Der Meister

Eine Erzählung

Der Meister – Erzählung PDF-Format

So erwies sich denn mein erster Gedanke als treffend. Ein Mensch, der beim letzten Pfiff des Schaffners den Waggon betritt, ist entweder unter die Kategorie der Schludrigen zu rechnen, denen es nie gelingt, rechtzeitig und in aller Ruhe einen Termin einzuhalten, oder aber, was weit seltener anzutreffen sein wird, es handelt sich um einen Perfektionisten, um mehr als einen bloßen Menschen, um einen Charakter, eine Persönlichkeit. Die Art, wie die Tür sich im Rücken des Mannes schloß, diese entschiedene Sicherheit, deutete bereits die Wahrscheinlichkeit der zweiten These an und auch der dezente Duft eines Eau de Cologne, einer Marke von ausgewählter Delikatesse, der augenblicklich, aber auf angenehme Weise die Luft des Abteils schwängerte, bestätigt diese frühe Empfindung. Spätestens jedoch, als ich ihn zu Gesicht bekam, waren alle Zweifel endgültig und für immer aus dem Weg geräumt. Dies hier war ein Mann von Welt, ein Gentleman, mehr noch: ein Artefakt des Vollkommenen. Augenblicklich zog er mich in seinen Bann.

In meinem ereignisreichen Leben hatte ich durchaus zahlreichen Kontakt mit Vertretern der Hautevolee, war mit führenden Industriellen, mit maßgebenden Intellektuellen, erfolgreichen Politikern, berühmten – und schönen – Aktricen zusammen, ja durfte mich glücklich schätzen, einige unter ihnen zu meinen Freunden zählen zu können. Klasse und Stil haben mich seit je begeistert, seitdem diese wunderbare mondäne Welt unaufhaltsam ihrem Ende zuzustreben schien, genoß ich jeden Moment des selten gewordenen Glücks um so intensiver. Mir selbst war es leider nie vergönnt, wirklich am Leben der oberen Zehntausend teilzunehmen. Es lag mir nicht im Blut, es mangelte mir die Bestimmtheit, vor allem freilich die Seßhaftigkeit. Früh schon verspürte ich den Drang zum Moviment. Sich auf eine Sache langfristig zu konzentrieren, ihr gezielt nachzugehen, sie von Beginn an zu planen und auszuharren bis zu ihrem Ende, ihrem erfolgreichen Ende, das war mir nicht gegeben. Mein zigeunerhaftes Wesen trieb mich hinaus in die Welt, immer mußte etwas passieren und wo nicht, da hielt ich mich nicht lange auf. So war es schließlich Berufung, die journalistische Laufbahn zu wählen, den Ereignissen nachzueilen, um sie in Sprache zu bündeln und meistbietend zu verkaufen. Denn man veräußert keine Artikel, sondern Ereignisse, die erst dann eines geworden sind, wenn darüber berichtet wurde. Die hohe Schule des Journalismus besteht im Erahnen des kommenden Geschehens. Man muß vor ihm am Platz sein oder: es kreieren. Oftmals wird die Profession diskreditiert, als Aasfresser, Hyänen der Tragödie wurden wir bezeichnet, aber man vergaß dabei, daß, wenn überhaupt von Können in diesem Metier gesprochen werden darf, der Faktor der Kreativität die entscheidende Rolle spielt. Der Journalist beutet nicht aus, er schafft. Mit den Jahren entwickelte ich eine instinktive Sicherheit, das Außergewöhnliche auf den ersten Blick zu erahnen. Immer kündigt sich ein Ereignis an, nie fällt es vom Himmel. Wichtig allein ist das Gespür für die Situation: eine Stimmung im Raum, ein geheimnisvolles Lächeln, ein kurzes Zögern, was auch immer, in diesem kurzen Moment jedenfalls zeichnet sich das Künftige mit hoher Wahrscheinlichkeit ab und wenn man dann zum richtigen Zeitpunkt über die notwendigen Hinweise verfügt, auch ein wenig hellköpfig ist, dann ist die „Story“, wie man neuerdings sagt, schon so gut wie gedruckt.

Und daß dieser Herr, der soeben das Abteil betrat, für eine Geschichte gut sein wird, das fühlte ich mit schlafwandlerischer Sicherheit. Solch eine Erscheinung kann nicht trügen!

Man verstehe bitte den feinen Unterschied. An sich war an diesem Manne nichts Auffallendes: ein gutsituierter Mittvierziger, wohlhabend. Das zu deduzieren, bedarf keines scharfen Verstandes. Das reservierte Abteil des Waggons Erster Klasse ließ keine andere Deutung zu. Nicht dies macht die Gestalt wirklich anziehend für den aufmerksamen Voyeur. Nein, an diesem Mann schien einfach alles zu stimmen. Er war äußerst sorgfältig und gediegen, fast einfach gekleidet, in einen Anzug von dunklem Grau und reserviertem Schnitt, offensichtlich maßgeschneidert, feiner englischer Stoff. Die tiefschwarzen Schuhe blitzten gelegentlich im künstlichen Licht und es würde mich nicht Wunder genommen haben, wenn er die letzten Minuten vor der Abfahrt noch einmal beim Schuhputzer verbracht hätte, bis dann das letzte Signal ertönte. Den langen Mantel trug er nach amerikanischer Art leger über den Arm gelegt. Der Waggondiener hatte an einem einzigen Gepäckstück, einem mittelgroßen braunen Wildlederkoffer mit Silberbeschlägen, schwer zu tragen. Bücher, dachte ich gleich: Im Koffer sind, neben weiteren Anzügen, Hemden, den notwendigen Toilettengegenständen und anderen nützlichen Utensilien, vor allem Bücher, vielleicht auch Schmuck, Wertgegenstände. Aber nein, einer wie er, hat es nicht nötig, sein Hab und Gut am Manne zu tragen. Er reichte dem Gehilfen eine Banknote und setzte sich, ohne seine Umgebung eines Blickes zu würdigen. Sie interessierten ihn nicht, die anderen Passagiere, er war sich selbst genug, er wußte um seine Bedeutung, ihm mochte es gleich sein, mit wem er reiste; man reiste mit ihm.

Die Beine locker übereinander geschlagen, blickte er eine Weile gleichgültig aus dem Fenster. Der Zug verließ soeben die große Halle, schwarzer Qualm wölbte sich unter dem Glasdach. Dann griff er in die Handtasche, um ein mit Goldlettern beschlagenes Buch hervorzuholen, in welches er sich augenblicklich versenkte. Ein französischer Roman á la vogue, ohne Zweifel. Aus der beiseite liegenden Tasche, diese kleine Liederlichkeit gestattete er sich, ragte ein englisches Tageblatt, offenbar am Bahnhofskiosk erstanden.

Vor allem diese Selbstsicherheit beeindruckte, fast konnte man von Arroganz sprechen. Nahezu lässig überflog er die Zeilen, mit einem gelegentlich verächtlichen Lächeln des schmalen Mundes, weniger noch, der Andeutung eines Lächelns, nur durch ein leichtes Heben der Augenbrauen unterstützt. Man las diesen Roman, der seine Anerkennung nicht fand, wahrscheinlich in gewissen vornehmen Kreisen, er hat Sensation gemacht; um einer Konversation willen, vielleicht um einer Dame gefällig zu sein, die voller Verzückung davon sprach, zwang er sich, dieses Buch zu durchfliegen. Scharf urteilend blitzten die Augen hinter den goldgerandeten Gläsern. Dieser Mann ist hellwach, intelligent, schlau, vielleicht sogar gerissen, er ist es gewohnt, seine Mitwelt zu überragen. Und doch, auch er hat schon andere Zeiten gesehen. Die kleine, aber verräterische Furche zwischen Mund und Auge ließe sich nur so erklären, sie zeugte von Leid, von Schmerz, von Qual. Es muß schwere Zeiten in diesem Leben gegeben haben.

Ein Kellner betrat lautlos das Abteil, räusperte sich und erkundigte sich nach den Wünschen der Herrschaften. Ihn bittet er auf Englisch, obgleich er in sauberem Deutsch zu antworten weiß. Nur ein tatsächlich geschultes Ohr, das die Sprachen der Welt aus eigener Erfahrung kennt, vermochte aus seiner Bestellung eines hervorragenden Schottischen Whiskeys, fließend und mit angenehmer Stimme, den leichten, fast unauffindbaren russischen Akzent herauszufiltern, ein verschwindend kleiner Rest des rollenden „R“, das eine slawische Zunge nie gänzlich wird verleugnen können. Ja natürlich, Russe, schon das breite orientalisch geformte Kinn, die ausgeprägten Wangenknochen hätten mir dies sagen müssen. Mit jedem Signal schien sich mein anfänglicher Verdacht zu bestätigen. Was, in Herrgotts Namen, führt einen Russen im Jahre Achtundzwanzig von Berlin nach Prag, einen Menschen von sicherem, mehr noch, bedeutsamem Auftreten, reich, gebildet, korrekt, unauffällig? Ja, unauffällig. Allein das erfahrene Auge konnte sehen, was ich wahrnahm, die anderen Reisenden nahmen keine Notiz von ihm. Alles stimmte und das genau machte ihn nahezu unsichtbar für den oberflächlichen Blick, der nur das Störende, das Negative betrachtet. Aber dies war eine durch und durch positive Erscheinung. Eben darin bestand seine Außergewöhnlichkeit, in dieser seltenen, fast möchte ich sagen einmaligen Stimmigkeit und im sich dahinter verbergenden Ausdruck der Überlegenheit. Dieser Mann ist ein Sieger, ein Erfolgverwöhnter, der seine Feinde reihenweise niedergerungen hatte. Nun kannte er keine mehr oder er nahm sie nicht mehr ernst. Was also war er? Kam er als Reisender? Das war auszuschließen. Staatsmann vielleicht, Unternehmer, ein berühmter Künstler, gar ein Agent?

