Meditationen über das Fremde


Diese Fremdheit dem Russen, dem Sowjetmenschen, dem Kommunisten, dem Slawen oder „dem Asiaten“ gegenüber schien Márai vollkommen überrumpelt zu haben, die Intensität der Auseinandersetzung deutet auf einen genuinen Schock hin. Es gelingt ihm noch nicht mal, den Fremden, den Anderen begrifflich zu fixieren, weswegen er immer wieder zwischen den Zuschreibungen wechselt und sich ständig fragt, welches der Attribute nun das dominante sei.

In unseren Zeiten muß man vielleicht ein paar Worte sagen, bevor man sich auf Márais Überlegungen einläßt. Er zählt zu den großen humanistischen Autoren der Epoche, jegliche Form von „Diskriminierung“ oder „Rassismus“ – unter solchen Kategorien würden seine Auslassungen vermutlich heute behandelt werden – waren ihm vollkommen fremd. Es gab sicher einen gewissen snobistischen Zug an ihm, eine selbstsichere Verwurzelung in der gesamten europäischen, vor allem aber der ungarischen und deutschen Kultur, eine hochkulturelle Blasiertheit, die sich bereits in seiner Physiognomie zeigt, ein Stolz auf sein jahrtausendealtes kulturelles Fundament, die Mehrsprachigkeit und kulturelle Flexibilität, auf die Fähigkeit, die kleinsten Differenzen genießen zu können und über die gesamte Klaviatur der Empfindsamkeit und das Vokabular zu verfügen, dies auszudrücken – eine Art kulturaristokratischer Haltung, die sich nur der überbordende innere Reichtum erlauben kann.

© Wikipedia

Insofern müssen ihm diese einfachen Männer in den schmutzigen Uniformen natürlich fremd gewesen sein, aber das würde keine andere Fremdheit sein, als die gegenüber den Pfeilkreuzlern etwa. Márai ringt hier um etwas ganz anderes.

Er schaut, ja er spürt „die Kluft“ in fast allem. Schon der erste Reiter, den er sieht, veranlaßt ihn festzustellen: „Im Galopp erhebt sich der russische Reiter nicht aus dem Sattel, sein Oberkörper lastet mit vollem Gewicht auf dem Tier, der Reiter haftete nahezu regungslos am Pferd.“ Die Beschreibung ist bedeutsam, denn sie weist auf ein Element des Russischen hin, das sich in vielerlei Form wiederholen wird: der verschleißende Weltzugang, das Fehlen des Konzeptes der Schonung und die fehlende Sensibilität anderen Lebewesen, Mensch und Tier, gegenüber. Und das selbst dann, wenn man der Meinung war, bereits eine Art persönlicher Beziehung hergestellt zu haben.

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Márais Haus und Fluchtort in Szentendre – dort lebte er mit Frau und Freunden. Anfang 1945 wurden 30 russische Soldaten nebst Werkstatt dort einquartiert

So wird etwa ein Bett eines Bewohners komplett zertrümmert, um ein kleines Ersatzteil zu gewinnen, das viel einfacher anderswo zu haben gewesen wäre, aber das Bett lag nun mal zur Hand – daß jemand nun auf dem blanken Boden schlafen müsse, war keine Überlegung wert. Oder das Beute-Verhalten. Daß im Krieg geplündert wird, nimmt Márai stoisch in Kauf, aber daß man erst bei einer vornehmen Familie diniert – natürlich nur die Offiziere –, sich mit Handkuß verabschiedet, um danach die bewaffnete Truppe ins Haus zu schicken, die Wertgegenstände zu rauben, das bleibt unverständlich. Ein jüdischer Bekannter gibt sich einem russischen Soldaten als Jude zu erkennen. Dieser ist selbst Jude, umarmt und küßt den Glaubensgefährten mit Tränen in den Augen, um ihn danach mit gezückter Waffe an die Wand zu stellen und Uhr und Geld zu stehlen. Sind das gewöhnliche Kriegsverrohungen oder steckt etwas typisch Russisches dahinter? Man begann jedenfalls zu „argwöhnen, daß mit den Russen etwas nicht stimme“.

