Russen und Ukrainer

Zwei Fragen zuvor: Darf man aus verschiedenen Nationalliteraturen auf so etwas wie einen „Volkscharakter“ schließen? Und darf man über etwas schreiben, von dem man eigentlich keine Ahnung hat? Beide Fragen werden hier mit „ja“ beantwortet, nicht weil die Antwort als unbedingt richtig angesehen wird, sondern nur, weil ich sonst diesen Text nicht schreiben dürfte.

Wir haben auf diesen Seiten schon mehrfach „das Russische“ als etwas wesenhaft Rohes und Derbes, mitunter auch Brutales kennengelernt, ohne daß es sich darin natürlich erschöpft. Allen voran hatte Sándor Márai die wenigen Wochen russischer Besetzung seines eigenen Gutes, seiner Heimatstadt Budapest mit gelassenem und offenem Auge betrachtet, bewußt neutral und sogar wohlwollend – denn gerade der großen russischen Literatur hatte er viel zu verdanken –, und er entwarf dennoch ein wenig vorteilhaftes Bild des russischen oder genauer des sowjetischen Soldaten, der in der Masse kulturlos, chaotisch, kryptisch erschien, ihm, dem Kulturmenschen, seelisch fern und ein Rätsel.

Auch der italienische Spiegel-Korrespondent Tiziano Terzani zeichnete 50 Jahre später ein ähnliches Bild, gerade im Kontrast zum chinesischen Nachbarn. Trotz überragender kultureller und technischer Leistungen einer Stadtelite wirkte das Land als Ganzes in Sitte und Moral, in Kultur und Zivilisation, letztlich in Humanität den westlichen Ländern weit hinterherhinkend.

Und noch Peter Sloterdijk bescheinigte dem russischen Mann, der „nicht den Übergang vom Kapitalismus in den Sozialismus, sondern den in den Alkoholismus“ erlebt habe, eine steinzeitliche Lebenserwartung, die ja nichts anderes ist als das Ergebnis der Lebensverrohung. 

Man kann sicher beides in Rußland sehen und studieren – Blüte und Verfall –, aber es ist nicht zu negieren: die Russen sind ein härteres Volk.

Diese Befunde sind angesichts der Kriegsereignisse in der Ukraine nicht bedeutungslos. Wenn die erste Prämisse stimmt, dann müßte sich das in der Literatur etwa nachweisen lassen, und wenn die zweite akzeptiert wird, dann könnte ich es auch für die Ukraine versuchen.

Wir stehen freilich vor einem großen Problem, wenn wir uns auf diese Fragen einlassen und Virginia Woolf hatte es in ihrem Essay „The Russian Point of View[1] aus Sicht der verfeinerten englischen Literaturaristokratie auf den Punkt gebracht. Da ist zum einen die Frage der Unübersetzbarkeit: „When you have changed every word in a sentence from Russian to English, have thereby altered the sense a little, the sound, weight, and accent of the words in relation to each other completely, nothing remains except a crude and coarsened version of the sense”. Es seien eben – um nur ein banales Beispiel zu geben – zwei vollkommen verschiedene Dinge, wenn ein Russe zu einem anderen Russe “Bruder” sage, als wenn dies Engländer oder Europäer täten.

Und dann geht sie kursorisch die großen Russen durch – Turgenjew, Dostojewski, Tschechow und Tolstoi – und kommt, trotz aller Differenzen, zu dem Schluß: „The ,soul‘ is alien to him“, dem englischen Leser, aber andererseits auch: Was wir an der russischen Literatur begreifen, sind weder ihre geheimnisvollen Techniken, ihre Charaktere, Handlungsweisen oder Handlungslogik, sondern just diese „Seele“ – wir lesen die klassischen Russen als beseelt, als von einer Seelenhaftigkeit durchdrungen, die wir sehnend ahnen, aber schwerlich begreifen oder nachempfinden können. Zumindest bedürfte es extensiver Lektüre, um ein Gefühl dafür zu entwickeln.

