Wahrheit des Krieges

Bedeutende Werke der Weltliteratur haben es an sich, ihre Aktualität, d.i. ihre Relevanz für spätere oder gar alle Zeiten immer wieder nachweisen zu können. Das gilt im Allgemeinen grundsätzlich und sehr oft auch im ganz Spezifischen. Klassiker sind Werke, die ihre Interpretation überstehen[1].

So findet man in Albert Wass‘ besten Romanen immer wieder ewiggültige Wahrheiten ausgesprochen, ganz grundsätzliche, menschliche Konflikte in archaischen Umgebungen mit klarer, allen zugänglicher Sprache und literarischen Mitteln derart aus dem „krummen Holz“ herausgeschnitzt, daß diese Bücher überzeitlich und überräumlich wirken und folglich immer wieder gelesen werden sollten.

In seinem Roman „Gebt mir meine Berge zurück“ aus dem Jahre 1949 wird etwa das Phänomen Krieg und Kampf behandelt und die Frage, wie Menschen im Krieg ihre Menschlichkeit verlieren, aber auch wahren können. Das ist das Allgemeine.

Konkret gibt es etwa eine Passage, in der dem Ich-Erzähler etwas Überraschendes widerfährt, was sein bis dahin durch bitterste Erfahrung gewonnenes Weltbild in Frage stellt. Er mußte bis dahin bereits Unvorstellbares erleben. Im Zuge der historischen Turbulenzen zwischen den Jahren 1941 und 1944, in denen seine Heimat Siebenbürgen mehrfach die Machthaber wechselte, verlor er etwa Frau und Kind auf bestialische Art und Weise, derart, daß der Erzähler uns die konkreten Bilder erspart, kämpfte im Krieg gegen die Russen und erfuhr Gefangenschaft unter ihnen. Alles Leid kam aus Moskau, sei es in direkter Form als militärische Macht oder sei es als Ideologie des Kommunismus, der auch Rumänen und Ungarn verfielen und sich ebenso vielfältig schuldig machten. Schließlich gelingt ihm die Flucht aus einem Kriegsgefangenenlager. An seiner Seite ein Fähnrich, ein Mann der Prinzipen, ein Mensch, zu dem man aufblicken kann.

Nach Wochen der Flucht erreichen sie schließlich den Hof des Fähnrichs. Der wähnt seine Familie, sein Hab und Gut, dort aber der Ich-Erzähler sieht schon aus der Ferne und riecht es auch – denn er kennt Anblick und Geruch aus bitterer Erfahrung –, daß das Gut leer steht, ausgeplündert, niedergebrannt.

Viele, sehr viele solcher Häuser hatten wir in den letzten Monaten gesehen. Leere, geplünderte, stumme Häuser, fast waren wir schon daran gewöhnt, daß es solche Häuser gibt. Und für mich war dieses Haus dort nicht mal eine Überraschung, nur war es besonders traurig, weil ich wußte, daß dieses Haus einst das Zuhause des Fähnrichs war.

Aber er kann es dem geliebten Menschen nicht sagen – dieser muß seine Erfahrung selbst machen. Also setzt er sich auf eine Schwelle und grübelt. Derweil steigt der Fähnrich schweren Schrittes die Treppen hinauf und kommt lange nicht zurück.

Es dämmerte bereits, als der Fähnrich aus dem Haus kam, und er setzte sich neben mich auf die Schwelle. Lange Zeit sagte er gar nichts, er saß nur neben mir, und ich sagte nichts, weil ich nicht wußte, was ich ihm sagen sollte. Dann sah er mich plötzlich an.

– Margitka hatte eine Puppe – sagte er und seine Stimme war heiser –, und diese Puppe liegt jetzt dort zerbrochen auf dem Boden des Kinderzimmers, neben dem Fenster. Ich habe es nicht gewagt, sie zu berühren, verstehst du? Als der Mond darauf schien, da war es, wie die Toten …

Meine Tochter heißt Margitka – fügte er nach einer Weile hinzu. Er sagte: „sie heißt” und nicht „sie hieß” … Noch leugnete der Fähnrich also das Unfaßbare und nur der Erzähler und der Leser wissen, was kommt.

