Mein Kalifat

„Demokratie? Ich bin hier, um die Demokratie zu verteidigen! Nicht, um sie zu praktizieren.“  (Der Kalif)

Hasnain Niels Kazim liebt seine deutsche Heimat! Das meint das Dorf Hollern-Twielenfleth und das Alte Land und das liegt irgendwo da oben. Er liebt die Landschaft, den Dialekt, die Leute, das Essen, alles. Aber er liebt auch Österreich, Wien und die Wiener, oder Pakistan, wo seine Familie herstammt, und überhaupt kann der Weitgereiste jeder Gegend, in der er gelebt hat, etwas abgewinnen, nur Sachsen nicht, denn dort gibt es Pegida. Von dort her wird – so empfindet er ganz aufrichtig – seine geliebte Heimat bedroht. Der sächsische Dialekt ist ihm ein Graus – man kann das verstehen –, die Teilnahme an einer Pegida-Demonstration war ihm Schlüsselerlebnis.

Daß jemand ausgerechnet in Dresden, „wo es doch so gut wie keine Muslime gibt“, Angst vor der Islamisierung haben kann, das kann er nicht begreifen, „Angst vor etwas, das es nicht gibt“, so wie es auch das Monster in der Kiste auf dem Flur nicht gab, das der junge Niels fürchtete und deshalb ins Bett pullerte.

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Bild Innenseite „Mein Kalifat“ – man beachte den Hintergrund (in Wien) © Penguin

Aber Hasnain Kazim ist auch ein lustiger Mensch! Man sieht ihn oft lächelnd, gern schreibt er lustige Sachen, lacht auch gern über sich selbst. Aus diesem Geist entsprang die Idee, den Sachsen zu geben, wonach sie heimlich verlangten: Islamisierung! Kazim erfand die Figur des Kalifen, der just in Deutschland, just in Sachsen, ja just in Dresden sein Kalifat ausruft, Alhamdulillah!

Die Twitter-Kunst-Figur verselbständigte sich, Menschen aus dem linken Denkspektrum fanden das originell, unterwarfen sich symbolisch, traten in den Harem ein und gemeinsam schimpfte man auf die „Honks“ in AfD, Pegida und wohl auch Sachsen. Schließlich wurde ein Buch daraus – der kulante Penguin-Verlag vereinbarte mit dem Autor gleich zwei Bücher, lange noch, bevor die erste Zeile geschrieben warcheck your privileges, Niels!

Nun ist es also da, lang erwartet, frühzeitig gepusht, sogleich bestsellerverdächtig.

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© Penguin Verlag

Natürlich ist alles nur Satire und auch die Trennung zwischen Autor und Erzähler sollen wir nie vergessen – daran mahnen die Eingangszeilen. Und dann fängt er also an. Im Zug trifft er einen Pegida-Gegendemonstranten und fast im Affekt wird die Idee des Kalifats geboren. Schließlich läuft vieles schief in unserer Gesellschaft, „wie toll wäre es doch, gäbe es eine gute, mächtige Figur, die uns wieder in die richtige Bahn lenkt, die die Menschheit von der Dummheit befreit …“

Dafür nun stellt sich Kazim, bzw. seine Figur zur Verfügung, und überhaupt hält er alles nur für eine Frage des Intellekts und der Bildung: wären die Menschen nicht so dumm, gäbe es nicht diese „Idioten“, „Trottel“, „Honks“ usw., dann müßte das doch zu machen sein. Geballt laufen sie bei Pegida herum und rufen „Absaufen, absaufen, absaufen“, einer trägt einen Galgen aus Balsaholz mit sich und andere skandieren allerlei abscheuliche Botschaften. Da entsteht in ihm diese „Urwut“ und die ist gut, wohingegen die Wutbürger auf der Straße die „Wutbünzli“ sind, eine schlechte Wut vor sich hertragen. Und Kubitschek – ungenannt – darf noch rufen: „Es ist am Horizont eine neue Möglichkeit aufgegangen! Eine politische Morgenröte. Und es ist eine Lust, zornig zu sein und der Politik die Zähne zu zeigen.“

Dem setzt er also das Kalifat entgegen, muslimisch zwar, aber als freie Gemengelage aller Religionen, von denen der Kalif zwar nicht viel hält, die er aber alle erlaubt und als gleichwertig betrachtet. So sollten es auch seine Untertanen sehen. Statt Kirche, Moschee oder Synagoge gibt es nun eine Synaschee.

