Sándor Márai und die Russen

Niemand, der auch nur ein wenig Ahnung hat, wird bezweifeln, daß Sándor Márai ein großer Romanautor war – und wer es bezweifelt, hat keine Ahnung.

Weit weniger bekannt ist freilich, daß der Mann ein noch besserer Tagebuch- und Erinnerungsschreiber war und hier, in diesem Metier, gehört er zum Besten, was uns die Schriftkultur  zu bieten hat.

Nun las ich – fast auf den Tag genau zehn Jahre nach der Erstlektüre – Márais „Land! Land! …“ erneut, nur diesmal auf Ungarisch: „Föld, Föld …!“ Ganz langsam und aufmerksam und parallel dazu – um sicher zu gehen – auch die deutsche Übersetzung von Hans Skirecki. Skirecki war einer der profiliertesten und verdienstvollsten Übersetzer überhaupt – die Liste seiner Übertragungen ist schier endlos und enthält fast alles, was Rang und Namen hat.

„Land, Land …!“ erschien erstmals 2000 im Oberbaum-Verlag in zwei Bänden und wurde ein Jahr darauf, im Zuge der damaligen Márai-Welle im Piper-Verlag als „ungekürzte Taschenbuchausgabe“ massenfähig gemacht. Die Ausgaben sind textidentisch und liegen mir beide vor. Das Original hatte ich vor zwei Jahren an jenem herrlichen Seifenblasentag in Pécs erworben, zwar ohne Schutzumschlag, aber dennoch schön in graues Leinen gebunden und inliegend ein originales Lesezeichen, das mir – ich weiß nicht recht warum – viel Freude bereitet, mich jedes Mal innerlich aufjauchzen läßt, wenn ich es des Nachts – Márai muß man am besten in der Nacht lesen! – ein paar Seiten weiter hinten wieder einstecken kann. 

Lesezeichen

Das originale Lesezeichen

Bei der deutschen Erstveröffentlichung handelt es sich um eine „textkritische, leicht gekürzte Ausgabe“. Davon handeln die kommenden Zeilen, von Übersetzungsproblemen, -freiheiten und –fehlern, die vermutlich nicht zufällig und daher signifikant und belehrend sind, aber auch von Márai selbst und seinen Beobachtungen zum Problem des Fremden.

Erstmals erschien das Buch 1972 und zwar in Toronto. Seit 1948 lebte er im Exil, nach zehn glücklichen italienischen Jahren zog das Ehepaar in die USA und dort lebten sie noch 30 Jahre zusammen. Beschrieben werden in dem Buch allerdings Márais Erinnerungen aus den Jahren 1944/45, die Zeit der Schlacht um Budapest, die Besetzung und die „Befreiung“ durch die Russen[1], die schnell zur neuen Knechtung geriet, für alle, die nicht dem Kommunismus in stalinistischer Ausprägung huldigten, und auch für viele, die das taten.

Das erste Kapitel, um das es hier geht, 79 bzw. 88 Seiten, ist eine lange Meditation über das Russische im Besonderen und das Fremde im Allgemeinen. Márai war vor dem Krieg aus der Stadt geflüchtet und in einem abgelegenen Wochenendhaus in der Nähe von Szentendre untergekommen[2]. Kurze Zeit zuvor saß man noch zu einer Geburtstagsfeier in der alten Wohnung zusammen, das Zimmermädchen mit weißen Handschuhen – „auch das gehörte zur Hausordnung“ – deckte den Tisch, ein dutzend intellektuelle Freunde und ein verwandter Nationalsozialist waren geladen, und der rief ob der Kritik der Freunde – ja, man hatte sich mit ihm ganz normal unterhalten! – in die Runde: „Ich bin Nationalsozialist, Du kannst das nicht verstehen, weil du begabt bist. Aber ich bin nicht begabt, und deshalb brauche ich den Nationalsozialismus.“ Es sind solche Beobachtungen, die Márais autobiographische Aufzeichnungen so unvergleichlich machen.

