Nationale Interessen

Was bedeutet es eigentlich, wenn wir von nationalen oder geostrategischen Interessen sprechen, die wir einzelnen Ländern oder Verbünden zuerkennen? So liege es etwa im geopolitischen Interesse Rußlands, eine Pufferzone zu den NATO-Grenzen zu haben, oder im nationalen Interesse der Ukraine, der EU anzugehören usw.

Dabei muß jedem klar sein, daß Länder oder Staaten keine Interessen haben können, sondern immer nur Menschen oder im weitesten Sinne immer nur Leben. Auch einem Baum kann man ein Interesse zusprechen, etwa an Sonnenlicht zu gelangen und deswegen andere Pflanzen zu verdrängen, ein gezieltes, aber wohl kein bewußtes Interesse[1].

Interessen müssen also formuliert werden. Das geht nicht nur durch Sprache, sondern durch Ausdruck allgemein, aber im politischen Bereich sollte man sich vornehmlich auf die sprachlichen und tätlichen, handlungsbezogenen Ausdrücke konzentrieren. Der Staat als Ensemble seiner Institutionen kann wie diese selbst kein Interesse ausdrücken und auch keines haben. Wir nutzen diese Formel nur metaphorisch. Ausgedrückt werden diese immer durch Menschen, ganz konkrete Menschen, die die Institution repräsentieren oder zu repräsentieren meinen, die die Institution als Summe ihrer Angehörigen – freilich bei unterschiedlicher Bedeutung der jeweiligen Individuen – durch ihr tägliches Tun, ihre Produktion von Ausdrücken und Ideen, erst schaffen. Ein Staat hat de facto keinen Mund und keinen Kopf und auch keinen Stift, er hat lediglich Sprecher und Fürsprecher.

Obwohl in den Institutionen sich permanent selbst verändernde, hinwegsterbende und hinzukommende Menschen agieren, können sie, die Institutionen, eine gewisse Kontinuität aufweisen und sollten das sogar, wenn sie effektiv sein wollen. Kontinuität ist aber nur ein anderer Begriff für Geschichte, für zeitübergreifende Wirkzusammenhänge, zumindest eines Teils der Geschichte, denn der andere wäre die Disruption. Daß Kontinuitäten entstehen, läßt sich also nur historisch erklären. Nur das Diskontinuierliche, das Plötzliche, das Einmalige hat keine Geschichte, auch wenn es Ursachen haben mag.

Bestehende Entitäten haben aber eine innere Tendenz oder Trägheit zum Selbsterhalt, so wie sie übrigens auch eine Tendenz zur Selbstzerstörung haben. In ihrem Sein wollen sie sich erhalten, in ihrem Werden schaffen sie sich selbst ab, wobei Werden bis zu einem gewissen Grade vom Sein abgedeckt werden kann, das heißt, das Werden ist konstitutiver Teil des Seins – so ist die Welt eingerichtet: alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht. Nur das Nichtgewordene könnte bewegungslos bleiben, weshalb es davon nur Begriffe und keine Anschauungen gibt.

Institutionen wie ein Staat tradieren sich selbst durch Regeln, Gesetze, Traditionen, Erziehung u. ä. die ihren materiellen, lebendigen Trägern  – den Menschen – vermittelt werden und zwar auf eine Art und Weise, daß sie im Regelfall selbst wieder zum Vermittler werden. Die Eigenreflexion wird dabei weitgehend ausgeschaltet: so erscheinen die verinnerlichten Interessen tatsächlich als Interessen des Staates an sich, auch wenn es weder den Staat an sich gibt – sondern nur in seinen Institutionen und die wieder nur in ihren sich identifizierenden menschlichen Trägern – auch wenn es nur die jeweils verinnerlichten, also individuellen Interessen der Menschen sind, die glauben, die Interessen des Staates zu vertreten. Individuell sind sie, insofern sie von den Individuen vertreten werden, aber nicht zwangsläufig im tatsächlichen Interesse der Individuen. So kann etwa ein Soldat im Krieg in der Überzeugung fallen, seine individuellen – also nationalen, bei entsprechender Identifikation – Interessen vertreten zu haben und damit unmittelbar gegen seine primären Lebensinteressen verstoßen.

