Über das Lesen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLII

Über das Lesen

Mit Kraft lesen. Mitunter mit mehr Kraft lesen, als in die Schrift, die du liest, Kraft  hineingelegt wurde. Mit Andacht, mit Leidenschaft, mit Aufmerksamkeit und unerbittlich lesen. Weiterlesen

Freiheit und Liebe

Freiheit, Liebe!
Wenn mir nur beides bliebe.
Der Liebe gebe ich
Das Leben,
Der Freiheit gebe ich
Das Lieben.

Diese ikonischen Zeilen stammen von Ungarns Nationalschriftsteller Petőfi. Eine feine versteckte und verwirrende Dialektik zeichnet ihren Gedankengang aus. Schwer zu übersetzen ist ihr Klang. Oben, das ist mein Versuch. Weiterlesen

Den Schriftsteller verteidigen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XLI

Darüber, daß niemand den Schriftsteller verteidigen kann.

Jedes Mal, wenn sie Verfolgung und Angriff gegen mich starteten – und im Laufe einer Schriftstellerlaufbahn wiederholen sich diese Verfolgungsjagden unweigerlich, manchmal mit lebensbedrohlichen Wendungen – habe ich erfahren, daß keine fremde Hilfe den angegriffenen Schriftsteller verteidigen kann. Weiterlesen

Ungarische Rock-Kultur

Seit fünf Jahren höre ich nun fast nur noch ungarische Musik, in erster Linie Rockmusik. Auch dort hauptsächlich die Klassiker, also jene Gruppen, die vornehmlich in den 70er oder 80er Jahren ihren Kultstatus begründeten. Es gab – der DDR vergleichbar – im Sozialismus eine vielfältige Musikszene, sehr ausdifferenziert und oft mit den künstlerischen Mitteln subtil und subversiv arbeitend. Das  geht vom Schlager über den Rock und Hard Rock bis hin zum Heavy Metal. Nur sehr wenig davon drang zu uns – Omega etwa –, aber heute weiß ich, daß die ungarische Szene qualitativ noch besser war als die ostdeutsche. Vor allem die Zahl der gut ausgebildeten Musiker scheint mir hier höher zu sein, allein das Angebot an herausragenden Sängern ist phänomenal. Weiterlesen

Über das Gewissen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XL

Über das Gewissen

Allein das Gewissen kann dein Richter, dein Henker und dein Patron sein, sonst niemand! Wenn du schreibst, dann bist du nur deinem Gewissen Rechenschaft schuldig, sonst niemandem. Ganz gleich, was sie von dir erwarten, ganz gleich auch, womit sie dich bedrohen, wenn du ihnen nicht das gibst, was sie sich von dir erhoffen oder was sie gerne hören wollen! Weiterlesen

Der Schmerz der anderen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXIX

Über die Schande und den Schmerz der anderen

Der Mann, der sich gepanzert und des Menschen Stand entsprechend im grausamen Lebenskampf behaupten will, handelt richtig, wenn er sich selbst nicht nur zur Unparteilichkeit und vollkommenen Gerechtigkeit, sondern zum Stolz ohne Angst, zur Verachtung aller Arten menschlicher Kabalen und Gefahren, zu einem überlegenen Blick auf jederart menschlicher Lagen erzieht. Weiterlesen

Heimat, Land und Staat

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXVIII

Über die Heimat[1] und den Staat

Können wir jemanden zur Heimatliebe erziehen? Das ist, als würde man sagen: „Mit Geißel und Stachelpeitsche zwinge ich dich, dich selbst zu lieben.“

Die Heimat, das sind nicht nur die Erde und die Berge[2], die toten Helden, die Muttersprache, die Gebeine unserer Ahnen auf den Friedhöfen, Brot und Land[3], nein. Die Heimat bist du, mit Haut und Haar, in deiner ´körperlichen und seelischen Beschaffenheit; sie gebar, sie begräbt, du lebst sie und drückst sie aus in allen elenden, großartigen, flammenden und langweiligen Augenblicken, deren Gesamtheit dein Leben ausmachen. Weiterlesen

Über den Feind

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXVI

Über den Feind

Es gibt die Gleichgültigen, die Freunde, die Gegner, die auf das Befehlswort einer Idee, einer Überzeugung oder eines Interesses hin gegen dich kämpfen. Das ist die Ordnung des menschlichen Lebens, nur so gibt es im Leben eine schöne Spannung: zwischen Freunden und Gegnern, in der großen Menge der Gleichgültigen. Weiterlesen

