Die Welt nach Harry Potter

Ich traue meinen Ohren nicht – im ungarischen Oppositionsradio gibt’s ein langes Feature zu Harry Potter und seinen Verfilmungen. Das kann nur eines bedeuten: der Ungeist weht noch immer. Hier mein Bannspruch, ausgesprochen vor über 20 Jahren, hier auch schon mal präsentiert, aber noch immer gültig und offensichtlich notwendig.

Ein unscheinbares Buch unter Millionen, eine Erstauflage von 500, erschien 1997 – und rührte an den Schlaf der Welt. Wenige Jahre später schien die Welt kein anderes Buch mehr zu kennen. Ob in Buenos Aires oder Kapstadt, in Berlin oder London, in Moskau oder Miami … überall stürmten Kinder, oft verkleidet, die Kinos und Buchläden und machten die Saga vom Rattenfänger von Hameln zur Realgeschichte. In Erwachsenenkreisen zuckte man nur mit den Schultern und beruhigte sich mit der Floskel: „Na wenigstens lesen sie wieder“.

Was war geschehen, wie ließ sich der Erfolg beim Leser – nicht beim Käufer: das ist ein anderes Thema und müßte ökonomische, sozialpsychologische und weitergehendere Überlegungen einbeziehen – sich erklären und war er berechtigt? Wenigstens aber erklärbar?

Eine 35-Millionen-Auflage für ein Buch, 500 Millionen für alle, läßt sich so wenig kritisieren wie eine Flut oder eine Lawine. Was hunderte Millionen Menschen lesen, hat sich jenseits der Kritikgrenze angesiedelt; man kann nur noch erläutern, aber nicht mehr urteilen. Quantität schlug hier schon um in eine neue Qualität, in der freilich Qualität selbst schon keine tragende Rolle mehr spielt, sie ist kein Kriterium für Erfolg mehr. Ein solcher Triumph sagt von vornherein viel weniger über das Buch aus als über seine Zeit, in der ein solches Buch erst solch ein Triumph werden kann. Man muß sich fragen, ob man gegen die Begeisterung ganzer Völkerstämme und Generationen noch sinnvoll anschreiben darf.

Harry Potter heißt der Junge, der wie die vier Todesbomber das Gleichgewicht der Welt störte. Er wuchs bei Tante und Onkel, stiefmütterlich be-, nein mißhandelt, auf, schließlich wird er in eine Zauberschule berufen, denn er ist anders, er ist ein Zauberer. Und nicht irgendeiner, sondern derjenige, der der Macht des Bösen ins Angesicht zu schauen vermag. Das macht er denn auch; über viele mehr oder minder notwendige Zwischenstufen besiegt er die dunkle Macht, entreißt ihr den allesverheißenden „Stein der Weisen“ und rettet damit das, was er selbst wie ein Virus befallen hat: die ganze Welt.

Mehr muß man nicht wissen und schon hier wird deutlich, daß man das alles schon mal, hunderte Male, tausende Male gesehen, gelesen, gehört hat. Das bestätigt sich denn auch im Detail. Es handelt sich um ein Sammelsurium von Ideen aus Film, Comic, Literatur und Computerspielen: Eco, Schwarzenegger, Ende, Tolkien, der Zauberer von Oz, diverse Märchen, Psychoanalyse und Traumdeutung, Stoker, Odysseus, religiöse Mythen, Lewis Carroll u.v.m., dies alles ist – auch in dieser oder jeder anderen beliebigen Reihenfolge – in einen Topf geworfen, umgerührt – nicht gut genug, um die Bestandteile unidentifizierbar zu machen – und ausgegossen worden. Beliebigkeit ist oberstes Prinzip, insofern ist es ein negatives Paradebeispiel für Postmodernität.

