Die Welt ohne Luther

Leider kam dann Luther.  (Michael Lösch)

In der Besprechung des äußerst anregenden Buches „Im Moralapostolat“ von Horst G. Herrmann kam ich zu der rhetorischen Formel: „Luther ist schuld“[1]. Daraus ergibt sich ganz zwangsläufig eine weitere Frage: Hätte es Luther, Luther als Person mit seinen ganz individuellen Eigenheiten, nicht gegeben, wie sähe die nachfolgende Welt aus? Die Beantwortung dieser Frage stellte sich Michael Lösch in seinem Buch „Wäre Luther nicht gewesen“.

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Luther als Schicksal

„Im Moralapostolat – die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation“, heißt ein Buch, das von Ellen Kositza (kath.) wärmstens empfohlen wurde. Auch als ein überfälliges Gegengift gegen die letztjährige Lutherei.

Sein Grundgedanke klingt verführerisch: Luther ist schuld!

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Bis das Ergebnis stimmt

So also geht Demokratie nach linkem Verständnis – ich nehme mir die Freiheit, die Ereignisse in Greifswald zu verallgemeinern. Dort hat man lange und intensiv um den Namenspatron der Universität gerungen. Man wollte Ernst Moritz Arndt nicht mehr. Man, das ist in diesem Falle nicht „keiner“, wie Heidegger meinte – zum ersten Mal wird er von links „widerlegt“ –, sondern das sind die Meinungsmacher, die „Institutionen“, die Gremien, die Ausschüsse  …, die so lange tagen und wieder tagen, bis das einzig akzeptable Ergebnis auch gegen den demokratischen Mehrheitswillen durchgesetzt ist. Und da behält Heidegger doch wieder recht: „Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe, sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor.“[1] – Man macht das eben.

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Luther der Deutsche

Diesmal habe ich lange überlegt, welches der dutzenden Bücher über Luther, die anläßlich des 500. Jahrestages des Thesenanschlages die Buchläden fluteten, ich – in langer persönlicher Tradition, denn der Reformationstag ist seit eh und je Lutherlektüretag – lesen sollte. Die Wahl fiel schließlich auf Heimo Schwilks Erzählbiographie und sie hat sich als Glücksgriff sondergleichen herausgestellt.

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Was ist deutsche Kultur?

Ein erbärmlicher Versuch

Der „Focus“ ist schon zu einem argen Wurschtblatt verkommen. Zusammen mit der Schwesterzeitung „Huffpost“, die mittlerweile zum Zentralorgan der Islamophilie mit klarem missionarischem Auftrag geworden ist. Propaganda! Ich scheue mich nicht, diesen Begriff zu verwenden. Vor allem wenn es konkret gegen die AfD und allgemein gegen Andersdenkende geht. Da wird jede Gelegenheit genutzt – mal mit dem Hammer, dann wieder etwas subtiler –, um exakt das zu tun, was man dieser Partei und ihren Anhängern vorwirft: zu hetzen und zu ängstigen.

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Something is rotten

Ryanair machte es möglich. Im Jahre 2006 weilte ich zehn Wochen in Dänemark. Der Flug von London nach Tirstrup, nördlich von Århus, beinahe geschenkt. Fast in Laufdistanz davon entfernt die Folkehøjskole på Kalø – sie war mein Ziel, dort wollte ich Dänisch lernen und tat es auch.

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Glaubenstiefe und deutsche Härte

„Mit einem ägyptischen Handwerker … unterhielt ich mich zunächst über das literarische Alexandria“ – mit diesen Worten eröffnet Karl Heinz Bohrer eine kleine Nebengeschichte, die man in seiner gedankengesättigten Autobiographie schnell überliest, die jedoch typisch für Bohrers Herangehensweise an das Leben ist und die zudem eine aufschlußreiche Pointe beinhaltet.

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Volk oder Völk? Grundtvigs Grundlegung

 Volk! Was ist denn Volk im Grunde?
Was bedeutet „volklich“ wohl?

Nikolai Frederik Severin Grundtvig (1783 – 1872), der Mann mit dem lustigen Bart, ist an Bedeutung kaum zu überschätzen.

© Den store danske

© Den store danske

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Allahu Akbar – eine Klarstellung

Es scheint in der deutschen Presse und Öffentlichkeit ein Mißverständnis zu existieren, wenn es um die islamisch-arabische Phrase „Allahu Akbar“ geht. Zwischen ihr und dem Terror wird ein Kurzschluß herbeigeführt, der schlimme Folgen haben kann.

