Das Ende des Denkens

Ununterbrochen ist unser Geist in Bewegung. Worte und Sätze schwirren uns im Kopf herum, ein endloses Selbstgespräch, oft kaum bewußt. Diesen Strom zu stoppen, ist der Sinn vieler Meditationsübungen. Dabei kommen manchmal ganz brauchbare Gedanken zum Vorschein – wenn man sie nur festhalten kann.

Heute zum Beispiel sagte ich unwillkürlich folgenden Satz vor mich hin: „Nimm einfach mal ein halbes Jahr Auszeit und studiere Nietzsche“.

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Zur Kritik der zahnlichen Vernunft

Sage mir deinen Zahnstand und ich sage dir, wer du bist. Hitler (gechannelt, post mortem)

Oh verdammt – wieder alles verkehrt gemacht. Zufälligerweise treffe ich meine Frau im Badezimmer. Endlich kann ich sie fragen, was ich seit Wochen – seit sie eine Tag- und eine Nachtzahncreme gekauft hatte – fragen wollte. Welche muß man denn nun morgens und welche abends nehmen? Alle vernünftige Logik sagte mir, daß die blaue für die Nacht, die rote für den Morgen gedacht sein muß. Abends ist es dunkel – blau – und morgens glüht die Sonne am Firmament – also rot. Sie spult einen Werbespruch herunter: Morgens Aronal, abends Elmex – das wisse doch jeder und überhaupt: Blau ist der Morgenhimmel und rot die Abendsonne. So ist es: Frauenlogik! Seltsam, aber möglich. Diese Doppelcreme – die übrigens im Ökotest krachend durchfiel – kann wohl nur von einer Frau designt worden sein.

Auf dem Zahnarztstuhl frage ich die Dentistin meiner Wahl nach dem Klopp-Gebiß.

Was das sei und wie man das macht. Sie weiß es nicht, es gäbe verschiedentliche Möglichkeiten, aber sie mag es gar nicht – es ist zu massiv und zu weiß. Farbe B1 sagt sie, das hellste, was es gibt, aber eben nur in der Phantasie der Menschen. Wir rätseln, warum er es hat machen lassen. Vermutlich weil er es kann, finanziell, sage ich, und weil es in Liverpool sicherlich einen guten Spezialisten dafür gibt. Besonders bei dunkelhäutigen Menschen wirke ein solches Gebiß hochgradig gewöhnungsbedürftig, sagt sie und ich muß sofort an Firminio und Couthino denken – Klopps brasilianische –, an Mané – Klopps senegalesischen Spieler. Vermutlich ist es auch Eitelkeit, zieht man die Haartransplantation noch in Betracht. Nötig hatten sie es wohl alle nicht gehabt – Klopps Gebiß vor dem Eingriff war auf der altersgerechten Seite überdurchschnittlich gut. So ist das, die Angst vor der Vergänglichkeit läßt uns alle Möglichkeiten ausschöpfen.

 Vielleicht liegt es auch an seinem Lachen, grübeln wir weiter. Und dann fällt dieses Wort „von acht bis acht“. Wenn er lacht, dann lacht er von acht bis acht. Das ist Zahnarztsprech – wenn er lacht, dann kann man von einem Weisheitszahn (Nummer acht) bis zum anderen sehen. So ist das, der Beruf oder die Beschäftigung, also der Fokus bestimmt die Wahrnehmung. Sage mir, was du machst, und ich sage dir, was du siehst. Der Zahnarzt sieht überall Zähne, der Tattoo-Künstler überall Tattoos, der Modemacher überall schlecht sitzende Kleidung, der Architekt überall Häuser und deren Bauart, der Förster überall Waldschäden, der Künstler überall spannende Formen, Farben, Schattierungen, der Klimawandelbeauftragte überall Klimawandel, der Blogger überall Blogstoff, der Gynäkologe wünschte, er könne endlich mal etwas anderes sehen und der Philosoph sieht überall das Allgemeine – er ist, nach Odo Marquard, der „Stuntman des Experten, sein Double fürs Gefährliche“ oder noch besser mit Sloterdijk: „jemand, der wehrlos ist gegen Einsichten in große Zusammenhänge“. Wer von acht bis acht schaut, übrigens auch, nur kleiner.

