Mitteldeutsche Begegnungen III

Am Tag darauf geht es nach Jena. Ein kurzer Zwischenstopp wird in Sömmerda gemacht. Ich kenne diese Stadt aus früherer Lebensphase ganz gut. Ihr Herzstück war das Büromaschinenwerk, das zum gigantischen Robotron-Kombinat gehörte. Zur Wendezeit arbeiteten hier 13000 Menschen. Jeden Morgen und jeden Abend wälzten sich vier- und fünfspurige Fahrradkolonnen durch die Stadt, ein riesiges Neubaugebiet wurde extra für die Arbeiter gebaut. Nach der Wende wurde das Werk von der Treuhand abgewickelt, die altehrwürdige Stadt erlebte schweren Blutverlust.

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Die Welt nach Harry Potter

Vor 20 Jahren erschien der erste Band der Harry-Potter-Reihe. Zu Zeiten seines größten Hypes hatte auch ich mir die Mühe gemacht – und eine solche war es – zumindest die ersten Bände zu lesen. Es entstand eine kleine Rezension, man darf auch von Verriß sprechen, der, so will es mir scheinen, noch immer Bestand hat:

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Rotkäppchen frißt den Wolf

Aller Anfang ist schwer und im Ungarischlernen besonders.

Nach fast zwei Jahren des Paukens – sicher nicht intensiv genug – habe ich nun mein erstes ungarisches Buch gelesen.

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Idiotie und Intriganz

Nicht die Politiker sind beschränkt, sondern die Beschränkten werden Politiker. (Günther Anders)

Ja, man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wenn man liest, daß nun Ursula von der Leyen, die siebenfache Mutter und Verteidigungsministerin, als neue NATO-Generalsekretärin im Gespräch sei.

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Die verlorene Unschuld

Es gibt keine Macht und es gibt keine Majestät außer bei Allah dem Erhabenen und Allmächtigen! Wir sind Gottes Geschöpfe, und zu ihm kehren wir zurück. Niemand entgeht dem, was geschrieben steht. Und was einem Manne im Verborgenen bestimmt ist, das muß an ihm erfüllt werden.“ (Ali Baba und die 40 Räuber)

Wie sehr Deutschland sich in den letzten Jahren verändert hat, merkt man auch an den hysterischen Reaktionen in Sachen Islam. Hat man einmal den Fokus auf Islamisierung eingestellt, dann erscheint plötzlich jedes arabische Wort, jede „Alis Dönerbude“, jeder Koran im Schaufenster oder der Halbmond am nächtlichen Firmament als weiterer Schritt einer Invasion. Selbst die alten und klassischen Texte, die jahrhundertelang als unverfänglich galten, werden mit einemmal suspekt.

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Das wahre Leben

Eigentlich wollte ich heute in aller Ruhe mein Buch zu Ende lesen. Doch gerade hat uns eine Besucherin verlassen … und ich muß erzählen.

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Something is rotten

Ryanair machte es möglich. Im Jahre 2006 weilte ich zehn Wochen in Dänemark. Der Flug von London nach Tirstrup, nördlich von Århus, beinahe geschenkt. Fast in Laufdistanz davon entfernt die Folkehøjskole på Kalø – sie war mein Ziel, dort wollte ich Dänisch lernen und tat es auch.

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Sprachkompetenz

Zweisprachig aufzuwachsen ist ein Glücksfall. Kinder, die in fremden Landen heranwachsen und im elterlichen Heim einen festen und sicheren Stützpunkt haben, der sie ungezwungen auch mit der Muttersprache vertraut macht, haben enorme Vorteile für das ganze Leben. Ich kenne Familien, die sogar drei- oder viersprachig (ein Elternteil als Katalane zweisprachig) aufwuchsen und diese Herausforderung, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, meisterten. Oft lernen diese Kinder dann noch ein oder zwei Fremdsprachen in der Schule und können mit 18 auf ganz natürliche Art und Weise in fünf verschiedenen Idiomen parlieren.

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Das neue Frauenbild

Was in Ungarn sofort auffällt: es gibt keine ningelnden, nörgelnden, nervenden Kinder. Zumindest habe ich noch keines gesehen. In Deutschland jedoch genügen in der Regel fünf Minuten im Stadtzentrum oder einem Einkaufspalast, um gestressten Müttern, die ihre Kleinen anblaffen, und weinenden, schreienden, zappelnden Kindern zu begegnen.

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Denkmal und Schande

Björn Höckes Satz vom “Denkmal der Schande” hat ob seiner linguistischen Mehrdeutigkeit einiges Aufsehen erregt – dankbar haben sich die Leitmedien darauf gestürzt, in der Hoffnung, Höcke und die AfD ein für alle Mal zu erledigen.

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Ästhetik und Autorität

Auch eine Allegorie

Hegel, nachdem er seinen Status als Gelehrter, Beamter und Ehemann gefestigt hatte, entwickelte, aus Gesundheits- und Bildungsgründen, auch um Freunde zu besuchen, eine bis dahin ungewöhnliche Reisefreude.

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Zwei Frauen, eine Geschichte

Die beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Die eine mit strohblondem langem Haar und schlank, asketisch, die andere pummelig und mit tief schwarzem Schopf; die eine enorm gebildet, belesen, streitbar und hochbegabt, die andere eine an eine Hausfrau erinnernde Lehrerin. Mit sieben Kindern die eine, eine einzige Tochter die andere.