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Luther als Prinzip

Der Kampf ist in der Welt, ein Kampf auf Leben und Tod, der Geist ist parteiisch geworden, man schließt sich zusammen zu feindseligen Rotten: der Freie, der Unabhängige, der Abseitige wird nicht mehr geduldet. Stefan Zweig

Eine liebgewonnene Tradition, eine Marotte, ein Erbstück aus Studienzeiten. Ein Jahr meines Studierendenlebens habe ich Luther gewidmet. Zumindest fing es mit ihm an, bald waren Münzer und der wenig bekannte Andreas Karlstadt wichtiger. Geblieben ist eine Vorliebe für diese wesentliche Periode deutscher Geschichte – seither versuche ich jedes Jahr um die Zeit des Reformationstages mindestens ein Buch zum Thema zu lesen.

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Schöne Fassade

Eisenach und die Wartburg sind Geschwister im Geiste. Man ist überwältigt, schaut man auf diese massive und so geschichtsträchtige Burg. Der Rundgang wird – sofern man mit kritischem Blick betrachtet – zur Enttäuschung. Alles schön renoviert, blitzblank, übermalt und aufgehübscht … aber nichts echt und original. Selbst der beeindruckende Pallas mit den romanischen Rundbogenfenstern ist nachgebaut. Die Säulen sind moderne Steinmetzarbeit, lediglich ein paar Säulenfüße wirken echt und in der Vitrine liegen Kapitellreste.

Beeindruckende Mosaike, die das Leben der Heiligen Elisabeth beschreiben, stellen sich als spätromantischer Kitsch heraus. Moritz von Schwind ist präsenter als Ludwig der Springer, Walther von der Vogelweide oder selbst Luther. Sogar der sogenannte Sängerwettstreit wird mittlerweile von der Wissenschaft in Frage gestellt oder auf andere Burgen verlegt.

Ein Loch in der Wand wird als magerer Beweis für eine aufwendige Hypokauste vorgezeigt und schon die erste Nachfrage zeigt, wie wacklig diese These ist. Im Hof steht ein Zierbrunnen; er soll den größten Makel überdecken und weist doch erst darauf hin: Die Wartburg hatte keinen Brunnen, mühsam mußte das Wasser mit Eseln nach oben transportiert werden; sie war nie verteidigungsfähig, sie ist im Grunde genommen ein Lustschloß. Sie ist Fake.

Auch Eisenach gibt sich schön und aufgeputzt. Ein hübsches Städtchen mit bunten Giebeln, neu gemachten Straßen, Bach- und Lutherhaus, Theater, Flaniermeile alles pipapo. Man muß sich einen Moment Ruhe gönnen, um die Unstimmigkeiten zu bemerken.

An den Häuserwänden kleben Antifa-Kleber, in den Hinterstraßen waren Antifa-Poeten am Werk. Ein Schaufenster wurde mit „Nazi“ besprüht. Der Inhaber des Antikladens erklärt: er mache das Maul auf, wenn es ihm stinkt, schreibt in der Zeitung, was er denkt und erntet von den „Linksfaschisten“ –so nennt er sie – den Haß. Die Szene teilt sich auf in Dreadlock- und Kiffertypen und Kapuzenträger. Aber auch Glatzen und volltätowierte, durchtrainierte junge Männer mit Fraktur-Aufschriften auf schwarzen Hemden sind zu sehen. Mit düsterem Blick scannen sie sie Gegend ab und man ist froh, durchs Raster zu fallen.

Am auffälligsten aber die Gruppen dunkelhäutiger Menschen. Syrische Flüchtlinge bevölkern einen WLAN-Hotspot und surfen selbstvergessen im Internet. Ein pakistanisches Ehepaar streitet mit dem fünfjährigen Sohn auf Ausländisch, ob er das Handy haben darf. Immer wieder kommen lautstarke Gruppen stämmiger und übergewichtiger Männer und Frauen (mit Kinderwagen) vorbei und sprechen eine seltsame Sprache. Wäre es Rumänisch, ich hätte es ein wenig verstanden – so muß es Romani sein, die Sprache der Sinti und Roma, die man im Kosovo viel spricht. Die jungen Mädchen schauen mich provozierend an, als stellten sie die Frage: „Willst du?“ Junge Männer laufen beobachtend die Einkaufspassage auf und ab, als ob sie etwas kontrollieren. Fühlen sie sich bedroht? Gilt es einen Claim abzustecken? Ich werde nicht schlau daraus. Einer verschwindet in einer Haustür mitten im Zentrum – an der Klingelleiste stehen vier typische Romanamen. Google klärt später auf: Jeder Dritte Asylbewerber in Thüringen ist Kosovare.

