Aus der Zeit gefallen – Jünger

VesaasJüngerNadolny

Es fällt dem Leser Vesaas‘ mitunter schwer, sich seinen Helden Matti als erwachsenen Mann vorzustellen, so „kindlich“ sind seine Gedankengänge, seine Handlungen, seine Sprache. Dieses Problem hat Ernst Jüngers Figur aus „Die Zwille“  nicht, denn Clamor Ebling ist gerade – zu Beginn der Handlung – Schüler eines Gymnasiums geworden. Sein Lebensweg wurde von einem Vormund umgelenkt, er wurde „verpflanzt“, aus seiner dörflichen Heimat, aus seinem Horizont herausgerissen und ins Stadtleben geworfen. Für Clamor beginnt eine Schreckenszeit, in der ihn die Angst regiert. Jünger macht aus dem Leid kein Hehl, immer wieder benennt er die Defizite des Jungen mit aller Klarheit – „das Tier“ Angst „lag immer auf der Lauer“:

Clamor „wurde zu schnell in Bilder verstrickt“ und „stand unter ihrem Zwang“, „das Unbestimmte hatte ihn schon früh geängstigt“, „er war wetterfühlig, abhängig von den Schwankungen der Luft“, er „hatte das Gefühl, als ob die Welt schnell größer würde, unüberschaubar, über die Maßen groß“, am liebsten versteckte er sich im Stall bei den Tieren, „Ursache und Wirkung vermochte er schwer zu trennen“, „er sah mehr das Nebeneinander der Bilder im Raum, als ihre Folgen in der Zeit“, „durch ihre unbewegte Tiefe wurde er gebannt und so zum Fremdling in einer Welt, in der die Räder immer schneller kreisten“, „er hatte noch nicht einmal die Abfolge einer Mondfinsternis begreifen können“, die Stimme des Lehrers empfand er wie einen „Bach ohne Gefälle“, schon der „Schulweg war ihm eine Wüste von Zeit, die nicht zu bewältigen war“, „er nahm Machtdifferenzen, Unterschiede von Kraft und Schwäche, nur in Bildern wahr“, „Fülle verwirrte ihn“, „ihm war die Farbe Wesen“, Linien begriff er nicht, „er träumte anders“, „behielt eher die Farben als die Form und die Inhalte“, „er sah in Bildern, synoptisch, und nicht in Konsequenzen, die sich in der Zeit folgen“, „der Anblick von Symmetrie ging Clamor, als ob ihm Widriges aufgezwungen werden sollte, gegen die Natur“, ihn „befiel eine völlige Trennung der aktiven und der betrachtenden Fähigkeiten“ usw., kurz: „er gehörte nicht dazu“, „er fühlte sich fremd, nicht nur an Orten, sondern in der Welt“.

Die Zwille : Jünger, Ernst: Amazon.de: Bücher

Clamor „war von einer erstaunlichen Unkenntnis der Welt und ihrer Spielregeln. Er mußte auf einer frühen Stufe der Entwicklung stehen geblieben sein, bei wachsender Empfindsamkeit“

Jüngers Perspektive ist nun eine andere als die Vesaas‘. Dem Norweger ging es um die Innenwelt, durch deren Prisma kommt die Welt an sich nur peripher in den Blick, Jünger hingegen ist an beidem interessiert, vor allem aber an der sich rasant verändernden Welt. Was macht diese mit dem Subjekt und nicht umgekehrt – die Frage Vesaas‘ – was macht das sensible Subjekt mit der Welt. Jüngers Einsichten sind verallgemeinerbar, Vesaas bleibt im autistischen Bereich. Was er – Vesaas – hervorbringt, ist viel zeitgeistkonformer als Jüngers Analyse, denn mit des Norwegers Methode wird die Ausnahme, wird die Minderheit im heutigen Vokabular, aufgewertet und letztlich zum Richter über die Mehrheit, über das „Normale“ erhoben. Das war 1957 ein genialer und erleuchtender Perspektivenwechsel, heute ist das die Norm und deshalb sprang das Feuilleton so begeistert auf Mattis morschen Kahn und ging mit ihm freiwillig im See unter.

Jüngers Held ist hingegen Seismograph, ganz im Sinne der wohl am meisten zitierten Aussage Jüngers: „Nach dem Erdbeben schlägt man auf die Seismographen ein.“ – Eine Form des Einschlagens ist das Verschweigen oder Diffamieren. Kaum ein deutscher Autor von Rang ist derart voretikettiert worden wie Ernst Jünger – in der Regel wird er mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht oder ob seiner frühen Ästhetisierung des Krieges zum kaltherzigen Unmenschen gestempelt. Wir kennen das Spiel zur Genüge.