Márai und die Ungarn konnten sich kein Bild machen und also keinerlei Vertrauen aufbauen: „Sie waren kindlich, manchmal wild, manchmal gereizt und traurig; und immer unberechenbar.“ Und diese Unberechenbarkeit war kulturell bedingt (was den Text heute so brisant macht): „Wenn ich einem Westler gegenüberstehe, einem Franzosen, einem Engländer oder Deutschen, kann ich mir unabhängig von seiner Persönlichkeit ungefähr die Reflexe ersten Grades berechnen, die sich aus der Situation und dem Augenblick ergeben. Die der Russen konnte ich nie berechnen, die Reflexe zweiten und dritten Grades noch viel weniger.“ Es ist eben nicht egal, ob der Einwanderer oder Eindringling europäisch oder arabisch, afrikanisch oder asiatisch sozialisiert wurde – es gibt volkhafte Verhaltensunterschiede und solange es diese gibt, muß man von der Existenz von Völkern ausgehen, so volatil der Begriff auch sein mag.

Begreifen konnte Márai den Unterschied – der natürlich dennoch nur ein relativ geringer kultureller ist – nicht, aber konstatieren: „Doch auch solche Begegnungen konnten mich nicht aufklären über das ,andere‘, das ich den Russen anmerkte und das sie von den Westlern unterschied. Denn diesen Unterschied gab es. Er war nicht so groß wie zu den Hindus oder Chinesen – aber mit Sicherheit antwortet ein deutscher Bauer, ein englischer Monteur, ein französischer Tierarzt oder ein italienischer Anstreicher auf die vorrangigen Lebensfragen verhältnismäßig anders als ein russischer.“

Man kann Márai von einer gewissen Affektivität – trotz des disziplinierten Versuches, objektiv zu bleiben – wohl nicht freisprechen: „Kürzlich habe ich meine Notizen überflogen, und ich kann auch jetzt nur sagen, was ich damals öfters bemerkt hatte: daß die Russen ,anders‘ sind und etwas an sich haben, das jemand mit westlicher Erziehung nicht versteht. Dieses ,andere‘ ist nichts, was ich kritisieren oder bewerten oder herabwürdigen möchte. Ich stelle es einfach fest.“ Das Fremdsein war ihm in den Habitus eingegangen: „Ich vermeinte, im Dunkel das fremde, gleichgültige junge Gesicht zu sehen. Es war nicht unsympathisch, aber es war auf unheimliche Weise fremd.“

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„meine“ Ausgabe

Da er „den Russen“ nicht zu fassen bekommt, versucht er eine andere Erklärung. „War es tatsächlich der ,Sowjetmensch‘, also ein neuartiges, gezüchtetes, konditioniertes Mischwesen, das die Welt und den Menschen aus einem anderen Blickwinkel wahrnahm?“ Vermutlich war beides Bedingung für ihre relative Kulturlosigkeit. „Alle sprachen sie in andächtigem Ton von der ,narodnaja kultura‘, der Kultur des Volkes, und von ihrer Nationalkultur, manche sehr aufdringlich, doch ich mußte feststellen, daß sie keine Ahnung hatten, was ,Kultur‘ überhaupt bedeutet. Sie verwechselten die Kultur mit fachlichem, technischem Wissen. Aber der Kulturbegriff faszinierte sie ebenso wie das ,Schreiben‘“.

Dabei war die Rote Armee auf ihre Art und Weise effizient, allerdings eher durch „rohe Gewalt“, durch Masse: „Wenn die motorisierten deutschen Truppen kamen, dann immer, als hätten die Krupp-Werke sie losgeschickt; sogar die Gulaschkanonen dampften, als wären Kanonenrohre für sie zweckentfremdet worden. Die Russen hatten alles, was sie zur Kriegsführung benötigten, aber dieses ,alles‘ war anders, nicht so maschinell, nicht so perfekt, eher, als hätte sich ein gigantischer, furchterregender, geheimnisvoller östlicher Wanderzirkus auf Reisen begeben, aus weiten Fernen, aus dem fernen Osten aus Rußland.“ Es war, vermutete Márai, die „Kriegserfahrung Dschingis-Khans, der Tataren, der Goldenen Horde“, die sich darin widerspiegelte und vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb die Ungarn so affektiv reagierten, möglicherweise läßt sich der Aufstand von 1956 noch aus diesen Gefühls-Gründen miterklären.