Man ahnt – ohne es wirklich zu wissen: es gibt Spannungen in der Stadt. Hinter der schönen Fassade.

Werbetafel in Eisenach

Werbetafel in Eisenachs Flaniermeile

Die Stuhlprobe: Scheiß Deutsche

Ich behaupte nicht, daß andere Völker nicht auch ein gesundes Interesse an diesem Bereich zeigen, sondern vielmehr, daß die Deutschen von diesem Thema in Besitz genommen zu sein scheinen. (Alan Dundes)

Heute geht es um Scheiße. Darf man so klipp und klar sagen, denn das Wort ist längst gesellschaftsfähig. Das zeigt auch ein Artikel in der „Welt“, bei dem es um künstlerische Umsetzung mit besagtem Material geht. Das war mal aufregend, langweilt nun aber nur noch. Alles schon tausend Mal dagewesen: Blut, Menses, Sperma, Scheiße … schocken uns nicht mehr.

Trotzdem, so besagen diverse Studien, sind die Deutschen besessen vom Thema. Till Eulenspiegel, Luther, Grimmelshausen, Mozart … waren alle bejahende Meister der Fäkalien und der Aufklärungsphilosoph Carl Julius Weber hat in seinem vielbändigen „Demokritos“ die Sache zur philosophischen Chefsache erklärt: „Ohne das Emana­tions­system der Posterio­ra könn­ten wir gar nicht existie­ren; und eine Stö­rung darin könnte unsere ganze Philosophie über den Haufen wer­fen…“

Gemessen daran erscheint Slavoj Zizeks Beobachtung, die die „Welt“ genüßlich wiedergibt, weniger originell: „Auch der Star der Gegenwartsphilosophie, Slavoj Zizek, wird nicht müde zu betonen, wie sich die drei großen europäischen Denkströmungen anhand der Bauart von Kloschüsseln analysieren lassen. In Frankreich flutscht alles sofort weg, weil die Franzosen gerne verdrängen. Die Deutschen dagegen blicken gerne zurück und untersuchen daher sorgfältig, was sich da im Becken offen vor ihnen ausbreitet. In England schwimmt die Notdurft im Wasser herum, man ist eben pragmatisch. Philosophisch kann man also einiges aus dem im Alltag so unliebsam weggespülten Stuhlgang ziehen – von der Charakterstudie bis zur Kulturgeschichte.“

Da ist was dran! Nur: Warum bleibt Zizek auf halbem Wege stehen? Wäre es nicht hilfreich, einen Blick über den europäischen Kloschüsselrand zu werfen? Wenn die Stuhlprobe kulturelle Aufschlüsse liefert, sollte man im multikulturellen Bereich auch die anderen Kulturen befragen. Zum Beispiel die islamische.

Der Begriff der „Besessenheit“ erhält hier neue Bedeutung – im negativen Sinne. Muslime haben ein sehr distanziertes Verhältnis zu ihrer eigenen Natur. Von Kleinauf wird Kindern eingetrichtert, Nacktheit zu vermeiden und insbesondere momentane Ausscheidungs- und spätere Fortpflanzungsorgane schamvoll zu verstecken.

Das Verrichten des Geschäftes in Richtung Mekka – in beiderlei Verlängerung – gilt als gotteslästerlich. Auch benutzen Muslime keine Urinale, da das Pinkeln im Stehen mißbilligt wird, makruh ist. Das Ausscheidungsorgan sollte danach sorgfältig mit Wasser gereinigt werden: „Während bei der Frau das reinigende Wasser über die Scheide fließt, muss der Mann zudem den Harnleiter von den letzten Tropfen befreien und den Penis derart halten, dass die äußere Öffnung der Harnröhre geöffnet und somit ein Teil der Röhre ebenfalls mit Wasser gereinigt wird.“ Das alles mit der linken Hand, die im Islam als unrein gilt, und für derartige Prozeduren prädestiniert ist. Überhaupt wird die Nutzung von Toilettenpapier nur in jenen Fällen befürwortet, wo keine Wasserreinigung möglich ist. Der Prophet nahm stets einen Lederbeutel mit Wasser auf die Toilette mit.

