Unfälle

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXXIX

Über die Unfälle

Über Unfälle jedoch, die es nicht gibt – genauso wie über Hexen –, kein weiteres Wort. Ich glaube nicht an Unfälle. Es gibt nur Unaufmerksamkeit. Du wirst von der Straßenbahn umgefahren, man stiehlt dir unterwegs dein Gepäck, du wirst von einem Lumpen erpresst und dein Name wird in den Schmutz gezogen, mit Essen, mit Trinken verdirbst du dir deinen Magen – und nun? Warum hast du nicht besser aufgepaßt? Weiterlesen

Stromdiebe

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXXVIII

Über Stromdiebe

Ich kenne Menschen, deren Bildung ich bewundere, deren Denkweise überrascht, und dennoch ist das Zusammensein mit ihnen auf geheimnisvolle Weise anstrengend. Und ich kenne andersgeartete Menschen, die vielleicht nicht besonders klug oder kultiviert sind, die nie etwas Überraschendes oder Originelles sagen, und nach dem Treffen trenne ich mich trotzdem von ihnen als jemand, der etwas empfangen hat. Weiterlesen

Die kritischen Zehnminuten

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXXVII

Über die kritischen Zehnminuten

Jedes Lebensalter, jeder Lebensabschnitt, ja, jeder Tag hat seine kritischen Zehnminuten, in denen alles, was du bis dahin geduldig ertragen hast: deine Arbeit, dein Umfeld, deine Mängel, deine Bedürfnisse, deine Natur – plötzlich, ohne Übergang unerträglich erscheinen. Weiterlesen

Frauen und Vögel

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXXV

Über die Frauen und die Vögel

Frauen finden ihre Liebesnahrung mit dem gleichen Instinkt auf dem Boden wie Vögel die Samen oder Fische. Sie streifen durch den unendlichen Raum, ihr Instinkt führt sie über Seen, Flüsse, Meere und endloses Flachland, und dann, nach kompliziertem Zickzack und Kreisen, schnappen sie mit einem Male zu. Ihr Instinkt, ihr Augenmaß offenbart sich dann auf wunderbare Weise. Sehr selten irren sie sich, und nur manchmal kommt es vor, daß das Opfer stärker oder geschickter ist und ihrem Schnabel entgleitet, wie die Kaulquappe dem Schnabel der Möwe. Dann kreischen sie, wie die Möwe; und steigen weiter auf, kreisend, zirkelnd, unermüdlich, hellwach. Weiterlesen

Über die Traurigkeit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXXIII

Über die Traurigkeit

Vertreibe die Traurigkeit nicht. Sie kommt ohne Grund; vielleicht alterst du in solchen Momenten, vielleicht hast du etwas verstanden, verabschiedest dich in der Viertelstunde der Traurigkeit von etwas. Und dennoch, die Traurigkeit verschönert das Leben. Weiterlesen

Wahre Dummheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXXII

Über die wahre Dummheit

Denn es gibt auch verschiedene Arten von Dummheit. Es gibt intelligente Menschen, in deren Seele das glimmende Licht der Vernunft erloschen ist, weil sie unter unglücklichen Umständen geboren und aufgewachsen sind. Es gibt Menschen, die sind dumm, weil sie ihren Körper nicht beherrschen können, die Leidenschaft hat sie verdummt, der Stolz ihrer Sinne erstickt die Flamme ihrer Seele. Es gibt dumme Menschen, die sind einfach nur Opfer ihrer Umwelt. Diese muß man bemitleiden. Weiterlesen

Geriebene Äpfel

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXXI

Über den geriebenen Apfel

Weise handelst du, wenn du jeden Morgen nach dem Aufwachen und vor der Mahlzeit auf nüchternen Magen ein, zwei geriebene Äpfel ißt. Der Apfel ist eine geheimnisvolle Frucht. Es ist kein Zufall, daß er eines der ältesten Symbole des menschlichen Bewußtseins ist. Weiterlesen

Amt und Beamte

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXX

Über das Amt und den Beamten

Es gibt keine Epoche im Leben der entwickelten, in Gesellschaft lebenden Menschheit, deren hervorragendste Dichter und Denker nicht über das Amt und den Beamten schimpfen würden. Nur der Nomade und die Horde kannte(n) diese Klage nicht. Weiterlesen

Über die Bereitschaft

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXIX

Über die Bereitschaft

Und weil wir Sterbliche sind – das größte Geschenk des menschlichen Lebens ist, daß wir diese Tatsache jeden Tag einfacher sehen und vollkommener verstehen –, müssen wir unser tägliches Leben so einrichten wie einer, der in Bereitschaft lebt. Wie Seneca, als Nero in Urbs[1] regiert; wie die Damen und Herren in den Kellern der Conciergerie[2]; wie jeder Mensch, der in Zeiten der Revolution lebt. Denn das Leben ist Revolution. Weiterlesen

Training und Ordnung

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXVIII

Über Training und Ordnung

Der intellektuell kreative Arbeiter benötigt exakt die gleichen Ertüchtigungsmethoden, das gleiche Training, das gleiche Gesundheits- und Übungsprogramm, wie der Fechter, der Kunstreiter oder der Kraftmensch. Man kann aus einer trägen, niederen, unsauberen Lebensweise heraus nicht für Sekunden einen Ausflug zur höchsten Ebene menschlicher Anstrengung, in die Manege kreativer intellektueller Arbeit machen. Weiterlesen

Wenn Aufgaben befehlen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXVI

Über die befehlenden Aufgaben

Eines Tages spricht eine Stimme. Du beschäftigst dich gerade mit etwas, oder etwas beschäftigt dich: ein Aufgabenbereich, von dem du glaubst, daß er von erstrangiger Bedeutung ist und nur dich etwas angeht, nur deine Aufgabe ist.