Andererseits ist kaum eine Literatur leichter zu erkennen – auch in der Übersetzung – als die russische und dafür mag es zahlreiche Gründe geben, die zu durchdenken uns hier nur ablenken würde. Tatsache ist: die russische Literatur, d.h. die klassische russische Literatur, die epische Literatur, ist einzigartig und unverkennbar.

Aber egal wohin wir schauen, ob in die Moskauer Salons oder die birkenwälderumrandeten Dörfer, ob auf den Newski Prospekt oder in die dampfenden Werkhallen, ob bei Dostojewski oder Gogol, Gontscharow oder Gorki … wir finden überall Verlotterung – geistige oder materielle –, überall Dreck, Grobheit, Barbarei vor. Es nützt nichts, auf Dickens zu verweisen oder Mór Jokai oder Zola oder Władysław Reymont usw., wo wir ebenfalls die bäuerliche Brutalität oder die Idiotie eines absterbenden Adels, also Kulturlosigkeit in dieser oder jener Form vorfinden, im Gegensatz zur russischen Realität ist diese selten systemisch und allgegenwärtig, sondern fast immer personell und sie läßt sich meist sehr gut sozial-ökonomisch, aber weniger gut völkerpsychologisch erklären.

Die Gegenspieler des sittlichen Verfalls sind dann oft artifizielle Figuren, wie etwa der Deutsche Stolz im „Oblomow“ oder Lopuchow, „der gute Mensch“, in Tschernyschewskis bedeutendem Roman „Was tun“? Überhaupt hatte die Literatur Rußlands seit A.I. Herzens „Wer ist schuldig“ (1847) vielfältig um den Idealmenschen gerungen, eben weil das menschliche Reservoir der Zeit sehr dünn besiedelt war. Stattdessen gab es en masse „tote Seelen“; Gogol gab die Parole der Ära aus – sein Dreh war es, hinter den tatsächlich verstorbenen und gehandelten Leibeigenen, die seelisch-moralischen Wracks der russischen Gesellschaft, die eigentlichen toten Seelen, sichtbar zu machen. Er tat dies mit viel Witz und Schelmerei, er machte diese gesellschaftlichen Schichten lächerlich. Andere folgten ihm auf diesem Pfad, Tschechow etwa.

Weniger bekannt, aber nicht weniger bedeutsam ist Saltykow-Schtschedrin, ein Denker von ganz eigenem Format, dessen Romane und Sittenbilder vor Witz sprühen. In der Groteske „Die Geschichte einer Stadt“ etwa heißt der Handlungsort – als Repräsentant des damaligen Russland –, schon „Dummshausen“, in „Die Herren Taschkenter“ wird die russische Bürokratie und Nomenklatura aufs Korn genommen und in seinem Roman „Die Herren Golowlew“ wird der Untergang einer russischen Landadelfamilie beschrieben: „Drei charakteristische Wesenszüge zogen sich im Laufe von drei Generationen durch die Geschichte dieser Familie: Müßiggang, Unfähigkeit, irgendetwas zu tun, und die Trunksucht. Die ersten beiden hatten Schwätzereien, Gedankenlosigkeit und Unfruchtbarkeit zur Folge. Die Trunksucht war das notwendige Abschlußkapitel der gesamten Lebensverwirrung“. Und alles hatte sich institutionell verfestigt und begann schon bei der Erziehung: „Der ganze Ton der Erziehung war ein ungewöhnlich rauher, und, was am schlimmsten ist, ein äußerst niedriger“. Und diese Rauhheit und Niedrigkeit – das ist das Verblüffende – findet sich in allen gesellschaftlichen Schichten, vom Leibeigenen über den Popen und Stadtbürger bis hin zum Adel.

