnis-schwierigkeiten. Was ein Rechtsextremer, ein Skinhead, ein Neonazi sei, konnten oder wollten sie nicht verstehen. Trotzdem gab es sehr aufgeregte Diskussionen auf Tigrinya.

Schließlich entschied ich, den Zeitungsartikel über den Prozeß der besten Schülerin zu geben, mit der Aufgabe, ihn zu übersetzen und die anderen beim nächsten Mal zu informieren. Auf die Frage, ob sie die Übersetzung geschafft hätte, antwortete die junge Frau positiv, fing aber erneut an, um den heißen Brei herumzureden, so als sei es ein Sakrileg oder überschreite die Schamgrenze, zu sagen: Einer von „uns“ war es. Die Namen von Täter und Opfer weisen auf muslimische Männer hin – die Gruppen bestehen zu 70% aus Christen. Vielleicht ist das eine Hürde? Oder ist es wirklich die Angst vor Gewalttaten oder spricht man einfach nicht darüber …?

In solchen Momenten bleiben mir diese Menschen fremd.