Um dies herauszubekommen mußte ich ihm folgen, also nahm ich mir vor, ihn in Prag nicht aus den Augen zu verlieren. Irgendetwas mußte sich hinter dieser Erscheinung verbergen.

Schließlich betrat der Schaffner das Abteil, die Billetts zu sehen. Manchmal braucht der Journalist auch Glück. Der Beamte hatte die Angewohnheit das Billett lautstark zu verlesen: „Zweimal Leipzig die Herrschaften, bitte schön“, „Ins goldene Prag, der Herr? In circa sieben Stunden werden wir unser Ziel erreichen. Angenehme Reise!“, ich dankte. „Marienbad, Monsieur…“ Marienbad, nach Marienbad wollte er, nicht nach Prag.

Mein Entschluß war schnell gefaßt, ein kurzes Telegramm an die Redaktion – Bin in Marienbad. Stopp. Einer Story auf der Spur. Stopp. – würde genügen, die Kursänderung zu rechtfertigen. Als ich mich während der Einfahrt in das böhmische Bad erhob und den Mantel überwarf, traf mich kurz, durchdringend und fragend sein Blick, aber mir gelang es, ihn gleichgültig zu erwidern, so daß der kurze Zweifel, Verdacht vielleicht, schnell verflogen schien.

Stampfend und pfeifend fuhr die Bahn in die weite Halle ein, die voller erwartungsfroher Menschen war. Hell flutete die Sonne herein, ließ die weißen Sommerkleider der Damen erstrahlen. Augenblicklich bemächtigte sich des Reisenden jene ahnungsvolle und sehnsüchtige Stimmung, die man nur an Orten wie diesem empfindet. Schon vom Perron aus sind die üppigen Parkanlagen zu sehen, mit ihrem hellen Grün, die marmornen Pavillons zeichnen sich dahinter ab, das Geplätscher der Brunnen stimmt versöhnlich. Im Grunde genommen ist es ein Städtchen geblieben, auch wenn seit Jahrzehnten zahlreich fremdländisches Volk den Ort frequentiert. Man kuriert sich, von nervösen Leiden und Langeweile, lustwandelt, pflegt Bekanntschaften, trinkt zwischendurch einen Becher des jauchigen, Heilung verheißenden Wassers und reist nach Wochen, Monaten oder Jahren mehr oder weniger wiederhergestellt ab.

Im Gewirr der Leiber, Aussteigende und ungeduldig Wartende mischten sich unversehens, verlor ich den geheimnisvollen Herrn aus den Augen. „Schnell aus der Halle heraus“, das war mein Gedanke und tatsächlich, kaum hatte ich den Vorplatz erreicht, als ich ihn erspähte. Ein Wagen fuhr vor, ein Chauffeur in Livree stieg aus, nahm mit einer halben Verbeugung die Schirmmütze vom Kopf und öffnete, bevor er den Koffer im Gefährt verstaute, die Tür. Noch ehe ich eine Droschke ausfindig machen konnte, war der Wagen meinen Blicken entschwunden. Aber meine Erfahrung lehrte mich, daß es nur ein Ziel an diesem noblen Ort geben konnte und das war das beste Haus am Platz. „Hotel Excelsior“, versicherte mir der Kutscher, und in der Tat, kaum hatte ich die Empfangshalle des „Excelsior“ durchmessen, da sah ich ihn an der Rezeption stehen.

Der Diskretion des Portiers war durchaus nichts zu entlocken. Ernst, in seiner dunklen blauen Uniform mit den blanken Knopfreihen, stand er hinter seinem Tisch und verzog keine Miene, als er die Frage nach Namen und Profession jenes Mannes, der soeben den Lift bestieg, vernahm. „Mein Herr, Sie befinden sich in einem Etablissement erster Kategorie, in welchem, mit Verlaub, die Personalia seiner Gäste diskret behandelt werden…“ – Den kurzzeitig erwogenen Gedanken, durch eine finanzielle Zuwendung die Korrektheit des Bediensteten zu prüfen, verwarf ich mit dieser Rede, die fortsetzte: „…aber vielleicht darf ich Ihre Aufmerksamkeit auf den morgigen Abend lenken, wenn der Herr, hier im Foyer eine öffentliche Vorstellung geben wird, womit er der Bitte unseres Hauses freundlichst nachkommt.“ Nachdem ich selbst ein Zimmer mietete, auch nicht vergaß, die genaue Uhrzeit besagter Veranstaltung zu erkunden, begab ich mich hinauf und bereitete mich auf den Abend vor. Ausdrücklich vermied ich nach der Art der Performance zu fragen, denn nun, da ein sicherer Termin, zu dem zumindest ein Teil des Rätsels gelöst werden könnte, gegeben war, bereitete es mir Freude, noch im Ungewissen zu verbleiben. Andernfalls riskierte ich, mich des abends zu ennuyieren, hätte möglicherweise vierundzwanzig Stunden entgegengesehen, die ohne jene Art von Spannung wären, wie ich sie stets benötigte, um ruhig schlafen zu können. Allein der Gedanke an eine Vorstellung belebte meine Phantasie, wenngleich sich eine gewisse Enttäuschung andererseits nicht verheimlichen ließ. Ein Künstler also; doch welchen Gewerbes? Darüber wenigstens ließ sich noch sinnen, aber eben ein Künstler, ein Scharlatan letztlich, denn im Grunde ihres Wesens sind alle Künstler Scharlatane, die eine, ihre Begabung schamlos ausnutzen und doch nur einen Vorzug mitbringen: in einer abnormen Sonderbegabung überragend zu sein. Sie wissen, dies mußte ich schon mehrfach am eigenen Leib erfahren, nichts anderes zu besprechen als eben ihre Kunst und nur diese, und jeder weitere Verstand geht ihnen in der Regel vollkommen abhanden. Bislang haben sie mich vor allem gelangweilt. Eine in langen Jahren harten Übens angeeignete Fertigkeit, die dann zum einzigen Maßstab ihres Denkens wird, ein Talent, eine zufällige Gabe wird bis zur Perfektion verfeinert, um der seltsamen Eignung des Volkes, sich durch derartige Kunststücke verblüffen zu lassen, zu entsprechen. Was kann er sein? Ein Zauberkünstler, ein Artist, ein Rechengenie? Letztlich ein Akteur, ein Schausteller, eine arme Seele, deren mangelnder Reichtum Ruhm beschert. Nur wollte keines der Bilder recht mit der stilvollen Erscheinung übereinstimmen, sie fügten sich nicht. Also gut, mache das Beste daraus, sagte ich mir, genieße den Abend an der Hotelbar, rätsle noch ein wenig und, wer weiß, vielleicht läßt sogar er selbst sich noch einmal blicken?

Nein, er ließ sich nicht noch einmal sehen, verbrachte ganz offensichtlich den gesamten Abend allein auf seinem Zimmer. Immerhin, so gewöhnlich war er nicht.

Den darauffolgenden Tag verlebte ich in aller Entspannung, genoß die Vorzüge des Bades, wandelte durch die Gärten, betrachtete die schönen und vornehmen Damen, trank selbst ein Glas des ekelerregenden Wassers und wartete im übrigen darauf, daß die Zeit verging. Mit besonderer Aufmerksamkeit las ich den „Kurkurier“, die lokale Zeitung, schaute nach den öffentlichen Aushängen, aber von einer abendlichen Vorstellung im „Excelsior“ keine Spur. Das gewöhnliche Programm: Konzert im Pavillon, eine einst berühmte, nun gealterte Diva in der Oper, auch ein Lichtspielhaus gab es im Ort, ein Schachturnier, ein Pferderennen, eine Soiree, die Wanderfreunde luden ein und was dergleichen ein Bad zu bieten hat. Gelegentlich wurde ich während der Lektüre von zutraulichen Eichhörnchen unterbrochen. Erst als es abkühlte, begab ich mich zurück ins Hotel.

Die Vorhalle erwartete mich verändert. Gestühl, in langer Reihe und zu einem Carré geformt, füllte die weite Fläche aus. Sie blieb mir rätselhaft, diese Gruppierung. Aber da ich einen Zusammenhang mit der abendlichen Schaustellung vermutete, deren internes Geheimnis ich bis zum Äußersten zu bewahren gedachte, verzichtete ich auf eine Erkundigung und harrte der Dinge, die da kommen werden, indem ich im Speisesalon ein Souper einnahm. Gestärkt betrat ich mein Zimmer, um mich zu erfrischen und die Abendgarderobe anzulegen. Ein Klingelton, der von unten zart heraufhallte, schien den Beginn signalisieren zu wollen, worauf ich mich, ohne Eile – denn Hast löst dieses wohlige Gefühl gespannter Erwartung – ins Foyer begab.