Hatte Gogol das eine Stichwort gegeben, so wurde Gontscharows „Oblomow“ das zweite – aber beschreibt es etwas anderes? Dobroljubow jedenfalls charakterisierte das Oblomowtum in seinem bedeutenden gleichnamigen Essay: „Worin bestehen die Hauptzüge des Oblomowschen Charak­ters? In der völligen Trägheit, einer Folge seiner Apathie gegen­über allem, was auf der Welt ge­schieht. Die Ursache für die Apathie wiederum liegt teils in seiner äußeren Lage, teils aber auch in der Art seiner geistigen und moralischen Entwicklung“. Zwar verfehlt er damit die Gesamtbedeutung des Gontscharowschen Werkes[2], dennoch enthält die Aussage Wesentliches, nämlich die Verflechtung des Charakterlichen und Individualhistorischen mit den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen. Um das nahezu phänomenologisch zu kartieren, schrieb Gontscharow drei Romane, die eigentlich als Einheit zu lesen sind[3], im öffentlichen Bewußtsein blieb jedoch nur der mittlere, der literarisch sicher gelungenste und ob seiner gegen-charismatischen Hauptfigur volkstümlichste.

Es ist ja kein Zufall, daß Lenin den Dobroljubow und den Gontscharow intensiv studierte und in Theorie und Praxis – diese wurde durch Stalin entscheidend „verfeinert“ – den Kampf gegen das allgegenwärtige Oblomowtum aufgenommen hatte. In ihm sah er die größte Gefahr für die Revolution, diese war letztlich nichts anderes, als der Versuch, die Volksmentalität und ihre institutionellen Vorbedingungen umzustülpen und insofern blieb selbst Gorbatschow, der sich in seinem „Perestroika“-Buch noch zum Leninismus bekannte, dem Kampf gegen das Oblomowtum verpflichtet. Der seinerzeit obligatorische stalinistische Grundlagentext behandelte diesen Kampf als Essenz des Leninschen Wirkens: „Mehr als alles liebte Lenin die lebendige Tat. Scho­nungslos brandmarkte er Bumme­lei, Schlendrian, den Hang, die schöpfe­rische, schaffen­de Arbeit durch Redereien zu ersetzen. Er geißelte diejenigen, die alles in Angriff nahmen und nichts zu Ende führten. Er haßte zutiefst … den sinn­losen Leerlauf, den Oblomow-Geist.“ Und zitierte den „Klassiker“: „der alte Oblomow ist noch da, und man muß ihn lange waschen, reinigen, klopfen und walken, damit etwas Vernünftiges heraus­kommt.“ Die Rede vom „alten Oblomow“ ist alles andere als zufällig – sie spielt auf den „alten Adam“, den Menschen an sich, den russischen Menschen in seinem Wesen an.

Nun, all diese großartigen Werke Saltykow- Schtschedrins, Gontscharows und sogar Gogols haben ein literarisches Vorbild und das ist kein russisches, auch wenn es auf Russisch geschrieben wurde, sondern ein ukrainisches. Die Rede ist von Kwitka-Osnowjanenkos großartigem Roman “Die guten alten Zeiten” (1835), im Original unter dem Titel „Pan Chaliavskji“ erschienen. Das betrifft in erster Linie die Anlage des Romans als Satire, in zweiter und dritter aber auch die Beschreibung von Oblomow-Typen und deren erzieherische Herkunft. Das Soziale schimmert bei ihm zwar schon durch, wird aber nicht ausdrücklich thematisiert. Wir lachen und staunen hier über den Menschen als Charakter und weniger als Vertreter einer gesellschaftlichen Schicht. Dobroljubow schätzte den „Pan“ just als Analyse einer veralteten materialistischen  – viel hilft viel – Pädagogik[4] und Belinski – ein weiterer der großen vorrevolutionären demokratischen Denker[5], der die ukrainischen Ereignisse aufmerksam verfolgte, schätzte Kwitka-Osnowjanenko sehr und unterstrich dessen Bedeutung für die nationale Bewegung. Kwitka gilt als der bedeutendste ukrainische Schriftsteller, als der „Vater der ukrainischen Prosa“.