Schließlich entschließt sich der Fähnrich dazu, ins Dorf hinunter zu gehen und die ganze Wahrheit zu erfragen. Und auch dazu fehlt dem Erzähler der Mut, er wartet erneut. Als der Mann zurückkommt, gibt es dann die Überraschung:

– Siehst du – antwortete der Fähnrich –, was dort auf meinem Hof passiert ist, das waren nicht die Russen. Noch nicht mal irgendwelche anderen Fremden. Das haben unsere eigenen Leute getan. Mit denen ich seit meiner Kinderzeit zusammen gelebt habe, mit denen mein Vater und mein Großvater zusammengelebt haben. Sie nahmen mein Vieh, um selbst mehr zu haben. Sie haben mein Haus ausgeraubt, um selbst mehr zu haben. Sie haben mein Land unter sich aufgeteilt, um selbst mehr zu haben. All das einfach nur deshalb, um selbst mehr zu haben. Bisher hatten sie von allem genug, aber jetzt konnten sie noch mehr bekommen, weil ich nicht zu Hause war, und weil sie dachten, daß ich sowieso irgendwo gestorben sei. Sie haben es einfach gestohlen, an sich gerissen. Treue, Freundschaft, Dankbarkeit: das zählt alles nicht, wenn man nur mehr bekommen kann. Verstehst du das?!

Ich schüttelte mit dem Kopf. Der Fähnrich seufzte auf.

So findet der Fähnrich also doch seine Familie wieder, immerhin das. Es folgen ein paar glückliche Stunden mit Frau und Kind, dann erfährt er, daß er steckbrieflich gesucht wird. Man fleht ihn an zu fliehen. Er bleibt, weil er an die Gerechtigkeit glaubt. „Man kann nichts anderes machen, außer den Dingen in die Augen zu schauen. Unsere eigene Wahrheit verteidigen, und mit Geduld warten“, meint er. Es kommen zwei Bewaffnete, ihn zu holen. Noch einmal ergibt sich Gelegenheit zur Flucht, aber er geht aufrichtig seinen Weg.

Dann nahmen sie den Fähnrich mit. Ich habe ihn nur noch ein Mal gesehen, ein paar Wochen später, bei der Volksgerichtsverhandlung. Dort stand er, zwischen zwei Wächtern, dünn und blaß, und mit großen blauen und roten Flecken im Gesicht. Ein wütendes Männlein begann ihn anzuschreien, und es schrie ihm Dinge wie „Volkserpresser”, „Volksschinder”, „feindlicher Kollaborateur”, „Heimatverräter” an den Kopf, und dieses Männlein war der Staatsanwalt. Bei jedem Wort jaulten die im Saal versammelten wütenden Menschen auf, und schrien: „Ans Seil mit ihm! Ans Seil!” Schließlich verlasen sie eine Schrift, in der der Fähnrich gestand, daß er gegen die Volksdemokratie gekämpft, regelmäßig seine Arbeiter geschlagen und erpresst, zwei Juden getötet und vieles dergleichen mehr getan habe. Dann fragten sie ihn, ob er die Glaubwürdigkeit des Geständnisses anerkenne?

– Nein – antwortete der Fähnrich laut und mit erhobenem Kopf –, sie haben mich gezwungen, es zu unterschreiben!

Das war sein letztes Aufbäumen, wenig später stirbt der grün und blau geschlagene Fähnrich in Gefangenschaft „an Typhus“, noch nicht mal sein Grab erfährt die Familie. Er geht mit der Erkenntnis in die Gruft, daß im Krieg nicht nur der Gegner der Feind sein kann, sondern auch der Nachbar und Freund.

Albert Wass: Adjátok vissza a hegyeimet. 1949
Übersetzung: Seidwalk
[1] Sloterdijk irgendwo

siehe auch: Wass – Schund oder Kunst?

Der Engel vom Himmel

Die Ratten

Geständnis und Aufklärung

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