Es finden sich wahllos zusammengewürfelt, aus verschiedenen Geschichten, Traditionen und Diskursen entlehnte Phantasiefiguren- und Gegenstände: Poltergeist, Zombie, Werwolf, Einhorn, Zentaur, Troll, Riese, Vampir, Drachen, Zauberspiegel, Stein der Weisen, Lebenselixier, ein Mantel, der unsichtbar macht usw. Anything goes, was irgendwie bunt, auffällig, aufregend sein könnte, kommt und geht: Erregung auf postmodern heißt Abwechslung, gnadenlos; ein Gang durch ein Fundbüro phantastischer Ideen und Geschichten. Und das dies nicht auf einem wirklichen Wissensfundament beruht, zeigt noch die undifferenzierte Aufzählung von „Famous Witches and Wizards“: Morgana neben Circe, Agrippa und Paracelsus neben Merlin und Ptolemäus neben Dumbledore – nur Unwissen kann das erträglich machen! Dies alles haben engagierte Kritiker schon längst ausfindig gemacht[1], aber es erklärt den Erfolg der Schwarte noch nicht ausreichend, zumal das Buch, sieht man von den ersten drei Kapiteln ab, die gar nicht von derselben Autorin zu sein scheinen, denkbar ärmlich geschrieben ist.

Die mangelnde literarische und sprachliche Qualität ist jedoch Bedingung für den Erfolg! Ein schriftstellerisches Meisterwerk hätte keine Chance auf Massenerfolg gehabt, weil es keine massenhafte Kompetenz (mehr) gibt, die die Merkmale wahrer Kunst noch entziffern könnte.

Aufgrund seiner Einlinigkeit läßt es jede wirkliche Substanz vermissen, es kann den anspruchslosen Leser überhaupt nur bei der Stange halten, indem es ununterbrochen neue kleine Spannungen und Konflikte erfindet. So hangelt sich die Autorin von einem Kampf zum anderen, ohne recht klar machen zu können, welche innere Funktion das jeweilige Ereignis  im Handlungsverlauf hat und das gipfelt schließlich in einem finalen Höhepunkt, der so hoch ist wie ein Kehrichthaufen am Ende eines langen Bürotages.

Sie reiht Bilder aneinander, tatsächlich wie im Film, deren inhaltliche Leere nur durch bombastische Effekte kaschiert werden, und bringt sie durch eine optische Täuschung zum Laufen. Vermutlich denkt sie in Filmbildern und selten ist ein Buch so anbieterisch, schon Drehbuch mitsamt special effects, wie dieses. Das ist ein an sich unabschließbarer Prozeß, zumindest kennt er kein internes Ende, und man kann Rowling dafür tadeln, den etwas geübteren Leser über 200 Seiten damit zu quälen, man kann sie aber auch loben, sich so kurz gefaßt zu haben – es gibt also starke Gründe, sich vor allem die vielhundertseitigen letzten Romane zu ersparen.

Doch, Spaß beiseite, verbirgt sich dahinter ein fundamentaleres Problem, insofern es ein Exempel für den neuen Gipfelpunkt unseres anthropologischen Selbstexperiments darstellt, sich permanent den eigenen Bildern auszusetzen und zu warten, was mit uns geschieht, ein Prozeß, der mit den Höhlenmalereien vor 30000 Jahren recht harmlos begann, aber nun seine destruktive Wirkung vollends zu zeigen scheint.

Wir sind, was wir gesehen, und wir sind, trotz aller Fülle, nicht reicher dadurch geworden, wenn der Bilderprozeß, besonders durch Film und Fernsehen, unseren internen Ideenhaushalt derart verändert, daß die Phantasie keine eigenen Bilder mehr zur Verfügung stellt, statt dessen nur noch Erinnerungsarbeit leistet und schon-mal-Gesehenes sich aufdringlich in den Vordergrund drängt. Dort, wo die Fabelwesen einst als künstlerische und spirituelle Akte erstanden, geschöpft wurden, im freien Raum der Imagination, basierend auf Empirie und Phantasie, dort herrscht heute Leere durch Überfülle. Kunstverständnis und Spiritualität geht Kadaverliteraten, die nun am Ende dieser Transformation stehen, vollends ab, obwohl sie ihre Schriftstücke mit unzähligen Kopien beschweren.