Damit soll nicht gesagt werden, daß durch Regeln, Gesetze, Traditionen und Erziehung die Tradierung des Staates, der Nation, des Volkes etc. bewußt geregelt werden soll. Nein, ihr primäres und permanent bewußtes Ziel ist die Organisierung und Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Lebens und Zusammenlebens, aber mittelbar und oftmals wenig bewußt ist die Tradierung der sogenannten Interessen des Staates.

Allerdings spielen nicht alle Menschen innerhalb des nationalen oder staatlichen Gebildes die gleiche Rolle. So hat der Thronfolger etwa eine ganz andere Bedeutung als einer von Millionen Leibeigenen.

Auch der modernen Kaste der Politiker kommt eine besondere Rolle zu, ja, man kann sogar sagen, daß im Normalfalle nur Politiker werden kann, wer sich durch seine Lebensgeschichte als Tradent der nationalen Ziele ausgezeichnet hat. Dennoch ist ebenso einsichtig, daß sich über den Personalwechsel etwa oder auch die lebensgeschichtliche Entwicklung, die auf äußere und innere Veränderungen reagiert, Änderungen entstehen. Das kann evolutionär oder revolutionär passieren.

Rußlands geostrategisches Interesse etwa hat sich über Jahrhunderte aufgebaut und dabei ständig modifiziert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Verlust zahlreicher Sowjetrepubliken, lag es im natürlichen Interesse Rußlands – das heißt derjenigen Personen, die das Land politisch, militärisch und ökonomisch repräsentiert haben – keine weiteren Verluste zu erleiden bzw. Verluste rückgängig zu machen. Das geschieht nach dem einfachen anthropologischen Prinzip, daß das, was einem Menschen einmal gehört hat und später entrissen wurde, in der Regel weiterhin im sich selbst legitimierenden Verlangen, es wieder zu bekommen, als Bedürfnis und Begehren fortlebt. Darüber hinaus hat es sich – wir sind wieder bei den Territorialverlusten – in aufwendigen und trägen Tradierungs- und Erziehungsprozessen in weiten Teilen des Volkes abgesetzt und wird von diesem an die Repräsentanten als Unterstützung und Zwang vermittelt. Irgendwann freilich wird es durch innere und äußere Veränderungen als zeitunpassend empfunden werden und sich sukzessive ändern, so wie etwa die Wunde Trianon noch immer in Ungarn schwärt, dabei immer mehr vernarbt und zudem von der Einsicht geheilt wird, daß das heutige Ungarn schlicht zu schwach ist, um jemals wieder Ansprüche stellen zu können und sowieso die Zahl der ethnischen und bekennenden Ungarn im Ausland sinkt.

Es kann aber auch Disruptionen geben und es ist nicht ausgeschlossen, daß Putins Übergriff auf die Ukraine sich als solche erweisen wird, so wie etwa Hitlers Angriff (spätestens) auf Sowjetrußland – nur in dieser Hinsicht werden die beiden Ereignisse hier miteinander verglichen – sich als Disruption der nationalen deutschen Interessen erwiesen hatte. Danach war Hitler als Repräsentant der Interessen Deutschlands, zusammen mit seiner gesamten Führung und seinem Apparat, ja sogar allen Anhängern und Mitläufern weltweit dauerhaft desavouiert und nur ein kompletter militärischer Erfolg, der zudem über Jahrzehnte hätte aufrecht erhalten werden müssen um ein eigenes Erziehungs- und Tradierungssystem aufbauen zu können, hätte ihn und den Nationalsozialismus vor der totalen Verurteilung bewahren können.

Auch Putin scheint sich nun in eine vergleichbare Situation manövriert zu haben: er müßte den Krieg überzeugend gewinnen und in der Lage sein über Jahrzehnte ein fait accompli herzustellen, das irgendwann nicht mehr hinterfragt werden würde und für alle Seiten vorteilhaft wäre. Nichts deutet darauf hin, weshalb sein Schicksal äußerst vage bleibt und vermutlich bald eine entscheidende Wendung nehmen wird.