Ich kenne von ihm nur dieses Buch und kann mich auch nicht entsinnen, je ein anderes ukrainisches Werk gelesen zu haben – deshalb die obige zweite Prämisse. Wenn wir diesen Roman aber lesen, dann sind die Parallelen so auffällig, daß vielleicht doch ein paar Schlußfolgerungen erlaubt sind. Er beginnt mit einem grandiosen Kapitel „Das Bankett“, das weltliterarische Güte hat und den Vergleich mit Rabelais nicht scheuen muß. Wie dort geprasst, geschlemmt, gefressen, verschlungen, gesoffen wird, das ist bewundernswert beschrieben. Ein kleiner Provinzialbeamter gibt ein Gastmahl von lukullischem Gepräge um u.a. den lokalen Pan Oberst zufriedenzustellen und zu schmieren. Und während man gegen allen Verstand und Bauch weiterfrißt und säuft, wird eine typische Lebenswelt vor- und bloßgestellt. Dieses Kapitel ist mit beeindruckender Leichtigkeit und Souveränität geschrieben. Immer wieder wird betont, wie sehr sich doch die Zeiten zum Schlechten gewandelt hätten, wie alle sittlichen Regeln verfallen und leider nichts mehr so ist, wie es mal war. Dem Erzähler gilt der Fortschritt als großer Feind und die Bildung, die diesen vorantreibt als Grundübel.

Leider verflacht das Buch danach etwas. Geschildert wird der Bildungsweg dreier Brüder, von denen der eine genial, der andere gewieft und der dritte strohdumm ist. Letzterer agiert als Ich-Erzähler, der zweite mogelt sich durch gekonnte Mimikry durchs Leben und der erste erlernt den akademischen Jargon und macht aus dem Nichts eine Karriere. Der Erzähler erfreut sich einer erstickenden Mutterliebe, deren einziges Ansinnen es ist, das Kind mit Esssachen vollzustopfen – Saltykow-Schtschedrins Taschkenter werden später ebenfalls das Fressen und Saufen als Bildungsziel ausgeben – und von wahrer Bildung und Wissenschaft fern zu halten. 

Bei allem aber das gewöhnliche Bild. Wir bewegen uns im Reich der Dummheit, des Drecks, des Betrugs, der Trunksucht, der Faulheit, der Derbheit und Brutalität, in einem Wort: im klassisch Russischen – oder eben Kleinrussischen. Genau das hält der Autor für typisch: „Nein, es soll mir keiner Kommen und sagen wollen, wo das wahre Rußland sei. Ich bleibe dabei, es ist hier bei uns, hier in Kleinrußland.“

Man hätte, ob der kulturellen und historischen Nähe, auch nichts anderes erwarten sollen.

Und wenn wir heute z.B. Sorokin lesen, dann wissen wir, daß sich daran bis jetzt nicht viel geändert hat – in der Literatur.

[1] In: Collected Essays. Volume I. London 1925
[2] Wie hier dargelegt wurde: Plädoyer für ein neues Oblomowtum
[3] „Eine alltägliche Geschichte“ (1847), „Oblomow“ (1859), „Die Schlucht“ (1869)
[4] Siehe: Die organische Entwicklung des Menschen im Zusammenhang mit seiner geistigen und sittlichen Betätigung.
[5] Dazu zählen: Herzen, Belinski, Tschernyschewski, Dobroljubow

Zitierte und erwähnte Literatur:

Belinski, W.B.: Ausgewählte Philosophische Schriften. Moskau 1950
Dobroljubow, N. A.: Was ist Oblomowtum? In: Ausgewählte Philosophische Schriften. Moskau 1951.
Dobroljubow, N. A.: Die organische Entwicklung des Menschen im Zusammenhang mit seiner geistigen und sittlichen Betätigung. In: Ausgewählte Pädagogische Schriften. Berlin (Ost) 1956
Gontscharow, I.A.: Oblomow. Leipzig/Weimar 1979
Gontscharow, I.A.: Eine alltägliche Geschichte. Berlin (Ost) 1953
Gorbatschow Michail: Umgestaltung und neues Denken für unser Land und für die ganze Welt. Berlin (Ost) 1987
Herzen, Alexander: Wer ist schuldig? Berlin/Weimar 1976
Kwitka: Die guten alten Zeiten. Rudolstadt 1957
Lenin Werke Band 33. Berlin (Ost) 1962
Rabelais: Gargantua und Pantagruel.
Saltykow-Schtschedrin: Die Geschichte einer Stadt. Berlin (Ost) 1952
Saltykow-Schtschedrin: Die Herren Golowlew. Berlin (Ost) 1952
Saltykow-Schtschedrin: Die Herren Taschkenter. Sittenbilder. Berlin (Ost)1953
Tschernyschewski, N.G.: Was tun? Berlin (Ost) 1954
Wladimir Iljitsch Lenin. Kurzer Abriß seines Lebens und Wirkens. Berlin 1950
Woolf Virginia: Collected Essays Volume I. London 1925

