Alles Makulatur

Zuletzt erkennen auch immer mehr Marxisten und sonstige Ideologen, die im 20. Jahrhundert hängengeblieben sind, daß ihre abstrakten Debatten und Fragen in einem kaum bewußten kulturellen Resonanzraum stattfanden, der mit dem Großen Austausch vernichtet wird. (Martin Sellner)

Irgendwann im Herbst 2015, als die Meldungen sich überschlugen, tagtäglich neue phantastische Zahlen von Menschen, die die Landesgrenze meist unkontrolliert überschritten hatten, genannt wurden, dazu Bilder scheinbar endloser Menschenschlangen und –mengen, die auf Autobahnen oder über Felder liefen, an Grenzstationen in großen Trauben hängen blieben, während offenbar verrückt Gewordene die Massen mit Heilsgesängen, Blumen, Teddybären und Tonnen an Altkleidern empfingen, irgendwann in dieser Zeit, saß ich mit meiner Frau – mit der ich damals jeden Tag, jede Stunde dieses eine Thema immer und immer wieder und immer fassungsloser besprach – im Wohnzimmer, das vom Boden bis zur Decke mit einer wunderschönen Buchtapete – in sechs europäischen Sprachen – ausgekleidet ist, an der seit Jahren der Blick mindestens ein Mal am Tag liebe- und auch ein wenig vorwurfsvoll – Warum hast du keine Zeit mehr für Fontane? Wie lang willst du den Goethe noch hinausschieben? Du wagst es, über skandinavische Literatur zu schreiben und hast den Olav Duun noch immer nicht gelesen! … – entlang glitt, und sagte plötzlich zu ihr, auf die Regale weisend: Das ist alles Makulatur!

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Abbruch – Gombrowicz

„Ich lag in der Sonne, listig verborgen in der Gebirgskette, die von dem Sand gebildet wird, den der Wind am Rand des Strandes aufweht … Irgendwelche Käfer – ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll – durcheilten diese Wüste eifrig mit unbekanntem Ziel. Und einer von ihnen, in der Reichweite meiner Hand, lag auf dem Rücken. Der Wind hatte ihn umgeworfen. Die Sonne knallte ihm auf den Bauch, bestimmt äußerst unangenehm für ihn, wenn man bedenkt, daß dieser Bauch es gewöhnt war, immer im Schatten zu sein – lag da und ruderte mit den Beinchen, und es war klar, daß ihm nichts blieb, als so monoton und verzweifelt mit den Beinchen zu rudern – und nach all den Stunden, die er da liegen mochte, ermattete er schon, lag im Sterben.

Ich der Riese, der ich durch meine ungeheure Größe unzugänglich, gar nicht vorhanden für ihn war – ich sah mir dieses Gewedel mit an … und befreite ihn aus seiner qualvollen Lage. Da zog er weiter, der vor einer Sekunde noch dem Tode geweiht war.

Kaum hatte ich das getan, so sah ich etwas weiter einen identischen Käfer in gleicher Lage. Auch er ruderte mit den Beinchen. Ich hatte keine Lust mich zu rühren … Aber – Warum hast du den einen gerettet, und diesen nicht? … Warum den anderen … und dieser? … Einen hast du beglückt, der andere soll sich quälen? Ich nahm einen Stock, streckte den Arm aus – und erlöste ihn.

Kaum hatte ich das getan, so sah ich etwas weiter einen gleichen Käfer in identischer Lage …
Sollte ich meine Siesta in einen Rettungswagen für sterbende Käfer verwandeln? Aber ich war schon zu heimisch in diesen Käfern, in ihrem sonderbar hilflosen Gerudere … und ihr werdet verstehen, daß ich diese Rettung, da ich sie einmal begonnen hatte, nicht an beliebiger Stelle unterbrechen durfte. Es wäre zu grausam für den dritten Käfer gewesen – gerade an der Schwelle zu seinem Unglück einzuhalten … allzu furchtbar und irgendwie unmöglich, nicht zu machen … Ja, wenn zwischen ihm und denen, die ich erlöst hatte, irgendeine G r e n z e gewesen wäre, irgendetwas, das mich zum Aufhören ermächtigt hätte – aber es gab eben nichts, nur weitere 10 cm Sand, immer der gleiche sandige Raum, zwar ‚etwas weiter‘, aber nur ‚etwas‘. Und er ruderte ebenso mit den Beinchen! Doch als ich mich umsah, entdeckte ich ‚etwas‘ weiter noch vier solcher Käfer … – es half nichts, ich erhob mich in all meiner Riesengröße und rettete sie sämtlich. Sie zogen davon.

Da fiel mir der glänzend-heiß-sandige Abhang der nächsten Düne in die Augen, und darauf fünf oder sechs zappelnde Punkte. Käfer. Ich eilte ihnen zu Hilfe. Und hatte mich schon so an ihrer Qual verbrannt, war schon so in ihr aufgegangen, daß ich, als ich in der Nähe neue Käfer … sah, diesen Ausschlag gepeinigter Pünktchen, wie verrückt auf diesem Sand zu Gange war, nur helfen, helfen, helfen! Aber ich wußte, das konnte nicht ewig so gehen – war doch nicht nur dieser Strand, sondern die ganze Küste mit ihnen übersät, so weit das Auge reichte; so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich sagen würde ‚genug‘, und es zu dem ersten nicht geretteten Käfer käme. Welcher? Welcher? Welcher? Immer wieder sagte ich mir ‚dieser‘ – und rettete ihn doch, weil ich mich nicht zu dieser schrecklichen, schier niederträchtigen Willkür durchringen mochte – denn warum dieser, warum ausgerechnet dieser?

Bis es schließlich in mir zum Bruch kam, plötzlich, glatt, ich brach das Mitleid ab, blieb stehen, dachte ganz unbeteiligt ‚naja, es reicht‘, machte kehrt und ging zurück. Der Käfer aber, jener Käfer, bei dem ich aufgehört hatte, blieb dort mit rudernden Beinchen zurück (was mich eigentlich nicht mehr kümmerte, so als wäre mir der ganze Spaß zuwider – aber ich wußte, daß mir diese Gleichgültigkeit von den Umständen aufgezwungen war, und trug sie in mir wie einen Fremdkörper).“

(Witold Gombrowicz: Tagebücher. Fischer S. 428 ff.)