Heimo Schwilks weiches Herz

Tagebuchveröffentlichungen müssen sich rechtfertigen: der Verfasser sollte historisches Gewicht mitbringen, von Bedeutung sein und die von ihm notierten Ereignisse und Gedanken sollten selbstredend erzählens- und erhaltenswert sein.

Idealtypisch gibt es drei Arten von Tagebüchern: Das Denk-Tagebuch (Sloterdijk), das Gesamt-Tagebuch, das Alltag und Reflexion vereint (Gombrowicz, Márai, Jünger) und das Chronisten-Tagebuch, das vornehmlich Beobachtungen und persönlichen Befindlichkeiten vor konkreten historischen Hintergründen sammelt und kommentiert (Klemperer, Kertész). Heimo Schwilks erster (wohl von zwei) umfangreicher Tagebuchband gehört – auch wenn Jünger darin die zentrale Gestalt ist und die Notizen zudem einrahmt – eher zur  dritten Kategorie.

Auf diesem Blog ist Schwilk kein Unbekannter – seine herausragende Luther-Biographie wurde vor drei Jahren besprochen. Doch ist die Wende zur historischen Biographie erst jung und darf wohl auch als eine Art Rückzug aus den Frontgefechten verstanden werden. Schwilk ist älter geworden, gesetzter und zieht nun die bedächtige Aufarbeitung vor. Das war nicht immer so.

Er hatte sich in jüngeren Jahren durch die Veröffentlichung und Herausgabe mehrerer bahnbrechender Arbeiten einen Namen gemacht. Erinnert sei an seinen gewichtigen Bildband zu Ernst Jüngers Leben und Werk (1988), zwei Jahrzehnte später an seine Jünger-Biographie, die dem Giganten unter allen Lebensbildern auch persönlich wohl am nächsten kommt, der von ihm herausgegebene Sammelband „Die selbstbewußte Nation“ (1994) machte Furore, nicht nur wegen Botho Straußens „Bocksgesang“ – darin wurden Teile der „Neuen Rechten“ erstmals öffentlich versammelt –, und auch der Band „Für eine Berliner Republik“ (1997) beunruhigte das Establishment und erschütterte die Feuilletons.

Die Entstehung und die Hintergründe dieser Werke machen einen wesentlichen Teil der Eintragungen aus, man erfährt dort Einblicke in sonst verschlossene Welten, sei es das Privatleben Jüngers oder seien es die Kabalen und Intrigen, die Bündnisse und Gegnerschaften unzähliger Protagonisten. Das geht mitunter für den Leser auch ins Voyeuristische, und wenn Schwilk sogar seine Familienprobleme offenlegt, auch ins Intime. Nicht alles will vielleicht jeder Leser wissen, nicht jeder Traum ist dem mitlesenden Zuschauer bedeutsam.

Andererseits wird mit diesen Mitteln eine Atmosphäre geschaffen, eine Vertraulichkeit mit dem Autor und damit auch der Eindruck von Offenheit und Ehrlichkeit. Denn natürlich manipuliert ein Tagebuch immer den Leser, selbst wenn es nie zur Veröffentlichung geplant gewesen sein sollte: Tagebücher sind nicht nur Erinnerungsstützen, sondern auch (Selbst)Betrugsversuche. Hier etwa durchzieht ein leises Weh die Zeilen, das jeder Betrachter des unaufhaltsamen Verschwindens des Erhaltenswerten aus eigener Seele kennt, dieser „unerbittliche Sog des Verlusts“, die Traurigkeit über ein „armes, elendes, um sein eigenes beraubtes Deutschland“.

Nochmal: auch wenn die Nähe zu Jünger, den Schwilk die letzten Lebensjahre sehr nahe begleiten durfte, der fast eine Vaterfigur wurde, schon im Titel anklingt, ist Schwilks Zugriff doch ein ganz anderer und das scheint am Naturell zu liegen. Er ist verständiger, einfühlender, weicher und nicht so kalt und komprimiert, so chirurgisch und sammelnd wie der Jüngers. Schwilk war Fallschirmjäger mit Einzelkämpferausbildung, Marathonläufer und dennoch ist er auch bekennender Epikureer, der jeden guten Wein und jedes üppige Menü akribisch notiert. In dieser Spannung ist wohl auch die permanente Suche nach der eigenen Identität, der passenden Stelle im Leben, zu erklären.

