Die Sache mit der Liebe

Schon als Kind fremdelte ich mit Konventionen. Mein Vater hielt uns Kinder an, immer schön „Guten Tag“ zu wünschen, wenn man jemanden traf. Mehr noch: das „Guten Tag“ war ihm nicht genug, man mußte auch noch den Namen dazu sagen: „Guten Tag, Herr Döhler“, Guten Tag, Frau Nürnberger“. Dabei durften auch die Hände nicht in der Hosentasche stecken – es war ein Graus. Umso mehr, als es sich bei einer Person um einen gefürchteten Russisch-Lehrer handelte, der auch schon meinen Vater unterrichtet und ihm wohl von daher diese Ehrfurcht eingeimpft hatte. Der Mann war gefürchtet wie kaum einer – allerdings war er auch der einzige Russisch-Lehrer in der Stadt, bei dem die meisten Schüler tatsächlich Russisch lernten, wenn auch aus falschen Motiven: aus Angst. Ich gehörte nicht zu diesen – was ich heute bedauere.

Warum also sollte ich diesem Menschen einen guten Tag wünschen, wo ich ihm doch am liebsten aus dem Wege ging und ihn eher sonst wohin wünschte. Fast immer gab es Ärger, wenn man mit ihm zusammenkam, seiner Strenge war fast nichts recht zu machen. Ich müßte mich also verstellen!

Mir schien die Grüßerei eine einzige große Lüge zu sein, eine Heuchelei, ein Theater und ich nahm nur widerwillig teil und sagte die ganze Formel auch nur dann, wenn mein Vater dabei war.

So ging es mir auch mit Geburtstagen. Nur weil man an diesem oder jenem Tag geboren wurde – wozu ich ja nichts Eigenes habe beitragen können – wünschten einem nun alle möglichen Leute „Alles Gute“ und „Viel Gesundheit“ und „Hauptsache, man ist gesund“ und solches Zeug. Wenn es ihnen tatsächlich wichtig gewesen wäre, warum haben sie mir es nicht gestern und vorgestern gewünscht, warum brauchte es just dieses zufällige Datum dazu? Wie schön doch die Idee des „Nichtgeburtstages“ in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. Zig Mal am Tag mußte man sich ein Lächeln abringen, also letztlich eine Lüge, weil andere einem eine ebensolche mit falschem Lächeln ins Gesicht sagten. Es war grausam!

Es hörte auch mit den Geschenken nicht auf, mit den meisten zumindest. Geburtstag oder Weihnacht – Fest der Liebe –, es war doch immer das Gleiche. Das Geschenk kam nicht von Herzen, alles war nur Konvention, also Zwang, also das Gegenteil von Liebe. Und dann wieder dieses Gegrinse die ganze Zeit. Da hatten sie sich den Kopf zermartert, was sie einem schenken könnten und selten etwas gefunden, erspürt, das einen wirklich überrascht und beglückt hat. Einmal war es ein Fahrrad, das ich mit dem Bruder teilen mußte, aber dieses Geschenk schien für unsere eher armen Eltern so groß, daß man sich ausnahmsweise mal aufrichtig und nicht nur geschauspielert freuen konnte.

Überhaupt ist es mit der Schenkerei so eine seltsame Sache, die mich schon von klein auf belastete. Ja, Geschenke belasten: sie fordern Dank ein und sie verlangen eine Gegengabe, sie dürfen nie nicht gefallen, und immer muß man auf Knopfdruck dankbar sein … fast alles daran schien falsch und kaum jemand schien es je zu bemerken. Noch heute kann ich selten etwas schenken, ohne es ironisch zu brechen – was nicht immer auf Verständnis stößt. Und zu den Geschenken gehört auch oft das Lob, zumindest sobald man erfaßt hat, daß es aus pädagogischen oder sonstigen Gründen ausgesprochen wird.

Das Leid wurde mit der Wende noch einmal verstärkt – das machen die Briefe an und von Habermas wieder deutlich, denn sie beginnen fast alle mit: Liebe. Lieber Herr Prof. Habermas, Liebe Frau Professor usw. Ich meine: Liebe! Liebe?