Als sie meinen Zahn – dessen Krone zu Bruch ging – noch weiter abschleift, nimmt sie das Wort „grazil“ in den Mund. Ich bedanke mich für diese kundenfreundliche Wortwahl, die wohl meinte, daß da nicht mehr viel zum Beschleifen sei. So ist das, Menschen wollen – wenn es um ihre Eitelkeiten geht oder den Verfall – betrogen werden und kulturvoller Umgang befriedigt dieses Bedürfnis …, weshalb Deutsche im Ausland oft als rüde gelten. In einem Ungarischlehrbuch aus den 60er Jahren lobt die Hauptfigur die besondere Höflichkeit seines Friseurs, weil dieser kein Wort über dessen zunehmende Haarlosigkeit verloren hat und so tat, als würde er schwer arbeiten.

Meine Zahnärztin – wohl unbemerkt – hat das beste Rezept gegen Angstschmerz. Wenn sie sich über meinen Schlund beugt, dann berührt ihre Brust sanft meine Wange – ein ungemein beruhigender Effekt. So ist das, wenn es an die Existenzialien geht – Sorge, Befindlichkeit, Tod und Zahnweh – dann steigen wir hinab zu den Müttern.

Die eingebildete Diskriminierung

Die Linke Psyche II

Stephan Anpalagan reicht eine Wortmeldung von Julia Probst weiter. Die ist Gebärdensprachlerin und Lippenleserin und vermutlich gehörlos, Mitglied der Grünen.

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Märchenland für alle?

Wie weit Ungarn Deutschland geistig hinterherhinkt, wie es seelisch ganz anders verfaßt ist, kann man exemplarisch an einem kleineren, gerade ablaufenden Skandal anläßlich eines Kinderbuches erkennen.

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Lustige Geschichten andersrum

Immer wieder fragt man sich: wozu all das Neue, wenn es so viel, so unerschöpflich viel Altes und Bewährtes gibt. Schaut man sich im Geschäft die Kinderbuchregale an, kann einem oft seltsam ums Herz werden. Buntes, Grelles, Aggressives, Lautes, Modernes, Fortschrittliches buhlt um die Aufmerksamkeit.

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Spiele der Macht – weiblich

Getrieben von abstrusen Phantasien, die sich um ein imaginäres Beziehungsdreieck drehen, und auf der bekannten Suche „nach sich selbst“, begibt sich Silvia, eine noch junge und doch schon erfahrene Frau (geschieden, verschiedene Studien, Zeit im Ausland…) in Margarets Dienste, die, gefeierter Kinostar, von ihr vor allem eines verlangt: „Sie gehorchen und bewegen sich nicht; Sie denken nicht, Sie verhalten sich ruhig, wenn Sie mit mir zusammen sind, und ich sehe und höre nichts von Ihnen“. Silvia akzeptiert die unzeitgemäßen Bedingungen, betrachtet sich dabei als im Selbstversuch befindlich und verfolgt einen Plan, der vereinfacht mit „Wer wird gewinnen“ benannt werden könnte.

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Was tun? S e l b s t r e t t u n g!

… daß es gar keine Lösungen gibt. Dies bringt uns vielleicht noch einen Schritt weiter. Lösungen sind Tröstungen. (Caroline Sommerfeld)

Dieses Bedürfnis nach Abstraktion befriedigt nun just das zeitgleich erschienene Büchlein „Selbstrettung“ von Caroline Sommerfeld, das mich wirklich und wahrlich berührte. Umgekehrt könnten die weniger philosophisch angehauchten Leser hier Kontaktprobleme haben.

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Intoleranztoleranz

Die Klappe zu halten, ist gar nicht so einfach. Jeden Tag werden wir Zeugen neuen Unsinns, neuer Lügen, Verdrehungen, Windungen, überall werden die Dinge von den Füßen auf den Kopf gestellt, uns aber das Gegenteil versichert.

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Argumentum ad lapidem

Eine schöne Legende berichtet, daß Samuel Johnson den Solipsismus Berkeleys, sein esse est percipi – Sein ist Wahrgenommenwerden –, also den Gedanken, es gebe keine materiellen Dinge, sondern immer nur Ideen und Vorstellungen von ihnen, mit einem beherzten Tritt gegen einen Stein widerlegte oder zu widerlegen glaubte.

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Der Weg aus der Rassismus-Falle

Zu den dramatischen Ereignissen in den USA wollte ich mich eigentlich nicht äußern. Die Sache ist zu komplex, um sie auf einem Blog abhandeln zu können. Bereits der auslösende Vorfall offenbart immer mehr Facetten, je mehr man sich informiert und das Problem „Rassismus“ ist ohnehin nahezu unlösbar. Erst ein kurzes Statement von Lewis Hamilton, dem Formel 1 Weltmeister hat mich getriggert, nun doch etwas zu sagen – ohne es auflösen zu wollen.