Als Buch ist es wie ein guter Schülerphantasieaufsatz: eine vornehmlich kindliche Phantasie, die sich auf der kindlichen Gegen-, der Leserseite möglicherweise entzückt wiedererkennt, treibt voran und voran und dann geschah das und dann dies und dann jenes … dann kommt der Troll und dann der Zaubermantel und dann der Zauberspiegel und dann der Drache und dann das Einhorn und dann der Zentaur und dann …

Ich hätte der Schülerin Rowling, sagen wir mal in der achten Klasse, darauf ohne Zweifel eine Eins gegeben, vielleicht sogar mit Sternchen. Dabei sind die Ideen, wie gesagt, alle geklaut, aber das mag man einem Schulaufsatz gern verzeihen. Rowlings eindimensionale Phantasie ist zwar reich – zahlreich – an Ideen, aber arm an Qualität. Das Aneinanderreihen von Bildsequenzen erreicht nur komplementäre Geister: eindimensionale, satte, aneinandergereihte und filmverseuchte Bilderphantasien depravierter und konditionierter Konsumentenhirne.

Vielleicht ist Harry Potter so etwas wie die angelesene und angeschaute Summe der Genreliteratur, deshalb auch so erfolgreich, weil er die besten Ideen der letzten Jahrzehnte moralisch vollkommen unbeschwert zitiert, dadurch schnelle Bildwechsel erreicht wie ein Videoclip, zum anderen von der bedrohlichen Last befreit, dies alles lesen zu müssen. Daß dies, der Meinung vieler Kinder nach, „das beste Buch aller Zeiten“ sei, ließe sich aus dieser mit Unkenntnis gepaarten Erlösung hinreichend erklären. Es ist daher auch falsch, anzunehmen, Harry Potter verleite endlich wieder zum Lesen, wenn man darunter das genuine Interesse auf andere Bücher versteht, denn soweit zu sehen ist, empfiehlt er nur sich selbst und seine Klone. Niemand wußte, was „man“ nach Harry Potter noch lesen sollte. Tatsächlich war der Triumph der Serie der Triumph des „Man“ – sie schlug alle Rekorde, weil „man“ es lesen mußte und deswegen löste es auch Begeisterung aus – eine sich seltsam selbstverstärkende Hysterie des „Man“.

Zudem schafft es für übersatte Kids, denen es ohnehin schon zu gut geht, eine neue Dimension des Begehrens, denn alles ist da drüben noch besser, noch vielfältiger, noch bunter und vor allem noch rasanter. Als Hagrid Harry in das Traumland führt, da machte er ihm ein Geschwindigkeitsversprechen, da kündigt er ihm eine Welt an, in der alles noch viel größer und schneller als in der unsrigen ist, in der es vor allem mehr gibt, eine Welt, in der man sich wünschen muß, acht Augen mehr zu haben.

Andererseits ist auch irgendwie alles beim Alten geblieben, statt wegen des neuen Nintendo 2000 drücken sich die Hogwartkinder halt für den neuen Nimbus 2000 (dem Hexenbesen) die Nase am Schaufenster platt. Im Prinzip fällt Harry auf höherer Ebene in die selbe Falle wie sein verhaßter Neffe Dudley, der sich zum Geburtstag vierzig Geschenke wünschen darf  und für den 20 Videospiele – noch vor kurzem Inbegriff des Spannenden – nur noch langweilig sein können.

