Der Verlust des Dialektes

Heutzutage gilt man als Dialektsprecher schnell als dumm und ungebildet, auch in Abhängigkeit des Dialektes. Alles, was Sächsisch klingt, steht unter diesem Vorbehalt, der Berliner mag noch pfiffig klingen, der Kölner wohlgelaunt und der Bayer direkt. Im Grunde genommen hören wir aber kaum noch Dialekt, sondern fast nur noch Akzente, aber auch die gelten als dubios, zumindest in der Öffentlichkeit.

Ich selbst bin im Vogtland aufgewachsen, wo man einst einen sehr eigenen und auch in sich diversen Dialekt gesprochen hat, d.h. in Klingenthal klang es anders als in Auerbach und dort wieder anders als in Plauen oder Lengenfeld, von den Bergdörfern ganz zu schweigen. Ja, als Auerbacher konnte ich sogar noch den Brunner heraushören, der keine fünf Kilometer entfernt lebte und heute auch eingemeindet ist, damals aber durch einen längeren leeren Straßenfaden von der Stadt getrennt lag.

Dahin, in das Dörfchen Brunn, hatte es 1945 die Familie meiner Mutter verschlagen, die Frau mit drei Kindern allein, der Großvater kam erst sechs Jahre später aus der Kriegsgefangenschaft. Meine Mutter war zu jener Zeit vier Jahre alt, also zehn, als sie ihren Vater zum ersten Male bewußt wahrgenommen hatte. Sie stammten aus Westpreußen und sprachen daher wohl eine niederpreußische Mundart, die sie neben der Fremde an sich auch zu den Fremden im vogtländischen Bergdorf machte. Gut verständlich, daß sie alle ziemlich schnell zu sächseln begannen und meine Mutter war natürlich bald fließend.

Aber wenn sie später, als wir schon auf der Welt waren, mit ihren Eltern allein war, dann verfielen sie wieder in diesen Sprech, der uns Kinder mächtig verunsicherte, denn das war plötzlich nicht mehr meine Mutter, sondern da sprach eine andere Frau.

Als es mich nachher für ein paar Jahre zwecks Ableistung des Wehrdienstes ins Brandenburgische verschlug und ich dort mit vielen Berlinern zusammen war, da wurden oft Witze über meine Unfähigkeit, klare Vokale auszusprechen, gemacht, an denen ich gern teilnahm, denn es war tatsächlich lustig zu hören, daß ich auch bei größter Anstrengung nicht dazu in der Lage war. Zumindest lachten die Jungs noch immer, auch wenn ich selbst der Meinung war, es nun gemeistert zu haben. Als ich dann auf Urlaub nach Hause kam, da sagten meine Kumpels befremdet: „Kannst du nicht normal reden, du klingst ja wie ein Preuße“ … oder, um genauer zu sein: „Koast de ned normoahl rehdn …“. Unbemerkt hatte ich mich meinen Zimmergenossen angepaßt. Aber es gab auch einen, der kam aus Annaberg-Buchholz im Erzgebirge und der war nicht dazu in der Lage, halbwegs hochdeutsch zu sprechen, und galt demzufolge als Inbegriff der Dummheit und ich mußte übersetzen, von dem, was ich aus der Dialektnähe heraus verstand.

Heutige Generationen haben diese Probleme nicht mehr, wie es scheint. Höre ich junge Abiturienten selbst im lockeren Gespräch sprechen, dann klingt ihre Rede glatt und blank wie eine Schlitterbahn, auf der es keinen Halt mehr gibt. Der letzte Schliff wird ihnen gegeben, wenn sie in Bonn oder Mannheim studieren – diese Fälle kenne ich –, denn danach sprechen sie nicht nur glatt, sondern auch den seelenlosen Bundessprech ohne jede Markanz.

Das zeigt die Doppeldeutigkeit dieses Prozesses.  Es liegt ein Gewinn darin – man gehört plötzlich zu allen – und ein Verlust – man gehört zu niemandem mehr. Mir scheint, der Verlust überwiegt. Ganz offensichtlich ist es so, wie Hans Lipps, der bedeutende hermeneutische Philosoph und Sprachdenker, den heute nur noch kennt, wer den philosophischen Dialekt beherrscht, sagte: „Im Dialekt gibt man sich natürlich.“[1] Das ist es! Was den Sprechern der aalglatten Sprache fehlt, ist die Natürlichkeit. Lipps war kein Träumer und hat bewußt geschrieben „gibt man sich“ und nicht „ist man“ und damit die Potenzialität offengelegt, den Reichtum. Denn Dialekt authentisch sprechen können, ist wie eine Fremdsprache zu beherrschen. Wer es kann, kann sich geben – vorausgesetzt, er versteht auch die Muttersprache.

Er schreibt weiter: „Man spricht ihn unter sich. Dialekt bedeutet: intime Gemeinschaft.“ Das exakt war es, wenn die Mutter mit den Großeltern ihre eigentliche Sprache sprach: intime Gemeinschaft, und heute weiß ich, daß sie das Recht dazu hatten und ich eben nicht. Zwar gehörten wir zur Familie, aber eben nicht zur gemeinsamen Geschichte, zum gemeinsamen Ursprung und die hat ein eigenes Existenzrecht.