Russische Interessen hat er jedenfalls nicht vertreten, sondern nur seine, d.h. jene, von denen er annahm, daß es russische Interessen seien. Große Teile des Volkes sind ihm aufgrund von Tradierung und Erziehung – hier auch ein Euphemismus – gefolgt, solange sich ihre eigenen privaten Interessen damit decken konnten. Sie müssen jetzt schon mit der Vorstellung leben, daß Leid und Tod im „Brudervolk“ der Preis dafür sein sollen und werden ihm die Unterstützung entziehen, wenn ihre eigene Lebensplanung oder der einfache Lebensunterhalt gefährdet sein werden.

Niemand kann voraussagen, was darauf folgen wird: ein oligarchisch, ein mafiös regiertes Land, eine Anarchie, eine Militärdiktatur oder eine „demokratische“ Variante nach westlichem Modell? In jedem Fall werden andere Kräfte die Interessen Rußlands, die geostrategischen Interessen definieren und umsetzen und die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, daß Putins Versuch, die geostrategischen Interessen seines Landes – d.h. das, was er dafür hielt – gewaltsam durchzusetzen, diese selbst ad absurdum geführt und zerstört haben werden.

Überhaupt könnte dieser Krieg sich als jene große Disruption erweisen, die unweigerlich kommen muß, um ein komplett überdrehtes System zum Halt oder zum Kollaps zu bringen.

[1] Die Differenz zwischen Leben und Bewegung ist entscheidend: Wasser etwa kann zwar einen Drang haben (zu fließen), aber kein Interesse.

7 Gedanken zu “Nationale Interessen

  1. Zorn Dieter schreibt:

    @ Stefan Kunze

    Danke! –

    Was nun besonders auffällt an der Position Deutschlands in diesem Gemenge ist, dass alle Ansätze von Ausgleich und Aufbau von Ökonomischen Beziehungen zu Russland, in dem von den USA erzwungenen Konflikt in der Ukraine (durch ihre Weigerung, über russische Sicherheitsbedenken überhaupt zu diskutieren) wie Seifenblasen platzen, nachdem die USA Gefolgschaft einfordern.

    Die deutsche Regierung unter Scholz hat sich, wie ehemals Merkel, in Davos und in Washington der amerikanischen Politik der massiven Konfrontation mit Russland, mit dem mittelfristigen Ziel einen Systemsechsel zu erzwingen, absolut unterworfen. Mit allen ökonomischen Folgen für das Land zwischen grüner Energiewende und der Konfrontationspolitik des Westens. Die Rot-Grün-Schwarzen Träume, auch vom ewigen Frieden, platzen aktuell wie Seifenblasen.

    Äußeres Zeichen dafür ist die „kompromisslose Unterstützung“ der Ampelpolitik durch den Transatlantiker und Ex- Blackstone – Aufsichtsrat Friedrich Merz im Bundestag. Nun muss die SPD zum wiederholten Mal die Scherben von fünfzehn Jahren konservativer Politik zusammenkehren, nur weil sie an die Macht will und nicht weiter denken kann „als ein Schwein springt“.

    Ob die Politik des Westens aufgeht, wird sich erweisen. Putin sichert jedenfalls schon mal die Lieferbereitschaft für Öl & Gas nach Westeuropa zu. Das heißt, er schützt sein Geschäftsmodell. Zwar haben viele europäische Firmen ihre Aktivitäten in Russland zunächst auf Eis gelegt, aber Putin hat gestern im Kabinett klar gemacht, dass für Fälle in denen das Management den Betrieb einstellt, der Betrieb (vorübergehend) unter russischer Leitung weitergehen könnte. Natürlich nicht in der Dior- Filiale.

    Mir fällt weiter auf, dass Selenskyi bereit ist zwei der drei Forderungen der Russen zu diskutieren, oder anzuerkennen. Außerdem wird es hektisch im Vermittlergeschäft. Und man hört im Westen nichts Genaues mehr vom Kriegsverlauf (auf den russischen Sendern, die nach wie vor im Wrsten zu empfangen sind, natürlich schon). Alles zusammen deutet darauf hin, dass Russlands militärische Strategie momentan aufgeht.

