Aus der Zeit gefallen – Vesaas

VesaasJüngerNadolny

Johannes Møllehave hatte irgendwo geschrieben, er halte Tarjej Vesaas‘ Roman „Fuglane“ – „Die Vögel“ – für die wichtigste Lektüre seines Lebens und Ove Knausgård adelte den Roman als den besten norwegischen aller Zeiten. Der verdienstvolle Guggolz-Verlag, dem wir auch das wundersame „Straumeni“ verdanken, hatte letztes Jahr nun auch Vesaas dem deutschen Publikum in neuer Übersetzung ins Gedächtnis gerufen. Allerdings war Vesaas nie – wie im Feuilleton immer wieder betont wird – ein „wiederentdeckter“ oder „vergessener“ Autor, weder in Deutschland noch in Skandinavien. Erstens hatten Benziger und Hinstorff in den 60er Jahren hüben wie drüben Vesaas verlegt und zweitens war der Autor in der skandinavischen Literatur stetig präsent und diskutiert. Da wurde eigene Unkenntnis zu schnell verallgemeinert.

Das ist deswegen erwähnenswert, weil das unisono überschwengliche Urteil im Feuilleton dadurch relativiert wird und man sich folglich fragen muß, weshalb der fast 65 Jahre alte Roman nun Begeisterungsstürme provoziert.

Die Vögel : Vesaas, Tarjei, Hermann, Judith, Schmidt-Henkel, Hinrich:  Amazon.de: Books

Neuübersetzung im © Guggolz Verlag

Daß es ein großes Stück Literatur war und auch noch ist, steht außer Zweifel, aber der heutige Leser liest das Buch nun mal mit anderen Augen als der damalige, denn die darin behandelten Themen haben einen grundsätzlichen Bedeutungswandel erhalten.

Erzählt wird die Geschichte des Geschwisterpaares Hege und Matti, beide um die vierzig Jahre alt, beide noch immer zusammen in einer ärmlichen Hütte lebend, sie mühsam den Lebensunterhalt bestreitend – durch unermüdliches Stricken nach Auftrag – und er nichtstuend.

So zumindest sieht es von außen aus. Zu „echter“ Arbeit taugt Matti nicht. Selbst zur Erntezeit schafft er an einem Tag nicht mal eine Furche vom Unkraut zu säubern, wo „normale“ Arbeiter ein halbes Feld schaffen. Am liebsten sitzt er vor dem Haus oder am See und schaut, beobachtet, sinniert. Sein Hauptthema ist er selbst und sein Anderssein. Wohl versteht er, daß er beitragen müßte, wohl weiß er, daß man ihn im Dorf „tusten“ (Trottel oder Dussel) nennt – ein Name, den er fürchtet –, aber er kann nicht anders, sein Leben verläuft in anderen Bahnen, anderen Zeiten, anderen Orten, nie ist es gelungen, ihn in die von der Gesellschaft ausgelegten Bahnen zu leiten.

Äußerlich ist Matti tatsächlich ein Trottel, ein Behinderter, aber innerlich, innerlich ist sein Leben übervoll. Nicht an reichen, genialen Gedanken, aber an Sensibilität. „Warum ist alles, wie es ist?“ – das ist seine Zentralfrage.

Da fliegt zum Beispiel eine Schnepfe über das Dach des Hauses, niemand bemerkt es, aber für Matti ist dies ein unfaßbares Ereignis, ein Zeichen, daß nun alles anders wird, ja, er beginnt sogar, mit den Vögeln zu sprechen, indem er ihren Spuren im Sand eigene Kritzeleien zur Seite stellt.

Mattis Welt ist stabil und braucht die Stabilität. Veränderungen steht er ratlos gegenüber und überhaupt geht ihm alles zu schnell. Die anderen verstehen ihn nicht – vor allem die Mädchen nicht, von denen er träumt, die er aber kaum anzusehen wagt –, sie wissen nicht, wer er ist. Daß er selbst auch nicht versteht, wer die anderen sind, daß er dem Gefühlsleben seiner Schwester, die ihr Leben ihm opfert, ratlos begegnet und stattdessen immer wieder Forderungen an sie stellt, das entgeht ihm freilich ebenfalls. Ihr gesteht er kein eigenes Leben zu, ihr Lebensinhalt müsse sein, ihn am Leben zu erhalten. Könnte man ein Verständnis des Begriffes Egoismus voraussetzen, dann müßte man ihn egoistisch nennen, so aber … ist alles entschuldigt?

Matti ist – so würde man das heute diagnostizieren – schwer autistisch und Vesaas ist es vielleicht zum ersten Male gelungen, diesen Autismus von innen her sehr aufmerksam und sensibel aufzuschließen, in den Kopf des Protagonisten einzudringen und uns, den „normalen“ Menschen, begreifbar zu machen.

Aber das ist nur die eine Seite des Romans, allerdings just jene, die das heutige Feuilleton jubeln ließ, denn es sieht darin ein Manifest für die Andersheit, die Vielfalt, die Individualität, um es mit den zeittypischen Vokabeln zu sagen. Die Rezensenten haben sich in Mattis Schwachheit, Sanftheit, Zartheit verliebt ohne seine Brutalität, Gefühllosigkeit und Härte im höheren Sinne sehen zu wollen. Als Hege dann doch einen eigenen Weg geht, endlich ein Mann in ihr Leben tritt, da sieht Matti nur den Verlust und zieht die entsprechenden Konsequenzen – über die man wunderbar weinen kann.

Gerade aber diese weitgehend übersehene Ambivalenz macht den Roman bedeutsam, und die Ausweitung auf die großen Entwicklungsstränge. Denn letztlich leidet Matti unter der Moderne, unter dem Fortschritt, dem ständig Neuen und unter der neuen Geschwindigkeit. „Die machen alles so schnell, die benutzen Maschinen“, auf dem See fahren Motorboote, auf der Straße wird er fast von einem Auto überfahren … – das sind die karg verstreuten Schlüsselsätze, leicht zu überlesen, wenn man progressiv sein will. Wer oder was ist hier ver-rückt? Die oder er?

Letztlich fügt sich Vesaas, auch wenn er autobiographische Bezüge andeutet, damit in die große norwegische Literatur ein, die fast immer die grandiose, scheinbar ewige Natur und ihre unveränderlichen Regeln der Modernisierung entgegenstellt. An die besten Romane Hamsuns oder an Falkbergets „Christianus Sextus“, an Olav Duun, Kristman Gudmundsson, Trygve Gulbranssen etc. reicht Vesaas analytisch und auch kompositorisch nicht heran – das ist freilich ein subjektives Urteil. Für eine an Introspektion interessierte Zeit, die gern alles als etwas diagnostiziert und zugleich die Diagnose als positives Gut unsichtbar machen will, ist das Buch eine Offenbarung.

Få Fuglene af Vesaas, Tarjei | Bøger & Kuriosa
Quelle: Tarjei Vesaas: Fuglene (1957), København 1957 (3. udgave 1971)
Übersetzungen: Seidwalk

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