Oder sind es Generationenfragen? Márai macht gravierende Unterschiede zwischen den jüngeren und älteren Soldaten aus. Die Jüngeren waren bereits Erziehungserfolge der „pädagogischen Ausbildungsstätten der marxistisch-leninistischen Weltanschauung“, die älteren hingegen „hatten die russischen Grundbegriffe der humanistischen Bildung und Kultur noch innerhalb der Familie erlebt“, dort überlebte noch das „sympathische Phänomen: der russische Mensch“. Das eigentlich Russische muß man also unter der realsozialistischen Verpanzerung suchen. Die Jüngeren hingegen „waren so gut wie nicht belesen, und ihre Grobheit, ihr zuweilen grausames, seelenloses Verhalten bewies mir, daß in ihren Seelen die Reflexe der ererbten Kultur abgestorben waren.“  

Auch die Armut und die fehlende Bildung zieht Márai ins Kalkül. Man konnte das an den Raubzügen gut nachvollziehen: sie raubten und plünderten wie die Elstern, nahmen alles mit, was glitzerte ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Wert, ohne Kenntnis. Sie kannten nie etwas anderes, weder zu Hause noch bei der Truppe, als bittere, schmutzige Armut und hatten daher keinerlei Sensorium für das Schöne. Die rohe Unkultiviertheit schien keine Grenzen zu kennen, etwa wenn sie fraßen wie die Tiere, und Márai „beobachtete das seltsame Bild an vielen Tagen und versuchte herauszufinden, was daran auf die Kriegsnot zurückzuführen und was ,russisch‘ war, geprägt von der Freudlosigkeit des russischen Lebens und der Abgestumpftheit, der Schlampigkeit des Sowjetmenschen.“ 

Im Haus lag eine amerikanische Illustrierte herum – lesen konnten sie es nicht und auch die Karikaturen verstanden sie nicht, aber wie gebannt starrten sie auf die „Werbeanzeigen für elektrische Kühlschränke, Herrenschuhe aus Antilopenleder, Tennisschläger neuen Zuschnitts, Hosenträger aus Gamsleder, Schmuckspezialitäten, die ganze aphrodisische Zivilisation, wie Bergson es ausdrückt. Es war das Erlebnis von Auswahl und Qualität …“, sie sahen, „was über das Benötigte hinaus alles möglich ist“ und wurden sichtbar nachdenklich.

Oder ist es etwa das Slawische, daß ihm diese Menschen so unbegreiflich macht? „… jetzt waren wir alle, die wir als Ungarn geboren worden waren, in Gefahr, denn die Slawen waren gekommen. Bisher waren sie eher ein Mythos gewesen, eine historische Schattenwolke, irgendwo weit weg, jetzt befanden sie sich im Land eines Volkes, dessen Sprache sie nicht verstanden, das einen anderen Glauben und eine andere Lebensart hatte, das so ,anders‘ war, ungarisch eben, nicht slawisch. In der Ankunft der Slawen lag etwas Beängstigendes.“ Reglos und emotionslos sehen sie zu, wie einer ihrer Monteure sich versehentlich mit Brennstoff übergießt und als lebende Fackel sich am Boden wälzt – „wieder kehrte sich in ihrem Verhalten jenes ,andere‘ hervor, dem wir, die wir keine Slawen sind, mit unseren Empfindungen und Gedanken nicht folgen können.

Und was wäre gewesen – spinnt Márai diesen Faden ins Historische weiter – wenn der Heilige Stephan die magyarischen Völker an Byzanz – was machtpolitisch und auch ethnisch viel einleuchtender gewesen wäre, die dynastischen Beziehungen bestanden bereits – und nicht an das schwache Rom gebunden hätte? Dann, so mutmaßt er, wäre das distinkte kleine Volk der Ungarn, „in seiner ungeheuren Einsamkeit unter den Völkern“, längst im riesigen Völkerschmelztiegel des Ostens verloren gegangen, nur das römische Christentum konnte ihm seine Apartheid gewähren – Stephans Genie zeige sich in solchen Instinktentscheidungen.

Der religiöse Unterschied will also auch noch bedacht werden. Es entgeht Márai nicht, daß die ungarischen Serben, die Raizen, speziell deren Popen, einen ganz anderen Zugang zu den Russen finden, daß es eine instinktiv gefühlte Nähe, eine „Stammesverwandtschaft“[1], eine Zusammenarbeit, gibt – die freilich wegen der Roheit und Unkultiviertheit der sowjetischen Soldaten und dem weitverbreiteten Atheismus bald abkühlt.

Sogar die verschiedenen Schriftsysteme hatten zur Entfremdung beigetragen.

