Das sprachliche Negativ

All unsere Aufmerksamkeit gilt den bewußten Tätigkeiten. Das, was wir tun, was wir denken, was wir beabsichtigen. Der Fokus liegt auf der Präsenz. So erscheint unser Alltag in einer Kontinuität, die er nicht hat, schaut man sich – wie in der Photographie – sein Negativ an.

Dann wird man sich plötzlich er vielen Pausen und Leerstellen bewußt. Der Schlaf ist die offensichtliche, aber auch bei vollem Bewußtsein machen wir ununterbrochen Pausen, unterbrechen unsere Tätigkeiten, oftmals nur im Mikrosekundenbereich, so daß sie unserer Aufmerksamkeit entkommen. Wir schauen weg, wir blinzeln, wir räuspern uns, wir stieren, haben glasige Augen, fassen uns ins Gesicht, streichen uns über die Haare, schweifen ab, tagträumen, warten etc. Unser Leben besteht, so gesehen, nicht aus einer Abfolge von Tun, sondern von Nichtstun, von Pausen, Unterbrechungen, von Leerstellen. Noch fehlt – soweit ich weiß – eine ausgearbeitete Philosophie oder Psychologie unserer „negativen“ Existenz.

Das schlägt sich auch in der Sprache nieder und interessanterweise haben die Sprachen verschiedene Lösungen parat, die Leerstellen zu überbrücken.

Vielleicht ist es auch gar nicht die Sprache, vielleicht handelt es sich eher um ethnische oder nationale Ticks. Dafür spricht immerhin die Tatsache, daß der kulturelle, vor allem der filmische Amerikanismus unseren sprachlichen, mimischen, gestischen Haushalt bereits schwer beeinflußt und in Mitleidenschaft gezogen hat. Man schaue sich etwa junge Frauen an, wie sie sich umarmen, mit den Händen wedeln, die Köpfe zur Seite legen … exakt so, wie „Jennifer Aniston“[1] das vorgemacht hat, oder man sehe sich alte DDR-Filme an und vergleiche das dortige von Medien wenig beeinflußte Bewegungsarsenal.

Am elegantesten lösen die Italiener dieses Problem, was nicht verwundern kann bei der Musikalität der Sprache. Sie haben zum einen wohlklingende Füllwörter wie „dunque“ oder „comunque“, sie nutzen vor allem aber intelligent ihre Vokallastigkeit. Man hört Italiener sehr selten stocken und stottern, wenn sie in ihrer Rede nicht weiter wissen, stattdessen verlängern sie den Endvokal des letzten Wortes: „perche“ – „warum/deshalb“ wird zu percheeeeeeee… – oder sie nutzen die einvokaligen Konjunktionen „und“, „oder“ – „e“ und „o“ – zu diesem Zweck. Oder sie verdoppeln gern die bestimmten Artikel, also „la“, „lo“, „le“, was zu einem noch immer musikalischen „la la …“ etc. führt.

Auch das Ungarische ist sehr vokalhaltig, der Klang kann in bestimmten Situationen an das Italienische durchaus erinnern. Das ist vermutlich der Grund, weshalb mir das Italienischsprechen im Moment schwerer fällt als gewohnt, weil mir immer wieder das Ungarische in die Quere kommt. Einen anderen Grund kann ich mir nicht vorstellen, weshalb das Hirn die beiden ansonsten komplett unterschiedlichen Sprachen am gleichen „Ort“ abspeichert. Das klassische ungarische Füllwort ist das „hát“[2], wohl eine Kurzform von „tehát“[3], es kann auch sehr lang gezogen werden: „háááááát“. Die konkrete Übersetzung variiert von „nun“, „tja“, „na“, „doch“ bis „also“ usw. Es sollte die erste Vokabel sein, die jeder Ungarischstudent lernt, denn sie verleiht sofort Authentizität und er hat die Sprache zur Hälfte bereits gemeistert.

Selbst das englische „well“ funktioniert derart. Es bietet dem Erzähler eine Pause, die recht kultiviert klingt, die durch den Mittelvokal auch gedehnt werden kann, in der er sich seine Rede überlegen kann. Ein großer Vorteil ist seine Positivität, wenn man bedenkt, daß „well“ „gut“ bedeutet.

Man findet es auch im Spanischen. Dort beginnen die gesprochenen Sätze, vor allem wenn es Antworten sind, mit einem positiven „bueno“. Interessant ist, daß die Spanier oft ein Gegengewicht einbauen, ein kurzes „no“ mit leicht gehobener Stimme, so daß es wie eine Frage, eine Rückversicherung klingt: „no?“. Auch sie tendieren – wenn auch weit weniger als die Italiener – zur Endvokal- oder Konjunktionsverlängerung, um sich Denkpausen zu verschaffen.

