Alles Makulatur

Zuletzt erkennen auch immer mehr Marxisten und sonstige Ideologen, die im 20. Jahrhundert hängengeblieben sind, daß ihre abstrakten Debatten und Fragen in einem kaum bewußten kulturellen Resonanzraum stattfanden, der mit dem Großen Austausch vernichtet wird. (Martin Sellner)

Irgendwann im Herbst 2015, als die Meldungen sich überschlugen, tagtäglich neue phantastische Zahlen von Menschen, die die Landesgrenze meist unkontrolliert überschritten hatten, genannt wurden, dazu Bilder scheinbar endloser Menschenschlangen und –mengen, die auf Autobahnen oder über Felder liefen, an Grenzstationen in großen Trauben hängen blieben, während offenbar verrückt Gewordene die Massen mit Heilsgesängen, Blumen, Teddybären und Tonnen an Altkleidern empfingen, irgendwann in dieser Zeit, saß ich mit meiner Frau – mit der ich damals jeden Tag, jede Stunde dieses eine Thema immer und immer wieder und immer fassungsloser besprach – im Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Decke mit einer wunderschönen Buchtapete – in sechs europäischen Sprachen – ausgekleidet ist, an der seit Jahren der Blick mindestens ein Mal am Tag liebe- und auch ein wenig vorwurfsvoll – Warum hast du keine Zeit mehr für Fontane? Wie lang willst du den Goethe noch hinausschieben? Du wagst es, über skandinavische Literatur zu schreiben und hast den Olav Duun noch immer nicht gelesen! … – entlang glitt, und sagte plötzlich zu ihr, auf die Regale weisend: Das ist alles Makulatur!

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Worum es geht

Wer nicht von dreitausend Jahren
sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkeln unerfahren,
mag von Tag zu Tage leben. Goethe

Um mit der Tür ins Haus zu fallen: 25 Jahre deutsche Einheit, 100 Jahre Demokratie, 250 Jahre Aufklärung, 350/450 Jahre Religionsfrieden, 1000 Jahre deutsche Geschichte, 2000 Jahre christliche Geschichte, 2500 Jahre europäische Zivilisation stehen auf dem Spiel, der Abbruch dieser Traditionen wird riskiert und wird stattfinden, wenn … Mit Worten, die uns aus der Wetterprognose und dem Klimawandel bekannt sind: das ist die größte europäische und nationale Krise seit Beginn der Aufzeichnungen.

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Islam in homöopathischen Dosen

In regelmäßigen Abständen beglücken uns die Zeitungen mit Meinungen zur Homöopathie – neun „Das-ist-alles-Humbug“-Artikeln steht vielleicht eine bejahende Studie oder ein Erfahrungsbericht entgegen (Beispiele unten).  Die Hauptargumente sind immer die gleichen: Placebo und „Da ist doch nichts drin“. Die Alltagsrealität sieht anders aus: Millionen Menschen (und Tiere) fühlen sich geheilt.

Wer so argumentiert, stellt nur unter Beweis, daß er von der Homöopathie nicht das Geringste verstanden hat. Allopathie denkt körperphysikalisch, chemisch und vor allem kausal, für die Homöopathie ist die Abwesenheit des Materiellen aber essentiell, es ist die Verabschiedung des chemo-physikalischen Materialismus. Die zugrundeliegende Signaturenlehre – Similia similibus currentur – gehört zu den kultur- und zeitübergreifenden Weisheiten der Menschheit. Sie fragt weniger nach dem Warum als nach dem Wozu, sie heilt den Menschen im „entelechalen Sog“ seiner Individualität, sie erkundet das „Wesens-Werdeziel“. Das sind Begriffe, die Herbert Fritsche, der bedeutendste deutsche Homöopathie-Philosoph entworfen hat und der die Homöopathie in mehreren Anläufen bis zur „Homöopathie Divina“ verallgemeinerte.

Doch die Homöopathie ist im Moment unser kleinstes Problem. Und trotzdem wirft sich die medizinisch-journalistische Fortschrittspartei, die Berufsrationalisten, immer wieder mit Furor auf sie, um sie zu diskreditieren. Dabei stecken die eklatantesten metaphysischen Auswüchse in ganz anderen Büchern und Lehren. Zum Beispiel im Koran und im Islam. Warum wohl hat sich noch niemand der Entzauberer auf dieses dankbare Ziel eingeschossen?

Nehmen wir etwa die Frage der Engel. Daß es sie gibt, belegt der Koran selbst – schönes Zirkelargument – und also ist jeder Muslim, der einer sein will, verpflichtet, daran zu glauben. Auch an die verschiedenen Typen der Engel. Sie sind aus reinem Licht erschaffen, sind frei von menschlichen Bedürfnissen und Eigenschaften, müssen nicht essen noch trinken, mögen aber Knoblauch- und Zwiebelmundgeruch nicht und auch keine Hunde.

