Follower – ins Nirgendwo

Kürzlich bin ich über einen Blog gestolpert, mit philosophieaffinem Namen, der an nichtssagendem Gerede kaum zu übertreffen ist. Eine junge Studentin gibt Tips, wie man zu leben hat, fit wird, Streß vermeidet, seine Zeit nutzt …

Zu Paris fällt ihr ein: „Genauso schlimm wie die entstandene Panik ist die Welle an Hetzkommentaren und Hass gegen andere Nationen. Diese Tat und die Furcht wurde sofort benutzt, um Hass zu schüren und Gerüchte über bestimmte Religionen zu verbreiten. Ängstliche Menschen, die nicht über genug Wissen verfügen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden, sind für diesen Hass leider sehr empfänglich.“

Zur Frage des „einfachen Lebens“: „Und ich finde wir sollten dabei mehr auf unsere eigene Ernährung achten als darauf den Lebensstil von anderen (ob Veganer oder leidenschaftlicher Fleischesser) zu kritisieren.“

Und zur „Zeit“: „Die Zeit sinnvoll nutzen bedeutet also sie nach unserem eigenen Willen nutzen.“

Und dergleichen Platituden ohne Ende.

Ja nun, warum ist das erwähnenswert? Wegklicken und vergessen, was sonst?

Erwähnenswert wurde es, als ich die Zahl der „Follower“ sah: 2227. Zweitausendzweihundertsiebenundzwanzig Menschen wollen darüber informiert werden, wenn dieses brave Mädchen ohne eigenen Kopf Gedanken absondert. Und dutzende „diskutieren“ mit und schreiben Dinge wie: „Nur an sich selbst denken sollte man nicht, doch ich finde es gar nicht egoistisch, sich wichtig zu nehmen und an erster Stelle zu sehen (es sei denn, man hat Kinder, dann stehen die an erster Stelle). Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Und man hat nur eins. Also das Beste daraus machen und möglichst das tun, was einen glücklich macht. Manchmal muss man aber auch Kompromisse machen, das gehört auch zum Leben.“

Aber der Mann hat wohl recht: das gehört auch zum Leben. Das ist die Lage!

The End

Advertisements

5 Gedanken zu “Follower – ins Nirgendwo

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Von Kraus über Grausen zurück zu Krausen

    Die lauwarme Sophie lässt auch gerne Kommas aus, wo man gerne welche sähe, um die angehäuften Klischees wenigstens ohne zu stutzen lesen zu können. „Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben: man muss ihn auch ausdrücken können.“

    Ich weiß nicht, ob die Zahl 2227 der fleißigen Lauscher am mäßigen Weisheitsworte vergleichsweise groß ist. Mit eigenwilligen Gedanken jedenfalls findet man nie viele Anhänger, sondern vielmehr mit Gefühlbekundung. Sie weiß das und sagt das ja schon ganz oben: „Ich will nicht [nur] an euren Verstand appellieren. Ich will eure Herzen gewinnen.“ (Klammer von mir.)

    Wer wie sie nicht vor Widersprüchen zurückschreckt, kann auch erfolgreich in verschiedene Richtungen zugleich winken. Denn wieviele achten denn schon auf das λόγον διδόναι, wenn sie denn nur in genügend großer Dichte lesen, was „man“ auch sonst immer hört oder gar, was sie selbst so gerne hören?

    Mitglieder politische Familien erkennen einander gewöhnlich eher an den wertenden Girlanden um ihre Zentralbegriffe und nicht an diesen selbst; deshalb etwa, die edle Kultur an der Willkommenskultur, das rührend Soziale an der sozialen Gerechtigkeit, die philosophisch so tiefsinnige Identität an der nationalen Identität oder für die Großfamilie die angeblich so feigen Selbstmordattentate. Auf die Substanz der Äußerungen achten viele weniger, mehr auf den Stallgeruch der Beiworte. Und eben auch nicht auf Widersprüche.

    Wer vieles bringt, bringt jedem etwas und ohne meist den anderen zu verprellen. Ich wüsste da ein Beispiel aus der hohen Politik, wo hemmungslos Kontradiktorisches aneinander gereiht wird. Den alleinigen Besitzern eines Stammhirns, das immerhin noch eine Signalsuperposition bemerkt, gilt sie deshalb als mäßig. Marx sagte (in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie), wer unter dem Niveau der Humanität stehe, bleibe doch ein Gegenstand des Scharfrichters; ich halte verzweifelt Ausschau nach dem Agenten unserer Gesellschaft für Führungspersonal, das unter dem Niveau der Logik bleibt. Übrigens meidet die gedruckte Presse es tunlichst, längere Partien ihrer Äußerungen zu zitieren; vielleicht weil beim Wiederlesen zu vielen doch deren besonderer Glanz auffiele – Adventavit asinus, pulcher et fortissimus. Immer um unser Bestes und unsere Beste besorgt.

    Gefällt mir

    • Eigentlich wollte ich das inkognito der jungen Dame ja wahren – nun haben Sie sie halb ans Licht gezerrt. Und sich sogar eingehend mit ihr beschäftigt: das ist tapfer! Man sieht, man kann auch an Geistlosigkeit seinen Geist schärfen, wenn man hat.
      Mir fiel, als selbstzweifelnder Mensch, nur ein Satz ein: Wozu das alles?