Ist Liebe nicht etwas Heiliges? Einmaliges, wenigstens Seltenes? Wenn ich das einem Mädchen gesagt habe, dann war das auch so gemeint. Warum sollte man einen Herrn Professor lieben, umso mehr, als der Inhalt des Briefes fast immer von Differenzen und unterdrückten Feindschaften handelt? Nein, noch heute fällt es mir schwer, jemanden damit anzusprechen, anzuschreiben, vor allem natürlich wenn es sich um Männer handelt. Selbst dann, wenn es sich um hochverehrte und geschätzte Männer handelt.

Habermas‘ Briefe zeigen auch die Wurzel des Problems: Es ist der Westen. So etwas hat es in der DDR nicht gegeben. Entweder man liebte sich wirklich oder man ehrte sich – Sehr geehrte –, oder man wertschätzte sich – Werter Herr usw. Die Liebe, die falsche Liebe, schwappte erst nach der Wende zu uns herüber und das mit Macht. Sie bestätigte alle Vorurteile, nämlich daß es im Westen umso weniger Liebe gibt, je mehr man darüber spricht. Man konnte sie plötzlich kaufen und man führte sie ständig im Mund, in Wirklichkeit aber war sie erstorben. Das innere Wärmegefühl der ostdeutschen Gesellschaft war wie der Geist aus der Flasche entschwunden. Die Hilfsbereitschaft war weg, die unbeschwerten Feiern, das unverstellte Sich-Begegnen. Meine guten Freunde in Schul- und Militärzeit konnte ich jederzeit ohne Bedenken umarmen, auf ihren Rücken springen und was weiß ich, aber nun, da die Nähe plötzlich Mode und Usus wurde, war sie mir fast unmöglich. Mehr als je zuvor mißtraue ich allen Nähebezeigungen und siebe akribisch die guten ins kleine Töpfchen, die schlechten ins große Kröpfchen.

Und als ob all das nicht längst genug ist, kam mit dem Westen auch noch die Knutscherei. Küßchen links, Küßchen rechts, herzige Umarmung – sogar unter Männern, man stelle sich das vor. Ich sage es ganz ehrlich: wenn es die schönen Italienerinnen oder Spanierinnen machen, dann seis drum, so sind sie eben, aber deutschen Menschen nehme ich das selten ab. Allzu oft verrät der böse Blick die Intention, und Männer haben sich bitte die Hand zu geben und in die Augen zu schauen. In diesen Umarmungen á la Westen sehe ich immer schon den Dolch hinter dem Rücken.

Was ist nun das Problem? Es ist eines der Differenz und der Vielfalt – wenn man so sagen kann. Wenn nämlich bei Riten immer schon das Absolute vorausgesetzt ist, dann fehlen die Differenzierungsmöglichkeiten. Jede Differenz ist Reichtum, ist Unterscheidung, gestattet Genauigkeit, letztlich satte, volle Kommunikation. Diese Differenzierungen sind für ein gelungenes Gespräch viel wichtiger als der falsche Traum von einer idealen Sprechsituation.

So ist es auch mit dem um sich greifenden „Du“. Das mag in Dänemark, wo alle geduzt werden – außer dronningen – sinnvoll sein, weil man sich dort als große Familie betrachtet, weil es Identität stiftet. Aber die Deutschen sind viel stärker binnendifferenziert und sie sind historisch auch ein Volk – ein sehr heterogenes Volk – in dem Respekt eine große Rolle spielt. Ob ich nun eine geliebte Person mit „Du“ und eine ältere, fremde oder geachtete Person mit „Sie“ anspreche, in beiden Fällen ist es ein Ausdruck des, nein, eines Respekts – denn auch den gibt es in der Vielfalt.

Natürlich hätte ich das als Kind oder Jugendlicher so nicht artikulieren können, aber gespürt habe ich es sehr wohl und dieses Gespür hat mir die damalige Normalität vermittelt, etwas, das in der Bundesrepublik verloren gegangen ist, etwas, das ich aber in Ungarn noch fand.

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