Siehe auch:

Für ein neues Oblomowtum
Meditationen über das Fremde
Sándor Márai und die Russen
Von der Sowjetunion lernen
Starke Bilder schwarz und weiß

5 Gedanken zu “Russen und Ukrainer

  1. Percy Stuart schreibt:

    Analogien 1

    Stichwort Sorokin.

    Hab‘ dieses berüchtigte „Gespräch“ mit Durs Grünbein herausgekramt:

    https://ru-sorokin.livejournal.com/495340.html

    Zitat daraus:

    Deutschland und Rußland sind zwei Liebende. Ihre periodischen Kriege und anschließenden Versöhnungsphasen künden von langwährenden und leidenschaftlichen Beziehungen. Doch das Hauptproblem dieses Paares ist die Unmöglichkeit des Orgasmus: Rußland ist viel zu groß für Deutschland; das kruppstahlharte teutonische Glied verliert sich in den unermeßlichen Weiten der russischen Vagina. Dies ruft bei den Partnern Verstimmung hervor. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs veranschaulicht es trefflich. Zu jener Zeit war Leningrad der Kopf des russischen kollektiven Körpers, Kiew das Herz, Moskau die Vagina und Stalingrad der Anus. Rußland gab sich Deutschland damals ohne Zögern hin und überließ ihm Kiew praktisch kampflos. Die deutschen Truppen erreichten Moskau zügig. Meine Heimat lag auf dem Rücken und spreizte ergeben die Beine in bebender Erwartung. Doch unversehens richtete Hitler den Hauptangriff nicht gegen Moskau, sondern gegen Stalingrad, in der Hoffnung, im engeren Anus den ersehnten Orgasmus zu bekommen. Natürlich rief eine derartige „Perversion“ im bäuerlichen Rußland eine ungeheuer aggressive Reaktion hervor. Kaum waren die deutschen Truppen in Stalingrad eingezogen, faßte Rußland den Geliebten an der Kehle und begann ihn zu würgen. Darauf drängte Rußland ihn gen Westen zurück, nahm die Keule und … Was weiter geschah, weißt du.

    Ich hatte das Zitat anders in Erinnerung – ohne Vagina und Kiew. Eigenartig.

    Aber ich denke an etwas anderes.
    Vier Millionenstädte im deutschsprachigen Raum – Hamburg, Berlin, München, Wien: kaufmännische Unterkühltheit, Geschäftigkeit und leerlaufende Kreativität, bierselig-bürgerlicher Anarchismus, Grandezza aus Gemütlichkeit und Brutalität (= Schmäh).
    Glitschige Zuordnungen wie im o.a. Beispiel sind so einfach nicht zu haben.

    Die Hauptfragen: wer sind die besseren Deutschen (bis 1945), wie werden wir ex post eine eigene, von „den Deutschen“ abgegrenzte Nation (nach 1945)?

    Verbindung zu Rußland?
    Natürlich war die Idee eines eigenständigen Österreich auch eine taktische Erfindung Stalins 1943.