Da gibt es Gabriel, den Oberengel mit mehr als 600 Flügeln, der zu Mohammed gesandt wurde und den Koran brachte. Oder Michael, der sich um Regen und Pflanzen kümmert. Oder Israfil, dessen Aufgabe es ist, am jüngsten Tag die Posaune zu blasen – was er in der Zwischenzeit so treibt, wissen wir nicht. Anders bei Azrail, der immer viel zu tun hat, denn er ist der Todesengel und zieht die Seele aus dem Körper. Ganz allein schafft er das nicht, weswegen er „Helferengel“ zur Seite hat. Davon wiederum gibt es zwei Arten: die Engel der Barmherzigkeit und die Engel der Bestrafung.

Ridwan ist so eine Art Gärtner im Paradiesgarten und zugleich Chef der „Dienerengel“. Sie dienen den Paradiesbewohnern, also, wie manche glauben, den Selbstmordattentätern oder aber auch den wahren und gläubigen Muslimen. Nicht weniger als 8000 – manchmal liest man 80000 – solcher Diener sollen jeden einzelnen Paradiesbewohner bedienen – im Hier und Jetzt hätte man schon Probleme, sich überhaupt hundert Bedürfnisse auszudenken: ich komme nur bis 72.

Auch wenn Engel per definitionem weder das Böse kennen noch tun, arbeiten die „Wärterengel der Hölle“ im Dauerdienst, um das Höllenfeuer am Glühen zu halten und darauf zu achten, daß die Verdammten dieser Erde den Flammen nicht entkommen. Ihrer gibt es – jemand hat das exakt gezählt – 19 an der Zahl. Und um es nicht ausufern zu lassen, erwähne ich nur noch die „ehrenwerten Schreiberengel“, die auf Ihren Schultern sitzen, etwas ausführlicher, die jeden Menschen begleiten – also auch Sie, lieber Leser, liebe Leserin – und die guten und bösen Taten in ein Buch einschreiben, das „Buch der Taten“, das Allah am Tag des Jüngsten Gerichts studieren wird, um den Daumen zu heben oder zu senken. Erstes Kapitel dürfte die Frage sein: Hast du diese Phantastereien bzw. Offenbarungen auch alle geglaubt?

Und nicht nur an das: auch an den Mutterleibengel, der das Geschlecht bestimmt, den „Engel der Berge“, der die Berge beaufsichtigt – wozu eigentlich? –, die „umherziehenden Engel“, die die an Mohammed gesandten Segens- und Friedenswünsche der Gläubigen sammeln, die „Engel des Bittgebets“, die „Engel des Aufsteigens“, die „Befragenden Engel“ usw.

Von den Djinn – aus rauchfreiem Feuer geschaffen, darunter Muslime, Christen und Juden, Gläubige und Ungläubige – und Teufeln, die noch komplizierter sind, soll der Ermüdung wegen hier geschwiegen werden.

Nun, das ist Religion, ist Glaube ohne Aber und muß daher geschützt und respektiert und geachtet werden und frei gelebt werden können … Trotzdem, so scheint mir, sollte das Berufsrationalisten beunruhigen, aber um derartiges zu erfahren, muß man schon die islamischen Klassiker lesen und nicht die Presse.

Homöopathen sind in der Regel sehr friedliche Zeitgenossen, sie sind ein dankbares Ziel …

Freiwillige vor!

Quellen:
Herbert Fritsche:
Samuel Hahnemann. Idee und Wirklichkeit der Homöopathie
Der Erstgeborene. Ein Bild des Menschen
Die Erhöhung der Schlange. Mysterium, Menschenbild und Mirakel homöopathischer Heilkunde
Die unbekannten GesundheitenVom therapeutischen Eros
IATROSOPHIA – Metabiologische Heilung und Selbstheilung
Ahmad A. Reidegeld: Handbuch Islam. Die Glaubens- und Rechtslehre der Muslime
Der Koran

Homöopathie als Gegner in: Focus, Welt, Zeit, Süddeutsche, Spiegel. …

Selbstanalyse

Das ist der 200. Artikel auf diesem Blog.