Das Fazit war ernüchternd: obwohl man viele Tage in schwierigen Zeiten neben- und miteinander verbringen mußte, kam man sich seelisch nicht näher: „Wir lebten mit den dreißig Männern wochenlang zusammen wie Tiere in einem Pferch, wir fraßen sozusagen aus einem Eimer und schliefen auf dem demselben Stroh, wir wuschen und kochten für sie, wir halfen ihnen bei der Arbeit; aber nie hatte ich das Gefühl, wir gingen einander etwas an.“ Oder: „Gelegentlich bemerkte ich in ihren Blicken und Worten Anteilnahme. Nur die Fremdheit vermochten wir nie, auch nicht in den intimsten Situationen zu überwinden.“ „Ihr Kommen, ihre Besuche, ihr Gehen, alles um sie herum war so unverständlich und unberechenbar.“

Und übrigens bemerkt Márai diese volksseelischen Unterschiede sogar in der Truppe. Selbst dort haben die gebürtigen Russen mit den Usbeken und Tadschiken nichts zu tun, selbst dort ziehen sich die Ukrainer zurück, selbst dort suchen sich die gläubigen Juden oder Muslime ihre abgeschotteten Freiräume, selbst dort herrscht überall Differenz und Mißtrauen, das vom allgegenwärtigen Überwachungsapparat noch verstärkt wurde. Wer unter den Männern der GPU-Mann war, das blieb dem sensiblen Beobachter verborgen.

Man konnte ihnen auch selten vertrauen, Márai hatte schnell gelernt, daß alles, was ein Russe dem Fremden erzählte, mit Zurückhaltung“ genommen werden mußte, „denn sie sagten selten die Wahrheit. Sie machten sich geradezu einen Spaß daraus, uns, die westlichen Bourgeois, hinters Licht zu führen.“ „Sie waren durchtrieben, verschlagen, schlau auf eine spöttische und schadenfrohe Weise; sie freuten sich, wenn sie uns ,Westler‘ hinters Licht führen konnten. Ich hatte damals mit vielen Russen zu tun, manchmal auch später, aber nie ist es passiert, daß ein Russe, der sich etwas auslieh und versprach, das Geliehene – Werkzeug, Bücher, mochten die Dinge noch so wertlos sein – zurückzugeben, sein Versprechen auch hielt. Und wenn wir ihn erinnerten, lachte er uns fröhlich ins Gesicht, na also, ich bin gescheiter als ihr, ich habe euch aufs Glatteis geführt.“

Selbst ihr Spielverständnis war ein anderes, sie spielten gern, aber „ohne die Bewußtheit des Homo ludens, ohne den verfeinerten Reflex der Commedia dell’arte“.

Márai resigniert letztlich vor dieser „barbarie puante“, in einem stillen Moment begreift er: „daß diese Menschen mit ihrem Wesen und Verhalten mir nicht nur unabänderlich widerstrebten, sondern auch leid taten.“

Und auf dieser Note endete auch die Beziehung. Von einem Tag auf den anderen packten sie ihre Sachen und zogen einfach davon, und kein einziger von den dreißig Männern kam auch nur auf die Idee, sich zu verabschieden oder gar zu bedanken, ja, sie schauten nicht einmal zurück. Nur der lesehungrige Ukrainer wandte sich noch einmal an den Schriftsteller und schüttete ihm seinen Haß vor dem russischen Leben vor die Füße.

Der ständig arbeitende Kopf des Intellektuellen versucht abschließend die Frage noch einmal aus anderer Perspektive zu betrachten: „War es möglich, daß diese Menschen aus dem Osten mit den ersten barbarischen Regungen eines neuen Lebensgefühls nicht nur zerstörten, sondern auch etwas brachten?“ und wenn ja, was? Márais Antwort steht auch unter dem Leseeindruck Spenglers, dessen „Untergang des Abendlandes“ ihm eine „unsichtbare Hand“ als gerade kongeniale Lektüre zugespielt hatte. Er ahnt, daß die Antwort keine schnelle sein kann, daß sie vielleicht Jahrhunderte braucht, aber vorerst galt: „daß der Osten kein Stimulans für die westliche Kultur bereithält.“ All ihr Denken und Sein beruhe auf „anderen Raumbegriffen“: „Der russische Raum, dann die andere Dimension, das russische Elend – mitsamt seinem ganzen Leid –, und schließlich das flexiblere Zeitgefühl des östlichen Menschen.“ „Den östlichen Menschen umgibt immer etwas Unpersönliches, und das ist ebenso ein Raum, in den er eintauchen und sich zurückziehen kann.“