Während der Verrichtung ist es angeraten, sein Geschlechtsteil nicht zu betrachten und nicht zu berühren. Erfolgt sie im Freien, sollte man sich nicht in Richtung Sonne oder Mond – als „wichtige Zeichen Gottes in seiner Schöpfung“ – positionieren und möglichst den Blick in den Himmel vermeiden.

Im Idealfall handelt es sich um eine „französische Toilette“. Einige Muslime bevorzugen die Hockstellung auch bei Sitzklos und erklettern dann den Porzellanrand.

Die Toilette sollte man mit dem linken Fuß betreten und mit dem rechten Fuß verlassen, wobei man jeweils eine Gebetsformel murmelt: Beim Betritt: „Ich suche Zuflucht bei Allah vor dem verfluchten Satan. Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Oh Allah, ich suche Zuflucht bei dir vor dem Bösen und den Satanen, und ich suche Zuflucht bei Dir, oh mein Herr, vor ihrer Anwesenheit“, beim Abtritt: „Oh Allah, ich suche deine Vergebung“.

Der Koran darf das Licht des Aborts nie erblicken, auch andere Schriften, die den Namen Allahs beinhalten, sind verboten. Sogar arabisch-grün gestrichene Toiletten sollen schon zu kulturellen Verstimmungen geführt haben.

Zumindest beim finalen Händewaschen nähert man sich den europäischen Gepflogenheiten wieder an.

Nun bedarf es freilich eines hellsichtigen und tapferen Denkers wie Slavoj Zizek, um diese „außereuropäische Denkströmung“ von „der Charakterstudie bis zur Kulturgeschichte“ und besser noch bis zur sozialpsychologischen Studie zu anal-ysieren.

Quellen:
Handbuch Islam
Islam-Pedia
Enzyklopädie des Islam
Dundes, Alan: Sie mich auch! Das Hinter-Gründige in der deutschen Psyche.
Weber, Carl Julius: Demokritos oder die hinterlassenen Papiere eines lachenden Philosophen.

Zum Reformationstag

Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. Es gab eine Zeit, wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den besten Leuten der Revolutionen anderer Länder an die Seite stellen können, wo das deutsche Volk eine Ausdauer und Energie entwickelte, die bei einer zentralisierteren Nation die großartigsten Resultate erzeugt hätte, wo deutsche Bauern und Plebejer mit Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft genug zurückschaudern. (Friedrich Engels)

Aus meinen Studientagen ragt noch immer eine besondere Vorliebe für die Reformationszeit in mein Leben. Qua Geburt auf der Seite Münzers, sind es doch die viel widersprüchlicheren Gestalten Andreas Karlstadt und Martin Luther, die auch heute noch faszinieren. Jedes Jahr nehme ich mir daher eine Biographie Luthers vor – die Karlstadt-Literatur ist dagegen endlich und längst abgearbeitet–, um eine weitere Perspektive kennenzulernen. Diesmal aber rief mich ein anderes Buch aus entferntem Regal an. Mir schien, aus verblaßter Leseerinnerung, es könnte aktuelle Fragen beantworten: „Der deutsche Bauernkrieg“ von Friedrich Engels.

Engels ist nicht nur der ungekrönte König aller Hipster, er repräsentiert vielmehr eine intellektuelle Konzentrationskraft, gepaart mit sprachlicher Schärfe, wie man sie heutzutage nicht mehr findet. Luther kommt bei ihm nicht gut weg und wird fast zur Nebenfigur degradiert; Engels‘ ganze Sympathie gehört den Tat- und Kraftmenschen, vom einfachen sich selbstaufopfernden Bauern bis hin zu den Radikaldenkern wie Münzer.

