Wer stiftet, was bleibet?

Vom ungarischen Revolutionär und Politiker Gyula Andrássi (1823-1890) geht folgende Legende um: Auf einem Herrenabend wurde er von einem Magnaten nach seiner seltsamen und gänzlich unstandesgemäßen Freundschaft zum Maler Mihály Munkácsy (1844-1900) befragt, über die man in den höheren Kreisen die Nase rümpfte. Darauf fragte Andrássi den Magnaten, ob er denn den Außenminister zu Rafaels Zeiten kenne, worauf dieser überrascht antwortete: „Woher soll ich das wissen?“ – „Sehen Sie“, kam die Riposte, aber wer Rafael war, das wissen Sie doch sicherlich?“

So war das in den alten Zeiten.

Über Heideggers tiefes Wort „Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung“ soll hier nicht weiter nachgesonnen werden, auch seine Auslegung der Hölderlinschen Zeile „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ soll hier nur erwähnt werden. Mit Stefan George haben wir ausgiebig erfahren, was der geheimnisvolle Satz der Norn „Kein Ding sei, wo das Wort gebricht“ bedeute und mit Foucaultschem Besteck wurde andernorts die Schere zwischen Sein und Sprache aufgezeigt. Alle diese Äußerungen spielen auf das konstitutive Element der Sprache, wie es wohl vor allem von Wilhelm von Humboldt aufgedeckt wurde, und auf das schöpferische Element ihrer Entwicklung an. Unterm Strich steht: Sprache lebt und webt, ist in Bewegung, entwickelt sich und das auf vielfältige Art und Weise, aber ganz wesentlich durch die Schöpfungen der Dichter.

Man muß sich nur das Grimmsche Deutsche Wörterbuch in 33 voluminösen Bänden vornehmen, um zu sehen, wie die beiden Sprachforscher und Volkskundler neben dem oft weisen Volksmund aus dem Reichtum der Literatur schöpfen. Immer wieder Verweise auf die besten Dichter der Zeit, Goethe, Schiller, Luther ganz prominent, aber doch die ganze Breite bis ins Dialektale hinein aufbietend.

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wahllos aufgeschlagen – Grimm Deutsches Wörterbuch Band 23

Und heute? Dichter von Rang scheint es nicht mehr zu geben und wenn es sie gibt, dann traut sich niemand mehr, sie in einen Kanon aufzunehmen. Leser von Format gibt es auch nur noch wenige und die parlierenden Gesellschaften, Klubs und Herrenrunden sind weitestgehend verschwunden. Man wird das Gefühl nicht los, daß das, was man heute unter diesen Begriffen noch geboten bekommt, die alten Tischrunden um ein Vielfaches unterbietet. In Zeiten der Telekommunikation scheint all das zwangsläufig zu sein.

Sicher, vereinzelt gibt es die Sprachkünstler noch, so einen wie Sloterdijk, aber deren Sprachakrobatik wird meist entweder ridikülisiert, vielleicht auch nur ehrfürchtig bestaunt oder aber im politischen Grabenkampf vernutzt, wo sie zu identifikatorischem Sprachjargon verkommt.

Und wenn man die letzten Sprachdebatten überschaut, dann müssen wir ernüchtert feststellen: Die deutsche Sprache lebt zwar noch immer, aber ihre Frischzellenkur stammt nun vor allem aus drei Quellen: der Bürokratie, der Ideologie und dem Pidgin-Deutsch, der „Kanak-Sprak“, dem Kiez- oder Migrantendeutsch.

Das Verhältnis von Kunst und Politik oder Bürokratie hat sich scheinbar verkehrt und bis in die Sprachfasern eingenistet. Niemand wird mehr wissen, wer zu Merkels oder Lauterbachs Zeiten den bedeutendsten Roman geschrieben haben wird, aber alle kennen die Verewigung der Null in Namen wie Hartz IV oder Riester-Rente.

Der Duden ringt um „gendergerechten Sprachgebrauch“, sein Zuwachs besteht aus Anglizismen oder Neuschöpfungen der Art „Long Covid“, „boostern“, „woke“ und „trans“. Man darf jetzt in perfektem Deutsch „nice“ sagen aber das „Lehrmädchen“ oder das „Fräulein“ ist verpönt und hat nun „Auszubildende“ oder „Teenager“ zu heißen. Moderatorinnen üben den Glottisschlag, und wenn selbst der (selbsternannte) strengste aller Philosophen beginnt, von  „Initiator:innen“ zu schreiben, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat.

Apropos: wer gern ohne Schläge an Berliner, Hamburger oder Gelsenkirchener Mittelschulen auskommen möchte, der sollte seinen Sprachschatz entsprechend runterdämmen. Aber auch hier gilt: es handelt sich schon längst nicht mehr um Subkultur, selbst beim Prime-Fußball schreit der Reporter heutzutage: „Was ein Tor!“

Nun, es kann sich jeder selber zusammenrechnen, wohin eine Sprache sich entwickeln muß, wenn nicht ihre Künstler, sondern ihre Verhunzer verschiedener Herkunft das Sagen bekommen.

Was bleibet aber, stiftet – wer?

Ein Gedanke zu “Wer stiftet, was bleibet?

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Gestern gab es in der Zeit einen Artikel über die Wahlen in Frankreich:

    ––––––––
    Gut ein Viertel der Wählenden in Frankreich hat abgestimmt

    In der Stichwahl um die Präsidentschaft kandidiert die rechte Herausforderin Le Pen gegen Amtsinhaber Macron. Die Teilnahme liegt bisher höher als beim ersten Wahlgang.

    […]
    ––––––––

    Hervorhebung im Titel von mir. Genusdeixis ist eben heute wichtiger als Temporaldeixis und darf diese und die sachliche Richtigkeit deshalb getrost verletzen. Vor einiger Zeit war irgendwo in der Presse sogar der burleske Ausdruck „tote Radfahrende“ zu lesen.

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