Wahre Bedürfnisse

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXV

Über das wahre Bedürfnis

Viel, viel mehr mit Kräutern, mit Pflanzen, mit Obst leben. Weniger, viel weniger mit fettem und mit schwarzem Fleisch! Viel Fisch essen, und jeden Tag Roggenbrot. Tagsüber nie etwas trinken, keinerlei alkoholisches Getränk, und wenn du schon trinkst, dann nur abends, nur nach dem Essen, nur reinen Wein, niemals zu einer anderen Zeit und nie etwas anderes. Wenn du an einem Tag Wein getrunken hast, berühre vierundzwanzig darauffolgende Stunden das Weinglas nicht. Weiterlesen

Auch der Weise muß sterben

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXIV

Darüber, daß auch die Weisen sterben

Jede Lektüre, die einen Standpunkt und eine Haltung dem Tod gegenüber lehrt, hat einen demütigenden und entmutigenden Nachgeschmack. All diese „ars beatae moriendi“, die antiken heidnischen und die christlichen mittelalterlichen Weisen, die Stoiker, die Bekenner, die Humanisten, die Naturwissenschaftler der modernen Zeit, bemühen sich, uns davon zu überzeugen, daß man den Tod überhaupt nicht fürchten muß. Weiterlesen

Freiheit gegenüber den Mächtigen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXIII

Darüber, daß wir frei sind

Wenn du den Mächtigen gegenüberstehst, dann denke immer daran: Von wem bekamen diese Menschen ihre Macht verliehen? Und was können sie überhaupt gegen dich tun? Können sie dir deine Güter, deine Freiheit oder dein Leben nehmen? Und dann? Weiterlesen

Fürchte dich nicht!

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXII

Darüber, daß man sich vor nichts fürchten soll

Wenn du eine gute Sache verteidigst, was kannst du dann fürchten? Was kann dir geschehen?

Schlagen sie dich nieder, verleumden sie dich, rauben sie dich aus, entehren sie dich? Erheben sie Anklage gegen dich, wirst du falsch beurteilt? Weiterlesen

Über den Rhythmus des Lebens

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXXI

Über den Rhythmus des Lebens

Beständig den Lebensrhythmus ändern. Bewußt und aufmerksam Arbeit und Ruhe abwechseln, Hunger und Überfluß, Nüchternheit und Rausch, ja, sogar Sorge und Freude; bewußt vom gedeckten Tisch des Lebens aufstehen, wenn der Überfluß am größten ist, bewußt Sorgen und Aufgaben einbeziehen, die eine erzieherische Kraft haben. Überschätze dich in keiner Situation. Weiterlesen

Lebenssituationen ändern

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXVIII

Darüber, wann wir das Recht haben, Lebenssituationen mit Gewalt zu ändern

Dein Arbeitsfeld ermüdet dich, du spürst, daß du woanders, unter anderen Menschen, unter anderen Lebensbedingungen mit wahrer Kraft und Zufriedenheit arbeiten könntest. Das menschliche Zusammenleben hat dich erschöpft, deine Familie, deine Liebste, deine Freunde sind eine Last, und dich treibt das Verlangen, neue Kontakte zu knüpfen. In deiner Wohnung kennst du alle Ecken und Winkel im Schlaf, und du hoffst, daß du in einer neuen, moderneren und komfortableren Wohnung Behagen für deinen Körper und Ruhe für deine Seele findest. Weiterlesen

Mit dem Herzen leben

Darüber, daß man auch mit dem Herzen leben soll

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXVII

Aber wir sollen zugleich mit unserem Herzen leben, mit jenem anderen Lebenstakt, der geheimnisvoller, verhüllter, schwieriger zu erkennen ist als die Ordnung des Weltenflusses.

Wessen Herz, mit bereitwilligem Puls, achtzig schlägt, der sollte nicht nach der Art eines Marathonläufers leben.

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Den Arzt betrügen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXV

Darüber, daß wir den Arzt betrügen

Jedes Mal, wenn ich zum Arzt ging, konnte ich mich nicht von dem peinlichen und erniedrigenden Gefühl befreien, daß ich den guten Mann betrog, der mich seiner Meisterschaft und Menschenkenntnis entsprechend mit Sorge und Fürsorge behandelte, aber sich völlig hoffnungslos mit mir beschäftigte. Weiterlesen

Über die Krankheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXIV

Über die Krankheit, im allgemeinen

Die Krankheit muß man mit jener Demut entgegennehmen, mit der der Sünder sein verdientes und gerechtes Urteil empfängt. Denn immer entstammt sie aus dem Zusammenstoß unseres Charakters, unserer Natur, unserer Affekte mit unseren Leidenschaften, unseren Schwächen und sündhaften Neigungen. Weiterlesen

Flüchtige Schönheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch XXIII

Darüber, daß die Schönheit flüchtig ist.

Du bist beunruhigt, weil diese schöne, junge Frau deine Sinne erregt und stört, und du hast zu befürchten, daß sie ihre Schönheit und Jugendlichkeit mit anderen teilt? Aber was hast du denn von ihr erwartet? Eine Art Klostergelübde, vergrämte[1] Treue?

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