Dialektik der Natur

Ein Kennzeichen großer Literatur ist ihre Reaktualisierbarkeit – sie mag unter anderen Vorzeichen entstanden sein, enthält aber genügend Schichten, um auch später noch ausgrabbar zu sein. Große Literatur kann sich durchaus in der kleinen Form verstecken. Ein schönes feines Nugget wurde mir dieser Tage zugespült, eine Geschichte von überraschender Vollkommenheit und aktueller Brisanz.

In „All Gold Canyon“ zeigt Jack London zu Beginn das natürliche Paradies. Ein schmales unberührtes Tal zu den Füßen der Sierra Nevada, „to the brim with sweetness and roundness and softness” gefüllt. Im Bach steht ein Hirsch, Schmetterlinge flattern, Bienen summen, selbst das Murmeln des Rinnsals verstummt hier, „the leaves and flowers were clean and virginal“ und das nicht zufällig, „the air was drowsy with its weight of perfume“ und ansonsten „sharp and thin“, frei von allem Staub und Dunst. Schon die zarte Beschreibung dieses Idylls lohnt die Lektüre, sie zeigt den Erzähler von Rang. Der verläßt den Rahmen der reinen Beschreibung, indem er den „spirit of the place“ einführt. „It was a spirit of peace that was not of death, but of smooth-pulsing life, of quietude that was not silence, of movement that was not action, of repose that was quick with existence without being violent with struggle and travail.

Aber dieser atmosphärische Geist wird plötzlich gestört durch einen Menschen und mit ihm wird genau das kommen, was bisher abwesend war: Gewalt, Kampf und Arbeit. Als der Goldsucher den ersten Blick über das Tal erhascht, da kann er die natürliche Vollkommenheit noch sehen und ist überwältigt, da schmeckt das klare Wasser einfach nur, löscht den Durst, erfüllt die urtümliche Aufgabe des Wassers, aber dann wechselt er die Perspektive und mit den Augen des erfahrenen Schürfers sieht er sofort das wirtschaftliche Potential, sprich das Gold, das hier möglicherweise verborgen liegt, das man hier auswaschen könnte. Da ist der „spirit of the place“ bereits verschwunden, geflüchtet wie der Hirschbock.

Der Mann ist nicht unsympathisch. Zwar ist er ein Allerweltsmann, seine Erscheinung war „indeterminate and colorless“, aber seine Augen leuchten, er singt – ein Lied, das auf die Zeilen „Yo‘ will meet wid d‘ Lord in d‘ mornin‘!“ endet –, er ist naiv, er kann lachen und er hat die angenehme Eigenart – „the habit of soliloquy“; was für ein Wort! –  eines Mannes, der das Alleinsein gewöhnt ist, und spricht mit sich selbst, wenn auch wenig. Wie London hier immer wieder das Selbstgespräch einbaut, das beweist nicht nur den akkuraten Beobachter, sondern vor allem das ursprüngliche Erzähltalent.

Nun folgen wir dem Mann bei der Arbeit. Eine erste Stichprobe hatte seine Vermutung bestätigt: es gibt Gold, irgendwo. Vermutlich mehr, vermutlich eine Goldader. Der Punkt, wo diese entspringt und am reichsten ist, den nennt er „Mr. Pocket“ und mit ihm wird er in den nächsten Tagen immer wieder sprechen. Systematisch und mit sichtbarer Erfahrung gräbt er sich an den Punkt heran und ohne es zu merken, beginnt er ein kleines Stück dieser Landschaft zu verwüsten. Am Ende schafft er eine Kraterlandschaft aus vielen Löchern, nach eigener Logik angelegt – sie verweist auf Mr. Pocket.