Eigentlich wollte ich in aller Ruhe und in aller Ausführlichkeit ein Buch über den außergewöhnlichen und seltsamen Denker, Heilpraktiker, Homöopathen, ZoologenEsoteriker, Lyriker und Sonderling Herbert Fritsche schreiben. Doch schon im Sommer letzten Jahres ging mir die Konzentration mehr und mehr verloren, zogen die Ereignisse an den Grenzen und auf den Landstraßen Europas, bald darauf auch die chaotischen Zustände in Deutschland alle Aufmerksamkeit auf sich. Schnell war klar: es geht um unser aller Zukunft, es geht um Sein oder Nichtsein. Fritsche, der im seligen Jahre 1961 verstorben war und auf einem ganz anderen Planeten lebte, konnte darauf keine Antwort geben: Demographie, Demokratie, Islam, Integration.

Mit jedem Tag stieg die Spannung. Freund- und Bekanntschaften wurden plötzlich brüchig, der Eindruck, von den meisten Medien manipuliert zu werden, war nicht mehr wegzudiskutieren, das Land begann sich in zwei unversöhnliche Parteien zu spalten, der Dialog zwischen den Positionen mißlang immer öfter. Mir wurde schwer ums Herz, diese seltsame Zukunftsangst kroch hoch, irgend etwas mußte geschehen, den Druck abzulassen, die Sorgen umzuleiten.

Zuerst warf ich mich in die Flüchtlingsarbeit. Ich wollte diese Menschen kennen lernen und ich wollte zumindest denjenigen helfen, die mit größter Wahrscheinlichkeit im Lande bleiben würden, denn wenn diese Personen in die Anonymität absinken würden, in die Parallelgesellschaften, in die Sozialsysteme oder gar in den Untergrund, so dachte ich, dann werden die an sich schon unlösbaren Probleme noch größer. Zuerst waren es Eritreer und Somalier, dann kamen die Syrer hinzu. Mit ihnen konnte ich die Krise auch als persönliche Chance begreifen, denn um den Islam verstehen zu können – das wurde schnell deutlich – wird man wenigstens Grundkenntnisse des Arabischen benötigen und die Syrer, durchschnittlich besser gebildet als sie anderen, eröffneten die Möglichkeit des gegenseitigen Lernens.

Aber je mehr ich von, mit und über die Zugewanderten lernte, umso differenzierter konnte ich die Lage einschätzen, umso mehr Druck zur Entäußerung entstand. So wurde in einer Spontanaktion der Blog gegründet, innerhalb weniger Tage standen mehr als 20 Artikel und noch heute stehen viele in der Warteschleife. Schnell hatte sich eine kleine und, wie ich mit großer Freude feststelle, auch exklusive Leserschaft gebildet. Einige Leser mochten die vielseitige und multiperspektivische Darstellung der Probleme offensichtlich. Ein Artikel, der sich mit dem medialen Mißbrauch in Hinsicht auf die AfD beschäftigte, explodierte mir plötzlich unter der Hand und zog tausende Leser aus aller Welt an und wird selbst heute noch häufig gefunden. Einige dieser Leser sind dem Blog treu geblieben und manchmal kann ich erahnen, wer sie sind und was sie denken.

Und das schafft einen eigenartigen Effekt! Die Vorstellung einer bestimmten Klientel verändert die Art des Schreibens: Kann ich das so sagen? Wird X oder Y dadurch abgeschreckt, provoziert, beleidigt? Wie könnte Z darauf reagieren? …

Auch die Menge der Leser geht nicht unbemerkt an einem vorbei. Selten stimmen die Zugriffszahlen mit der Bedeutung der Texte überein. Grundsätzlichere Beiträge wie „Eritrea unplugged“, „Das Habermas ist voll„, „Mit dem Hammer“, „Warum Köln uns trifft“, „Das Christopherus-Syndrom“, „Clash of civilizations“, „Katastrophendidaktik“, „Die satanischen Verse“, „Die Sloterdijk-Debatte“, „Die Lessing-Legende“, der „Haßprediger“, die Ahmadiyya-Trilogie und einige andere finden oft weniger Leser als Gelegenheitsartikel mit provokanter Überschrift. Es entsteht also eine innere Versuchung, den jeweiligen Titel lärmender, skandalisierender zu gestalten. „AfD“ zieht, „Faschismus“ und „Hitler“ ziehen, „PEGIDA“ zieht … Ein politisch nicht korrektes Wort, eine steile These, ein rotes Tuch voranzuhängen, die Sprache aggressiver zu wählen, deutlicher zu werden, die Offenheit in verschiedene Richtungen aufzugeben, gerade jetzt, wo die nachlassende innere Spannung im Lande auch zu einem Zugriffsrückgang führt … diese Versuchung ist da und es ist davon auszugehen, daß alle Schreibenden, auch die Pressevertreter, dieser Versuchung ausgesetzt sind.