      Gefällt mir

      • Pérégrinateur schreibt:

        Sobald Sie nur einen veröffentlichten sophitischen Satz wörtlich zitiert hatten, war die Anonymität der Weisheitsgöttin dahin, ein kleiner Schritt via Google für jeden, der etwa wissen will. Mir gefiel übrigens, dass nur ein Rückenfoto auf der Seite war, das ist schon mal eine Klasse diskreter als bei der immer ikonischer rotierenden Qualitätspresse, bei der man inzwischen die Triftigkeit von Meinungsartikeln gerne mit einem Porträtfoto des Redakteurs verbessert.

        Antwort auf Ihre Frage am Ende: Ansehen bei möglichst vielen gewinnen, sich zugehörig fühlen und als zugehörig empfunden werden. Dafür nehmen viele Vieles auf sich, sogar unsinnigste körperliche Selbstschädigung. Warum sonst sollten etwa Jugendliche das Rauchen anfangen, das ihnen zunächst widerstrebt bis hin zum Erbrechen?

        Aber wir wollen dafür das Große Jugendpfarrerverständnis zeigen. Denn vielleicht suchen die Adoleszierenden ja nur ihre „Identität“ und finden sie, wie man dergleichen halt findet. Nämlich ungefähr so wie Luther sein „Heil“, der schlankweg an es glaubte und es damit schon sicher hatte. Also die bekannte Konstruktion allein mit Zirkel und Ideal, mit der man eben doch auch die höheren Wurzeln für jede Vielzahl hinbekommt.

        Vieles ist lächerlich, nichts aber lächerlicher als der Mensch, der bei anderen Bestätigung sucht. Man sollte es da wohl eher mit Erich Fried halten: „Sich von Gedanken, wie man auf andere wirken könnte, leiten zu lassen, ist peinlich und schon aus diesem Grunde zu vermeiden.“

        Gefällt mir

        • „Ich bin da ganz bei Ihnen“, wie es im Polit-Sprech neuerdings so heißt. Aber die Frage „Wozu“ hatte zwei Antwortrichtungen. Die andere wäre: Wozu sich hier abstrampeln, wenn man ohnehin nichts erreicht, wenn man mit Leeraussagen und Wiederholungen des täglichen Unsinns 40fache oder manchmal ja millionenfache Zugriffsquoten hat? Sicher: Quantität und Qualität … Aber gerade die junge Generation scheint flächendeckend geschlossenen Auges ins Unglück zu rennen und dies auch noch zu bejahen. Alle Wahlen der letzten Jahre zeigen das: die Jugend ist weitgehend verloren; sie ist in einem daunenweichen Universum aufgewachsen, voller „Every-Flavour-Beans“ (Harry Potter), die jeden Wunsch anstrengunsglos erfüllen, sie hat weder Vertikalspannung noch kann sie sich konzentrieren, Metzinger beklagt, daß seine Philosophiestudenten seit 5 Jahren unfähig seien, ein Buch zu lesen und das Studium mit Wikipedia zu meistern versuchen …

          Da kann man schon trist werden und die Sache als verloren aufgeben.

          PS: Doderer!!!

          Gefällt mir

          • Pérégrinateur schreibt:

            Auf lange Sicht ist jede Sache verloren, und das wissen wir Menschen doch eigentlich auch alle, jedenfalls wenn wir nicht geschichtlich sichtbehindert sind oder die den Sinn betäubenden Pflichten uns nicht jede Muße rauben und jede über den Tag hinausreichende Reflexion verhindern. Die letzte Wurzel von Wertentscheidungen, so diese überhaupt ein bisschen eigenständig getroffen werden und wir nicht nur deren passive Abspielstätten sind, ist immer ein persönlicher Willkürakt. Als die etwas arg gottsucherisch-spinnerte Hauptperson des Ritters in Bergmans Siebtem Siegel sich vom Tod betrogen sieht und keine wirkliche Hoffnung mehr hat, sagt er sich dennoch voller Stolz, dass er das Blut noch in seinen Adern pulsieren spürt und er, Antonius Block, mit dem Tod Schach spielt. So viel an gerne auch nonchalantem Mutwillen sollten wir Menschen immer haben.

            Und wenn man konservativ eingestellt ist, sollte doch die gerechte Bezahlung durch das Schicksal gerade keine Rolle spielen. Dann meint man doch, dass die Tugend ihren Lohn in sich selber trägt und hält gegebenenfalls auch zur Sache, der wahrscheinlich die Niederlage droht. Möchte man denn überhaupt Belohnung oder Achtung durch Menschen, die man selbst für gar nicht so sehr achtenswürdig hält?