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„Provokation“: Die Semper-Oper als Moschee bzw. Synaschee – © Penguin

Viel mehr erfährt man über das Kalifat leider nicht, nur daß die meisten Menschen in dieser toleranten Welt glücklich sind, dem Kalifen huldigen und einige Unverbesserliche – meist Sachsen – noch immer krakeelen. Das Buch wird mehr und mehr zur Lehrschrift, in der uns der Kalif seine politischen Ansichten verklickert. Die sind – mit Verlaub – recht naiv, meistens gut aber, manchmal auch mächtig streng. Prinzipiell dürfe man nie zu schnell urteilen, komme es immer auf den Kontext einer Aussage an – wird mit drei Ausrufezeichen statuiert –, aber anderseits „bedeutet Meinungsfreiheit nicht, daß ihr ein Recht auf Widerspruchsfreiheit habt! … Und Meinungsfreiheit heißt auch nicht, daß ihr ein Recht auf Gehör habt!“ Man ist also frei, seine Meinung konsequenzlos in den Wind zu sprechen, schreibt der Spiegel-Journalist und Dauer-Talk-Gast.

Auch könne jeder seiner Religion frönen und am besten einem Mischmasch aus allen Religionen, auch wenn das im Grunde alles Quatsch ist. Immerhin schreibt der Kalif – der nicht mit dem Autor verwechselt werden sollte, liebe Islamisten! – ab nun per ordre de mufti nur noch iSlam, „um gleich etwas cooler zu wirken“ und vielleicht auch ein wenig lustblasphemisch.

An anderer Stelle wird das Grundgesetz wie ein Heiliges Buch in einer Bundeslade von ehemaligen Pegida-Sündern heim nach Drestan getragen, nachdem sie den Text auswendig gelernt haben, vor allem die alte Mär von der Würde des Menschen, die auch im Kalifat aber eben für alle Menschen aus aller Welt gilt.

Es gibt auch einige brauchbare Vorschläge. So soll es im Kalifat etwa „Witzkunde“ als Pflichtfach geben und die Untertanen müssen das Ertragen lernen, von Dingen, die man nicht mag oder von anderen hören möchte und auch seine Ablehnung des Wortes „lecker“ ist mir sehr sympathisch …

Dennoch, man wird den Eindruck nicht los, daß das Ganze in einer Tyrannei endet. Andersdenkende landen im Gefängnis, etwa Bild-Chef Julius Reichert – „dieses Dreckschwein“ – und es gilt: „Wer von denen, die ich mir vorknöpfe, nicht irgendwann kapiert, warum er in den Kerker gekommen ist, dem ist nicht zu helfen.“ Auch ist ein gewisses Ungleichgewicht nicht zu übersehen: da werden vier Seiten vermeintlich menschenverachtende Sprüche von Afdlern  zusammengesammelt und mit ganzen zwei Aussagen von Islamisten gekontert. So erscheint die Empörung über „Extremismus“ an sich wenig glaubhaft. Und natürlich wird auch getrickst: um dem Christentum eine ähnliche intrinsische Gewaltaffinität zuzuordnen wie dem Islam, wird das Alte – und nicht das Neue – Testament durchforstet und mit blutrünstigen Szenen präsentiert.

Was als Fazit bleibt, ist ein überaus widersprüchlicher Kalif, ein widerspruchsvolles Buch. Kazim ist sich dessen bewußt und meint dieses Problem lösen zu könne, indem er zu Beginn und Ende diese Klammer setzt: „Es ist ein gewisser Widerspruch. Aber wir Menschen sind nun einmal widersprüchliche Wesen.“ Basta! Fast alle guten Regeln des Kalifen scheitern am Bezug auf sich selbst.

Letztlich mißlingt das Buch und auch der Versuch lustig oder auch nur provokant zu sein an den zahllosen Brüchen. Was ist es überhaupt? Religiöse Rede? Philosophische Abhandlung? Ratgeber? Volksliteratur? Publikumsbeschimpfung? Demokratieanweisung? Politische Reflexion? Märchen? Reformschrift? Literatur? Manifest? Heiliges Buch? Provokation? Schmähschrift? Verschwörung? Geheimcode? Oder doch nur Klamauk? Von allem hat es etwas, aber nichts davon ist es, sondern es wechselt permanent Stil, Sprache, Ziel. Man wird nach ein paar hundert Seiten auch der Beschimpfungen müde, sie wirken nicht mehr – das Buch ist ganz einfach auch zu lang! Es enthält zu viele Ideen – gute darunter – die aber stilistisch und konstruktiv nicht integriert werden können und aufgesetzt wirken. Goutieren kann man diese Art Humor wohl nur so richtig auf der Basis ganz weit linker Schadenfreude.

Letztlich liegt es wohl in Kazims Wesen, der ein lustiger Mensch ist und zugleich ein Hasser, Verbieter und Entlasser vor dem Herrn[1]. Eben eine widersprüchliche Person und jemand, der sich immer wieder wiederholt und letztlich nur ein paar Kernaussagen zu verbreiten hat. Mit anderen Worten: ein Gutmensch durch und durch.