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Die Zukunft versaut

Die Suche nach „den Schuldigen“ für den Brexit nimmt absurde Formen an. Und gefährliche. Sie zeigen, daß es den Riß durch die europäischen Gesellschaften nicht gibt – es gibt viele Risse.

Brexit ageProminent wird gerade der Generationenkonflikt abgeerntet. Deutsche wie englische Gazetten überbieten sich mit Rentnerbeschimpfungen. „Die haben mir meine Zukunft geklaut“, darf ein larmoyanter Jüngling mit Kopfhörer um den Hals in der „Süddeutschen Zeitung“ gellend klagen, von „ruinierter Jugend“ faselt ein anderer auf „n-tv“, in der „Zeit“ kann man von „Alte-Säcke-Politik“ lesen und den Vogel schießt der Autor auf „Bento“ ab – eine Seite, die der Spiegel verlinkt –, der lauthals und öffentlich bedauern darf, daß „die Stimme einer 90-jährigen genauso zählt, wie die einer 21-jährigen“ und daß 16-jährige gänzlich von der Wahl ausgeschlossen waren. Am liebsten, so scheint es durch, würde man die Silberrücken entmündigen und die Jugenddiktatur einführen. „Trau keinem über 30“ sei, so findet der „Focus“, wieder aktuell.

Mathias Müller von Blumencron von der FAZ, der eigentlich auch schon ins Heim für Altersdemenz gehört – Jahrgang 60, ich bitte Sie! – fordert sogar eine „neue Rebellion“ der Jugend. Das ist ein Mißverständnis in doppelter Hinsicht. Zum einen haben wir gerade die größte Rebellion der Nachkriegsgeschichte erlebt – Millionen Halbzombies, untätowiert, haben entschlossen nach dem Rollator gegriffen, sind zur Wahlurne gewankt und haben die Rebellion gegen die Megamaschine gewählt –, zum anderen haben wir uns eine Jugend herangezogen, die vollkommen rebellionsresistent ist und bis auf weiteres bleiben wird.

All diese Ergüsse sagen viel über unsere Jugend aus. Daß man sich Zukunft, Zusammenhalt und Frieden erkämpfen und erarbeiten muß, ist den Leid-Ungeprüften vollkommen abhanden gekommen. Die Welt ist ein Selbstbedienungsladen und wehe, mein Lieblingsprodukt ist nicht vorrätig … dann kann ich gaaanz böse werden. Man hat qua Geburtsrecht im Hotel „Dasein“ Vollverpflegung gebucht, lebenslang, und wird schnell grantig, wenn der Service den gehobenen Ansprüchen nicht genügt, kümmert sich andererseits aber auch rührend um die hungernden Kinder der Welt.

Da klagt einer, daß er nun nicht mehr in alle 27 Länder reisen könne, was erstens Quatsch ist und zweitens eine Errungenschaft, die ihm jene Generationen erkämpften, die er jetzt gern ins Alterslager schicken möchte. Sie verstehen Heidegger nicht mehr: die Sorge als Existenzial zu fassen, ist ihnen unfaßbar.

Diese Jugend wurde flächendeckend zu verwöhnten Tyrannen erzogen. In einer ganzen Reihe von Büchern hat der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff das Dilemma aufzuarbeiten versucht, an dem Elterngenerationen genauso mitarbeiten wie Universitäten, Arbeitgeber, Schulen, Kindergärten und staatliche Vorgaben. Geboren aus der vergrünten und versozialdemokratisierten post-68er-Pseudo-Rebellions-Ideologie wurde das Kind mehr und mehr als Gleichberechtigter, ja sogar als Mehrberechtigter gedacht und gepampert. Die grenzenlose Erziehung führt zwangsläufig zur anerzogenen Grenzenlosigkeit, die Erfahrung des Verzichtes, der Mäßigung, der temperantia – jahrtausendlang ein Ideal und eine Tugend in allen Weisheitslehren – ist dieser Jugend weitgehend unbekannt. Entweder ich bekomme, was ich will, oder die Welt ist einfach Scheiße.

Am bedrohlichsten aber ist der hyperkinetische Effekt. Erfahrung ist kein positiver Wert mehr, stattdessen zählen „Innovation“, Neuheit, Mode, Tempo und Veränderung. Diese sind per se aller Erfahrung überlegen und deshalb sind die Alten aus dem Weg zu räumen, sofern sie nicht den hippen Heino geben. Mittlerweile kann man mit 25 Jahren Milliardär sein oder Spitzenpolitiker oder Philosophieprofessor und sollte es sogar, denn mit 30 ist der Zug schon abgefahren, gilt man schon als Trödler und verdächtig. Die immer größere Beschleunigung, die auch technisch unterstützt wird, führt zwangsläufig ins Absurde: bald wird der Enkel der Erzieher des Vaters und des Großvaters sein. Von dort ist der Weg zum kommenden Leid und Krieg nur ein Katzensprung.

Dies zugelassen zu haben, muß man den „Alten“ tatsächlich vorwerfen.

Andererseits ist der Brexit auch ein großartiges pädagogisches Fanal, eine didaktische Lehrstunde, eine wirkliche Erfahrung, sei er ansonsten, was er will.

Lektüreempfehlung:
Michael Winterhoff:
Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit
Lasst Kinder wieder Kinder sein!: Oder: Die Rückkehr zur Intuition
SOS Kinderseele: Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können
Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege
Persönlichkeiten statt Tyrannen: Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen
Konrad Paul Ließmann:
Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft
Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift
Lob der Grenze: Kritik der politischen Unterscheidungskraft