Alle Tische waren nun besetzt. In der Mitte stand er, breitbeinig, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, leicht auf den Füßen wippend, Ungeduld signalisierend. Er trug einen braunen Anzug, der sich fast wundersam in die Umgebung des Raumes einfügte, in die bräunlich gehaltene, marmorgetäfelte Empfangshalle des Luxushotels, an deren Enden mahagonifarbene Stufen, von wohlgeformten Alabasterfiguren geschmückt, in die Etagen hinaufführten. Ein kristallener Leuchter prunkte inmitten der Höhe, spendete kräftiges, doch wohltuend mildes, gelbliches Licht. Er begann gerade zu sprechen, als ich die Halle betrat. „Meine Herren“, setzte er an und rollte fast unmerklich, nach russischer Manier, das doppelte „R“, „ich darf Sie nun über die Regeln informieren. Die erste Grundbedingung ist absolute Ruhe. Sollte es nicht möglich sein, diesen Zustand herzustellen, so werde ich nicht davor zurückscheuen, die Veranstaltung unangekündigt abzubrechen. Des weiteren darf ich Sie bitten, mit der Ausführung Ihres Zuges so lange zu warten, bis ich an Ihren Tisch getreten bin. Jegliche Hilfestellung von außen verbitte ich mir. Es versteht sich im übrigen von selbst, meine Herren, daß ein Berühren der Figuren in den Phasen meiner Abwesenheit nicht gestattet werden kann. Zuwiderhandlungen muß ich leider mit dem sofortigen Ausschluß des Delinquenten ahnden. Es gelten selbstverständlich die weltweit anerkannten Regeln des Spiels, die Ihnen, wie ich voraussetze, allen geläufig sind. Sollte es weitere Fragen geben, dann bitte ich Sie, diese jetzt zu stellen, danach werde ich auf keine Anfrage mehr eingehen.“ Stille. In der Monotonie eines Museumsführers leierte er diese Ansprache herunter und ihr herrischer, ja mitunter beleidigender Ton blieb nicht unbemerkt. Würde einer der Männer sich erheben, sich gar dagegen verwehren? Nein, Stille! Sie schienen es in Kauf nehmen zu wollen. Während dieses Moments flüsterte ich meinem Nachbarn die Frage zu, wer er sei und erntete einen erstaunten Blick. „Der Weltmeister!“ Seine Stimme setzte wieder ein: „Ich werde nun beginnen. Sie haben sicher Verständnis dafür, wenn ich alle Partien mit Weiß und Sie mit Schwarz spielen. Meine Laufrichtung wird dem Uhrzeigersinn entsprechen. Wie ich sehe, ist Tisch 25 noch unbesetzt. Bitte meine Herren“ – wandte er sich an die Umstehenden -, „scheuen Sie sich nicht. Wenn ich die erste Runde beendet habe und der Tisch sollte bis dahin nicht besetzt sein, so bitte ich das Personal ihn geräuschlos zu entfernen. Die anderen anwesenden Herrschaften halten gefälligst einen gehörigen Abstand zu den Brettern, so daß eine externe Beeinflussung von vornherein ausgeschlossen bleibt. Ich danke Ihnen, meine Herrschaften. Von nun an absolute Ruhe bitte!“ Mit diesen Worten setzte er sich in Bewegung.

Der Schachweltmeister. Einen Moment lang war ich verblüfft, sprachlos. Ausgerechnet Schach, damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Aber natürlich, das Turnier, mit starker internationaler Beteiligung – ich hatte es in der Zeitung gelesen – sollte in wenigen Tagen beginnen. Was wußte ich vom Schach? Erinnerungen kamen hoch, längst vergessene, oder, wie man in der mittlerweile so weit verbreiteten Schule des Wieners Freud sagen würde, längst verdrängte Erinnerungen.

Mueller-Bülow, so lautete sein Name. Ein eigenartiger Mensch, seltsam linkisch und fahrig. Selten nur nahm er an unseren Unterhaltungen teil, trug seinen Kopf schwer, stets leicht vornüber gebeugt, als wäre die Last, die er zu tragen habe, zu kolossal für diesen einen Menschenkopf.

Unsere Einheit lag seit Wochen in den Schützengräben vor Verdun. Der Krieg war in vollem Gange. Zwei Feinde hatten sich ineinander gekrallt, so wild und heftig, daß kaum zu unterscheiden war, wo das Territorium des einen begann und das des andern endete. Es gab kein Vorwärts und kein Zurück, die wenigen Meter Gewinn des letzten Tages konnten am darauffolgenden schon wieder verloren sein. So aßen wir die Vorräte der Franzosen, die sie im Unterstand zurücklassen mußten und Sie die unsrigen. Es war fast wie ein Spiel, wenn da nicht die Toten, die Toten, gewesen wären.

Aber Krieg, das hieß viel seltener Kampf als Warten. Warten, ewiges Warten. Zeit, in der nichts geschieht. Man sitzt, raucht, stiert vor sich hin, lauscht den fernen Geschossen und manchmal auch dem verzweifelten Gesang eines verirrten Vogels, der sich auf einer verkohlten Baumkrone niedergelassen hat und nun vergebens Gefährten sucht. Mit mechanischen Bewegungen werden Bewaffnung, Ausrüstung und Kleidung instand gesetzt, Tätigkeiten, die man schon Hunderte Male ausgeführt, die jene schreckliche Leere im Hirn, diese unerträgliche Langeweile nicht beseitigen können. Ein paar zerfledderte Romane liegen herum, die man schon wer weiß wie oft gelesen und doch nie aufgenommen hat. Irgendwo erzählt man sich laut lachend Weibergeschichten, vulgäres Zeug, doch die Wirklichkeit straft alles Lügen: die letzte Frau, die ich sah, starrte mich mit glasigen Augen an; ein Schrapnell hatte ihr den ganzen Unterleib zerfetzt.

Man kann den Krieg nicht überleben ohne eine Leidenschaft. Gerade dieser Zustand des Wartens war fürchterlich für meinen Verstand, der nach Abwechslung dürstete. Meine nomadische Seele suchte ein Ziel und fand doch keines. So dämmerte ich in einem Zustand halber Bewußtlosigkeit vor mich hin, nahm teilnahmslos Befehle entgegen, zog in Schlachten, schoß auf Menschen und zerrte Verletzte aus Schußlinien, als ob es mich nichts anginge. Irgendwann mußte man, wenn nicht durch eine Kugel, an der Öde zu Grunde gehen. Wir waren leer, keine Menschen mehr, sondern Maschinen, die nicht anders funktionierten als die Tanks, die über unsere Gräben rollten. Nur einer schien unverletzbar vor der Zeit: Mueller-Bülow. Geboren wurde er als Müller, aber der Name war ihm zu gewöhnlich. Also schrieb er sich Mueller und als auch dies nicht ausreichend den Unterschied deutlich machte, hängte er sich diesen Bülow an, diesen Anschein eines preußischen Adels, einer Ahnenschaft. Wir mochten ihn nicht sonderlich. Alle litten, nur er schien standzuhalten; so etwas verzeiht man im Kriege nicht. Schach war seine Leidenschaft, ein abgegriffenes zusammenklappbares Spiel mit kleinen hölzernen Figuren war, neben einem Buch „Ausgewählte Meisterpartien“, sein ganzer Schatz. Und er war glücklich damit! Irgendwann sah ich ihm zu, bei seiner seltsam fremden Beschäftigung. Ich hätte ebensogut einem schlafenden Kameraden zuschauen oder einer Ameise, die vergeblich die Grabenwand zu erklimmen versucht, meine Aufmerksamkeit schenken können, es war vollkommen gleich, aber, der Zufall wollte es so, ich stierte zu ihm, gedankenverloren, müde, leer. Er schien meinen Blick nicht zu beachten, wippte langsam mit dem Kopf, stützte ihn in die Hände und betrachtete das Brett, starrte auf diese Figuren, zog mitunter eine, musterte erneut das Brett und schüttelte den Kopf. Es waren seine Augen, die zuerst meine Aufmerksamkeit weckten, sie glänzten in wilder Erregung. Was, verflucht noch mal, konnte diesen Kerl derart begeistern? War er verrückt, daß er in diesen lächerlichen Figuren etwas wahrnahm, was uns verborgen blieb? Nun lächelte er sogar! Wut überkam mich: der Kerl lacht, während alle anderen endlos leiden, am Nichtstun verzweifeln. „Was macht du da, Müller!?“ Ich nannte ihn Müller, um meiner Erbitterung Herr zu werden. Er sah mich einen kurzen Moment an, lächelte und beugte sich erneut über sein Brett. Der ist am Ende, dachte ich und stierte abermals vor mich hin.

Wieder saßen wir und warteten, warteten, auf was auch immer. Alles war besser als dieses dauernde, endlose Warten. Die kurzen Essenszeiten wurden oft zum einzigen Höhepunkt des Tages, den man dehnen mußte, bis er sich erneut in Wartezeit auflöste. Selbst ein Fliegeralarm konnte nichts mehr bewirken: Wir rannten in unseren Unterstand und warteten, bis es vorbei war, und war es vorbei, so warteten wir auf den nächsten Alarm. Unendliche Monotonie. Jeder Sturmangriff, jedes Grabengefecht wurde zur Erlösung; aber hatte man es überlebt, dann wartete erneut diese tröge Eintönigkeit. Es war zum Verzweifeln und es schien keinen Ausweg zu geben. Einzig Mueller-Bülow schien nicht zu leiden.

Bei der nächsten Gelegenheit setzte ich mich in seine Nähe, ihn zu beobachten. Er spielte irgendeine Partie aus seinem Buche nach, schüttelte nachdenklich den Kopf, lächelte in sich hinein, fixierte mit glänzenden Augen die Figuren. Also ging ich zu ihm, was blieb mir anderes übrig, und ließ mir das Spiel erklären, anfangs eher, wie kann es anders sein, aus purer Langeweile oder um diese zu vertreiben, da gab es kaum einen Unterschied, aber je tiefer, mit den Wochen, mein Verständnis des Spieles wurde, um so mitreißender empfand ich es und irgendwann schließlich, zwei, drei Monate mögen vergangen sein, kam ich in den Graben zurück und sehnte mich zum ersten Mal nach einer Partie. Mueller-Bülow, mit dem ich mich längst angefreundet hatte, weihte mich in alle Mysterien ein, machte mich mit den wichtigsten Gesetzen vertraut – Besetzung des Zentrums, Figurenentwicklung, frühe Rochade, Werte der Figuren und vieles andere -, erläuterte die genialen Partien der Meister und vor allem: er spielte mit mir. Hunderte Partien müssen es gewesen sein; ich gewann keine einzige. Aber die Spiele wurden länger, interessanter, spannender, ja manches Mal zeigte mir mein Lehrer sogar Gewinnwege, die ich übersehen hatte, die aber schon vorhanden waren. Er selbst spielte seit seiner frühen Kindheit und hatte es wohl zu einer gewissen Stärke gebracht, nie so weit, daß er zu den Meistern zu zählen wäre, aber doch ein geachteter Klubspieler. Und auch ich durfte mich mit der Zeit zu den Vertrauten zählen, bald kannte ich die Namen der Großen, wußte ihre Partien aus dem Kopf aufzusagen. Als wir sein Buch vollständig wieder und wieder durchgearbeitet hatten, begannen wir, Probleme aufzustellen und zu lösen. Matt in drei Zügen, jedem wurden vierundzwanzig Stunden gewährt, danach mußte die Aufgabe dem Partner vorgelegt werden. Kurz, wir hatten lange Monate gemeinsamen Übens und Spielens, wurden Freunde.