„Dialekt ist aber gerade Ursprüngliches“, schreibt Lipps. „Im Dialekt wird ein Einverstehen angespielt bzw. der andere auf einen bestimmten Ton gestimmt. Im Dialekt betont sich das Besondere einer artlich bestimmten Lebenshaltung.“ Es ist bedeutsam, daß Lipps auf die Stimmung ausgeht, und auf den Ton. Wenn ich von der Armee nach Hause kam, da genügte ein Schulterschlag und ein vogtländisches Wort, um endlich wieder zu Hause zu sein, zu wissen, wie man sich zu verhalten hat, keine Sorge mehr haben, etwas Falsches zu sagen, es war wie ein eingestimmtes Instrument und bald spielte man ohne großes Nachdenken wieder harmonisch im Orchester der Heimat. Denn: „In dem irgendwie ‚Gestimmten‘ eines Dialektes, in dem unmittelbar Eindruckshaften seiner Ausdruck zeigt sich die stämmische Sinnesart, das Sonderwesen eines Volksteiles.“ Und: „Der Dialekt ist aber etwas, was man mit einem andern gemein hat oder nicht, und dies ineins mit der Gegend oder Landschaft, aus der man ist.“ Dialekt schafft Geborgenheit und ist besonders für die Kindesentwicklung bedeutsam[2].

Das Doppelwesen zeigt sich nun einerseits in der Ablehnung der Differenz – der andere Dialekt ist mir fremd, wenn nicht gar unangenehm, um so mehr das Dialektlose –, aber darin liegt die lebendige Differenz selbst, denn dieser mein Dialekt ist selbst das Differente, das sich vom Anderen und Fremden absondert. Wenn ich junge Leute von heute in dieser Nullachtfünfzehn-Sprache reden höre – sie sagen ja zudem auch nur das Erwartbare und durch subtile gesellschaftliche Sanktionen eingetrichterte – dann überkommt mich oft eine Traurigkeit. Sie sind meist intelligent und smart, aber es mangelt ihnen an Charakter und Griffigkeit. Ja, sie sehen sich sogar alle irgendwie ähnlich und man kann nicht mehr sagen, ob einer aus Flensburg oder Friedrichhafen stammt, denn so, wie es nach Lipps ein „sächsisches Gesicht“ gibt, „das seinen Akzent gerade von der Mundpartie … bekommt“, so formen auch andere Dialekte ihre „Front“. Die neuen Leute hingegen passen sich perfekt in die einstudierten Abläufe ein, werden sicher ihre Karriere machen – und irgendwann aus unbegreiflichen Gründen bei der psychologischen Beratung landen.

Wir kommen immer wieder an denselben Punkt, den uns die Durchsetzung des Englischen als Verkehrssprache verdeutlicht: durch die künstliche Erhebung einer Verkehrssprache zur Imitation des „Ausschwingenden der Transzendenz menschlicher Existenz“, die in den echten Sprachen als „gelegter Grund“ existiert, wird alles falsch – ich denke, „das macht Sinn.“

Globalisierung, Gleichheit, Gleichberechtigung, also die bewußte Nivellierung aller Wesensunterschiede durch Konsum, Weltmarkt, Reisen, Ideologie, Politische Korrektheit, Sprachschleifung, Weltsprache, Internet und Interrail und Interwasweißich, die uns von allen Problemen, die durch Gegensätze entstehen, befreien wollen, werden zu einem hohen Preis erkauft. Die vorgebliche Diversifizierung, die gleichberechtigte Vielfalt, die zur Schau gestellte Individualisierung durch das bewußte Hereinholen des Fremden und Anderen und die Überbetonung des Ungewöhnlichen ist tatsächlich nichts anderes als die Ausmerzung der eigentümlichen, der genuinen, der historisch gewachsenen inneren Vielfalt des Eigenen.

Sie ist ein Verlust – und wie jeder Verlust an Reichtum, zu beklagen –, kurzfristig irreversibel, denn um ihn wieder gut zu machen, bräuchte es lange historische Zeiträume. Dazu gehören auch die Dialekte. Was intime Gemeinschaft durch geteilte Sprache ist, wissen die jungen Generationen immer weniger. Sie meinen sich dadurch frei zu machen, von den Fesseln der Heimat zu lösen, mit allen und jedem kompatibel zu sein, aber sie verlieren damit das, was sie zu gewinnen meinen: Individualität.

Der Verlust des Dialektes ist dialektisch. Er ist einerseits Ergebnis des Prozesses der Schleifung aller Differenzen, aber er treibt sie auch als ein Agent selbst an.

[1] Hans Lipps: Die Verbindlichkeit der Sprache. Klostermann Frankfurt 1958. Darin: „Sprache, Mundart und Jargon. (1936) S. 80-97
[2] Siehe: Otto Friedrich Bollnow: Sprache und Erziehung. Kohlhammer Stuttgart 1966. Seiten 75ff.

siehe auch: Warum Sachsen?

2 Gedanken zu “Der Verlust des Dialektes

  1. Otto schreibt:

    Otto Friedrich Bollnow …? Ich lese alle Bücher, deren Autor mit seinem Nachnamen auf -ow oder -in endet. Wo liegt Bollnow?

    Seidwalk: Nördlich von Heidegger und südlich von Dilthey, östlich von Sartre und Marcel, westlich von Bloch, zwischen Hermeneutik und Pädagogik, jenseits des Letztbegründungsgebirges, diesseits der Anthropologie.

    Wenn der Buschfunk korrekt sendet, dann können Sie in der kommenden Sezession was dazu lesen. Also vormerken!

    Pérégrinateur: @Seidwalk: Fehlen bloß noch die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen …

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