So kommt es, daß Heimo Schwilk viele verschiedene Rollen im Leben eingenommen hat: Biograph, Autor, Kolumnist, Journalist, Kriegsberichterstatter, Herausgeber, Historiker, selbst Philosoph. Ein Leben in permanenter Bewegung, körperlich und geistig. Das nähere Kennenlernen unzähliger bekannter Menschen, vor allem aus dem konservativen Spektrum: Mohler, Safranski, Zitelmann, Walser, Strauß, Kempowski, Schacht, um nur einige zu nennen, von denen man manche Interna erfährt, großartige Portraits etwa des uralten Gadamer, des kauzigen Erich Loest oder Günter de Bruyn, Reiner Kunze, Christa Wolf, Luise Rinser, Rolf Schilling, J.M. Simmel …

Und zwischendrin immer wieder Jünger, Jünger, Jünger, zu dem er „eine tiefe innerliche Bindung“ spürt: „Jüngers Seinsgläubigkeit, sein Sinn für das Wunderbare unserer Existenz“ klingt in ihm an – für Jünger-Leser eine unentbehrliche Quelle, auch wenn sich vieles schon in der Biographie findet.

Das Namensregister ist voll wie selten, der Chronist muß Teil enormer Netzwerke gewesen sein. Manchmal plaudert er fast naiv Interna aus, nennt Zahlen, Namen, Schwächen, Vorlieben, Sünden konkreter Menschen im privaten und im öffentlichen Bereich.

Der heutige Leser wird auch immer wieder von einer analytischen Hellsichtigkeit überrascht, die sichtbar macht, daß vermeintlich gerade erst errungenes Terrain schon vor 25 Jahren erobert worden war und Begriffe oder Denkfiguren, die man heute im widerständigen Milieu nutzt, einen jahrzehntealten Vorlauf haben. Systemische Mißstände der jetzigen Zeit wurden vor 30 Jahren schon sauber gekennzeichnet und beleuchtet.

Besonders beeindruckt hat mich Schwilk als sensibler Beobachter der DDR und ihrer Literatur. Auch hier profitiert er von vielen Bekanntschaften und einem natürlichen hermeneutischen Zugang. Er schreibt darüber mit einer Einfühlsamkeit, als wäre er nicht in Schwaben, sondern in Sachsen aufgewachsen, nahezu kongeniales Verstehen – wenn nur nicht dieser eine verletzende und despektierliche Satz geschrieben worden wäre: „hoffentlich spurlos“ – die Rede war vom „sang- und klanglosen Untergang der DDR“.

Ob man Tagebücher mag oder nicht, hängt oft von der persönlichen Sympathie ab. Man kann sich Leser vorstellen, die Schwilks Aufzeichnungen als zu weich oder als zu selbstverliebt empfinden, und ganz sicher werden sich viele Erwähnte angegriffen fühlen und manch anderer wird vielleicht mit Sorge auf den zweiten Teil warten, der vermutlich die letzten beiden Jahrzehnte umfassen wird, ich aber, wie überhaupt der Außenstehende, konnte es als übersattes, vielfältiges, vielfarbiges Panorama lesen, hochgradig informativ, anregend, aufregend. Entstanden ist ein Kompendium – natürlich selektiv –, das mir die Zeit und nicht zuletzt auch den Autor nahe gebracht hat.

Man schlägt es zu, als würde man sich nach langem Besuch verabschieden, hoffend, daß es bald ein Wiedersehen geben wird.

Heimo Schwilk: Mein abenteuerliches Herz I. Aus den Tagebüchern 1983-1999. Landt Verlag 2022. 633 Seiten. 42 Euro

Siehe auch: Luther der Deutsche

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..