Am meisten stottern wohl die Deutschen. Mir scheint, in keiner anderen Sprache hört man so oft ein „ähm“ oder „hm“. Oft bauen Deutsche schwer sinntragende Floskeln ein, etwa „im Prinzip“, „in der Regel“, „im Endeffekt“, „ehrlich gesagt“, „muß ich sagen“ etc.

Ein ganz seltsames Phänomen ist mir dieser Tage bei den Dänen bewußt geworden – es war überhaupt der Anlaß für diesen kleinen Artikel. Man hört bei ihnen unglaublich oft die Füllfloskel „Hvad hedder det“ oder als Variante „Hvad siger man“, als ganze Fragesätze: „Wie nennt man das/wie heißt das?“ und „Wie sagt man?“ Dieser sprachliche Tick, für den mir noch eine tragende Erklärung fehlt, ist umso seltsamer, als er auch bei sehr intelligenten und eloquenten Leuten auftritt, die zudem über ein Thema sprechen, über das sie alles wissen. Dieser Tage etwa sprach ein Politologe im P1-Radio über den Ukraine Konflikt und da kamen Konstruktionen wie diese vor: „Efter at Ukraine blev angrebet af – hvad hedder det – af Russerne“ („Nachdem die Ukraine angegriffen wurde von – wie heißt das – von den Russen.“). Es erscheint höchst unwahrscheinlich, daß einem Rußlandexperten in einem Gespräch über Rußland der Name Rußland oder Russen nicht einfällt und dennoch wird diese Pause just an dieser Stelle eingebaut.

Eine Erklärung für diesen Tick ist mir noch nicht eingefallen – wie gesagt, es würde sich lohnen, gerade das zu untersuchen und zu durchdenken, was auf der anderen Seite unseres Tuns und Seins sich befindet.

[1] Sie steht hier als Signum, allein, weil ich sie kenne. Ich meide auch aus diesem Grund Hollywood-Filme soweit es geht.
[2] Nicht zu verwechseln mit dem gleichlautenden Substantiv für „Rücken“
[3] folglich, daher, deshalb, demzufolge, demgemäß, mithin, somit, demnach etc.

Ein Gedanke zu “Das sprachliche Negativ

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Wenn man mit Bedacht reden will, braucht man gewöhnlich Denkpausen, die man sich phonetisch mit Zerdehnungen oder unsemantischen Füllseln verschafft. Wer Sprechlücken lässt, wird wohl gemeinhin eher für dumm gehalten als für klug. It’s better to speak up and be thought a wise man than to keep partially silent and be thought a fool. Hinzu kommt in Streitgesprächen, dass man dem Opponenten keine Gelegenheit bieten will, einem ins Wort zu fallen, genau genommen also eher in die Wörter.

    Im Französischen, wo das phonetische Wort gewöhnlich ein ganzes Syntagma umfasst, wird das auch mit Vokalzerdehnungen und -modulationen erreicht, aber durchaus auch mit Füllmaterial wie etwa eingeschobenem bon ben.

    So sehr ich manche Überlegung von Norbert Bolz schätze, seine durchgehende Suada geht mir bald auf die Nerven. Auch der Hörer braucht gewöhnlich Denkpausen, sofern er denn dem Gedankengang des Sprechers wie auch seinen eigenen dazu folgen will.

    Ein inzwischen verstorbenen Freund von mir war sonst eher maulfaul, aber wenn er sich erregte (meist aus moralischer Empörung), konnte er minutenlang ohne merkliche Atempause eifern – und war danach noch überzeugter von seiner eigenen Position als zuvor. (Gibt es denn eine Adrenalinsuchtkrankheit?) Die in solche Pressluftreden von ihm gewöhnlich eingestreuten Beleidigungen haben mich nie gestört, wohl aber, dass ich, wenn er denn schließlich doch ans Ende kam, jeden eigenen Einwand vor dem letzten vergessen hatte. Solche Sprechbursts sind wie Weißes Rauschen, das einem den eigenen Verstand nimmt, zumindest wenn man zuhört – aber wie sonst die weiteren fälligen Einwände sammeln?

    Auf viele Menschen wirken aber solche Dauerseelenvulkanausbrüche durchaus überzeugend, nämlich auf die Emotionalen, die die innere Beteiligung des eifernden Sprechers als Kriterium der Wahrheit des Gesagten verkennen. (Beleidigungen gegenüber dem Hörer wie beim Beispiel meines Freundes sind dieser Wirkung natürlich höchst abträglich.) Das erklärt nach meinem Eindruck ein Gutteil der Wirkungen, die solche ersichtlich dummen Gänse wie unser Außenamtsschnatterinchen und die Heilige Greta dennoch auf einen Teil des Publikums erzielen. Das Charisma von Missionaren rührt eben nicht vom Inhalt der Verkündigung.

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