Über das wahre Erlebnis des Lebens

Sándor Márai: Das Kräuterbuch V

Das wahre Erlebnis[1] für den Menschen ist in erster Linie nun dies: die Selbsterkenntnis. Die Welterkenntnis ist interessant, nützlich, ergötzlich, beängstigend oder belehrend; die Erkenntnis unseres Selbst ist die größte Reise, die am meisten beängstigende Entdeckung, die allerlehrreichste Begegnung.

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Über den menschlichen Charakter

Sándor Márai: Das Kräuterbuch IV

Das interessanteste Phänomen, das uns im menschlichen Leben begegnen kann, ist der menschliche Charakter. Nichts ist so interessant, überraschend, unberechenbar, wie der Prozeß, in dessen Verlauf der Mensch seine charakterlichen Eigenheiten offenbart.

Was auch immer die Welt zeigt: Landschaften und Naturwunder, der irdischen Flora und Fauna unübersehbare Vielfalt, nichts ist so eigenartig, wie der Charakter dieses oder jenes Menschen. Wenn unser Interesse an der Erkenntnis des menschlichen Charakters liegt, während wir die Dinge der Welt betrachten, empfinden wir zugleich, daß das unsere eigentliche Lebensaufgabe ist. Alles andere, was wir erkannt haben, hat unser Wissen nur bereichert. Aber unsere Seele wird nur durch die Kenntnis der Charaktere reicher. 

Denn dies ist die direkteste menschliche Erfahrung, jawohl, der Charakter ist der Mensch selbst. Und weil der Charakter der Mensch selbst ist, bemühen wir uns vergeblich, dies zu verbergen: seinen Charakter kann der Mensch ebensowenig verstecken, wie man auch das leibliche Wesen nicht mit irgendeinem Zaubermantel[1] verdecken kann. Für eine Weile können wir im Leben falsche Bärte und Verkleidung tragen, aber in einem bestimmten Augenblick fällt jedes Kostüm von uns ab und die Wahrheit wird enthüllt.

Eine Bewegung, ein Wort, eine Handlung offenbart letztlich unseren wahren Charakter: die Maskerade kann nur gelegentlich (alkalmi – evtl.: eine Ausnahme) sein. Und die Begegnung mit den wahren Eigenschaften eines Charakters, ist die größte menschliche Erfahrung, an der wir teilhaben können.

[1] Hier spricht Márai wörtlich von einer „Nebelkappe“ – wohl ein märchenhaftes Hilfsmittel, unsichtbar zu werden.
Übersetzung: © Seidwalk

Wie man leben und schreiben soll

Sándor Márai: Das Kräuterbuch III

Wie man leben und schreiben soll

Jeder Weise, dessen Gedanken mir kennenzulernen glückte, hatte gelehrt, daß man so leben und schreiben solle, als wäre jede unserer Taten die letzte im Leben, als ob nach jedem geschriebenen Satz der Tod einen Punkt machte. Nur das Bewußtsein des Todes, ohne Furcht und grundlose Feigheit, könne unserem Leben und Schreiben eine wahre Haltung verleihen.

Fatalistisch muß man leben und schreiben, also ruhig, sehr aufmerksam, mit gleicher Intensität auf die Welt und auf uns selbst achtend, auf unsere Sinne und auf unsere Leidenschaften, auf der Menschen Absichten und auf unsere wahren Beziehungen zum Universum. Das ist hinsichtlich des Menschen die einzig würdige Haltung: mehr verlangt Gott nicht von uns. Und es gibt keine größere Sünde und keinen eitleren Versuch, als mehr oder anderes zu wollen, als Gott von uns will.

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Über das Ziel dieses Buches

Sándor Márai: Das Kräuterbuch I

Vermutlich war es ein Fehler – wie die Diskussion zuletzt zeigte -, Teile des „Füves Könyv“ in loser Reihenfolge zu bringen. Daher der neue Entschluß: das Buch wird hier sukzessive Seite für Seite übersetzt werden, erstmals in die deutsche Sprache. Im ersten Teil gibt Márai das Ziel seines Buches bekannt, er folgt unmittelbar der „Zueignung“ und wird wiederum von „Über den Wert des Lebens“ fortgesetzt. Findet jemand übersetzerische oder andere Mängel, so bitte ich, dies mitzuteilen.

Über das Ziel dieses Buches

Leser, dieses Buch möchte ehrlich sein. Es wurde von einem Manne geschrieben, dessen Wissen bescheiden und endlich ist. Nichts anderes will dieses Buch, wie all die unzähligen Bücher, die in lang vergangener und noch halb vergangener Zeit über das Schicksal der Menschen in der Welt sprechen wollten.

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Textkritisch übersetzen

Fortsetzung von: Sándor Márai und die Russen und: Meditationen über das Fremde

Man kann die Frage ganz prinzipiell stellen: ab wann darf man einen Klassiker überhaupt kritisieren in Form des Weglassens, Korrigierens oder Übersetzens? Ein systemisches Problem des Lektorats ist es, daß der Autor den Lektoren oder Übersetzer in der Regel überragen sollte. Dem Lektor obliegt es, stilistische, sprachliche, grammatische und auch sachliche Fehler eines Textes ausfindig zu machen, selbstverständlich kann er auch seine Sicht zur Konstruktion eines Kunstwerkes äußern, aber der Autor sollte dennoch die Hoheit über sein Werk nie abgeben müssen. Solange er lebt, kann er seine Interessen und Ansichten vertreten – nach seinem Tode ist sein Text wehrlos.

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Meditationen über das Fremde


Diese Fremdheit dem Russen, dem Sowjetmenschen, dem Kommunisten, dem Slawen oder „dem Asiaten“ gegenüber schien Márai vollkommen überrumpelt zu haben, die Intensität der Auseinandersetzung deutet auf einen genuinen Schock hin. Es gelingt ihm noch nicht mal, den Fremden, den Anderen begrifflich zu fixieren, weswegen er immer wieder zwischen den Zuschreibungen wechselt und sich ständig fragt, welches der Attribute nun das dominante sei.

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Sándor Márai und die Russen

Niemand, der auch nur ein wenig Ahnung hat, wird bezweifeln, daß Sándor Márai ein großer Romanautor war – und wer es bezweifelt, hat keine Ahnung.

Weit weniger bekannt ist freilich, daß der Mann ein noch besserer Tagebuch- und Erinnerungsschreiber war und hier, in diesem Metier, gehört er zum Besten, was uns die Schriftkultur  zu bieten hat.

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Über den Wert des Lebens

Einen Wert kann dem Leben nur der Dienst verleihen, mit dem wir uns der Sache der Menschen zuwenden. Das klingt ein wenig streng und allgemein, aber dies ist die einzige Wahrheit, die ich mit allen ihren Konsequenzen kennengelernt habe. Niemand kann auf der Blumenwiese sitzen, wie Ferdinand der Stier[1], und ungestraft die schönen Blumen riechen.

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