Dabei macht auch Jünger autobiographische Parallelen geltend. In „Siebzig Verweht“ lesen wir den Eintrag vom 6.8.1972 – Jünger geht auf die 80 Jahre zu –: „Am Mittag schloß ich das letzte Kapitel der ,Zwille‘ ab, bei guter Laune, gutem Sonnenstand. Es muß ein Trieb bestehen, den Lebenslauf zu wiederholen und zu transportieren – im allgemeinen wird er befriedigt, indem der ,Alte‘, der Veteran, am Ofen oder am Stammtisch erzählt. Der Kreis schließt sich, die Kindheit rückt mit den Jahren näher heran. Manchen Lehrer kann man nicht vergessen, nicht überwinden – er grub sich ins Wachs. Ich merke das auch daran, daß die Unteroffiziere, obwohl sie viel gröber waren, sich nicht auf diese Weise verewigten. Man träumt von der Schule, doch kaum vom Gefecht.“[1]

Wir dürfen in Clamor also auch etwas von Jünger vermuten, aber nicht zu viel, denn Jüngers Biographie offenbart auch deutliche Züge Teos, Clamors blitzgescheiten Gegenspielers, der just jene Welt, an der Clamor verzweifelt, wie eine Welle erfolgreich reitet. In beiden Figuren zusammen bündeln sich Jüngers Lebensthemen: Moderne, Technik und Zeit.

Hätte Jünger nicht jenen hellwachen Geist (Teo) und die Hypersensibilität (Clamor) nebst einem langen Leben in ganz verschiedenen historischen Konstellationen vereint, er wäre nicht der überragende Beobachter und Analytiker historischer Veränderungen geworden, die sein Werk bis heute attraktiv und unerschöpflich machen. „Die Zwille“ schrieb er in einer Zeit, „in der die starken Leidenschaften selten geworden waren wie die Seuchen; die Gesellschaft weichte an den Grenzen und in den Nähten auf.“

Mehrfach nutzt Jünger das Bild des Knotens, um die „Verstrickungen“ des Menschen in der Moderne darzustellen. Je komplexer, umso schwerer, ja unmöglicher, sich daraus zu befreien. Die Zeit des Landes, der Fläche, der Ställe ist vorbei – „ganz stille, uralte Zeit“.

Aus ihr stammt Clamor, den Anschluß hat er verpaßt, aber das ist nicht seine Schuld, sondern die der Zeit. Die Schnelligkeit, die Berechenbarkeit, das Glatte, die Hektik, das Mechanische, die Lautstärke sind die Ursachen seines Scheiterns – nicht er scheitert, sondern im eigentlichen Sinne diese. Er trägt und empfindet „die Schuld“, aber die hat sie.

Jüngers philosophische Einsicht in die Prozesse des Verfalls und des Leids überragen die Vesaas‘ –  trotz scheinbarer gleicher Ausgangsfrage der literarischen Helden[2] – um ein Vielfaches, sein Buch ist welthaltig.

siehe: Aus der Zeit gefallen – Vesaas

Quelle: Ernst Jünger: Die Zwille. In: Sämtliche Werke, Band 18. Stuttgart 1983
[1] Sämtliche Werke Band 5, S. 96
[2] Vesaas (Matti): „Warum ist alles, wie es ist?“
Jünger (Clamor): „Was habe ich hier zu schaffen, was habe ich verschuldet – wie komme ich hierher?“

Klett-Cotta :: Sämtliche Werke - Leinenausgabe - Ernst Jünger

© Klett Cotta

 

7 Gedanken zu “Aus der Zeit gefallen – Jünger

    • Wer Heyse? Nobelpreisträger. Kennt doch heute gar niemand mehr, kaum noch jemand Fontane. Zufälligerweise habe ich gestern nacht, kurz vorm Schlafengehen einen Band Fontane aus dem Regal gezogen – steht gleich hinter dem Sessel und über Quer zu Heyse Werkausgabe – Band XXII/2 der Sämtlichen Werke: Literarische Essays und Studien Zweiter Teil, und darin ein paar Besprechungen Fontanes von Heyses Werken durchgeblättert. War überhaupt erstaunt über Fontanes Lesekanon. Das meiste davon heute vollkommen vergessen, das Unvergessene wird meist als minderwertig abgetan – aber Fontane waren diese Bücher lange Analysen wert. Mehr dazu nicht – zu groß das Faß.

      Schöner Zufall!

      Heyse: https://ibb.co/6rxTSkZ

      Fontane: https://ibb.co/kJ6FDYT

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  1. Es ehrt Sie ungemein, zu versuchen, die Gedanken Jüngers, vielleicht auch nur die Nebensächlichsten, verständlich darzustellen, allein, für wen tun Sie das? Für mich doch wohl kaum. Aber Platz in der Bibliothek finde ich.