So kunstvoll, akribisch und langsam wie anfänglich die Natur zeigt London dem Leser nun den Prozeß der Arbeit, zunächst das Waschen des Goldes im Bach, dann das „digging“, das Hacken und Schaufeln und Rechnen und Planen. So sicher ist sich der Mann der kommenden Ausbeute, daß er die Goldkörnchen gar nicht erst sammelt, sie stattdessen zurück ins Wasser schüttet; erst als das Gold substantiell wird, legt er es zusammen. Nun ändert sich aber auch sein Charakter, „a fever seemed to be growing in him“. Nachts kann er nicht mehr schlafen, er vergißt das Essen, einmal verläßt er sogar seinen Plan, kann der Versuchung nicht widerstehen, und buddelt einfach darauf los, in der Hoffnung, die Ader durch Glück zu finden, eine Abkürzung zu nehmen. „Pockets is the damnedest things I ever see for makin‘ a man absent-minded.“ Doch das Gold will erobert werden – und es will geschützt werden.

Je sicherer ihm der Schatz winkt, umso größer wird auch die Sorge, es könne jemand kommen und ihn um den Lohn der Arbeit bringen. Erst vernachlässigt er die Vorsicht, dann will er ein erstes Warnzeichen nicht wahrnehmen. Und als seine akribische Arbeit schließlich Erfolg zeitigt und die Funde immer häufiger und stattlicher werden, da vergißt er alle Achtsamkeit.

Im Moment des größten Glücks, der endgültigen Offenlegung der Erzader, realisiert sich auch die größte Gefahr. Er hockt tief in seinem Erdloch, wehr- und waffenlos und spürt anfangs nur die Präsenz des Feindes: „There is an aura of things hostile, made manifest by messengers refined for the senses to know; and this aura he felt, but knew not how he felt it. His was the feeling as when a cloud passes over the sun. It seemed that between him and life had passed something dark and smothering and menacing; a gloom, as it were, that swallowed up life and made for death – his death.

Großartige Spannung! Bewegungslos verharren die beiden, der eine ohne alle Macht, der andere mit allen Trümpfen in der Hand – namentlich einem Revolver. Es bleibt dem Mann nichts anderes als zu warten, zu lauern und so zu tun, als merke er nichts, und auf seine Chance hoffen. Doch die kommt nicht. Kaltblütig wird ihm in den Rücken geschossen.

Kaltblütig hat der Schütze ihn tagelang beobachtet, hat ihn arbeiten lassen, hat ihn finden lassen und jetzt soll er die Früchte der Arbeit ernten. Wieder vergehen regungslose Minuten. Der Mörder setzt sich an den Grubenrand, dreht sich eine Zigarette und wartet. Aber auch unser Goldgräber wartet, denn der Schuß hat ihn zwar verletzt, aber nicht getötet. Als der Mörder hineinspringt, in diesem Augenblick der Unaufmerksamkeit, packt der Mann das Bein des Angreifers, bringt ihn zu Boden, es kommt zum dritten Zustand, dem „struggle“. Auf Leben und Tod. Ein böser Trick bringt den Goldgräber in Vorteil, er leert das Magazin der umkämpften Pistole in den Leib des Angreifers. Fassungslos murmelt er immer wieder: „He shot me in the back, the measly skunk!”. Fassungslos über diese Unverfrorenheit, diese Kälte, diese Brutalität. Dabei – wir als Leser wissen es von Beginn an – liegt diese in der Störung der Natur begriffen.

Der Mann sammelt nun alles Gold zusammen, leert Mr. Pocket, wirft den Toten ins Loch, belädt seine Pferde und geht als reicher Mensch von dannen, wieder singend: „Yo‘ will meet wid d‘ Lord in d‘ mornin‘!“ Wir verlieren ihn aus dem Blick, ob das Gold, 40 000 Dollar wert, ihm Glück gebracht hat, erfahren wir nicht.

Langsam schließt sich die Natur über den Wunden, der Bach beginnt wieder zu murmeln, Vögel, Schmetterlinge, Bienen kommen wieder, Blumen öffnen sich und schließlich kehrt auch der „spirit of the place“ zurück. Der Mensch hat Wunden hinterlassen – sie werden sich irgendwann wieder schließen, Narben werden, überwachsen.