Du warst bereits auf die Aufgabe vorbereitet, eifrig erledigst du deine Arbeit. Und plötzlich spricht eine Stimme und sagt dies: „Du hast andere Dinge zu tun.“ Und es blitzt die Möglichkeit einer Aufgabe auf, an die du zuvor nie gedacht hattest. Und du weißt, diese Aufgabe wird ganz und gar nicht ungefährlich für dich sein.

Sie wird dich von der Richtung deiner bisherigen Arbeit ablenken, wird zudem außerordentliche Anstrengungen erfordern, Mißverständnisse, Streitereien, eine Reihe von Gefahren heraufbeschwören. Und dennoch, das alles mußt du nun zulassen.

Deine pragmatischen Interessen sind ernsthaft von deiner neuen Aufgabe bedroht. Und dennoch, du mußt alles beiseitelegen, du mußt dieses Risiko eingehen, diese Anstrengung, dieses Opfer, diesen neuen Arbeitsbereich, diese suggerierte und unverständliche neue Aufgabe. Das Befehlswort der Stimme kann nicht mißverstanden werden.

Wer dann gut zuhört und gehorcht, scheitert vielleicht an den banalen weltlichen Gefahren, die die Aufgabe mit sich bringt, aber er rettet seine Seele. Wer taub, bequem oder ein Feigling ist, spaziert weiter behaglich durchs Leben, aber seine Seele bleibt verwundet, unzufrieden und ruhelos.

Wähle, mein Freund.

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Vertikale Faulheit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXV

Über die Faulheit

Es gibt zwei Arten von Faulheit: die waagerechte und die senkrechte. Es gibt den Menschen, der nur in der langen Perspektive seines Lebens faul ist; in Plänen; darin, seine Entscheidungen, seine Entschlüsse hinauszuzögern; träge baut er sein Lebenswerk auf, alles baut er in die Zeit, in die weite Ferne hinein. Weiterlesen

Bildung ist eitel

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXIV

Über die Bildung des Charakters

Selbstgefällig und stolz denkst du daran, ein paar Bücher gelesen und verstanden, dein Wissen vermehrt, etwas über die Natur oder die menschliche Seele gelernt zu haben. Weiterlesen

Sport und geistige Arbeit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXIII

Darüber, daß die Körperertüchtigung nicht immer gesund ist

Ich zum Beispiel – zugegeben, bereits im Erwachsenenalter – frönte mit großer Lust dem Schwimmen und dem Tennisspiel. Vor allem das Tennis liebte ich, als ich in die Vierziger kam; es ist der einzige humanistische Sport; Mann gegen Mann, mit aller Kraft, aber immer bleibt ein Abstand zwischen den Kämpfern, sie berühren einander nicht. Weiterlesen

Herzen brechen

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXII

Darüber, wie Herzen brechen

Genau so wie in den Liedern, welche die Chansonetten in den Kaffeehäusern singen. Und die Lehre aus diesen Liedern ist immer die, daß man die zerbrochenen Herzen nicht mehr zusammenkleben kann. So lautet auch im Leben die Lehre. Weiterlesen

Heldentum

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXVII

Über das Heldentum

Das größte Heldentum besteht darin, bei deiner Arbeit zu bleiben, egal was die Welt sagt. Und noch größeres Heldentum besteht darin, deine Arbeit zu vernichten, wenn du spürst, daß du sie nicht so perfekt ausführen konntest, wie du dir es als Ziel gestellt hattest. Weiterlesen

Sexus und Traurigkeit

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXXI

Über den Sexus und die Traurigkeit

Am Grund der Dinge liegt der Sexus. Vielleicht sogar im Leben der Kristalle. Aber alle Geschlechtlichkeit ist traurig.

Die Angelegenheit des Körpers wie ein Urteil betrachten. Nur die Zärtlichkeit ist menschlich. Die Leidenschaft ist unmenschlich[1] und hoffnungslos. Weiterlesen

Das Glück

Sándor Márai: Das Kräuterbuch LXX

Über das Glück

Glück gibt es natürlich nicht in dem destillierbaren, verpackbaren, etikettierbaren Sinn, wie sich das die meisten Menschen vorstellen. Als ob man nur in eine Apotheke gehen müsse, wo sie einem – für Dreisechzig – eine Medizin geben, und danach tut nichts mehr weh. Weiterlesen