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  2. Michael B. schreibt:

    „er sah mehr das Nebeneinander der Bilder im Raum, als ihre Folgen in der Zeit“

    Sehr schoen geschrieben (der ganze Absatz).

    Als Mathematiker fiel mir hier der Begriff der Ergodizitaet ein. Ganz grob: Zeitmittel = Raummittel. Beispiel:

    Sie wollen die mittlere Geschwindigkeit eines Gasteilchens ueber einen Zeitraum wissen. Wenn Ergodizitaet gilt (was ueberhaupt nicht zwangslaeufig so ist, aber wenn) – dann messen Sie statt dessen die mittlere Geschwindigkeit ueber alle Teilchen zu einem Zeitpunkt und das hat dasselbe Ergebnis wie fuer das Einzelne ueber die Zeit (deren eines Intervallende oft in der Zukunft liegt, und damit prinzipiell der zeitlichen Variante der Messung nicht zugaenglich ist).

    Das waere jetzt die Frage: Sieht ein solcher Breitenmensch mehr als derjenige, der zeitliche Kausalitaeten benutzt? Gleich viel? Weniger? Ist das nicht vergleichbar?

    Auch interessant die spezifischen Qualitaeten, die benutzt werden: Farbe, Bilder, etc..

    Ich muss wohl wieder einmal kaufen.

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    • @ Michal B
      „Sieht ein solcher Breitenmensch mehr als derjenige, der zeitliche Kausalitaeten benutzt?“

      Das ist jedenfalls – sofern ich nicht irre – die Unterstellung aller drei Autoren, jeder auf seine Art und nach seinen intellektuell-künstlerischen Möglichkeiten. Zumindest aber sieht er anders und dieses „andere“ wird auch als das Bessere unterstellt, das, wenn es verallgemeinerbar wäre, wohl auch zu einer „besseren Welt“ führen würde oder geführt hätte. Nirgendwo wird das so deutlich gesagt, aber es ist wohl die Unterstellung oder doch Hypothese.

      Ob nun so ein „Breitenmensch“ in der Realität mehr sieht? Und ob es nicht Formen der Kompensation, des Ausgleiches gibt? Immerhin sind die Protagonisten ja Scheiternde – bei Nadolny allerdings weniger. Sie leiden mit ihrer Veranlagung daran, nicht unter Gleichartigen, Gleichempfindenen, Gleichsehenden zu leben.

      Vor dreißig Jahren haben die Gedichte des Birger Sellin („Ich will kein inmich mehr sein: Botschaften aus einem autistischen Kerker.“)- Herausgeber war übrigens Klonovsky! – Aufsehen erregt, einem Autisten, der eine ganz neue Sprache gefunden haben sollte („mehr gesehen“), aber eigentlich nicht mal schreiben konnte. Später kam dann heraus, daß seine Verse von seiner Betreuerin durch feine Manipulation, unmerkliche Anleitung, Impulsgebung verfaßt worden waren, vergleichbar dem „Klugen Hans„.

      @ romanfidel
      „für wen tun Sie das?“

      Wollen Sie mich in die existentielle Krise treiben mit dieser Frage?
      Ich weiß ja nicht, womit Sie Ihre Erdentage über die Runde bringen, aber die Frage ist da genauso berechtigt: Für wen tun Sie das?

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      • Michael B. schreibt:

        Zumindest aber sieht er anders und dieses „andere“ wird auch als das Bessere unterstellt

        Im Ende wird man sich wohl von einer Dualitaetsbetrachtung loesen muessen, Kompensation wurde schon genannt. Ich suche noch etwas, was nicht zwingend Kampf, gegenseitige Einschnuerung oder Ausschliesslichkeit ist. Aber das fuehrt jetzt weg.

        Der Teil mit Juenger hat mir erst die Augen fuer das Problem der Artikelserie weit genug geoeffnet. Das liegt in seinen exzellenten sprachlichen Faehigkeiten begruendet, die Sie klugerweise als fast nicht unterbrochene Zitate stehen liessen.
        Deutsche lieben ja Schwierigkeiten. Jemand der die breite Wand seiner Realitaet staendig um ein kleines Delta von t in die Zukunft wuchten muss, die dann schon massiv (also wieder in der Breite) anders aussieht, der hat natuerlich mehr Probleme als jemand, der den duennen Punkt seiner Einzelperson, wie eine Nadel durch Butter, in der Zeit nach vorn treibt und dieses Schiff selbst massgeblich zu steuern versucht.

        Die Natur der Breitenwahrnehmung allein ist aber der tatsaechliche Punkt. Bin gespannt, was Juenger dazu noch schreibt. Irgendeine alte Glocke schlaegt das an.

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