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  2. Stefan Kunze schreibt:

    Ich destilliere etwas aus dem Ursprungstext, das ich schon immer so gesehen zu haben glaube (lach):

    Die Vertretung eines Staates in der Masse der Staaten ringsherum oder weltweit geschieht natürlich nicht durch seine Institutionen, auch nicht durch demokratisch gewählte Gremien, Parteigliederungen, thinktanks, Kulturmacher etc.

    Am Ende begegnen sich auf jedem EU-Gipfel, in bilateralen Gesprächen, auf G20-Events oder UNO-Vollversammlungen die Regierungschefs. Diese haben so oder so im jeweilige eigenen Staat das absolute Sagen. Betrachtet man die Zeit von A. Merkel – mein GOTT, was hat man da unglaublich gekatzbuckelt von Seiten der Journalisten! Wie hat man Speichel geleckt! Wie hat man Lobeshymnen versendet!

    Und wie robust/skrupellos hat die Frau durchregiert – wie hat sie Gremienbeschlüsse ignoriert – wie hat sie ihre Kettenhunde angesetzt auf jeden Abweichler (Generalsekretär zu Abweichler: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen!“) – wie hat sie einsame, durch nichts untermauerte Beschlüsse gefaßt – wie hat sie sich als zunehmend unfehlbar verkauft – wann hätte sie sich JE korrigiert.

    Ganz grausam.

    Macron ist keinen Deut besser. Ein Sonnenkönig mit pompösem Hofstaat. EU-Trulla VdL ist keinen Deut besser. Aufgetakelt, abgeschottet in der Blase der hohen Politik, abgeschirmt von jeglicher Kritik, unfähig zur Selbstreflexion, dumm bis zum Kragenspiegel.

    Was ich eigentlich sagen wollte: auf so einem Gipfel begegnen sich Einzelpersonen – und NUR diese repräsentieren den gesamten Staat in seiner Charakteristik. Das deutsche Volk war so ausnehmend einverstanden mit A. Merkel, daß man sie am liebsten zu Hause zum Sonntagskaffe eingeladen hätte, man sich überschlug vor Begeisterung: eine von uns, eine von uns!: bieder, ungebildet (absolut zwangsläufig, da als DDR-Pflanze ohne relevante Erfahrung mit Wirtschaft, Ausland, Medien!!) – ihre Unbeholfenheit müüühsaaam tarnend mit Wortgirlanden, die stets und immer alles oder genau nichts bedeuten konnten. Niemals greifbar für die Öffentlichkeit, immer defensiv, immer „weiblich“ – einfach die alte Omma ausser Uckermark, die ihre Blümchen gießt und nammittags das Unkraut jätet. Über dieses ist Merkel niemals hinausgekommen!

    Und die anderen Staatschefs müssen damit umgehen, daß eine unbeholfene, ungeschickt stammelnde Omi den deutschen Staat repräsentiert: weich, ungebildet, ambitionslos, aber mütterlich. Dorthin sind wir nun einmal gekommen: das Mütterliche ist die zentrale handlungsleitende Attitüde der Politik. Wir wollen nicht Macht, wir wollen helfen – fördern – geliebt werden! – unsere matriarchalischen Gene ausleben, Afrikaner infantilisieren, Obama vergöttern, Trump hassen – Affekte als Leitplanke, hurra.

    Die anderen Staatsspitzen machen sich ihr Bild – bei Staatsbesuchen, bei Gipfeltreffen: wie ist dieser Mensch denn so, persönlich? Worüber reden wir mit dem/der, wenn wir zusammen rumstehen mit der Sektflöte? Wie selbstsicher ist dieser Mensch? Was kann er – wo kennt er sich aus – was hat er studiert, was liest er??

    Wenn sie dann alle gemerkt haben, Frau M. möchte nicht ihr Land vertreten, sondern Deutschlands Interesse besteht nunmehr darin, sich im weltweiten Helfen zu verströmen, da werden sie ihre Schlüsse schnell gezogen haben.

    Wer als Mann auf männliche Weise knallhart die Interessen seines Landes vertritt, der wird sich nicht mehr eingekriegt haben über Merkels Grenzöffnung, ihre Einladung als gütige Mutti an die Armen dieser Welt, die Feminisierung der Bundeswehr, die Zerstörung des Energiesektors etc. pp.