Als der Krieg zu Ende ging, unsere Kompanie lag nun an der Ostfront, begannen wir Pläne zu schmieden, wollten gemeinsam Turniere besuchen… doch Mueller-Bülow fiel der Kugel eines Marodeurs zum Opfer. Kopfschuß. Nach fast drei Jahren im Graben, nach hunderten von Kämpfen, fegte ihm eine russische Kugel das Hirn aus dem Schädel. Er war der einzige während des ganzen Krieges, für den ich Tränen hatte. Schachspiel und Buch nahm ich aus seinem Tornister und rührte beides nie wieder an.

Ich hatte das Spiel vergessen, es bedeutete mir nichts mehr, bis zu diesem Moment, als der Weltmeister im „Excelsior“ jene denkwürdige Vorstellung gab. Plötzlich waren all diese Erinnerungen wieder da. Mein Freund, mein alter Freund Mueller-Bülow stand neben mir, drängte mich: „Das da ist der Weltmeister. Laß Dir diese Gelegenheit nicht entgehen.“ Mir fehlte die Kraft. Was soll ich sagen, seit gut zehn Jahren hatte ich kein Brett mehr angesehen, geschweige denn berührt. Das Schachspiel war erledigt für mich, noch nicht einmal konnte ich sagen, ob ich die Regeln noch sämtlich beherrschte. „Es ist wie schwimmen, du kannst es vielleicht nicht mehr so gut, aber du kannst es noch. Man verlernt es nie!“ Der Weltmeister schüttelte inzwischen dem zwölften Partner die Hand, zog eine Figur und ging zum nächsten Tisch, wo die Prozedur sich wiederholte. „Wenn du dich nicht traust, dann tue es für mich“, flüsterte mir die Stimme zu. Schon trennten den Herausforderer nur noch fünf Tische vom letzten, der noch immer leer stand, als ich mich, eher instinktiv denn willentlich, aus der Menge löste und scheinbar sicheren Schrittes auf das verwaiste Brett zulief. Er drehte sich um, erkannte mein Vorhaben und wohl auch mein Gesicht, stutzte einen Moment, lächelte und reichte dem nächsten Gegner die Hand, während ich Platz nahm. Schließlich gelangte er zu mir, schaute mir fest in die Augen, sein Blick verriet, daß er mich wiedererkannte: der Herr aus dem Zug, der bis Prag gelöst hatte und in Marienbad ausstieg, schienen sie zu sagen. Nun mußte ihm klar sein, daß mein damaliger Sinneswandel ihm zu verschulden war. Er zögerte, bevor er mir die Hand reichte, schaute mich fragend an, konnte sich wohl den Grund des eigenartigen Verhaltens nicht erklären oder stellte wer weiß was für Hypothesen auf. Schließlich verzog sich sein Mund doch zu einem Lächeln: „Viel Glück“ Er reichte mir die Hand, tätigte seinen ersten Zug. Erst jetzt begriff ich, worauf ich mich eingelassen hatte.

Nun geschah etwas, das den Saal in erstaunte Unruhe versetzte. Er selbst, der Weltmeister, brach die verabredete Stille: „Meine Herren, bitte entschuldigen Sie die Störung, es wird die letzte sein, aber darf ich noch einmal um Ihre Aufmerksamkeit bitten. Soeben habe ich mich entschieden, wenn es denn, wie ich hoffend voraussetze, ihre Zustimmung findet, das Reglement zu modifizieren. Mit anderen Worten, ich möchte den Grad der Schwierigkeit erhöhen. Seien Sie beruhigt, meine Herrschaften, dies betrifft selbstredend nur meine Schwierigkeiten. Ich werde, wenn Sie es gestatten, nicht nur simultan gegen die fünfundzwanzig Herren spielen, die so freundlich waren, meine Herausforderung anzunehmen, sondern zudem auf die Ansicht der Bretter verzichten. Ich werde blind gegen Sie antreten. Gibt es hierzu ablehnende Stimmen? Wenn dies nicht der Fall ist, wie dies zu erwarten war, so werde ich Sie nun mit den neuen Bedingungen vertraut machen. Es versteht sich von selbst, ich wiederhole mich da, daß absolute Ruhe herrscht und das Berühren der Steine während meiner Absenz untersagt bleibt. Ich werde mich nun mit dem Rücken zu Ihnen in diesen Sessel setzen – Cameriere seien Sie bitte so freundlich und tragen ihn hierher -, Sie werden dann, sofern Sie an der Reihe sind, Ihren Zug ausführen, ihn laut und deutlich ansagen und meine Antwort auf Ihrem Brett selbständig realisieren. Habe ich mich verständlich machen können, meine Herren? Wenn dem so ist, dann können wir beginnen.“ Er setzte sich, mit dem Rücken zu uns, in den Sessel, bestellte noch einen Kaffee, dazu eine kubanische Zigarre und begann in aller Gelassenheit, den Spieler am ersten Tisch nach dessen Antwortzug zu befragen.

Es war unglaublich. Bereits der Versuch, gegen fünfundzwanzig Gegner zugleich antreten zu wollen, erweckte den Eindruck des Größenwahns, aber nun, sämtliche Partien in der Imagination auszufechten, das grenzte an Zauberei, mußte unmöglich sein. Zwar verfügte auch Mueller-Bülow über diese geheimnisvolle Fähigkeit, eine Partie im Kopf spielen zu können, bis zu einem gewissen Grade, aber nach einer Weile fiel es ihm zunehmend schwerer, den Überblick zu behalten: Schnell lernte ich, wie er am ehesten aus dem Konzept zu bringen war, dann nämlich, wenn ungewöhnliche Züge geschahen, Züge, welche die sogenannte Eröffnungstheorie nicht kannte. Er dachte in festen Bildern, in Schemen, verließ man diese – je zeitiger desto besser – erhöhte man die Schwierigkeit, sich die Konstellationen zu vergegenwärtigen. Jede Eröffnung, so erklärte mir mein Meister, bringe, wird sie korrekt gespielt, gewisse und stets wiederkehrende Stellungstypen hervor, mit vergleichbaren Eigenschaften, taktischen und strategischen Motiven, wie er das nannte. Diese könne man erlernen. Sind jene Gleise einmal verlassen, so entstünden Bilder, die selbst dem geübten Spieler Schwierigkeiten bereiten würden, da alle nun möglichen Fortsetzungen geprüft werden müßten, wohingegen die Erfahrung ihn bei gewohnten Stellungen lehrt, welche Entwicklungen nicht anzustreben seien und folglich die Denkarbeit erheblich vereinfachen. Wähle zudem, so erläuterte er mir damals, Eröffnungen, die dem Gegner wenig Möglichkeiten lassen, auf die es nur eine geringe Anzahl von Erwiderungen gibt, so schränkst du den zu lernenden Stoff, und lernen mußt du, wenn du Erfolg haben willst, so schränkst den Umfang des Stoffes ein.

Aus diesen Gedanken wurde ich aufgeschreckt, als mein Nachbar laut seinen Zug ausrief, worauf der Weltmeister umgehend antwortete. „Brett 25 bitte“, hieß es nun. Ich war an der Reihe und hatte noch nicht einmal einen Blick auf das Schachbrett geworfen. „Brett 25 bitte“, wiederholte er ungeduldig. „Ich habe im ersten Zug Bauer nach e4 gespielt, Ihre Antwort, bitte!“ – „Bauer c5“ hörte ich mich sagen, fast war es ein Reflex zu nennen. Ja, die Sizilianische Verteidigung, wie sie Mueller-Bülow immer spielte, die er mir beigebracht hatte mit ihren tausend möglichen Fortsetzungen, ihren ungezählten Verästelungen. Das war ein Labyrinth, in dem ich mich einst recht gut zu orientieren wußte. Alles fiel mir plötzlich wieder ein, selbst den Namen hätte ich eine halbe Stunde zuvor nicht mehr erinnern können, aber nun war es wieder da, es mußte Springer nach f3 folgen und es folgte. Ich hatte wieder Boden unter den Füßen, die nächsten fünf, sechs Züge standen mir klar vor Augen, selbst ein Weltmeister würde diesem Weg nicht mehr ausweichen, erst danach müßten Entscheidungen gefällt werden. Instinktiv hatte ich Zeit gewonnen und das war alles, was ich benötigte.