Der Westen sei auf einem permanenten Vorwärts aufgebaut und an Hitlers Niederlage hatte man das letzte historische Beispiel: „Hitler und die anderen westlichen Diktatoren waren gezwungen, sich vorwärts zu bewegen; das Zurückweichen oder auch nur der Stillstand waren für sie gleichbedeutend mit der Vernichtung. Aber die Russen – und die Chinesen und die aus dem Osten schlechthin – haben innere Räume, in die man ihnen nur schwer folgen kann. Das ist ihre Stärke, aber es ist auch ihre Schwäche. Die Menschen, die ich in diesen Wochen kennengelernt und dann in vielfältigen Abwandlungen gesehen habe, waren dem Anschein nach genau wie die aus dem Westen – und doch deckte sich ihr Persönlichkeitsbewußtsein nicht mit dem des westlichen Menschen. … Die Kluft, in die ich blickte – der Abgrund zwischen dem Persönlichkeitsbewußtsein des östlichen und des westlichen Menschen –, war wirklich ein Erlebnis.“

Und wir, die Leser, können heilfroh und dankbar sein, daß wir daran teilnehmen konnten.

Nun wäre es ein Leichtes, gerade für den heutigen jungen Leser, laut und voller Abscheu zu rufen: Das sind nur Ressentiments! Unzulässige Generalisierungen! Jeder Mensch ist einzigartig! Das ist gar Rassismus oder Haß und Hetze! Aber jeder passionierte Márai-Leser weiß, daß das Unsinn ist. Der Mann und Künstler war ein Humanist im antiquierten Sinne, so außergewöhnlich mitmenschlich und einfühlsam, daß man als moderner Barbar fasst peinlich berührt ist, diese alte, edle Vokabel noch zu nutzen. Man sollte Márais präzise Beobachtungen viel mehr zum Anlaß nehmen, erneut über das Fremde – vor diesem erzhumanistischen Hintergrund – nachzudenken. Und überhaupt, ist das, was er beschreibt, nicht schon viele Male andernorts beschrieben worden, nicht zuletzt von den großen Russen selbst? Man lese Gontscharow oder Gogol, Dostojewski oder Tschechow und vor allem auch Gorki selbst, „der große offizielle Schriftsteller“ auch für die Soldaten, und man wird dort Menschen dieses Schlages finden und zwar durch die Jahrhunderte hindurch.

Oder hat Tiziano Terzani, der unbestechliche Beobachter, auf seiner Reise auf dem Amur – rechts Rußland, links China – nicht exakt diese Besonderheiten beschrieben? Und hat nicht jeder selber ein paar Geschichten bereit, von Leuten, die in Rußland gearbeitet haben. Ich kenne etwa einen Ingenieur, der hatte eine Zuckerfabrik irgendwo in der ewigen Weite aufgebaut, viele Millionen Valuta, Hochglanz, alles westliche Technik und fand sie zehn Jahre später von Wildwuchs überwuchert. Ein anderer berichtete von Neubaublöcken mit Fernheizung – wenig später ragte und rauchte aus jedem Fenster das Ofenrohr eines Eisenkamins usw. Während „der Deutsche“ ein Problem oft ursächlich angehen möchte, beherrscht „der Russe“ oft das Symptom-Management … Beides funktioniert, beides hat Vor- und Nachteile, beides kann man gut oder schlecht, klug oder dumm finden. Tatsache ist: der Unterschied ist real.

Und daraus sollte man historisch lernen.

[1] Im Original steht hier „faji rokonság“ und „faj“ ist die „Rasse“, so daß man dies auch mit „rassischer Verwandtschaft“ hätte übersetzen könnte, vielleicht sollen.

4 Gedanken zu “Meditationen über das Fremde

  1. Niavis schreibt:

    Danke für die Empfehlung.
    Die Ausschnitte erinnern mich entfernt an die Erzählungen aus Kolyma von Warlam Schalamow. Es geht um das pure Menschsein: Fremd und bizarr ohne irgendeine Ideologie oder Moral.

