Linkes oder rechtes Ruder?

Schon vor drei oder vier Jahren, als die Grünen einen ersten und scheinbar irrationalen Höhenflug hatten, schrieb ich, daß man sie nur regieren lassen müsse, um sie langfristig zu erledigen. Zumindest als Partei, die Regierungsmacht zu übernehmen droht. Als Ideologie sind sie freilich längst ins Mark dieser Gesellschaft eingesickert. Das Problematische an diesem Gift ist die Mischung aus absolut notwendigen Grundeinsichten und Vorhaben, deren Essenz zu bewahren und zu nutzen ist, und einer hochtoxischen Ideologie, Aktionsextremismus gepaart mit politischer Selbstverdummung. Weiterlesen

Was bleibt von Rumänien?

Gesamt: Reise nach Siebenbürgen auf den Spuren von Albert Wass 1-4 PDF

Immer wieder stelle ich mir die Frage: Was würde Albert Wass sagen, wenn er heute seine Heimat sehen könnte? Schon in „Die Hexe von Funtinel“ beklagte er den Verlust des Geheimnisvollen und Lebendigen, den Moderne, Fortschritt, Technik vor mehr als hundert Jahren ins Tal brachten. Auch seine Märchen, die man in Ungarn als schön bebilderte Kinderbücher kaufen kann, sprechen von der Magie in Natur und Wald. Die standardisierten Gebäude, die Werbetafeln, das ununterbrochene Brausen auf der Straße, die Geschwindigkeit, die Abgase, die abgeholzten Hänge … all das würde ihn abgestoßen haben. Vielleicht war es ein Segen, daß man ihm den Heimweg auf ewig versperrt hatte. Weiterlesen

Géza der Bär

Fortsetzung von: Bären und Salamander

Unser Herbergsvater hat auch das Wesen – und das Aussehen – eines Bären. Mit tapsigen Schritten ist er ununterbrochen unterwegs, organsiert, läuft, redet. Jeden Abend kommen neue Gäste und jeden Abend reden sie sich bei Pálinka und Csiki-Bier die Köpfe heiß. Weiterlesen

Bären und Salamander

Fortsetzung von: Der Gottesstuhl

Am nächsten Morgen gibt es im Haus kein fließendes Wasser. Der Herbergsvater entschuldigt sich, spricht von einem schweren Sturm, den es kurz vor unserer Anreise gegeben habe, seither sei das Wasser braun und nicht mehr trinkbar, jetzt würde wohl repariert, aber wenn alle Stränge reißen, dann stünde noch ein Brunnen zur Verfügung und vorerst sollten wir mit Regenwasser spülen. „Das ist Rumänien“, sagt er dann noch resigniert und so etwas passiere hier ständig. Weiterlesen

Der Gottesstuhl

„OTT ÁLL az Istenszéke magosán a Maros fölött. – Dort steht der Gottesstuhl[1] hoch über dem Maros.“

Mit diesen ikonischen Worten eröffnet Albert Wass seinen Großroman „Die Hexe von Funtinel“. Sie gehören in die überblickbare Reihe großartig gelungener erster Sätze in Romanen der Weltliteratur. Nur auf den ersten Blick können diese Worte trivial erscheinen, wenn man Wass aber kennt, dann spürt man sofort die große Setzung. Da gibt es etwas, das ist unveränderlich, ewig, ein Grund, ein Anker, unverrückbar – ein Halt. Und zwar ein doppelter: die Natur und Gott in einem Wort und in einer Erscheinung, und das IST. Weiterlesen

Wahrheit des Krieges

Bedeutende Werke der Weltliteratur haben es an sich, ihre Aktualität, d.i. ihre Relevanz für spätere oder gar alle Zeiten immer wieder nachweisen zu können. Das gilt im Allgemeinen grundsätzlich und sehr oft auch im ganz Spezifischen. Klassiker sind Werke, die ihre Interpretation überstehen[1].

So findet man in Albert Wass‘ besten Romanen immer wieder ewiggültige Wahrheiten ausgesprochen, ganz grundsätzliche, menschliche Konflikte in archaischen Umgebungen mit klarer, allen zugänglicher Sprache und literarischen Mitteln derart aus dem „krummen Holz“ herausgeschnitzt, daß diese Bücher überzeitlich und überräumlich wirken und folglich immer wieder gelesen werden sollten.

Weiterlesen

Der Engel vom Himmel

An einer zentralen Stelle in Albert Wass‘ wohl bekanntestem Roman “Adjátok vissza a hegyeimet“ („Gebt mir meine Berge zurück“), wird der Leser Zeuge einer berührenden Szene. In einer Höhle tief in den siebenbürgischen Wäldern haben sich nach der Niederlage gegen die Sowjetunion zwei Dutzend Menschen versteckt, Ausgestoßene, Räuber, politisch Verfolgte, Partisanen, Irre und Heilige, und führen verzweifelt den Kampf gegen die Besetzer fort. Aber das Leben in der Wildnis, mitten im Winter, läßt die Leute verrohen und vertieren. Gerade war es einigen von ihnen gelungen, ein Militärfahrzeug zu plündern, die geraubten Wodkaflaschen machen am Lagerfeuer die Runde, als  tief aus der Höhle eine singende Frauenstimme erklingt.

Weiterlesen

Sexualität und Wahrheit

Mal wieder der Zufall.

In einer Tageszeitung lese ich eine Hommage an Elfriede Jelinek – Nobelpreisträgerin! Sie ist klammheimlich 75 Jahre alt geworden.

Gleichentags die Nachricht, daß eine Antje Rávik Strubel – das „Rávik“ ist eine Art Blackfacing oder Migrationssimulation oder was weiß ich, jedenfalls ein Künstlername – den Deutschen Buchpreis gewonnen hat und zwar mit einem Roman – laut Verlagstext –, der von einer jungen Tschechin handelt, die sich in die Ferne sehnt, nach Berlin geht, ein sexuelles Gewalterlebnis hat, sich in einen Plattenbau zurückzieht, dann nach Helsinki zieht, dort einen estnischen Professor kennenlernt, der Abgeordneter der EU ist, sich in sie verliebt und sich für Menschenrechte stark macht, während sie einen Ausweg aus ihrem inneren Exil sucht, verursacht durch die Vergewaltigung.

Weiterlesen

Geständnis und Aufklärung

 Albert Wass: Die Landnahme der Ratten

Nun muß ich etwas gestehen – es handelte sich gestern nicht um eines meiner Märchen, der Text wurde von Albert Wass verfaßt. Daß ich diesem lange vergessenen und unterdrückten ungarischen Autor in Zukunft besondere Aufmerksamkeit widmen werde, hatte ich an anderer Stelle bekannt gegeben.

Weiterlesen

Wass – Schund oder Kunst?

Als wir vor vier Jahren in Ungarn ankamen, fragte ich überall, was man denn kennen, was man lesen müsse, um dieses Land zu begreifen. Dabei fiel immer wieder ein Name, der mir vollkommen unbekannt war. In meinem Regal gab es zwar eine bescheidene ungarische Sektion, aber sie bestand vornehmlich aus den üblichen Klassikern wie Márai, Kertész, Szerb und Szép, daneben ein paar Moderne wie Nádas und natürlich die üblichen realsozialistischen DDR-Bestände. Immerhin waren unter den DDR-Ausgaben auch Petőfi, Jókai, Móricz und Kosztolyáni, die bis heute als die bedeutendsten Ungarn gelten. Gelesen hatte ich nur Weniges und auch davon das meiste vergessen.

Weiterlesen