So konnte ich die Situation, in der ich mich so plötzlich und unerwartet wiederfand, erst einmal klären. Was ging hier vor? Gut, ich hatte mich verzaubern lassen, die außergewöhnliche Persönlichkeit dieses Mannes verführte, nein zwang mich förmlich an dieser compétition teilzunehmen. Er riß mich in jenen Strom der Erinnerungen, den ich sicher eingedämmt glaubte. Aber weshalb änderte er sein Ansinnen, weshalb lud er sich die Last auf, blind gegen seine Kontrahenten spielen zu wollen? Hatte dies mit mir zu tun? So muß es wohl gewesen sein. Er hatte mich wiedererkannt, die Szene im Zug mußte ihm zu Bewußtsein gekommen sein. Nur, wofür hielt er mich? Wollte er mich besiegen, vielleicht gar demütigen? Nun, das wird ihm nicht schwerfallen, aber das alles rechtfertigt das Spektakel nicht. Denn das war es, ein Spektakel. Im Zenit seiner Kräfte stehend, glaubte er uns unterhalten zu können, nur weshalb? Diese fünfundzwanzig zufällig zusammengewürfelten Gelegenheitsspieler, etwas anderes werden sie nicht sein, sind doch kein lohnendes Publikum für eine solche Schaustellung seiner mentalen Kraft. Was ihm Not tat, das war Öffentlichkeit. Die Presse, wo war sie? – Sie sitzt am Tisch, durchfuhr es mich. Ich selbst bin das Ziel seiner Bemühung, denn ich bin der Vertreter der Allgemeinheit, ich selbst werde die unerhörte Nachricht „Schachweltmeister tritt im Blindspiel gegen fünfundzwanzig Gegner an“, ich selbst werde diese Meldung verbreiten. In wenigen Tagen beginnt das Turnier. Was Rang und Namen hat, wird hier, am Ort gegen ihn antreten. Sie werden es lesen, werden beeindruckt sein. Ein Kampf der Nerven, hatte Mueller-Bülow mich belehrt, sei das Schach auf allerhöchstem Niveau. Wer Angst hat, verliert, wer die geistige Verfassung seines Gegners falsch einschätzt, geht zugrunde. Und was soll mehr beeindrucken, mehr Selbstsicherheit verschaffen, als ein Kraftakt wie dieser? Dies mußte der Grund sein, er würde alles erklären, nur eines nicht: woher wußte er, daß ich ein gefeierter Journalist sei? Konnte er es im Zug erraten haben, konnte er, während ich, der vermeintliche Menschenkenner, über seine Identität erfolglos rätselte, die meine, sozusagen en passant herausbekommen haben, ohne auch nur einmal den Blick aus seinem Buche zu erheben, konnte der fragende Blick, dieser eine kurze Moment der Unsicherheit, konnte meine zweifelhafte Entscheidung, das Reiseziel zu ändern, konnte all dies mich preisgegeben haben?

Also spielte er für mich, in der Überzeugung, daß ich seinen einzigartigen Triumph in die Welt trage, ihn seinen Gegnern und Bewunderern mitteile. Ich werde es tun, mein Herr. Sie sind ein Dämon, ich stehe Ihnen zu Diensten. Sie wollen die Story, Sie sollen sie haben. Zuvor jedoch, werter Weltmeister, werden Sie mich unterhalten.

Wie er da saß, die Beine lässig übereinander geschlagen, genüßlich seine Havanna rauchend, deren Duft den komfortablen Saal angenehm erfüllte, zirkelnde Rauchringe rhythmisch ausstoßend, die er genießerisch mit den Blicken verfolgte, und einer Maschine gleich Züge laut vor sich hin sagte, ohne je den Eindruck zu erwecken, tiefgründige Probleme lösen zu müssen, machte er uns eine Überlegenheit deutlich, die den Rahmen des Menschlichen überschritten haben mußte; hier saß kein gemeiner Mitmensch mehr, der stilvolle Sessel wurde zum Thron umfunktioniert, in dem ein König Platz genommen hatte, was sage ich, ein Gott ließ sich in unserer Mitte nieder, um uns, Menschengewürm, die wir auf unser Wissen, unser Können, unsere geistige Veranlagung stolz zu glauben sein durften, ein für alle mal zu züchtigen. Und er züchtigte hart. Mit eisernem Besen kehrte er aus, schon nach wenigen Zügen ergab sich der erste Gegner entnervt, der, ganz offensichtlich, in eine dieser zahlreichen Eröffnungsfallen blindlings hinein getappt war. Andere folgten bald, und als mein Spiel vor der Entscheidung stand, da saßen nur noch siebzehn Spieler an ihren Tischen.

Wenn man mich nach meiner Partie fragen wollte, ich wüßte nicht viel zu sagen. Längst hatte mich das Spiel gepackt, mehr als je zuvor. Alle meine Sinne waren auf dieses Brett gerichtet, außer ihm gab es nichts mehr. Erst als alles vorbei war, sah ich um mich, ohne zu begreifen, wo ich mich befand. Wie aus einem Traum, aber das Wort ist noch zu schwach, wie aus einer Trance, aus einem bis dahin vollkommen unbekannten Gefühl der seligen Abwesenheit, die ein ungeahntes Glück offenbarte, erwachte ich, stieg ich empor aus wer weiß welchen Tiefen: des Spiels, meiner Seele – oder gar seiner? Wir waren in diesen Minuten eins geworden. Das Ende des Spiels erst teilte die Welt, in Ich und Du, in Geist und Seele, Seele und Materie, Gut und Böse, ich war jenseits des Alltäglichen.

Lange Zeit konnte ich einer Partie folgen, die einst sicherer Bestandteil meines manifesten Wissens war. Mueller-Bülow hatte sie wieder und wieder analysiert, sie mir erläutert, den unerhörten Gedanken des Schachmeisters Lasker verständlich gemacht, der im dreizehnten Zug eine großartige Neuerung einführte, eine Neuerung, die sich, wie mein Kamerad lehrte, nicht durchgesetzt habe und folglich den meisten Spielern noch heute unbekannt sei. Mein Herz pochte bis zum Hals, als ich diesen Scheideweg erreichte, aber ich überlegte nicht lange und rief meinem meisterlichen Gegenüber, der soeben eine neue Tasse Kaffee bestellte, fast triumphierend den zauberhaften Zug entgegen; sollte er doch beweisen, ob er auch auf Abwegen sich auskannte. Bislang war alles Theorie, was er mir zu sagen hatte, das konnte er wie ein Gedicht rezitieren, es war Erinnerungsarbeit und wenig einfallsreich, aber nun begann das Spiel. Er vernahm meinen Zug und ich hätte wetten können, daß er schmunzelte. „Brett 25 wandelt auf den Spuren des Dr. Lasker?“, unterbrach er die Ruhe. „St. Petersburg 1914, die Partie gegen Iljin-Genewski, eine denkwürdige Schlacht. Leider hat sich Laskers Neuerung nicht durchgesetzt, obwohl sie Aufmerksamkeit verdiente.“ War das ein Mensch? Dann nannte er mir den zu erwartenden Zug und rief den nächsten Gegner auf.

Nun, ich will es kurz machen, drei Züge später wich er von der klassischen Partie ab, fand er einen bislang noch ungespielten Zug und von da an ging es mit mir bergab. Die Aufgaben wurden zu kompliziert, ich fand nicht die beste Erwiderung und sah mich bald einem unwiderstehlichen Angriff ausgesetzt. Was hätte Mueller-Bülow an meiner Stelle getan? Er hätte die Kraft gefunden, aufzugeben, aber ich dachte überhaupt nicht daran, die Möglichkeit der Aufgabe kam mir einfach nicht in den Sinn, zu stark war ich in dieses Spiel involviert und erst als er mir ein Matt in vier Zügen ankündigte, kam ich wieder zu mir. Das nahe Ende vor Augen, stieg ich wieder hinan, in die Menschenwelt.

Wie ich in mein Zimmer gelangte, weiß ich nicht mehr. Ich fand mich vor dem Spiegel wieder: schweißdurchnäßt, erschöpft, wild. Nur die Augen glänzten; es waren Mueller-Bülows Augen. Ich gestehe, daß mich diese sonderbaren Gedanken, die mich nun heimsuchten, vollständig verwirrten, und ich befürchte, es wird mir auch jetzt, nach reiflicher Überlegung, nicht gelingen, sie auf eine Art und Weise darzulegen, daß sie andere in ähnlicher Weise berühren oder ihnen gar begreiflich werden, wie mir an jenem Abend. Vielleicht beruhte ihre Wirkung nur auf dem selten zuvor erlebten Zustand der vollkommenen Erschöpfung, einer seligmachenden Verausgabung der eigenen Ressourcen, wahrscheinlicher jedoch mußte eine mir bis dahin unbekannte Saite meines unruhigen Wesens angeklungen sein, deren Existenz ich nicht einmal zu vermuten wagte.

Vollständige Leere erfüllte mein Inneres. Ja! Man muß es so paradox ausdrücken: Leere erfüllte mich. Einem leeren Gefäß glich mein Geist, ausgeschüttet, aufgesogen bis auf den letzten Tropfen und bereit, neu gefüllt zu werden. Und wenn es noch so etwas wie einen Willen gegeben haben sollte, dann der nach neuer Füllung. Selbst die Leere des Nichts kennt noch Differenzierungen, unsagbare letztlich, das wird mir nun vollends klar, aber doch zu fühlen, denn sie, diese phantastische, vollkommene Leere war das Gegenteil der einst gefühlten und gefürchteten. Was sie verhieß war mehr als die gewohnte Zufriedenheit, die einen nach gelungener Arbeit wohlig durchströmte, was sie verhieß, war – es läßt sich nur in ein ärmliches Wort gießen: Glückseligkeit.

Ich fiel ins Bett und schlief bis weit in den Vormittag hinein.