    Und je eigenständiger man sein will, desto mehr verstrickt man sich in Abgrenzungsspielchen; jedes Fußballmatch eine Schlacht, „Rache für Königgrätz“ usw.
    Am Burgtheater soll das reinste Deutsch gesprochen werden? Lachhaft. Man vergleiche einen von Juliane Hörbiger & Co. synchronisierten Film mit dem herrlichen Hannoveranisch.
    Kraftvolle Dialekte?
    Fränkisch (klingt für mich sexy) grenzt sich vom restlichen Bayern ab, in Ö wird von Salzburg bis ins Burgenland ein verwaschenes, relativ blutleeres Bayerisch gesprochen. Die westlichen und südlichen Bundesländer hingegen sehen sich mit ihre melodischen Dialekten als kleine, mit Separatismus liebäugelnde Bastionen gegen den „Wasserkopf“ Wien.
    Und wie verabschieden sich zwei Wiener, die eben noch ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Preußen-Bashing bekämpft haben? Mit „Tschüß baba“…

    Die Ukraine mag in diesem Krieg siegen oder untergehen, eine eigenständige Nation wird sie nie. Eher noch wird Lemberg wieder österreichisch…

    ff

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  2. Peter Zinga schreibt:

    Liegt es nicht daran, dass russische Dichter -zu Unterschied zu anderen – wahrheit über sich schreiben?! Dass nicht Aureola (wie z.b. Änglender) um den eigenen Kopf erscheine zu versuchen?

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  3. Stefan schreibt:

    Die Literatur kann vermutlich „an sich“ als Beweis für einen behaupteten Volkscharakter gelten – sicherlich sind Schriftsteller eine Untergruppe der Kulturanthropologen.

    Bei kurzem Reflektieren über die Ursachen der Grundverschiedenheit des russischen Volkes von z.B. dem Charakter des deutschen Volkes kommt mir das Phänomen „Freiheit und Eigenverantwortung“ in den Sinn.

    Wenn man bedenkt, daß in Rußland noch im 19. Jhd. Leibeigenschaft existierte, dann kann man sich vorstellen, welch‘ gebrochene Charaktere solche Männer (ohne jegliche Eigenverantwortlichkeit!) sein mussten. Wenn dies über 30 Generationen so geht – ja dann MUSS das zur Volksseele geworden sein.

    Der Grundherr und Gutsbesitzer selber kann ebensowenig individuelle Klasse ausformen, da sein absolutistische Macht in kaum einer Weise zu Konsequenzen bei unethischem Verhalten führt. Unkontrolliert und folgenlos „tun und lassen zu können, was man will“ ist das bereitete Saatbett für Tugendlosigkeit und ethischen Niedergang!

    Die ganze Schwermut und der Fatalismus Russlands sind vermutlich in der perpetuierten krassen Unfreiheit des Individuums begründet.
    Selbst bei äußerlicher Freiheit könnte sich das Individuum heutzutage nicht aus der historisch einbeschriebenen Unfreiheit erheben …

    Welche Differenz zu Mitteleuropa, wo man bereits in der Renaissance die Rechte (und Verpflichtungen) des Individuums (wieder-)entdeckte, wo Menschen in recht großer Freiheit beruflich fortkommen konnten (Zünfte, Bauhütten, Kaufmannstum, freie Berufe) und wo dem Adel und dem Klerus beizeiten das Rückgrat der Allmächtigkeit gebrochen wurde, wo spätestens mit der frz. Revolution die Gedanken von Freiheit und allgemeiner rechtlicher Gleichheit aller Stände commonplace wurden – ganz besonders unter Pfarrern, welche als entscheidende Multiplikatoren diesen Vorkommunismus unters gebildete Volk trugen…

    …wo ein Goethe in unglaublicher Weise die Kultur und das Menschsein analysierte und Generationen prägte, wo ein Luthertum in überwältigender Weise eine verknöcherte Institution vor sich hertrieb, wo ein Industrieproletariat zuerst arm, aber dennoch frei und dadurch immer selbstbewusster wurde, wo ein freier Bauer nichts anderes war als ein selbständiger Unternehmer…usw. usw.

    Frei zu sein, vor dem Gesetz gleich behandelt zu werden und durch Eigenverantwortlichkeit seinen Erfolg als Person zu gewährleisten – das macht den Unterschied aus zu Russland und sicher auch den Ex-UdSSR-Staaten.