Auf den ersten Blick scheint das Buch den klassischen Gut-Böse-Konflikt zu bedienen, aber der erklärt schon den Erfolg nicht mehr. Tatsächlich transportiert Rowling diesen Dualismus in zwei zeitgenössischere Kategorien. Die Struktur bleibt, der Inhalt hat sich gewandelt: statt gut und böse werden aufregend und langweilig gegeneinander gesetzt und das ist das Erfolgsrezept in der Fungesellschaft, wo das Erlebnissubstrat der letzte lebenswerte Inhalt wird. Wo selbst 20 neue Computerspiele nur noch Langeweile erzeugen, wo überhaupt nichts Irdisches mehr erregen kann – weder die paar geschändeten Leichen im abendlichen Fernsehen noch der neueste Skandal, auch ein paar pralle Brüste nicht, da muß schon die Outworld anklopfen, um noch ein letztes Mal Phantasien zu erregen. Allerdings mit dem Schicksal, in nicht allzu langer Zeit selbst tödlich langweilig zu wirken (was aus ästhetischen Gründen ohnehin schon der Fall hätte sein müssen). Das wird der Unterschied zu Alice im Wunderland, zu Grimms Märchen, zur Unendlichen Geschichte, zu Tom Saywer und all den substantiellen Texten, von denen Harry Potter nur ein dünner Abguß ist, bleiben.

Potter ist nur ein Entgrenzungsphänomen und als solches zeitlich bedingt aufregend. Da werden noch unbesetzte Wunschfelder entdeckt und beackert, aber sie können keine Frucht tragen. Nichts steht deutlicher für die Enthemmung des Begehrens als die „Every-Flavour Beans“. Und Harrys Starträume sind die Träume der jugendlichen Generation; plötzlich und aus dem Nichts ein Star zu werden, es muß nur der richtige Agent an einem vorbeilaufen, zu irgend etwas fähig ist man schon. Der neue Traum vom leistungslosen Ein- und Auskommen, möglichst luxuriös.

Der Held fliegt denn auch als Harry Air Jordan Potter durch das Basketballspiel der Superlative (Quidditch) – Fußball wäre schon out, wäre schon am Trend vorbei gewesen, zu wenig amerikanisch – und macht den entscheidenden Dunkin. „I’m famous and I can’t even remember what I’m famous for“ (66) – der Satz beschreibt das Identitätsproblem des modernen Stars, hätte Spicegirl Posh oder Naddel ihn gesagt, die Idole jener Zeit, niemand würde an seiner Authentizität zweifeln.

Und, auch das mag ein Grund für den Erfolg sein, verbergen sich hinter der bunten Fassade ganz lebens- vor allem schulrelevante Themen, in denen sich der genervte Schüler spiegeln kann: Lehrer-Schüler-Konflikt, Cliquenbildung, Freund- und Gegnerschaft, Markenbewußtsein, Zwang zum Trend usw.; schließlich gibt es selbst noch im Wunderland Hamburger, English Breakfast, Ketchup, Pokémon und West Ham United.

J.K. Rowlings Verhalten nach dem Erfolg ist also leicht zu erklären. Zum einen verkaufte sie alle Rechte an Coca Cola und da haben sich nur zwei gefunden, die wie füreinander geschaffen waren, zum anderen übt sie sich sehr zu Recht in Bescheidenheit, gibt selten Interviews, enthält sich der Meinung zu anderen Themen, zeigt sich vor allem noch immer überrascht vom Erfolg und relativiert den Wert ihrer Bücher selbst. Sie – und wir nun auch – wird wissen, warum. Dieser Realitätssinn, der sich hoffentlich erhält, macht sie mir persönlich sympathisch und daß jemand die Gunst der Stunde nutzt, um ein paar hundert Millionen Pfund zu machen, ist weniger verwerflich denn bewundernswert.[2]