Jack London war seiner Zeit – die Erzählung stammt aus dem Jahre 1905 – weit voraus. Vielleicht haben seine aufmerksamsten Leser damals den eigentlichen Kern der Novelle erahnt, auch wenn ihnen der Begriff der „Ökologie“ damals unbekannt gewesen war. Die meisten werden sie als Kampf Mann gegen Mann, als Homohomini-lupus-Geschichte gelesen haben oder als Teil der Schatzhysterie, des Traums vom schnellen Reichtum. Dabei sprengt London diesen Rahmen: er sah damals schon die Verheerung, die der suchende und arbeitende Mensch anstellt, er nahm die Perspektive der Natur ein, der er mit dem „spirit of the place“ Wesen und Individualität verlieh, er entwarf den Kreis von Natur-Entdeckung-Arbeit-Kampf-Zerstörung-Natur. Wenn der Mensch einmal nicht mehr da sein wird, dann wird „die Natur“ alles wieder bedecken.

London entwarf auf wenigen Quadratmetern das Modell des Anthropozäns, der gequälten und gemarterten Erde. Heute gibt es Bücher über „Die Welt ohne uns“[1], die uns zeigen wollen, wie sich die Erde nach der Menschheit entwickeln – und erholen wird.

Die Geschichte wurde in dem Western-Sampler „The Ballad of Buster Scrugg“ verfilmt, mit Tom Waits in der Hauptrolle
[1] Etwa: Alan Weisman: Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde. München 2009

3 Gedanken zu “Dialektik der Natur

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Die Natur ist nicht harmonisch. Der Hallimasch zerstört das Holz der Bäume, deren Blätter dem Gras das Licht nehmen, das seinerseits von den Schafen gefressen wird, an denen sich wiederum der Wolf gütlich tut.

    Bei einer Wanderung sah ich einmal von ferne, wie ein Gabelweihe scheinbar an einer Plastiktüte zupfte. Näher herangekommen zeigte sich, dass der Raubvogel an die Gedärme einer in einer Feldfurche liegenden toten Katze ging.

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    • Das ist nicht der Punkt, der hier behandelt wird. Sie werden schwerlich ein Stück unberührter Natur mit der Wüste eines Braunkohletagebaus oder einer Diamantmine in Südafrika qualitativ gleichstellen wollen. Auch kann man die von Ihnen angesprochenen Zusammenhänge oder relativen Kreisläufe sehr wohl als harmonisch beschreiben.

      Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Im Mai lief ich an einer großen Wiesenfläche am Rande eines Städtchens entlang. Zu meiner Freude stiegen dort immer wieder Schwärme von Lerchen auf, die man fast nirgendwo mehr sieht. In Kindheitszeiten gehörte ihr hoher Gesang zum Alltag. Große Anzeigetafeln wiesen das Gelände als Bauland aus. Schon im Juli standen dort die Betonmischer und die ersten Fundamente. Von den Lerchen keine Spur mehr. Wem blutet da nicht das Herz? Wer empfindet da nicht die Ungerechtigkeit, den Frevel? Ob einige der Lerchennester – als Bodenbrüter – nicht zuvor auch von Fuchs oder Marder geplündert wurden, spielt keine Rolle: das gehört zur Natur, zur „Harmonie“ dazu. Die Eigenheime sind dagegen schwer als natürlich einzuordnen.

      Irgendwann freilich wird es sie nicht mehr geben und dann kommen vielleicht auch die Lerchen zurück.

      Ich denke, man – also wir Menschen – muß zwischen „natürlicher“ Grausamkeit und von Menschen verursachter Grausamkeit unterscheiden. Es ist ein Unterschied, ob ein Parasit einen Elefanten tötet oder ein Safari-Jäger, es ist ein Unterschied, ob eine Würgeschlange einen Orang Utan qualvoll tötet oder ein waldrodedner Bauer …

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