Immerhin reichen die Botschaften, sich in mindestens drei Lagern unbeliebt zu machen: unter den unterbelichteteren „Rechten“, unter einem gewissen Schlag Muslimen und Islamisten und unter den Wokisten. Daß er letzteren entgegentritt, ist ihm hoch anzurechnen – im Grunde ist er wohl ein ehrlicher Kerl, der meint, was er sagt.

Man darf mit Spannung warten, wer ihm unter seinen selbstgewählten Gegnern am gefährlichsten wird, denn mit Konsequenzen wird er rechnen müssen. Zu den „Rechten“ muß er gehen, um beschimpft zu werden; als im November letzten Jahres in Wien vier Menschen bei einem islamistischen Terroranschlag starben, da spielten sich die Geschehnisse quasi unter seinem Wohnzimmerfenster ab; und in der Welt der Woken lebt, webt und ist er.

Hasnain Kazim: Mein Kalifat: Ein geheimes Tagebuch, wie ich das Abendland islamisierte und die Deutschen zu besseren Menschen machte. München 2021. 288 Seiten. 13 Euro. Lesezeit: 5 Stunden
[1] Ich hatte mir mal eine Weile die Mühe gemacht, ein paar entsprechende Tweets zu sammeln, bis das dann aufgrund der schieren Menge wieder aufgegeben habe.
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1289879415480963073
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1288497135713955842
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1286242437535600641
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1285303235536998400
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1284864894228144130
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1282997862427701248
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1282591838596141056
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1281850239859777536
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1281196529978572801
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1279655024524656642
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1279033352658567169
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1275859718091821060
https://twitter.com/ARD_Presseclub/status/1272153192252542976
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1271538953993273344
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1252568973486501890
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1298934144169369600
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1299689361332633605
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1303345642861981697
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1303708294712889345
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1311556636272734209
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1325344376965435392
https://twitter.com/HasnainKazim/status/1356708203900383232

Die Deutungshoheit über das Lachen

Viele dürfte die unglaubliche Vehemenz überrascht haben, mit der die eine Meinungsseite auf die gut 50 Corona-Clips reagiert hat, während die andere sogleich in Begeisterung fiel. Die Filmchen wirkten wie Marmite – You either love it or hate it. Man kann an der Reaktion grob die Linie zwischen rechts und links ziehen.

Die Empörung hat Geschichte – wir sprechen über die zweite subtextuelle, meta-mediale Frage des Medienereignisses. Denn es ist bei weitem nicht der erste Fall medial generierter Entrüstung über den Humor, es ist der bisherige Höhepunkt einer längeren Reihe an „Skandalen“: Uwe Steimle oder Kay Ray wurden entlassen, Andreas Thiel gilt ob seiner Islamwitze als fragwürdig, Dieter Nuhr oder Lisa Eckhart sind rote Tücher für das linke Feuilleton …, um nur einige Namen zu nennen.

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Wir erschießen sie (nicht)

Soll ich mal was verraten? Ich fand den Witz dieser linken Tussi auf der Strategiekonferenz in Kassel eigentlich ganz lustig. Sie sprach dort von einer Zeit „nach der Revolution, wenn wir ein Prozent der Reichen erschossen haben“. Aber noch besser fand ich Riexingers Reaktion, der darauf erwiderte: „Wir erschießen sie nicht, wir setzen sie für nützliche Arbeit ein.“ Genau mein Humor.

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Yücels Satire

Die Leute, die #DenizYücel und seinen feuchten Traum vom Germanozid großzügig als Satire verstehen wollen, drehen bei einem Kamelwitz in der politischen Faschingsrede von #Poggenburg das Empörungsgas auf… (Raskolnikow)

Plötzlich liest man überall, daß Deniz Yücels infamer Artikel über Deutschland und die Deutschen Satire gewesen sei und die Rechten mal wieder zu blöd seien, Satire als solche zu erkennen – wie A. Poggenburg gerade erst demonstriert hat.

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Mit Linken leben

Denn das Gejammer über die „Gefahr“, die von den „Rechtspopulisten“ drohe, klingt immer hohler, je mehr sich herausstellt, daß diese gar nicht „rechtsextrem“ sind, sondern in den meisten Dingen extrem recht haben. (Mit Linken leben)

Man sollte Bücher von Personen, die man kennt oder mit denen man gar befreundet ist, aus einsichtigen Gründen – des Magens wegen – nie rezensieren. Dies ist eine erfahrungsgesättigte Maxime, deren Wahrheit sich bisher nur ein einziges Mal nicht bestätigt hat.

Bis auf den heutigen Tag!

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