Statt sich privaten Eingebungen zu beugen, geht er streng systematisch vor, und zwar ganz im Sinne Marx‘. Folglich beginnt das Buch mit der ökonomischen Analyse der Zeit, denn aus ihr – den im weitesten Sinne ökonomischen, materiellen Grundlagen – glaubten die Klassiker des Marxismus alles ableiten zu können. Individualität bleibt unberechenbar, aber das grundlegende Ergebnis, so die Annahme, müßte doch bestimmbar sein. Und welch eine Vielfalt an Interessen: die Fürsten, der hohe und niedere Adel, die Ritter, die hohe und die plebejische Geistlichkeit, die Städte, die Patrizier, die bürgerliche Opposition vom reichen Bürger über den Handwerker bis zum Gesellen und Tagelöhner, die Militärs und natürlich die Bauern in ihrer regionalen und sozialen Differenziertheit, sie alle hatten, bewußt oder unbewußt, eigene Interessen, sie bildeten „eine höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten, sich nach allen Richtungen durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem anderen im Wege, lag mit allen anderen in einem fortgesetzten, bald offnen, bald versteckten Kampf.“ Das ist die Essenz von Geschichte und am Ende, so schrieb Engels an anderer Stelle einmal, kommt immer etwas anderes heraus, als irgendeine Partei je bezweckt hatte. Wer naiv genug ist, „alle Illusion für bare Münze zu nehmen, die sich eine Epoche über sich selbst macht oder sich die Ideologen einer Zeit sich über diese Zeit machen“, der kann zu keinem Durch- oder Überblick gelangen.

Dies einmal in aller Prägnanz abgehandelt, wendet sich Engels nun der „Ideologie“ zu, insbesondere dem Konflikt zwischen Luther und Münzer (d.i. den Radikalen). Beide repräsentierten „nach ihrer Doktrin wie nach ihrem Charakter“ vollständig ihre jeweiligen Parteien, was der diskutablen Überzeugung, daß eine notwendige historische Entwicklung notwendigerweise die notwendigen Protagonisten hervorbrächte, Ausdruck verleiht. Luther wirft am 31. Oktober 1517 mit seinen Thesen – ohne es ahnen zu können – den Blitz ins trockene Stroh und hält den Brand mit seiner Bibelübersetzung am Schwelen. Aber er fürchtet die Explosion und macht daher in wenigen Jahren eine zwangsläufige Änderung durch: Vom Revolutionär zum verbalen Schlächter „wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren“. Münzer nimmt unter anderem Vorzeichen eine ähnliche Entwicklung: Aus dem Fürstenprediger und schlauen Theologen wird der Agitator, an dessen neuem Stil man ersehen kann, „auf welcher Bildungsstufe das Publikum stand, auf das er (nun) zu wirken hatte“.

Der Rest ist Geschichte. Engels beschreibt sie so bündig wie fesselnd. Luther verursachte mit seinen Ablaßthesen die Initialzündung: „Die mannigfaltig durcheinanderkreuzenden Bestrebungen der Ritter wie der Bürger, der Bauern wie der Plebejer, der souveränitätssüchtigen Fürsten wie der niederen Geistlichkeit, der mystifizierenden verborgenen Sekten wie der gelehrten und satirisch-burlesken Schriftstelleropposition erhielten in ihnen einen zunächst gemeinsamen, allgemeinen Ausdruck, um den sie sich mit überraschender Schnelligkeit gruppierten.“

Der Adel stand auf unter Hutten und Sickingen und mußte ebenso mit dem Leben bezahlen wie zehntausende hingemetzelte und gefolterte Bauern im schwäbisch-fränkischen, im thüringischen Bauernkrieg und an vielen anderen Orten (dem Vogtland etwa). Die „rasche Entwicklung der Bewegung mußte auch sehr bald die Keime des Zwiespalts entwickeln, die in ihr lagen, mußte wenigstens die durch die ganze Lebensstellung direkt einander entgegenstehenden Bestandteile der erregten Masse wieder voneinander reißen und in ihre normale feindliche Stellung bringen.“ Einigkeit herrschte nur – aus der existentiellen Not heraus – unter den Fürsten, die unter allen Verlierern, die einzigen Gewinner waren. Ihnen galt die geballte Wut aller – als Ergebnis gingen sie gestärkt hervor.

Alles in allem eine Geschichtslektion par excellence, statthaft schon deshalb, da Engels das Buch schrieb, um strukturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede zur Revolution von 1848/49 aufzuzeigen:

Eine Bewegung, die glaubt, einen gerechtfertigten Anspruch zu erheben, die aber nicht erhört wird, muß sich zwangsläufig radikalisieren, sofern sie nicht zuvor gewaltsam unterdrückt wird! Scheitern muß sie trotzdem, sofern sie ihre Partikularinteressen nicht zu zähmen weiß.

Quelle:
Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg. MEW 7
Friedrich Engels: Vorbemerkung zur zweiten deutschen Ausgabe. MEW 16