Eine gefährliche Logik – Vorsicht ist geboten –; eine wichtige Erfahrung, die es mir gestattet, auch andere besser zu verstehen.

Mit dem Hammer

Vergangenen Montag durfte ich zum wiederholten Male vor dem „Goethekreis“ in Plauen sprechen. Zur Debatte stand Herbert Fritsches Briefwechsel mit führenden Intellektuellen der Zeit. Aufgrund der aktuellen dramatischen Krise sah ich mich jedoch nicht in der Lage, ein akademisches Liebhaberthema abzuhandeln und nutzte die Gelegenheit, einige grundsätzliche Gedanken zur Situation zu äußern.

Der Vortrag war demzufolge in zwei Teile getrennt: im ersten wurde dem Publikum mitgeteilt, was es unter normalen Zuständen hätte erwarten können, im zweiten wurde dann Tacheles geredet.

Die Reaktion war durchweg positiv – offenbar herrscht ein großes Bedürfnis nach Diskussion und Aufklärung. Der Vortrag wurde zum Teil mit Erschrecken, zum Teil mit Wohlwollen aufgenommen, es gab eine intensive Auseinandersetzung, in der vor allem Sorgen und Ängste thematisiert wurden. Ein Zuhörer nannte das Referat „alarmistisch“, worauf ich entgegnete, daß ich das nicht als Alarmismus, sondern Realismus betrachte und wenn Realität alarmiert, dann müsse sie umso mehr besprochen werden.

Hiermit stelle ich diesen vorläufig ersten und der Vortragsituation angepaßten, also durchaus längst noch nicht umfänglichen Entwurf aufgrund der Textlänge als Download (Word) zur Diskussion.

1. der komplette Vortrag (inkl. Fritsche)

2. gekürzte Variante – nur „Flüchtlingskrise“

Klassischer Widerspruch

Weimarer Impressionen

„Man kann Ideen mit den Augen sehen. Allerdings gehört dazu der Weimarer Blick‘“
(Herbert Fritsche: Der Erstgeborene)

Weimar ist eine Stadt der Monumente, Büsten, Stelen: Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Falk, Hummel, Puschkin, Mickiewicz, Liszt … Klassiker, sie alle lebten oder arbeiteten hier. Doch im Norden steht einer, übermannshoch, im eigenen Hain, der ein eher negatives Verhältnis zur Stadt hat und ausdrückt, als Gegner der Weimarer Republik und als Gefangener des nahen Konzentrationslagers Buchenwald:

Thälmann mit Hain

Thälmann mit eigenem Hain

Thälmann in Weimar

Faust in Weimar

Gerne erinnere ich mich an ein Seminar, während der Wendezeit, im Fach „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“. Dort schafften wir es – drei Theorieinteressierte mit zweimonatigem Lesevorsprung – einer jungen Lehrkraft den Stöpsel zu ziehen. Wie ein zerstochener Wasserball lag die junge Frau auf dem Pult und heulte. Wir hatten gerade ihr Thälmann-Bild und damit ihr Weltbild (und unseres) zerstört. Da stand er, der Kaiser ohne Kleider, all der Legenden entkleidet. Das Proletarierkind, das seine Wurstsemmel dem hungernden Nachbar schenkt, der Held, der eine von Nazis geworfene Handgranate entschärfte, der warmherzige Internationalist, der Hafenarbeiter, der tapfere Kämpfer gegen Unterdrückung und für Frieden … alles ging in Rauch auf. Die Bühne betrat der intellektuell eher minderbemittelte, stalinhörige Machtmensch, der Widerstand mit eiserner Faust – oh, diese Faust! – niederrang, der alle interne Opposition (Fischer, Thalheimer, Brandler …) beseitigte, der schlechte Redner und schwache Denker, der für den Sieg Hitlers Mitverantwortliche (Sozialdemokraten infolge der Sozialfaschismusthese als Hauptfeind), der Befehlsempfänger Moskaus, der den Zentralismus („Partei neuen Typs“) durchsetzte, der damit letztlich der KPD den giftigen Wurm ans Herz legte, an dem sie in der Perestroika endgültig verstarb …
Im innersten Grunde drehte sich alle Diskussion um die Frage: Gibt es antagonistische Widersprüche im Sozialismus? Und Thälmann war ein Symbol.

Noch heute werden antagonistische Widersprüche symbolisch erzeugt und bekämpft. 200 Meter vom realsozialistischen Relikt entfernt, findet man am Eingang des Amtsgerichts diese Plakette:

Schuld und Opfer schließen sich aus?

Schuld und Opfer ein Widerspruch?