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  2. JJA schreibt:

    „…unter realsozialistischer Verpanzerung…“ Entschuldigen Sie, dass mich dieses Stichwort sofort vom eigentlichen Thema wegführt. Aber es ist ja in Sezessions- und AfD-Kreisen ein beliebtes Topos über den Ostdeutschen zu sprechen, oder über die Sachsen im Besonderen. Da übertrifft man sich stets in den Lobhuldigungen (und ich denke, vieles ist zutreffend). Mich würde interessieren, ob Sie die Generationsunterschiede zwischen denen, die noch vor der DDR sozialisiert wurden, und jenen, die in ihr aufgewachsen sind, ebenfalls feststellen konnten. Auch sehe ich eine gewisse durch den Sozialismus bedingte Verrohung. Vielleicht ist das auch der Blick des Städters, aber gerade auf dem flachen Land… Nun, Frau Kositza berichtet ja auch regelmäßig von dem volltätowierten Publikum am Querfurter See. Sowas kenne ich im Westen nicht in diesem Maß. Ist das ein Phänomen des Sozialismus? Oder gerade der Nachwendezeit, die die Menschen noch jener Surrogatsidentität beraubt hat, ohne ihnen eine andere zu geben?

    Danke für die spannenden Einblicke! Zu den Anekdoten: Ja, von Russen wurde es mir selbst bestätigt, z.B. bzgl des Themas „Müll im öffentlichen Raum“. Dass man selbst vielleicht am nächsten Tag wieder in jenem Park (und nur ungern zwischen Müllhaufen) sitzen möchte, ist für heute nicht unbedingt handlungsbestimmend…

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    • Leute, die noch vor der DDR sozialisiert wurden, kenne ich kaum noch. Das ist ja die Großvätergeneration. Die Vätergeneration, die vielleicht den Krieg und Hitlerdeutschland noch aus der Kindheit/Jugend kannten, kann man wohl mit zu den DDR-Sozialisierten zählen. Sie haben eine eigene Reeducation durchgemacht.

      Von deren Eltern erinnere ich nur noch eine andere Härte gegen sich selbst, eine innere Disziplin und Aufrichtigkeit. Das war wohl das Ergebnis aus „autoritärer“ Erziehung und Armutserfahrung plus Krieg und Militär oder Vertreibung. Diese Leute hatten noch wirklich was durchgemacht. Wenn sie gebildet waren, dann klassisch. Die Klassikergläubigkeit im Osten (Marx/Engels/Lenin) war vermutlich auch eine Fortführung des Goethe/Schiller-Kultes.

      Für Sachsen kann man ganz sicher eine gewisse mentale Kontinuität nachweisen, die weit zurückreicht und noch immer nachwirkt. Das war in „Warum Sachsen?“ und „Warum der Osten“ angedeutet worden. Anzunehmen, daß das mit anderen proletarischen, lokalkulturellen und identitätsstarken Gegenden vergleichbar ist.

      Klicke, um auf warum-der-osten-blog-1.pdf zuzugreifen

      „Verrohung“ – kann man viel drüber sagen. Wird oft im Westen so empfunden, weil man es nicht mehr gewöhnt ist, direkt die Meinung gesagt zu bekommen. Was roh erscheint, ist oft ein offenerer Zugang zur Realität und eine mangelnde Scheu vor Unsagbarem. Aber selbstverständlich gab es auch Verrohungsprozesse – typisch etwa die Hooliganszene in der DDR, die noch heute ihre Blüten treibt.

      Wie sehr Gesellschaften Verhalten prägen, sieht man hier in Ungarn. Wir waren gerade auf einem Konzert der Gruppe „Edda Művek“ – eine Welt wie aus dem Geschichtsbuch. Friedlich, anständig, Eltern mit Kindern in der Mitte, kaum Alkohol, kaum Müll, keine Freaks, keine Notwendigkeit, zu schauen und vorsichtig zu sein … Erinnert mich immer wieder an die DDR von ihrer besseren Seite.

      Großes Thema, kann ich hier nicht abhandeln. Andere haben vermutlich auch andere Erfahrungen.

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  3. Michael B. schreibt:

    Dostojewski […] vor allem auch Gorki selbst […] und man wird dort Menschen dieses Schlages finden und zwar durch die Jahrhunderte hindurch

    An diese Beiden dachte ich beim Lesen die ganze Zeit. Speziell Gorkis Autobiographie und seiner Beschreibung des aberglaeubigen, viehischen Baeuerlichen und Provinzstaedter in den ersten beiden Teilen (keine Rangordnung, bei Gogol und Dostojewski kommen noch andere Facetten in das Bild). Das hat einige Entsprechungen in Marais Ueberlegungen. Insofern reduziert sich die vermutete spezifische Sowjetkomponente im Vergleich mit dem aelteren Vorhandenen.

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