[1] Hanns-Georg Rodek: Die Magie des Vertrauten.
[2] Es folgen ein paar Überlegungen zum schachlichen Gehalt des Buches, an dem sich das obige perfekt exemplifizieren läßt:
Während der langen Wintertage der Weihnachtszeit, Harry und Ron, sein bester Freund, sind allein, spielen die beiden mitunter Schach: „Ron also started teaching Harry wizard chess. This was exactly like Muggle chess except that the figures were alive, which made it a lot like directing troops in battle“ (146).
Nun könnte man fast meinen, hier wird ein literarisches Motiv eingeführt, denn später werden die beiden im Gigantenschach eine ihrer härtesten Proben zu bestehen haben, aber nein, es bildet nur ein weiteres Utensil, ein weiteres nett anzuschauendes, sich vorzustellendes Bild, das aus dem Nichts kommt und dort wieder verschwindet, sinn- und funktionslos wie all die anderen Sachen.
Im Film, der als detailgetreue Wiedergabe des Buches verstanden wurde, verrät sich dann vollends die Quelle dieses Phantasiestreiches, deutlicher als im Text („like in battle“): das unter Mugglespielern allbekannte  Computerprogramm „Battle Chess“, das jeder mal irgendwann auf seinem PC hatte, um sich an den Agonien des mattgesetzten Königs zu erfreuen, an der blutrünstigen Enthauptung des Läufers oder um den Zauberkräften der Dame zuzuschauen, wie sie den geschlagenen Bauern unter Donner und Blitz verächtlich im Abgrund verschwinden läßt. Und was Battle Chess nicht leistete, das vollbringt Fritz nun schon seit Generationen, er gibt dem Spieler, wenn er es denn wünscht, Tips und Hinweise und warnt ihn vor schlechten Zügen, nicht anders als Harrys Figuren, die mit dessen anfänglichen Schachkünsten alles andere als zufrieden schienen: „He wasn’t a very good player yet and they (die Figuren) kept shouting different bits of advice at him, which was confusing: ‚Don’t send me there, can’t you see his knight? Send him, we can afford to lose him‘“ (147).
Nun, da Rowling plötzlich die Schachidee in den Sinn kam, taucht es auch hin und wieder auf, als Relikt, nicht mehr (150, 155), nur einmal erfahren wir noch, daß Hermione, die kleine Hexe und Rechenkünstlerin, nicht so gut im Schach war (159), was insofern Informationswert besitzt, da hiermit die Arbeitsteilung im finalen Kampf gegen das Böse angekündigt wird: Harry der Chef, Hermione die Logikerin, Ron der Schachspieler. Am Ende erhält Harrys Schule noch einmal 50 Belohnungspunkte in der kruden-behavioristischen  Konditionierungspädagogik – aber das ist schon wieder ein anderes Thema: die Pädagogik des Buches –  „for the best-played game of chess Hogwart has seen in many years“ (221).
Alles „gipfelt“ in der Jagd nach dem Stein und führt über das gigantische Schachbrettzimmer – vgl. Carroll: Alice im Wunderland. „They were standing on the edge of a huge chessboard, behind the black chessmen, which were all taller then they were and carved from what looked like black stone. Facing them, way across the chamber, were the white pieces. Harry, Ron and Hermione shivered slightly – the towering white chessmen had no faces. ‚Now what do we do?‘ Harry whispered. ‚It’s obvious, isn’t it?‘ said Ron. ‚We’ve got to play our way across the room.‘“ (204).
Das ehrt den guten Ron als fanatischen Schachspieler, schließlich hätte man es ja auch erstmal mit einfachem Durchschreiten des Raumes versuchen können, aber warum sich den Spaß nehmen, und uns Schachenthusiasten ist es eine Schadenfreude, Miss Rowling blundern zu sehen. Kurz, man übernimmt die Rolle von Figuren; Harry als Läufer, Hermione als Turm und Ron als Springer. Man lernt auch was über das Spiel: „White always plays first in chess“. Das Spiel beginnt, „a white pawn had moved forward two squares“, soweit ist noch alles in Ordnung, aber als Ron Harry, dem Läufer, zuruft: „Harry- move diagonally four squares to the right“ – vermutlich Lf8 – b4, aber als erster Zug? -, da wundert man sich schon. „Their first real shock came when their other knight was taken. The white queen smashed him to the floor and dragged him of the board, where he lay quite still, face down“ – Battle Chess läßt erneut grüßen.
Und so ging es weiter, „the white pieces showed no mercy“. Das hat zwar alles keinen internen Sinn, gibt aber ein paar schöne Bilder und Schnappschüsse ab. Ganz rührend und symbolträchtig: Ron opfert sich schließlich, um Harry den Weg frei zu machen, den gegnerischen König Matt zu setzen: „‘That‘s chess!‘ snapped Ron: You’ve got to make some sacrifices!“ und ich denke, wir greifen nicht zu weit, wenn wir das als Lebensmetapher interpretieren: manchmal muß man eben Opfer bringen. Die Stellung könnte in etwa so ausgesehen haben:

Ohne absurde Stellung ist die Erzählung nicht denkbar – Schwarz am Zug, Matt in zwei Zügen!

„I take one step forward and she’ll take me – that leaves you free to checkmate the king, Harry!“ Ron, der schwarze Springer opfert sich gegen die Dame, und Harry, der schwarzfeldrige Läufer, setzt Matt, während Hermione als Turm wie der Fels in der Brandung stehen bleibt und wichtige Fluchtfelder abdeckt. Ron „stepped forward and the white queen pounced. She struck Ron hard around the head with her stone arm and he crashed to the floor – Hermione screamed but stayed on her square – the white queen dragged Ron to one side. He looked as if he’d been knocked out. Shaking, Harry moved three spaces to the left. The white king took off his crown and threw it at Harry’s feet. They had won.“
Es sind so die kleinen verräterischen Details, die den Schachkenner stutzig machen und etwas an den schachlichen Fähigkeiten der Autorin zweifeln lassen, wenngleich sich dieses Halbwissen mittlerweile als allumfassend herausstellte. Da spricht sie von „spaces“ statt „squares“ und auch der Begriff „castle“ für den Turm (eigentlich rook) ist zumindest ungewöhnlich. Man kennt heutzutage lediglich „castling“ als rochieren, allerdings war „castle“ in England zu früheren Zeiten ein, wenn auch selten noch genutzter, bekannter Begriff. Auch im Detail scheint sich die Analyse zu bestätigen.

6 Gedanken zu “Die Welt nach Harry Potter

  1. JJA schreibt:

    Das Schlimme ist: Es bildet für viele wirklich den Interpretationsrahmen, quasi den herm. Schlüssel zum Verständnis der Welt. So wie auch die historische Bildung nur aus einigen Fetzen aus jenen zwölf Jahren besteht und diese somit auch alleiniger Bezugspunkt der eigenen Weltbetrachtung werden. Auf Twitter häufig zu beobachten. Unterboten wurde das zuletzt noch durch Impfwerbung mit Pokémon. (https://twitter.com/Kirboyyy/status/1476681173988519946)

    Das erinnert mich gerade an die alte Mönchsregel (altes ägyptisches Mönchstum, vielleicht 4. oder 5. Jh.): „Für alles, was du tust, suche ein Wort der heiligen Schrift.“ Nun, sie wurde abgelöst durch Pop-Trash.

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  2. RMPetersen schreibt:

    Ich verstehe die Empörung nicht.

    Ich höre da Neid durch. Der Geschmack der Leser ist nun einmal unergründlich. Das Marketing ist natürlich auch grandios, aber vorher kam der Erfolg beim Leser – nachdem die Experten bei X Verlagen die ersten Texte abgelehnt hatten.

    Gönnen Sie den Lesern doch das Vergnügen und der Autorin den Erfolg. Die nehmen Ihnen nichts weg.

    PS Ich habe wenig gelesen aus diesem Potter-Universum. Dass die Autorin bei den Genderisten angeeckt ist, macht sie mir noch sympathischer.