    Insofern halte ich das Reden von einer Demokratie für eine Schimäre – eine Farce für die Tribüne, während hinter den Kulissen immer Einzelpersonen den Zampano geben.Die Gruppe/das jeweilige Gremium können dem Alphatier niemals ein Bein stellen und wollen dies auch gar nicht.

    In Deutschland jedenfalls hat Mama Merkel die Politik gemacht, nach ihrem Gusto, denn des Lobgeschreis der Presse konnte sie sich immer sicher sein.

    Ein ganz schön affektorientiertes, ein ganz schön dummes Land.

    Zusatz: Hegel wars….Goethe hatte wohl eine Reportage geschrieben über das Eroberungsgeschehen…aber wie schön, wenn einem diese Fehler nicht durchgehen lassen werden. Meine Tippfehler sind leider auch grenzwertig. Aber seiś drum, geschrieben muß werden – ist es doch hier eine Oase des Rationalen. Somit: man dankt

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  3. Zorn Dieter schreibt:

    Da es im Ukraine – Krieg um Geopolitik geht, ist Philosophie nicht sehr hilfreich. Wann hätten sich Herrscher je nach Philosophen gerichtet? Manche durften zwar ihre Hauslehrer sein, aber nicht mehr. Was wir hier sehen ist die erste Schlacht, nachdem Russland die Türe nach West-Europa mit einem lauten Knall, und nach jahrelangen Bemühungen ins Europäische Haus aufgenommen zu werden, zugeschlagen hat. Die erste Schlacht um die Aufteilung der Erde in zwei Pole, den US-Europäischen und den Chinesisch-Russischen Pol findet gerade statt. Noch getarnt als Freiheitskampf des Ukrainischen Volkes, was im Westen als seine Eingliederung in die EU und die NATO gedeutet wird. Nur Merkels Besonnenheit war es zu verdanken, dass diese Eingliederung nicht schon 2008 geschah.
    Nach der schmählichen Flucht aus Afghanistan hat „der Westen“, angeführt von den USA, den „War on Terror“ und die „Überbringung“ von Demokratie im Nahen und Mittleren Osten nach zwanzig erfolglosen und kriegerischen Jahren, mit Millionen von Opfern, beendet. Nun kommt die neue Auseinandersetzung, die das neue Jahrhundert bestimmen wird, in den Fokus der Groß – und Atommächte. Für diese epochale Auseinandersetzung war es extrem wichtig, als Gegengewicht gegen den Chinesisch-Russischen Pol, eine neue Geschlossenheit auf der Seite des Westens herzustellen, vor allem die EU ohne Wenn-und-Aber wieder an die amerikanische Seite zu holen.
    Und das Trotz des Irak-Afghanistan-Debakels, in dem das Versagen der amerikanischen Politik offensichtlich wurde. Damit einhergehend mussten, aus Sicht der USA, auch die Europäischen Bemühungen, angeführt von Macron und Merkel, für eine eigenständigere geopolitische Ausrichtung der EU torpediert werden. Das ist den USA nun erfolgreich gelungen. Russland ist der neue/alte Feind und die NATO lebt wieder. Auf Kosten der Ukraine. Was nebenbei Biden in den Midterm- Wahlen nutzen wird und was er dringend brauchte.

    Putin musste einsehen, dass seine Bemühungen der letzten 20 Jahre um das gemeinsame Europäische Haus erfolglos waren. Man hat in persönlich beleidigt („Killer“), sein
    Land niedergemacht („Regionalmacht“) und mit Raketen umstellt („Mittelstreckenraketen in Polen und Rumänien, die angeblich auf den Iran zielen“). Allerdings hat man sein Gas und Öl gern genommen. Was nun zum Bumerang, vor allem für die Grünen Träumer wird. Dass er den Krieg gewählt hat, um die Türe zum Westen nun zuzuschlagen war aus seiner Sicht, aus der Sicht Russlands, fast unvermeidbar. Was hätte er tun sollen? Die Ukraine, russisches Kernland, einfach preisgeben? Sich weiter kujonieren und bedrohen lassen? Oder diese rote Linie verteidigen? Ob es richtig war, zeigt wie immer in der Geopolitik nur der Erfolg. Moral ist etwas für Journalisten und das Volk. Herrscher, egal welcher Couleur haben sich darum noch nie geschert. Darum ist der Krieg auch die Mutter aller Dinge, das Stahlbad in dem sich die Ideen beweisen müssen oder scheitern. Ob Putin scheitert oder standhält, wird sich zeigen. Der Vorhang ist jedenfalls aufgezogen für das neue Stück, das da heißt: Kampf um die Vorherrschaft in der Welt.