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Schönheit und Wahrheit

Devise muß stets sein: Gewinnen wollen – verlieren können. Gilt für`s Leben. Ellen Kositza

Dieser Tage schrieb ich, die um sich greifende Wertnivellierung thematisierend: „Wer fett ist, ist nur anders schön und wer doof ist, exzelliert eben in Doofheit, die ihm keiner nachmachen kann“. Möglicherweise haben sich einige Leser oder sogar Leserinnen vor den Kopf gestoßen gefühlt. Am gleichen Tag stellte Michael Klonovsky einen kongenialen Netzfund ein. Darüber kann man ein wenig meditieren.

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Die rechte Männerwelt

Joko und Klaas haben es mal wieder geschafft, das richtige Filmchen zur richtigen Zeit zum opportunen Thema im Fernsehen zu lancieren und medial die zu erwartenden Blumen geerntet. Ihr Beitrag über sexuelle Belästigung von Frauen leuchtet in eine kaum vorstellbare Welt hinein. Das sage ich als Mann, der sich vom Titel nicht repräsentiert fühlt – denn meine Welt ist diese „Männerwelt“ nicht, der ausgesprochene Verdacht gegen alle Männer ist eine Frechheit. Es ist auch weniger ein Männerding, wäre meine Vermutung, sondern eines der Moderne, des moralischen Verfalls gepaart mit neuer technischer Realität.

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Der Sherrock-Klub

„Es ist unvermeidlich, daß die Natur gegen sie arbeitet, und das sehr bald. Sie besitzt phantastisches Schachtalent, aber sie ist trotz allem eine Frau. Das liegt alles an den Un­voll­kommen­heiten der weiblichen Psyche. Keine Frau kann einen längeren Kampf durchhalten. Sie kämpft gegen die Gewohnheit von Jahrhunderten und Jahrhunderten, seit Anbeginn der Welt.“ Garri Kasparow

Die Presse hatte sich fast nicht mehr einbekommen. Zum ersten Mal gewann eine Frau bei der legendären Darts-Weltmeisterschaft ein, dann zwei Spiele gegen Männer. Ihre Siege wurden Weltnachrichten, jeder Pfeil wurde ein „Fanal für Frauenrechte“, wie Billie Jean King schrieb – die Presse nahm den Ton begeistert auf und verstärkte ihn hundertfach.

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Einsame Frauen

Vor Jahren schockierte mich eine Anwältin, deren beeindruckende Bücherwand ich befragte, mit dem Satz: „Wenn ich lese, will ich nicht nachdenken“. Ihre Sammlung bestand aus hunderten Krimis und Thrillern und sogenannten Bestsellern aller Art.

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Ich liebe die Eine

Eine bildhübsche Frau heiratet einen reichen Mann. Wenn ich sage „bildhübsch“, dann muß man sich eine Frau wie Scarlett Johansson oder Brigitte Bardot vorstellen, eine Schönheit also, die jedes Männerherz höher schlagen läßt, von jenem geheimen Zauber, den man nicht erklären, dem man nur erliegen kann. Sie hätte jeden haben können, jeden!

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(Konservatives) Denken und seine Fehler

In den Sommerferien genehmige ich mir gern ein Buch, das ich sonst nie gelesen hätte. Es ist wie beim Schatzsuchen – man hofft auf einen seltenen Fund … und wird doch meist enttäuscht.

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Gespräch mit einer Muslima

von Saxhida

Seidwalk: Heute betreten wir auf diesem Blog Neuland. Ein Experiment.
Eine jahrelange Leserin hinterließ gelegentlich Like-Spuren. Klickte man auf ihren Gravatar, so landete man auf einem Blog „Frauen und Islam“. Die Autorin „Saxhida“ behandelt dort kundig, sachlich und sanft Islamthemen unter besonderer Berücksichtigung der Frauen in dieser Religion in Deutschland. Ich schrieb sie an und fragte, ob sie nicht gelegentlich auf dieser Seite schreiben, ihre religiöse Welt vorstellen und eventuelle Fragen beantworten wolle.
Die erste Frage lautet: Warum zum Islam konvertieren? Was macht seine Faszination für junge Deutsche aus?

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Aufklärung und Sklaverei

Hampstead Heath im Frühjahr ist eine naturbunte belebende Oase im Großstadttrubel Londons. Der riesige Park im Norden der Stadt ist mehr als eine grüne Lunge, er beherbergt auch unerwartete Schätze. Plötzlich steht man vor einem opulenten Bau im klassizistischen Stil, der wie ein verzaubertes Schloß die Gegend überragt: Kenwood House.

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