Wiedergutmachung? Ausgleich?
Thälmann steht nicht wegen seiner Verdienste und nicht als Klassiker in Weimar und stört die illustre Runde der großen Geister, sondern aus schlechtem Gewissen. Er steht in der logischen Fortsetzung des deutschen Alphabets des Grauens dort: A wie Auschwitz, B wie Buchenwald, C wie Columbia-Haus, D wie Dachau … Er steht als Opfer des Nationalsozialismus, und damit unantastbar, da. Als Mahnung, als Botschaft, als Dauerdrill.

Demographische Überlegungen

Viele Statistiken leiden unter der Logik des Dezimalsystems. Es wird in 10er oder 5er-Schritten ermittelt, doch oft laufen die natürlichen Rhythmen in ganz anderen Sequenzen ab. Auch die Unterteilung der Bevölkerung nach Altersgruppen, wie sie die „Bundeszentrale für politische Bildung“ veröffentlicht, leiden unter dieser Vorgabe. Sinnvoller wäre vielleicht – wenn „alternative“ Autoren wie etwa Herbert Fritsche recht haben sollten –, gerade bei der Erfassung der Lebensabschnitte, eine 7-Jahresunterteilung. Man könnte sich das aus der Alterspyramide selbst errechnen.

Aber auch aus den Dezimalangaben lassen sich „interessante“ – ein Euphemismus für „beunruhigende“ – Schlüsse ziehen. Demnach gab es in Deutschland im Jahre 2010 ca. 10 Millionen Männer und Frauen in der Altersklasse 20 – 29 Jahre. Diese Altersklasse ist von besonderem Interesse, denn sie stellt den produktiven Kern einer jeden Gesellschaft dar. Menschen dieses Alters sind hauptsächlich für die Reproduktion verantwortlich, sie haben – biologisch und immer statistisch gesehen – das höchste Energieniveau, sie stellen die Wehrhaftigkeit einer Gesellschaft ebenso dar, wie die Produktivität. Sie sind in der Tat die Zukunft einer Gesellschaft – wenn sie sozial in ausreichender Zahl gebunden werden können, dann ist Prosperität garantiert.

Die Hälfte davon sind junge Männer. Spätestens seit Gunnar Heinsohn weiß man um die Bedeutung der jungen Männer für jede Sozietät. Männer kämpfen, vor allem in diesem Alter, um Ressourcen: Anerkennung, Arbeit, Positionen, Frauen. Wenn 90% aller Gewaltverbrechen von Männern verursacht werden, dann kann man davon ausgehen, daß der übergroße Teil dieser Straftaten auf Männer dieser Altersgruppe fällt. Diese Gruppe ist also nicht nur Garant der Zukunft, sie ist auch die größte Gefahr für die Zukunft. Sie im Equilibrium, sie bei der Stange zu halten, ihr Perspektiven zu geben, Aussicht auf Erfolg und Befriedigung ihrer Bedürfnisse, ist für jede Gesellschaft überlebenswichtig!

Diese Gruppe stand bereits im Jahre 2010 unter starkem Streß: fehlende Ausbildungs- und Arbeitsplätze, Disproportionen zwischen Männern mit migrantischem und deutschem Hintergrund, allgemeine Entpolitisierung und Lethargisierung, Orientierungslosigkeit, keine Antworten auf die Sinnfrage, weitverbreitete Weigerung an der Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen …

Im Jahr 2015 werden – so viel man weiß – ca. 1,5 Millionen Menschen aus anderen Ländern, Sprach- Kultur- und Religionskreisen in unser Land kommen. Davon sind – die Zahlen variieren hier – 70 – 80% junge Männer von denen mehrere Hunderttausend exakt dieser Zentralgruppe angehören. Diese jungen Männer werden mit den bereits hier lebenden jungen Männern um knappe Ressourcen kämpfen: Status, Arbeit, Frauen. In nur einem Jahr wurde besagte Zentralgruppe wesentlich ergänzt und damit massiv aus dem Gleichgewicht gebracht.

Viele der neu hinzugekommen jungen Männer stehen aufgrund ihrer Lebenserfahrung (Krieg, Armut, Flucht, religiöse Verankerung …) ganz anders, viel fester im Leben, als die von kleinauf umsorgten Einheimischen, sie haben ein ganz anderes Energieniveau, sie werden ganz anders um die knappen Ressourcen kämpfen. Sie werden – statistisch gesehen – diesen Kampf erst aufgeben – wenn sie ihn gewonnen haben werden, denn dafür haben sie die gefährliche Reise auf sich genommen. Sie müssen sich vor sich selbst, vor ihren Sozialverbänden in der Heimat und vor der Konkurrenzgruppe behaupten.