Der Hunger weckte mich. Noch lag der Druck des vergangenen Abends schwer auf mir, die Augen brannten, und doch empfand ich schon jene geheimnisvolle Sehnsucht, die mich seither begleitete. Wie nach einer wilden, leidenschaftlichen Liebesnacht, in der uns die Sehnsucht nach dem Weib, dem Ewigweiblichen, jenem unauflösbaren Geheimnis gefangen nimmt, dem Versuch eine Summe zu ziehen aus einer Menge irrationaler Zahlen, die jede ihr eigenes Geheimnis wahrt, wuchs das Gefühl, einer großen Wahrheit auf der Spur gewesen zu sein; nur wollte es nicht mehr gelingen, sie mit Worten dingfest zu machen. Ein neuer Einstieg war unerläßlich, das jedenfalls, wenn auch sonst nichts, war im Moment klar.

Während ich ein schweres Frühstück zu mir nahm, versuchte ich, meiner wirren Gedankenwelt Herr zu werden und die gestrigen Erlebnisse zu rekapitulieren. Der Garçon, der sich auf meine Bitte hin ausdrücklich Aufzeichnungen angefertigt hatte, vermittelte alle dazu notwendigen Fakten. Die gestrige Vorstellung, so erzählte er, habe bis weit nach Mitternacht angedauert und endete mit einem vollkommenen Triumph des Weltmeisters, der sämtliche Partien für sich entscheiden konnte. Im Anschluß habe er einige besonders gelungene vor Publikum annotiert, wobei er erneut seine überlegene Geistesstärke demonstrierte, da er sie aus dem Gedächtnis zu zitieren wußte. Im übrigen sei auch die meine ausgewählt worden, da sie lange Zeit den Spuren einer historischen Vorgabe gefolgt wäre. Ich hätte, so erläuterte der Meister, dabei eine gute Möglichkeit übersehen, wenn, statt des Abtausches im Mittelspiel, eine Verstärkung der angegriffenen Figur mit Hilfe eines Bauern erfolgt wäre.

Lange Zeit gingen mir diese Worte nicht aus dem Sinn. Was geschah mit mir? Ich war ein erfolgreicher Journalist, einer der besten seines Faches, hatte die Welt kennengelernt, ihren Reichtum, ihre Schönheit, aber auch ihre Grausamkeiten. Man wird hart gegen Bilder, verliert die Fähigkeit des Mitleidens und muß sie verlieren, um das hohe Ideal der Unvoreingenommenheit verwirklichen zu können. Dabei sein, das war alles, aber man darf sich nicht hineinziehen lassen. Wer sich berühren läßt, ist verloren. Viele Gefährten hatte ich so „sterben“ sehen, irgend etwas ertrugen sie nicht, konnten sich von einem Bild, einer Tragödie nicht mehr befreien oder verfielen der Macht des Schönen, wollten teilhaben und gingen unter. Und nun sollte mir dies geschehen sein? Unmöglich. Wozu auch? Ich war zufrieden, hatte mein Leben in die Hand genommen, nach dem Krieg von vorn angefangen und erreicht, was zu erreichen war. Ich verkehrte in den besten Kreisen, hatte Beziehungen, ja selbst Bedingungen konnte ich stellen. Wie war es da möglich, daß ein einziges vermaledeites Spiel, eine Nichtigkeit, mich derart aus der Bahn warf? Gut, mein Gespür hatte nicht getrogen, darauf konnte ich stolz sein, es hatte eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit absoluter Sicherheit aus einer Masse herausgefunden, war ihr gefolgt, wie es meine Berufspflicht ist und ihr am Ende unterlegen. Aber doch nur auf einem Gebiet, das nicht das meine ist. Mach einen Artikel daraus, sagte ich mir, und du stehst wieder auf der Siegerseite, dort, wo du zu Hause bist, dort, wo du hingehörst.

Was auf dem Spiel stand, plötzlich und unerwartet, war mein höchstes Gut, das zu erringen meine ganze Existenz voraussetzte, inklusive des feinen Zynismus, dessen es bedarf, um die Situationen der Anfeindung wohlbehalten überstehen zu können; es war meine Zufriedenheit. Sie erschien mir augenblicklich klein, häßlich und billig, als Ziel eines Lebens, diesem nicht würdig. Ein mir höchst befremdlicher Gedanke begann sich in der Brust breit zu machen, eine Sehnsucht nach einem imaginären Höheren. Bislang konnte es mir immer gelingen diese Suchenden im Stillen spöttisch zu verlachen, die da glaubten, einem fremden Ideale folgen zu müssen, um einen erträglichen Zustand des Daseins zu erreichen. Selbst diesen Weltmeister verachtete ich ein klein wenig, da er sich in eine Sonderbegabung flüchtete, aus der er sich ein Weltbild zusammenzimmerte, das, ob seiner Enge, einfach nur lächerlich sein konnte. Wie allen Genies, so fehlt auch ihm das Umfassende, es mußte ihm fehlen, denn ein Mensch der sein Glück im engen Quadrat von vierundsechzig Feldern finden zu können glaubt, was ist der anderes als eine tote Seele, die sich allabendlich am Brett gewaltsam wiederbelebt? Ein bedauernswertes Wesen, ein Beispiel nur für die Absurdität menschlichen Strebens, deren es Tausende gibt, und kaum mehr wert als einen Absatz in der Abendausgabe. Wie konnte solch ein armes Genie einen wirklich reichen Menschen in derartige Abgründe innerer Zwistigkeiten, ja existentieller Zweifel werfen? Nein, nicht er, eine andere Macht mußte durch ihn gewirkt haben, die sich nun in mir als eine Sehnsucht breitzumachen gedachte. War ich noch Herr meiner selbst, war ich es je oder war selbst dies als Trugbild entlarvt? Dieser seltsame Zustand der Abwesenheit, der klang noch nach in der Brust und diese verhängnisvolle Sehnsucht, für die mir kein anderes Wort als „Glückseligkeit“ in den Sinn kam. Es war nicht mehr zu leugnen: ich war infiziert. Ein Virus tobte sich aus in meinem Blut, der meine innersten Überzeugungen anfraß, um an deren Stelle Chimären zu pflanzen, unerreichbare Versprechungen eines künftigen, wer weiß das schon, eintretenden Glücks. Man hatte diesen Virus zu bekämpfen, jawohl, eine Luftänderung tat Not und hätte ich nicht eigentlich schon längst in Prag sein sollen? Verhängnisvolle Entscheidung, die Pläne abrupt zu ändern, die man nun nur noch rückgängig machen konnte. Mein Entschluß war gefaßt, nur eines gab es noch zu tun: die Story.

Ich eilte zum Portier und bat ihn, die Rechnung vorzubereiten, ich werde bald, noch heute vermutlich, abreisen, hätte nur noch eine Arbeit zu erledigen und werde dann den erstbesten Zug in die Metropole nehmen.

Dabei wußte ich doch schon: es war kein Hirngespinst, es war keine Einbildung, was ich erlebte, war so wirklich wie nur irgend etwas in meinem Leben. Ich war glücklich in jenen Momenten.

Was soll ich sagen, ich blieb den nächsten und auch den übernächsten Tag, schlief ausgiebig, lief stundenlang durch die Gartenanlagen, gab mich meinen Gedanken hin. Hier war etwas geschehen, so bringe es auch hier in Ordnung. Das Vorgefallene zu Papier zu bringen, wollte mir zudem nicht gelingen, viel zu zerfahren waren meine Gedanken. Und dann diese Sehnsucht: Ich hätte nicht zu sagen gewußt, wonach, spürte jedoch, daß es dieser Ort nur sein kann, den Dingen auf den Grund zu gehen. Eine Art Religiosität überkam mich. Hunderte Male sagte ich mir den Satz vor: Wer sein Leben verlieren wird um meinetwillen, der wird es wiederfinden. Verloren hatte ich es bereits, wenn auch nur für Momente, nun war es an der Zeit, es, ein anderes womöglich, wiederzufinden. Die Tage der Ruhe leisteten ihr Übriges. Bald fragte ich mich verwundert, wo sie denn geblieben sei, meine innere Unruhe. Obgleich ich nichts tat, ein seit Jahren mir vollkommen fremder Zustand, fühlte ich eine angenehme Schwere meine Gänge begleiten. Ich tat nichts und langweilte mich doch nicht. Voller Verwunderung wälzte ich diesen Gedanken hin und her, bis er ein seltsames Bild formte, welches in großer Klarheit vor meinem geistigen Auge entstand: sie, die Leere, die Langeweile war es, die mich in den letzten Jahren stets begleitete und sie äußerte sich im Tun, im permanenten Tun, im stetigen Unterwegssein. Mein bisheriges Leben war nichts anderes denn eine Flucht, die Flucht vor dem Nichts, die mich ins Nichts nur weiter hineintrieb. Ich war nicht ich selbst, sondern ein Journalist, ein Pressemensch, ich zog mir diesen Mantel an, um als etwas zu erscheinen, und versteckte doch nur meine banale Existenz darin. Vor mir selbst versteckte ich sie. Wer ich tatsächlich sei, das stieg als dunkle Ahnung in diesen Tagen herauf. Mir blieb nichts anderes, als auszuharren bis zur Ankunft der Erkenntnis, welche reifte.

Schließlich kam der Termin des Schachturniers heran, es mochten vier, fünf Tage vergangen sein, aber genau wüßte ich das nicht mehr zu sagen, denn der Begriff der Zeit verlor seine Bedeutung während dieses Zustandes der Unwägbarkeit. Am Morgen las ich den Aushang, der den Beginn verkündete. Es bedurfte keines langen Räsonierens, die Entscheidung war im Moment gefällt, mehr noch, ein tief geatmetes „Endlich“ entrang sich meiner Brust und machte mir unmißverständlich deutlich, worauf ich eigentlich in den letzten Tagen gewartet hatte. Natürlich, nur von diesem Ereignis konnte eine Lösung erhofft werden, hier würde ich ihn wiedersehen, dort wird es Gelegenheit genug geben, sich über das Geschehene aufzuklären. Wie man hörte, die aktuelle Ausgabe der lokalen Zeitung verkündete es ebenso schreiend wie die frisch angeschlagenen Plakate, werde sich in den kommenden vierzehn Tagen nahezu die gesamte Weltelite des Schachs im Kurort vereinen, angeführt vom derzeitigen, sekundiert von früheren Weltmeistern und jungen aufstrebenden Genies, die man schon als kommende Sieger feierte, und um ein stattliches Preisgeld ringen. Der Wettkampf gelte, ob seiner hervorragenden Besetzung, als wichtiger Prüfstein für den momentanen Champion, der seit nahezu zwei Jahren ungeschlagen geblieben sei.