            Ich habe über ein paar Jahre weg mein Mittagsmahl in einer Gaststätte zu mir genommen, wo sich auch immer wieder Vertriebs- und Werbeleute trafen und bekam dann, trotz mitgebrachter Lektüre, mit der man solche Störungen gewöhnlich leidlich ausblenden kann, oft genug doch das Gespräch an den Nachbartischen mit. Die Heizer des Begehrens spürten selber die Hitze am meisten. Die wussten aktuelle Listenpreise von Porsches auswendig, die sie sich – weh! – noch nicht leisten konnten. Der „angesagte“ Sport wechselte gerade von Tennis zu Golf, und konform dazu orientierten sie sich auch um. Es gibt – und gab wohl schon immer – eine entsetzlich große Zahl von etwa durch ihre Statusgier außengelenkten Menschen, die dann natürlich auch auf der politischen Waagschale gewöhnlich den Ausschlag gaben.

            Damit muss man leben. Doch wenn man sich dann mit den Mücklein vergleicht, die in einer Säule über dem frischen Pferdeapfel schwärmen, oder den metallblauen VIP-Fliegen, die sich privilegiert an ihm gütlich tun, dann empfindet man sich selbst doch gleich als etwas Besonderes, was auch immer andere über einen denken mögen.

            Viel seltener trifft man Menschen, die eine Privatschrulle leben – einen fanatischen Vogelbeobachter und -schützer, der morgens um vier vor dem Büro schon draußen ist, um nach seinen Schützlingen zu schauen und unter sämtlichen Bauern des Kreises ob seiner Schutzgebietsanträge als Quertreiber verschrien ist, oder einen Techniker, der in zwanzig Jahren im häuslichen Untergeschoss eine riesige Modelleisenbahn aufgebaut hat und nun die Beschaltung auf Computersteuerung umstellen will, weil er selbst allein den Parallelbetrieb mit einem Dutzend von fahrenden Zügen nicht mehr unfallfrei steuern kann. Man möchte selbst wohl nicht gerade diesen einen Sparren haben, aber dass solche Menschen nach eigenem Wertmaßstab handeln, macht sie gegenüber den andern sehr schätzenswert, und dass es sie überhaupt gibt, wärmt einem das Herz.

            Eine befreundete Gymnasiallehrerin klagte mir gegenüber schon vor etwa 15 Jahren, dass die Montage an der Schule für die Katz seien, weil dann die Schüler anscheinend zwei Tage unausgesetzten Bild- und Tonmedienkonsums hinter sich hätten, deshalb übererregt seien und sich auf nichts mehr konzentrieren könnten. Wenn ich heute im Bus die dauerbestöpselten Jugendlichen mit ihren Smartphones sehe – anfangs deutlich mehr Mädchen, die Jungs haben aber inzwischen kräftig aufgeholt – dann denke ich, dass wohl die Montage heute weniger exzeptionelle Schultage sein dürften. Diese Dauerkommunikanten (vielleicht eher mit d als mit t) kommen mir vor wie die vom Blick in ihre magischen Tetraeder belämmerten Münchner Kolonisierten in Herbert Rosendorfers wohl einzigem rabenschwarzen Roman „Die goldenen Heiligen oder Columbus entdeckt Europa“, der auch noch in anderer Hinsicht sehr aktuell wirkt. (Dennoch oder gerade deswegen ist er nach weniger als 25 Jahren zumindest als Taschenbuch nur noch antiquarisch zu bekommen.)

            Natürlich zeigen sich Dauerberieselung und Konsum schwellenloser Ware dann auch an den Studenten, die ja heute auch nicht mehr an Universitäten studieren, sondern an verlängerten Schulbänken, auf denen sie Anspruch auf mundgerechte und unterhaltsame Darbietung zu haben glauben. Germanistikstudenten im zweiten oder dritten Semester, die in der Vorlesung den Dozenten fragen, was denn eigentlich der Unterschied zwischen einem Adverb und einem Attribut sei, das wolle man endlich mal einfach erklärt haben. Ein Physik-Bachelorstudent in einer Abschlussprüfung, also nach sechs Semestern mit Rechenaufgaben jede Woche, bei welcher der Kandidat angesichts des Problems, zwei einstellige Zahlen im Kopf zu multiplizieren, den Satz „Also jetzt brauche ich aber wirklich einen Taschenrechner!“ ausstößt. (Immerhin auch mal ein Spaß fürs Lehrpersonal.)

            Sie werden wohl aus Schaden irgendwann klug werden, oder eben auch nie. Wenn ich so sehe, welche Hirngespinste heute als überwertige Ideen auch viele erwachsene Köpfe besetzt halten, dann denke ich mehr und mehr, dass die Esel nur deshalb auf dem Eis tanzen, weil es ihnen zu gut geht und sie einen geschichtlichen Zustand selbstverständlich als Garantie seines Fortbestehens ansehen, was auch immer sie tun oder lassen werden. Der behütete Schulraum schiebt das Erwachsenwerden hinaus, und wenn man danach auch noch bruchlos in den Schutzraum Öffentlicher Dienst oder auf andere temperaturgeregelter Büroarbeitsplätze mit Versorgungsanspruch wechselt, kann man eben schinbar unbeschadet bis zur Rente ein Kindskopf bleiben.

            An Doderer hätte ich durchaus auch viel zu kritisieren. Aber einem Meister verzeiht man viel.

            Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s