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  3. Michael B. schreibt:

    Auch „The Lord of the Rings“ mußte ich genervt in die Ecke werfen

    Das ging mir allerdings auch so, ziemliche sozusagen habituelle Schinken. Er hatte persoenliche Vorschusslorbeeren durch den Hobbit, aber speziell im zweiten Teil spuert man die Muehen der Ebenen in jeglicher Hinsicht… ich wollte eigentlich nur noch wissen, wie es ausgeht. Sicher sind die Buecher auch der Zeit geschuldet, in der sie geschrieben wurden.
    Tolkien hat aber noch andere Sachen auf Lager, wie z.B. die „Letters From Father Christmas“, die er ueber 20 Jahre an seine Kinder geschrieben hat. Mit kleinen Zeichnungen versehen. Gefaellt mir.

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  4. HansCastorp schreibt:

    Sie unterschätzen die Tatsache, dass es sich um ein Kinderbuch handelt, welches von wenigstens einer Generation in einem Alter gelesen wurde, in dem sie gerade lesen lernte. Und für diese Generation verleitete das Buch, ich meine das erste, selbstverständlich zum Lesen, und zwar auch von anderen Büchern, mit zunehmendem Alter dann wohl auch gehaltvolleren. Wer in dem Alter lesen konnte und wollte, blieb nicht bei Harry Potter stehen; wer es nicht konnte oder wollte, der wurde, falls er es denn mit Harry Potter probierte, für andere Literatur bestimmt nicht verdorben oder abgestumpft; es ist ein Kinderbuch, nicht mehr, und sollte ursprünglich nicht mehr sein.

    Etwas anderes dagegen ist die anhaltende Harry-Potter-Begeisterung nachfolgender oder gegenwärtiger Generationen, die sich an den Filmen entzündete und sich mit den Büchern schon gar nicht mehr aufhält. Das gleiche ließe sich aber über „Herr der Ringe“ und Tolkien sagen: Die Tatsache anhaltender Begeisterung, bei vielen heute allein basierend auf den Filmen, ist kein Einwand gegen das Buch.

    Ihre Interpretation des Romans selbst ist an einigen Stellen auch nicht korrekt. Etwa, dass Harry Potter berühmt werden wollte, egal wie. Das ist nicht der Fall, denn berühmt gemacht hat ihn der misslungene Mordversuch an ihm, der ihm seine Eltern genommen hat. Gerade in den ersten Büchern kommt dementsprechend sehr deutlich zum Ausdruck, dass er sich nichts sehnlicher als seine Eltern zurückwünscht.
    Im Übrigen ist JK Rowling Britin und das sehr selbstbewusst. Sie werden daher Schwierigkeiten haben, ihr oder dem Roman nachzuweisen, besonders amerikanisch sein zu wollen.

    Seidwalk: Meine Entgegnungen stehen im Artikel.

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  5. Michael B. schreibt:

    Sie sind ja ein richtig kleiner Potter-Hasser, @seidwalk 🙂

    Ich habe damals die ersten sieben Kapitel fuer die minderjaehrigen Toechter einer Freundin uebersetzt, weil die Frau Rowling geschaeftstuechtig die offizielle Uebersetzung erst ein Jahr spaeter erscheinen lassen wollte. War fuer mich inhaltlich OK. Heute schlaegt sie sich mit den woken Kinderschauspielern von damals herum, die sie undankbar anschmutzen. Ich schaetze ihre Wirbelsaeule, obwohl man mich mit dem latent Feministischen der Frau noch vor 10 Jahren haette jagen koennen. Na ja, jetzt haben wir andere Probleme und da halte ich es eher mit ihr.