    Stefan Kunze: Kann man alles nur unterstreichen und unterschreiben.

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    • Jochen Thurm schreibt:

      @ Zorn Dieter
      Der militärisch-industrielle Komplex der USA ist so widerlich wie der der Russen,aber Fakten
      sind wichtig.Im Osten (Polen,Rumänien) sind keine Mittelstrecken sondern 1 Teil des US
      Raketenabwehrsystems Aegis-Ashore stationiert.Kann mit Glück kleine Anzahl anfliegender
      Mittel+Langstreckenraketen abfangen.Für die Russen egal bei Irrsinn von 6000 Sprengköpfen.
      Mittelstreckenraketen mit Ziel Ost+Mitteleuropa hat Putin schon seit Jahren in der Enklave
      Königsberg aufgebaut.wird von Politik+Medien verschwiegen.Neue Nachrüstungsdebatte
      würde nur von wichtige Themen wie LGBT,Gender,Klima ablenken.

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  4. Pérégrinateur schreibt:

    Verteile nicht das Fell des Bären, ehe er tot ist. Warten wir ab, was sich für ein Ende einstellen wird. Ich würde mich jedenfalls hüten, wie in diesem Lande üblich das pazifistische eigene Weltbild auf andere Nationen und Kulturen zu projizieren. Die Weltgeschichte muss eben nicht in verwestlichte Gesellschaften (mit dem was man Demokratie nennt als Herrschaftsform) überall auf der Welt enden, sie muss ja gar nicht enden. Russland hat eine lange autokratische Tradition, das könnte durchaus tieferliegende Gründe haben als die Böswilligkeit des Mannes an der Spitze, der keine persönliche Macht abgeben mag. Baberowski meinte einmal, der Grund für die terroristische Machtausübung Stalins liege auch darin, dass in diesem großen, recht disparaten und dünn besiedelten Lande die staatlichen Institutionen vergleichsweise schwach sind; die Rabiatheit des Staates kann das kompensieren. Vergleichen sie das mit gestandenen deutschen Professoren, die überhaupt nichts davon halten, sich aber dem Gendern anschließen, weil sie eben deutsch-fromm und konformistisch gemacht worden sind. Kurz nach dem Großattentat von New York habe ich den Artikel eines Russen gelesen, der meinte, dergleichen sei in Russland völlig undenkbar, weil die Flugzeugentführer damit rechnen müssten, mit den Passagieren in ein unbeherrschbares Handgemenge zu geraten.

    Autorität auch rabiat gegen Anomie muss nicht die schlechteste Lösung sein.

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    • Michael B. schreibt:

      S. auch China. Meine sich immer mehr dahingehend festigende Meinung ist gerade, dass auch hier herrschende Eliten (wie auch immer definiert) das in einer fuer mich sehr unangenehmen Auslegung ebenfalls so sehen und gegenwaertig umzusetzen versuchen. Die naechste Iteration der Welt soll entschieden totalitaerer sein. Ob sie es muss? Ich hoffe doch nicht. Und ja zur Verschwoerungstheorie: Das schliesst auch ein culling der Herde ein.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        @ Michael B.
        Was sich hierzulande und in Frankreich seit einiger Zeit abspielt – anderswo habe ich zu wenig Einblick – ist aus meiner Sicht eskalierende Establishment-Verteidigung, bei der dieses bei Bedarf alle eigenen Heiligen Werte (Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit, Schranken für den Staatseinfluss in Allem und Jedem, solide Staatsfinanzierung usw.) verschrottet, deren es sich zuvor gerühmt hat, natürlich mittels übergossener ideologischer Sauce, damit der Geschmack noch stimmt. Grund ist, dass immer mehr Menschen auffällt, was für ein Murks seit mindestens 1990 angerichtet wurde: ausufernde und immer diktatorischer EU, Währungsgefährdung, Gefährdung der Sozialstaates durch endlose Ausdehnung und Kostgänger-Import. Man kann doch gar nicht mehr zugeben, dass irgendwo eine Kehre nötig wäre, das Eingeständnis hinge einem doch wie ein Bleiklotz am Hals, also betreibt man die Heiligung des Schädlichen und die Anschwärzung jeder Opposition in diesen Punkten. Unfähige Herrschaft braucht immer Verdummte, das erreicht man am besten mit einer Religion oder einer religiomorphen säkularen Ideologie, zu der dann praktischerweise immer auch die entsprechenden Teufel gehören. Deshalb stehen die verschiedenen Weltuntergangssekten auch so sehr in der Gunst der Mächtigen.