    Der grandiose und verzweifelte Fatalismus der Russen ist heute ganz genauso präsent wie eh und je. Dies erfahre ich aus YT Kanälen russischer Jugendlicher, die über ihr Leben bspw. in Khabarovsk reflektieren. Sehr tiefgehend und erhellend.

    Seidwalk: Gut gesagt! Man müßte nun jedoch beginnen, die Ursachen für die unterschiedlichen historischen Wege zu ergründen. Die Frage steht im Raum, ob es sich nicht um eine Art hermeneutischer Bewegung handelt, daß also die von Ihnen beschriebenen Folgen politisch-historischer Prozesse – nebst natürlichen (z.B. geographischen, klimatischen etc. Vorbedingungen) – nicht selbst ein Teil der Voraussetzung dieser sind?

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    • Stefan schreibt:

      Ich würde es nicht an Klima festmachen. Das Klima in Schweden oder in GV ist auch genügend zermürbend.

      Ich würde es mit den römischen und griechischen Vorleistungen begründen.

      Der germanische Adel wurde definitiv von Rom zivilisiert. Z Zeiten der Völkerwanderung hat Rom ganze germanische Stämme (Gothen etc.) in einer Art früher „Willkommenskultur“ regelrecht gerettet und im Reich angesiedelt.
      Ein anderer Strom (unter Vandalenführung) wanderte bis nach Carthago und gründete dort inmitten der Zivilisation ein eigenes Reich… das über 100 Jahre Bestand hatte.

      Die Spätantike war eigentlich auch der Übergang vom griechisch-römischen Götterglauben zum Christentum als gesellschaftsprägender Weltanschauung. Ob Nordafrika oder Vorderasien oder Irland: überall Klöster, Bistümer, Mönche, Orden.

      Chlodwig I. hat sich mit Hilfe des Christentums das Frankenreich geschaffen, Alarich als Westgotenführer stand mitten in Rom, seine Goten waren bereits Christen(!) und sein Schwiegersohn Theoderich und dessen Nachfolger übernahmen Schritt für Schritt das weströmische Territorium und vermutlich auch die zivilisatorischen Grundlagen der Römer (die ja längst christianisiert waren).

      Geiserich, der überaus erfolgreiche Gründer des Vandalenreiches in Nordafrika, war ebenfalls Christ (und sah die Eroberung Nordafrikas als Auftrag Gottes).

      Damit will ich nichts weiter sagen, als daß alle großen und kleinen Stämme, die das römische Reich übernahmen und langsam „ausweideten“, ziemlich direkt auf die römische Zivilisation aufbauen konnten und das auch wollten, weil sie Christen waren.

      Somit sind die Wurzeln Mitteleuropas, das Frankenreich und das Reich Karls des Großen, bereits voll zivilisierte, von einer religiösen ethischen und weltanschaulichen Klammer verbundene Gesellschaften. Die Zivilisation ist nach „Rom“ nicht wirklich abgesunken, allerhöchstens im engeren Sinne der Wunsch nach Luxusbauten und Luxusstädten, wie es römische Großstädte waren.

      Byzanz/Ostrom (bis 1453 existent) war vielleicht das am stärksten staatsreligiös geordnete Reich und hat bekanntlich byzantinische Spitzfindigkeiten sprichwörtlich gemacht, aber auch die Zivilisationsleistungen der Antike bis ins Mittelalter bewahrt und damit dann das islamische osmanische Reich befruchtet und wohl auch die Renaissance ermöglicht (Bewahrung der antiken Wissens und Fortbestand der Wissenschaft).

      Alles das hat Europa also geprägt – nicht aber Russland. (Rom reichte bei weitem nicht bis Russland, leider!)

      Die Russen sind m.E. geprägt durch die Mongolenreiche, die ausgehend von Dschingis Khan ganze vier Jahrhunderte lang alles beherrschten von Nordchina bis zum Kaukasus.