Dann aber steht die Rote Armee vor den Stadttoren und nachdem dem Dichter der erste Russe begegnet war, stellte er sich die Aufgabe, die Antwort auf jene große Frage zu finden, „die der junge sowjetische Soldat nach Europa gebracht hatte.“ Márai nahm sich vor, alles, was er über die Russen gelesen und gehört hatte, zu vergessen, um völlig vorurteilslos diesem neuen Menschentyp begegnen zu können. Und bald würde er eine großartige Gelegenheit dazu bekommen, denn in seinem Haus und in seinen Hof zieht eine russische Pionier- und Reparatureinheit, dreißig Mann stark, für drei Wochen ein, um Kriegsgerät instand zu setzen und eine Pontonbrücke über die Donau zu bauen, über die nie ein Fahrzeug fahren sollte; bald dröhnen dort am einst friedlichen Waldrand die Dieselmotoren oder nonstop ein altes Grammophon mit einer zerkratzten Platte eines ukrainischen Kinderchores, bald zertrampeln die Stiefel von Russen, Kasachen, Usbeken, Ukrainern und allen Vertretern der sowjetischen Völkerfamilie alles in Haus und Hof, bald werden Türrahmen und Bettgestelle auseinandergerissen, weil man vielleicht ein Brett daraus benötigte oder ein Feuer machen wollte, „sie gingen schonungslos vor und immer in Richtung des geringsten Widerstandes“ … die Russen kommen als asiatische Urgewalt, „der Schmutz, der sich in ihrer Gegenwart im Haus ausbreitete, war tatsächlich von asiatischer Dimension“. Dahinter die Frage: „Was macht diese Kraft aus? … Der Kommunismus? … Die Slawen? … Der Osten?“

érkely

Der Dichter 1942 auf dem Balkon – das Haus lag nach der Bombardierung in Trümmern, es spielt in „Föld!, Föld!…“ auch eine Rolle Quelle: © Éltem egyzer én, Márai Sándor

Der erste Soldat begegnete ihm zu Weihnachten 1944, „ein junger Mann, ich glaube, ein Weißrusse; ein typisch slawisches Gesicht, mit breiten Backenknochen“ und richtete gleich die Waffe auf ihn mit der Frage, wer er sei. Márai antwortet „Schriftsteller“ und erlebt zum ersten Mal etwas, das sich viele Male wiederholen sollte: „Schriftsteller“ – das ist den Russen ein seltsam heiliges Wort, eines, das sie sofort befriedet, ehrfürchtig macht, Respekt zollen läßt. Er darf weitergehen.

Woher aber kommt den einfachen Soldaten die Ehrfurcht vor der Literatur? Viele Gespräche bringen keine rechte Antwort. Fast alle behaupten, eifrige Leser zu sein oder daß in der Sowjetunion alle Menschen fleißig läsen, aber wenn der Kenner der westlichen Kultur, der den russischen Giganten seine literarische Erziehung zu danken hat, konkret wird, dann wird hinter der Fassade eine kolossale Unwissenheit sichtbar. Der eine nannte Puschkin, der andere Lermontow und sie nickten bei Tolstoi und Dostojewski, aber er merkte, daß ihnen die Namen nichts sagten. Majakowski, Fadejew, Makarenko und Gorki konnten sie noch mit vagen Vorstellungen füllen, der „bürgerliche Tschechow“ galt immerhin dem Namen nach noch etwas und auch die zweite Reihe wie Bunin, Dymow oder Mereshkowski war ihnen unbekannt, ja selbst Scholochow. Es rettete Márai fast das Leben, daß man Ehrenburg zumindest als Namen wertschätzte, denn im Haus war eine französische Übersetzung einer seiner – Márais – Romane und im Klappentext wurde dort ein Buch Ehrenburgs beworben – die namentliche Verbindung der beiden wirkte wie Magie.