Einige wenige Namen waren mir noch ein Begriff, Namen, die in Mueller-Bülows Buch schon auftauchten, Namen wie Lasker, Marshall oder Mieses, von der Mehrzahl der Akteure jedoch, die nun wie Filmstars angekündigt wurden, hatte ich keinerlei Kenntnis. Das Marienbader Publikum nahm die Nachricht lediglich mit gedämpfter Begeisterung auf; man hatte offensichtlich Besseres zu tun, als sich den Heroen des Schachs zu widmen. Und tatsächlich, der Saal, als ich ihn des Abends betrat, war nur mäßig gefüllt, in der riesigen Halle des Konzerthauses verlor sich die Menge der Zuschauenden. Hinter der Absperrung waren die Meister unter sich, standen parlierend zusammen oder formten sich lächelnd für ein Gruppenphoto. Er stand mitten unter ihnen, selbstbewußt, stattlich, sichtlich zufrieden bildete er das Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Spieltische, in denen das Brettmuster mit hell- und dunkelbraunen Feldern eingearbeitet war, standen bereit, mit den Namen der Kontrahenten versehen. Schwere handgearbeitete Figuren, sauber in Reih und Glied, schauten sich düster ins Angesicht. Klobige Uhren, neben der Spielfläche aufgestellt, komplettierten das Bild. Etwas Feierliches ging von diesen Tischen aus, als bürgen sie ein Geheimnis, welches zu entlocken das Ziel der Meister sei. Noch standen sie still, waren nichts anderes als Holzpüppchen, fein gefertigt, ohne Zweifel, aber eben doch nichts anderes als leblose Figuren, Spielzeug gleichsam.

Eine Glocke wurde angeschlagen, die Herren bewegten sich auf ihre Tische zu und nahmen schließlich Platz. Jemand begrüßte die Spieler und Zuschauer in deutscher, englischer und französischer Sprache, erläuterte dann noch einmal das Reglement und gab die erste Runde frei. Eifrige Geschäftigkeit folgte, Händeschütteln, Figurenschieben, Uhrendrücken, Aufschreiben, an gut zwanzig Tischen zugleich. Ungewohnter Lärm hob wie ein unerwarteter Orkan an und verebbte nach wenigen Minuten allmählich in gespannte Ruhe, die nur noch gelegentlich vom klickenden Geräusch der Schachuhr, einem gerückten Stuhl oder einem unterdrückten Hüsteln gestört wurde.

Ich tauchte wieder ein in diese Welt. Natürlich stand ich beim Tisch des Weltmeisters, der gegen einen kleinen dunkelhaarigen Gegner anzutreten hatte, dessen Physiognomie ihn unzweifelhaft zum Volke Abrahams zugehörig erkenntlich machte. Ein breites, fast kinnloses Gesicht, eine starke Brille, durch die kluge, fast weise Augen schnell hin und her blickten. Der schmale, etwas nach unten gebogene Mund verriet den Witz seiner Ahnen, konnte jedoch den feinen Zynismus seines Geistes nicht gänzlich verbergen. Er galt als Gründer einer eigenen Schule, deren neuartige Theoreme von den älteren Meistern erbittert angefeindet wurden und wo er spielte, da stand mehr als das Spiel zur Debatte, denn verschiedene Systeme kämpften um ihre Berechtigung.

…Nach über sieben Stunden Spielzeit gab der Weltmeister auf.

Nachschrift:

Zwanzig Jahre sind seither vergangen und erst jetzt finde ich die Kraft, die denkwürdigen Ereignisse zu rekapitulieren. Zwei lange Jahrzehnte, in denen uns die Geschichte in Atem hielt; ein neuer Krieg, eine erneute Niederlage.

Gestern hielt ich die Morgenzeitung in der Hand mit der schockierenden Nachricht: der Weltmeister ist tot! Dazu ein Bild, ernüchternd und voller Tragik. Längst arbeite ich nicht mehr als Journalist – Marienbad hat mein Leben grundlegend geändert – aber das Bild des Weltmeisters, wie er zusammengesunken vor einem Schachbrett sitzt als schlafe er nur, umgeben vom stillosen Ambiente eines dubiosen Hotels, ließ sich in seiner Tragik nicht mißverstehen. Dies war nicht mehr der Edelmann von einst, dies hier war eine gescheiterte Kreatur, ein Leidender, der endlich erlöst wurde, ein Umhergetriebener, Entwurzelter, vereinsamt und allein, der seine Mahlzeiten nun aus der Assiette zu sich nahm. Als ich das Bild sah, kamen die Erinnerungen wieder hoch. Oder betrüge ich mich nicht selbst? Waren die Erinnerungen jemals verschwunden? Nein, in Wirklichkeit blieben sie meine ständigen Begleiter. Und wie oft habe ich in diesen zwanzig Jahren, die auch mich ergrauen ließen, jene unvergeßliche Partie nachgespielt. Dutzende, hunderte Male! Ich wollte in ihr Geheimnis eindringen, sie ergründen, endlich Klarheit schaffen, denn obwohl ich ihr einst am Ort folgte und mir keine Regung der Kontrahenten entgehen ließ, so blieb mir ihr spielerisches Geheimnis doch ungeklärt. Es bedurfte Jahre harter Arbeit, die mich zu einem besseren Spieler machten, als es Mueller-Bülow je war, ihre tieferen Mysterien zu lüften. Aber man kann sie nur fühlen, nicht aufschreiben. Indem ich nun versuche gegen allen Sinn unsagbare Dinge zu sagen, hoffe ich, mich der Last entledigen zu können.

Schachgeschichte erzählt man heutzutage in Zügen, in: 1. e4 Sf6 2. Sc3 und d5, als wäre eine Partie Schach nichts weiter als ein technischer Vollzug, als säßen sich zwei Automaten und nicht Menschen, nicht Seelen gegenüber, die eine je eigene Geschichte haben, Träume, Ideen, Empfindungen, Wünsche und Ängste. Jene Partie ging in die Annalen ein, in vielen Büchern ist sie besprochen, ist sie „analysiert“. Daß ich nicht lache! Nicht einer der Analytiker ist in die dunkle Tiefe des titanischen Kampfes eingedrungen, mögen seine Zergliederungen und Varianten auch noch so scharfsinnig sein, und selbst des Weltmeisters Anmerkungen und die seines exzentrischen Gegners verschweigen das meiste. Ist das nicht der beste Beweis für die wahre Intensität?

Vielleicht gab es in der gesamten Geschichte des Spiels überhaupt nur einen einzigen, der den inneren Mysterien auf der Spur war, der große Lasker. Er glaubte daran, das Wesen des Spiels als einen Kampf charakterisieren zu können. Aber selbst dieser Begriff will mir nicht als wirklich gelungen erscheinen; er ist zu stark und zu klar und zu sehr auf Gegensätze aus. Vielleicht darf man gar kein Schachmeister sein, um Wesenseinsichten in das Spiel zu bekommen, vielleicht muß man außerhalb seiner inneren Faszination stehen, um seine Bedeutung erkennen zu können, vielleicht verliert man den Überblick, wenn man sich zu tief in seine Gesetze versenkt? Irgendwann flog mir ein anderes, ein treffenderes Wort zu, es muß mir freilich schon Jahre lang auf der Zunge gelegen haben, denn ich empfing es als unmittelbare Evidenz, als lichtvolle Einsicht, die im Moment alles löste. Schach ist kein Kampf, Schach ist ein Ringen! Denn es ist vielmehr ein Miteinander als ein Gegeneinander, es ist ein Geschehen im sphärischen Ring der konzentriertesten Stimmung, es eint und trennt nicht, es ist eine Verquickung, eine Verringung der Gedanken, unauflösbar. Einer ist ohne den anderen nicht zu denken. Schach als spielerisches Ringen ist das Zusammenspiel. Im Runden und Ringenden verlieren sich Sinn, Ziel und Zeit. Es ist Zeit ohne Ziel. Eine Zeit, in der das gewöhnliche, auf eine Zukunft zustrebende und von ihr stets bedrohte, immer also durch den Bezug auf die Zukunft bestimmte Wesen der Zeit aufgehoben ist, eine Zeit, die ziellos und selbstgenügsam in sich selber ruht und darum als Ewigkeit erscheint. Es ist die Zeit der Vollendung und Vollkommenheit.