        Ein gutes Beispiel ist die „Flüchtlingskrise“ seit 2015. Frau Merkel wollte vermutlich (ganz sicher bin ich allerdings nicht mehr) anfangs nur per Mitleidsmasche Publicity-Punkte sammeln, nachdem dieses Gespräch mit der jungen Palästinenserin Reem („Es können nicht alle dableiben“) von den Medien sehr schlecht aufgenommen wurde. Dann ging die Lawine ab und sie mochte wegen sonst „unschöner Bilder“ (vgl. das Buch „Die Getriebenen“ von Robin Alexander) nicht mehr zurück, worauf natürlich alles wieder mal alternativlos war. Mehr oder weniger bewusst hatte sie damit alle Utopisten, die gesamte menschheitsselige Linke und die Medien, die heute idealtypisch und mit sehr wenigen Ausnahmen wie ein Schwarm 14-jähriger von Liebe und Hass getriebener Gören funktioniert, in die Netschajew-Falle gelockt: Ziehe die anderen in ein gemeinsames Verbrechen hinein (hier am deutschen Volk) und sie können nicht mehr zurück, ja sie wollen es gar nicht mehr.

        Die Repression der „Bösen“ wird sich also immer weiter verstärken, auch weil man mit einer immer irrationaleren Politik immer mehr Hypotheken aufnimmt, und auch mit großer Zustimmung des Fußvolkes, das seine Verblendung gerade bei der selbst als moralisch verstandenen Parteinahme am wenigsten eingestehen und entsprechende Vorhalte am liebsten gar nicht mehr hören will. Wenn das eigene „Bauchgefühl“ tröge, bräche ja das ganze Selbstbild, die moralistische Weltsicht und deshalb auch die ganze Welt zusammen …

        Eine Abhilfe kann nur gefunden werden, indem dieser schwere ideologische Deckel abgesprengt wird, der die Frösche im immer weiter aufgeheizten Topf zurückhält. Wie man das schafft? – Fragen Sie mich bitte etwas Leichteres. Ich trachte selbst gleichwohl immer, zu „unterwühlen“, aber ohne Hoffnung. Im Grunde reizt mich dazu die Dummheit unten mehr als die Böswilligkeit oben, und nicht nur, weil ich mit der ersten mehr in Berührung komme.

        Vorgestern habe ich nach Längerem wieder einmal mit meinem gut geeichten Wokistan-Thermometer telefoniert und versucht, ihr meinen hier unlängst veröffentlichten Musterdialog vorzulesen, bin aber nicht einmal bis zur Erwähnung des Namens Thukydides gelangt, weil sie „so etwas einfach nicht hören“ wollte. Ihre Ansicht ist offenbar: Semper iustitia et pereat Germania. Von der Sorte gibt es viele heute. Diese wollten am liebsten, dass ein relativ wehrloses Land es notfalls mit der ganzen Welt (ich korrigiere zu: mit dem Teil der Welt, gegen die ihre Wut recht erfolgreich geschürt wurde) aufnehmen würde. Großkotze oben, Großkotze unten.

        Ein Land, das von Taugenichtsen geführt wird, die von ideologisierten Irren gewählt wurden, hat jedenfalls den Untergang redlich verdient.

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