Schließlich kommt Márai auf folgende Hypothese: „Ihr Interesse am ,Schreiben‘ läßt sich damit erklären, daß das geschriebene Wort am Anfang eines jeden großen, primitiven menschlichen Unternehmens magische Bedeutung hat. Der Buchstabe fixiert etwas, das in der Seele des primitiven Menschen lediglich ein undeutlicher Wunsch, eine mythische Ahnung; und der im Buchstaben fixierte Mythos ist bereits Geschichte, also ein verantwortungsträchtiges Erlebnis. Diese Menschen waren noch weit davon entfernt, im Geschriebenen eine Geistesgymnastik oder – wie in der westlichen Zivilisation – eine Handelsware oder Modebeschäftigung zu sehen. Für die meisten war das geschriebene Wort noch vollauf glaubwürdig. Und was konnte die so andächtig erwähnte ,Kultur‘ diesen im westlichen Sinne zweifellos ungebildeten Menschen bedeuten, deren Geschichte nicht von der Renaissance und der Reformation geprägt war? Es dauerte eine ganze Zeit, bis ich verstand, daß ,Kultur‘ für sie insgeheim und zuinnerst gleichbedeutend war mit dem Begriff der ,Flucht‘. Genaue Vorstellungen hatten sie nicht, aber die Möglichkeit zur Flucht mit Hilfe der Kultur lockte und zog sie an … Flucht wovor? Flucht aus der Freudlosigkeit ihres Lebens.“

Diese These wurde ganz zum Schluß noch einmal bestätigt, als beim Abmarsch ein einziger Soldat, einer der gebildeteren, noch einmal zurückkam und ihm zuflüstert: „Wenn ich Sprachen könnte, würde ich nicht heim nach Rußland gehen, sondern hier im Westen bleiben … Weil es dort nicht gut ist … Es ist nicht gut, weil man dort viel arbeiten muß und den Gegenwert für die Arbeit nicht bekommt. Und es gibt keine Freiheit. Wir lernen keine Sprachen, weil sie nicht wollen, daß wir in fremden Sprachen lesen. Wir dürfen nur lesen, was sie uns in die Hand drücken. Bücher sind mein ganzes Leben, aber ich kann nicht lesen, was ich möchte, und das ist nicht gut.“

Und das war einer der wenigen Augenblicke, in denen der Schriftsteller das Gefühl hatte, einem der vielen verschiedenen Typen und Charaktere, trotz des engen Beisammenlebens- und Arbeitens für einen Moment auch menschlich nahe gekommen zu sein. „Der Russe“ blieb ihm wesenhaft fremd. Die Angst vor ihm gründete in der Sorge, daß er mehr als ein gewöhnlicher Kriegsgegner ist, denn er will nicht nur die Niederlage, „er will auch meine Seele“.

Fortsetzung folgt.

Quellen:

Éltem egyzer én, Márai Sándor. Fotók, Emlékek, Dokumentumok az író életéből. Helikon Kiadó Kft.-Petőfi Irodalmi Múzeum. Budapest 2000
Quellen: Márai Sándor: Föld, Föld!…. Emlékezések. Akadémiai Kiadó. Ferencsy-Verlag Zürich. 1991
Sándor Márai: Land! Land!…Erinnerungen. Oberbaum Verlag. Berlin St. Petersburg 2001. 2 Bände
[1] Márai: „Vielen, auch den Naziverfolgten, brachte der junge Russe eine Art Befreiung, die Rettung vor dem Naziterror. Aber die Freiheit konnte er nicht bringen, er hatte sie selber nicht. Das wußte man damals noch nicht überall.“
[2] https://dunakanyarkult.blog.hu/2021/02/07/marai_barsi

Ein Gedanke zu “Sándor Márai und die Russen

  1. Michael B. schreibt:

    Die Fremden kommen heute nicht aus der Steppe, sie quellen hier aus der Mitte des Landes. Bildungsstufen interessieren nicht, der ganze Sumpf an Uncharakter und Autoritaetsfolgsamkeit schwimmt oben, weiter angeheizt ohne Pause. Soviele junge Leute dabei, ueberhaupt nicht irritiert, der blanke Unsinn wird aktiv mitgetragen. Und immer weiter wird nachgesetzt ohne einen Schritt zurueck. Jetzt geht es schon um Untersagung von Lebensmittelkaeufen ohne Test und letztlich der Nadel ab Herbst. Um komplette Spritzung der Kinder. Was ist das fuer ein verkommenes Pack, dass das vorantreibt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.