    Zur Wirkung aber als Vergleich trotzdem: Mit Zehn bekam ich in unserer Fahrbuecherei den „Hobbit“ in die Haende. Illustriert von Ensikat. Ich hatte keine Ahnung zum Hintergrund, der ganze Hype war auch im Westen noch lange nicht losgetreten, das ganze Genre war unbekannt, zumindest im Osten. Ich vergass dann den Namen und Verfasser des Buches und habe es buchstaeblich Jahrzehnte gesucht, weil es dermassen Eindruck gemacht hatte. Immer wieder kamen mir Fetzen in den Sinn obwohl ich nicht festmachen konnte, warum. Das schreibe ich mir nun viel spaeter wahrscheinlich auch schoen: hellsichtiges Kind erkennt objektive Qualitaet und so weiter. Wer weiss, vielleicht geht es manchem mit Potter trotzdem auch so, da ist m.E. nicht nur Zusammengewuerfeltes drin. Obwohl etwas fehlt, das Vereinzelte, das Geheime auf freiem Feld stehende, auf dem nur die eigenen Gedanken und Fantasie einwirken, ohne das kontinuierliche Gebloeke, die geschaftstuechtigen Vergewaltigungen durch Meinung und Bilder von aussen. Da gab es im Fall HP nie Zeit allein fuer den einzelnen Leser.

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    • Wenn Sie es nicht weitersagen, dann gestehe ich Ihnen etwas. Man will ja nicht exkommuniziert werden …
      Auch „The Lord of the Rings“ mußte ich genervt in die Ecke werfen, so nach zwei-dreihundert Seiten, weil ich und-dann-Geschichten einfach nicht ausstehen kann. Ich las es damals in der ersten Welle, nach dem Film, den ich allerdings auch nicht gesehen hatte. Auch der war negativ besetzt. Ich ging damals mit meiner kleinen Tochter ins Kino, ich glaube, wir wollten „König der Löwen“ anschauen, P6, und plötzlich rannten im Werbeblock tausende kreischende, grunzende, quiekende, die Zähne fletschende, sabbernde Orks auf uns zu – das war komplett überwältigend. So große Kulleraugen, so viel Liebe, so viel Hakuna Matata gab es auf der ganzen Welt nicht, um diesen Schock zu verwinden.

      Es gibt also eine gewisse Aversion gegen Tolkiens Werke. Wir standen trotzdem in Oxford im Exeter College vor Plakette und Büste und hörten uns die stolzen Worte des Guides an. Ich zweifelte seither ganz einfach an der literarischen Größe dieses heute auch in rechten Zirkeln zum Ahnherrn Erhobenen. David Engels hatte ihn ja neu aufs Piedestal gehoben und sogar Kubitschek schwärmte von der Lektüre. Ich fand die Erzählung öde, zu additiv und ohne wirkliche Raffinesse. Allerdings werde ich im zweiten Leben noch einmal den Versuch unternehmen – vielleicht hatte ich einfach nur schlechte Laune.

      Nur wenige hundert Meter vom Exeter entfernt, sah man das kleine Fenster in Christ Church, aus dem Lewis Carroll nach kleinen Mädchen Ausschau gehalten hatte. Das war ein wirklicher Meister! Von dem habe ich alles verschlungen und die Alice-Geschichten sind ins englische Tiefenbewußtsein eingedrungen.

      Oder nehmen Sie den von Ihnen letztens ins Spiel gebrachten C.S. Lewis, der war am Magdalen College, wo wir manchmal Schach gegen University V oder VI spielten. Dessen Narnia ist grandios, wenn auch die etwas didaktische christliche Symbolik durchscheint. Auch seine Perelandra-Trilogie habe ich gern gelesen – es ist also nicht die generelle Ablehnung gegen das Genre. Lewis theologische Arbeiten, etwa über den Schmerz oder über die Wunder sind ganz genuine Denkbeiträge mit mitunter schockierenden Konsequenzen. Immerhin lernt man dort, daß seine Phantasie keine quantitativ gespeiste, sondern eine qualitative ist.

      Von daher hatte Rowling bei mir tatsächlich keine guten Karten. Wurde das nicht sogar auch in Oxford gedreht? OMG! – das sind heute heilige Schreine für deutsche Schulklassen: https://www.silverscreen.tours/de/touren/spuren-von-harry-potter-in-oxford/
      (Wenn ich die Bilder sehe, dann blutet mein Herz: neben „Alice’s-Shop“, das Antiquariat … wie oft war ich da drin? Covered Market, da kam meine Frau nie dran vorbei, und dann das Ambiente, die Geschichte …)

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