      Ohne recht viele Details zu wissen, waren die Mongolen zumindest von einem nicht geprägt: von den zivilisatorischen Grundgedanken wie Individualrechte, gar Nächstenliebe, gar Mitleid, Achtung des Schwachen, Friedlichkeit, Forscherdrang, Buchproduktion, Unterricht etc.
      Im Gegenteil: die Grausamkeit, Brutalität und Roheit der Mongolen war extrem gefürchtet. (Tamerlan…).

      Sie dürften daher wohl viele Grundlagen für einen ganz anderen Volkscharakter der Russen (und Turkvölker) gelegt haben.

      Auch wenn europäische Russen beizeiten eine orthodoxe Form des Christentums annahmen, scheint diese kaum freiheitliches Gedankengut transportiert zu haben. Keine Renaissance, keine Bildung, keine Schulen, keine Erfindung des Buchdrucks, keine Reformation: nichts konnte die Russen herausführen aus der uralten Unzivilisiertheit und der Abhängigkeit der Bauern vom Klerus. Es fehlte eine dichte Besiedlung, rs fehlte Mobilität, es fehlte urbane Kultur und Bildung.

      Eine durchgehaltene Feudalgesellschaft ohne jede Aufklärung, mit unguten Einflüssen der Mongolen, würde ich behaupten. Gerade Wissenschaft und Technik, sicherlich in Europa seit 1200 (Kathedralen, Burgen, Brücken – also Technikleistungen) im vollen Vormarsch und Träger des auch geistigen Fortschrittes (wer konstruierte wie eine gothische Kathedrale und wer baute sie??), dürfte man in Russland noch Jahrhunderte vergeblich suchen, genau so Kunst und Musik (erste Orgeln in Europa ab 1350, oder Forstwirtschaft ebenfalls ab 1350, Stichwort „Waldsaat“, erfunden in Franken)… alles Dinge, wo Menschen aufgrund ihrer Bildung und ihres Könnens zu gesellschaftlicher Freiheit, zu weiterem „Nach“- und „Vor“denken, sowie philosophischen und philanthropischen Errungenschaften angeleitet wurden. Nicht zuletzt auch die adlige Herrschaftsschicht, die sich sehr kultur – und zivilisationsbeflissen zeigte (preußische Könige etc pp)…aber auch bereits die Kurfürsten, nicht zuletzt jeder Erzbischof, der für seine Kirchen Künstler, für seine Unterhaltung Musiker und Komponisten brauchte (Russland: Vokalmusik).

      In all diesen Zeiten bestanden die Weiten Russlands aus in Holzhütten lebenden Bauern und Leibeigenen – kaum eine Chance auf die Zivilisationswirkung von Urbanisierung (bei den unglaublichen Entfernungen) und gar keine Chance auf den Aufstieg eines freien, mehr und mehr gebildeten Proletariertums – in Europa omnipräsent dank des rasanten technischen Fortschrittes und des Frühkapitalismus. Erst Zar Peter I. nahm Anstoß an diesen Zuständen und entwickelte Ideen, was hier zu tun sei. Später brachten protestantische Einwanderer etwas Fortschritt mit.

      Das sind hier alles Mosaiksteinchen!

      Ich hoffe, in der Syntheseleistung des Lesers ergibt das etwas Sinn . Hier wurde ja ad hoc und ohne jegliche Vorbereitung geschrieben, daher bittet Mann um Benachrichtigung bei Fehldeutungen und Irrtümern.

      Die Spätantike ist jedenfalls im Geschichtswissen und Bildungskanon ein echter „blinder Fleck“, obwohl wundervoll dokumentiert und voller interessanter Ereignisse und Wendungen. Wer hätte gedacht, das Rom den Visigoten Asyl gewähren „musste“ oder daß germanische Stämme um 450 fast ganz Europa und Nordafrika beherrschen konnten… und Rom völlig degenerierte.

      Ich finde die Zeit hochinteressant. Also danke für die Anregung! PS. – Was mir nicht gelang, ist eine Entschlüsselung des Begriffs „hermeneutische Bewegung.“ Es sei mir verziehen…

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