Nie werde ich vergessen, wie des Weltmeisters Gegenüber in der Eröffnung den Zug g3 zelebrierte, ein scheinbar unauffälliges Rücken des unbedeutendsten Bauern, in dem doch eine ganze Philosophie verborgen steckte und mit dem er dem Weltmeister sagte, daß er auf alle Theorie, auf alles Buchwissen verzichte – „auch auf deines“ – und neue Wege suche. Denn glaubte man nicht an das Ende des Schachs, an das Ende des Denkens, gar an das Ende der Welt? An Dekadenz und Stagnation? Hatten uns nicht Wohlstand und zehnjähriger Friede in einen Zustand der unerträglichen Zufriedenheit geworfen, in dem alles vorgezeichnet schien, in dem es zu leben, wirklich, ekstatisch zu leben, nicht mehr lohnte? Bis in die letzten Winkel der menschlichen Tätigkeit hatte sich dieser ätzende Gedanke verkrochen, selbst bis in das Schach. Aber dann gab es die Rebellen, die alles anders machen wollten, die Welt aus den Angeln heben, die Gesetze widerlegen. In der Kunst, in der Wissenschaft und im Schach. Hypermoderne nannten sie sich und wollten mehr sein als modern, denn modern sein, hieß alt und dogmatisch sein. Deswegen g3, gegen alles Wissen. Bauer nach g3 – das ist mehr als ein Zug, es ist Theorie, Philosophie, Weltanschauung. Die alten Meister vom Schlage eines Steinitz oder Tarrasch, die dem Schachspiel erst einen wissenschaftlichen Charakter verliehen und es erforschten, als wäre es ein wahrer Bestandteil unserer phänomenalen Welt, hätten solch einen Zug nicht für möglich gehalten. Sie würden die Figuren entwickelt oder das Zentrum des Bretts gefestigt haben, aber seine Königsstellung derart zu öffnen und scheinbar ungeschützt zu hinterlassen, das wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, denn sie liebten die Ordnung. Hypermoderne! Eine ihrer Grundgedanken war es, das vitale Zentrum zu vernachlässigen, um sich stattdessen an den Flügeln zu entwickeln. Damit freilich gaben sie das Zentrum nicht auf, sondern versuchten, es vom Rand her zu beherrschen. Damals verstand ich nicht die Bedeutung jenes revolutionären Gedankens, heute hingegen erschauere ich stets von neuem, wenn ich mir die Tragweite dieser Idee vergegenwärtige. Nicht am stärksten Punkt hat man anzupacken, um Änderungen herbeizuführen, sondern an einem schwachen!

Und hatte der Weltmeister nicht gelächelt bei diesem Zug, den er für inferior hielt? Noch in der Erinnerung will es mir so scheinen. Vielleicht entstand erst hier sein Entschluß – so wie er sich im „Excelsior“ plötzlich zur Blindpartie entschied -, zu bestrafen und seine unbedingte Überlegenheit zu beweisen und damit die seines Gedankengebäudes. Vielleicht entschied er sich aber auch erst, als Weiß seinen gut entwickelten Springer zurückzog – wieder so ein extravaganter Zug – und er fast ohne Überlegung seinen zentralen Bauern in die gegnerische Stellung eingrub. Regel bekämpfte Regellosigkeit – aber er war sich seiner selbst zu bewußt und überzog den Bogen. Mit fast verzweifelten – und genialen – Mitteln versuchte er den verlorenen Boden und die verlorene Initiative wiederzuerlangen und hätte es beinahe geschafft. Als sein Springer mit unglaublichem Mut tief in die Höhle des Löwen eindrang, da verstummte der Saal in der sicheren Erwartung, ein weiteres Meisterwerk zu Gesicht zu bekommen und für einen Moment hatte man den Eindruck, als gäbe sich Weiß geschlagen, doch dann fand er Erwiderung auf Erwiderung, vereinfachte das Spiel und blieb immer noch mit gutem Angriff zurück. Und hätte er die Nerven behalten, er hätte schon hier den Weltmeister bezwingen können. So aber zögerte er, verpaßte Chance auf Chance. Nur ein genialer Einfall vermochte die Siegesschale noch einmal zu seinen Gunsten zu senken, nicht ohne einen Fehler seines Kontrahenten zu verursachen. Vielleicht war dies das Demütigendste der gesamten Partie, die Nerven verloren zu haben. So geschockt von der Wirkung der nun folgenden kraftvollen Züge und dem plötzlichen Wandel der Situation, fand er noch nicht einmal die Kraft, sich zu ergeben, sondern ließ sich abschlachten. Spät erst erwachten die beiden aus diesem Traum.

Und trotzdem, auch für ihn war es die Zeit der Vollendung und der Vollkommenheit…

Ich glaube fest daran, daß die beiden Meister dies während der Partie empfunden haben und wohl auch ich, der ich unverständiger Zuschauer war. Der eine empfand es als zerstörende Kraft, die ihn letztlich in das einsame Ende trieb, der andere als aufbauende, um später erst die ganze Gewalt zu erfahren. Heute weiß ich von der Unmöglichkeit, diesem Schicksal zu entgehen, wenn man sich bedingungslos dem Schachdämon verschreibt.

  1. e4 Sf6
    2. Sc3 d5
    3. e5 Sfd7
    4. f4 e6
    5. Sf3 c5
    6. g3 ! Sc6
    7. Lg2 Le7
    8. 0-0 0-0
    9. d3 Sb6
    10. Se2 ! d4
    11. g4! f6
    12. exf6 gxf6
    13. Sg3 Sd5
    14. De2 Ld6
    15. Sh4 Sce7
    16. Ld2 Dc7
    17. Df2 c4!!
    18. dxc4 Se3!
    19. Lxe3 dxe3
    20. Df3 Dxc4
    21. Se4 Lc7
    22. b3 Dd4
    23. c3 Db6
    24. Kh1 Sd5
    25. f5 Sf4!
    26. Tfd1 Kh8
    27. Lf1 exf5
    28. gxf5 Le5
    29. Te1 Ld7
    30. Txe3 Lc6
    31. Tae1 Sd5
    32. Td3 Sxc3
    33. Sg6! hxg6
    34. Dg4 Tf7?
    35. Th3+ Kg7
    36. Lc4 Ld5
    37. fxg6 Sxe4
    38. gxf7+ Kf8
    39. Txe4 Lxe4
    40. Dxe4 Ke7
    41. f8=D+! Txf8
    42. Dd5 Dd6
    43. Dxb7+ Kd8
    44. Td3 Ld4
    45. De4 Te8
    46. Txd4

© Jörg Seidel – Seidwalk 2019

Der Weg aus der Rassismus-Falle

Zu den dramatischen Ereignissen in den USA wollte ich mich eigentlich nicht äußern. Die Sache ist zu komplex, um sie auf einem Blog abhandeln zu können. Bereits der auslösende Vorfall offenbart immer mehr Facetten, je mehr man sich informiert und das Problem „Rassismus“ ist ohnehin nahezu unlösbar. Erst ein kurzes Statement von Lewis Hamilton, dem Formel 1 Weltmeister hat mich getriggert, nun doch etwas zu sagen – ohne es auflösen zu wollen.

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Hohepriester des Irrelevanten

Zum Tode George Steiners (23.4.1929 – 3.2.2020)

Warum soll ein großer Denker auch intelligent sein? Das ist eine schwierige Frage. (George Steiner)

Steiner gehört zu den ganz wenigen Autoren und Denkern, denen man sich aus ganz verschiedenen Richtungen nähern kann – vor allem von der Seite. Man hätte ihm literaturtheoretisch oder linguistisch oder kulturkritisch oder historisch begegnen können – das wären die Hauptstraßen gewesen –; meine Konfrontation mit ihm geschah jedoch über Nebenpfade, über die Fundamentalontologie und über das Schach.

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Der Sherrock-Klub

„Es ist unvermeidlich, daß die Natur gegen sie arbeitet, und das sehr bald. Sie besitzt phantastisches Schachtalent, aber sie ist trotz allem eine Frau. Das liegt alles an den Un­voll­kommen­heiten der weiblichen Psyche. Keine Frau kann einen längeren Kampf durchhalten. Sie kämpft gegen die Gewohnheit von Jahrhunderten und Jahrhunderten, seit Anbeginn der Welt.“ Garri Kasparow

Die Presse hatte sich fast nicht mehr einbekommen. Zum ersten Mal gewann eine Frau bei der legendären Darts-Weltmeisterschaft ein, dann zwei Spiele gegen Männer. Ihre Siege wurden Weltnachrichten, jeder Pfeil wurde ein „Fanal für Frauenrechte“, wie Billie Jean King schrieb – die Presse nahm den Ton begeistert auf und verstärkte ihn hundertfach.

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Schach dem Schach

Ich könnte mich ärgern! Wieder jede Menge Zeit vertrödelt! Und zwar mit Schach!

Das ist nun gerade die Stärke dieses Spiels: daß man damit wunderbar Zeit vertrödeln kann. Diese hervorragende Eigenschaft war es sogar, die mich dazu verleitete, ein paar Jahre diesem Spiel zu opfern. Dem Spielen weniger als dem Spiel, und weiter als zu einem lausigen Turnierspieler der D-Kategorie habe ich es auch nie geschafft. Im Spielen selbst wollte ich nur das Spiel begreifen – und seine Macht.

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Das große Lalula

oder: Vom Sinn des Unsinns (1. April)

Kroklokwafzi? Semememi!
Seiokrontro – prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo…
Lalu lalu lalu lalu la!

Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, Leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!

Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []
Lalu lalu lalu lalu la!

„Das große Lalula“ gab und gibt Rätsel auf.

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Warum das Ende naht

Das Langsamste wird im Lauf niemals vom Schnellsten eingeholt werden; erst einmal muß doch das Verfolgende dahin kommen, von wo aus das Fliehende losgezogen war, mit der Folge, daß das Langsamere immer ein bißchen Vorsprung haben muß.
Aristoteles über das Achillesparadox des Zenon von Elea (Physik VI 9. 239 b)

Seit Jahrzehnten gehörte in ein gutes allumfassendes Schachbuch die Computerrubrik, und die wiederum konnte es sich offensichtlich nicht leisten, ohne Prognose auszukommen: Wann würde der Computer endgültig den Menschen – gemeint sind natürlich immer nur die besten der Spezies – hinter sich lassen. Gesucht wurde der Zeitpunkt, an dem auch die hervorragendsten Geister keinerlei Chance mehr haben werden, so als würde Max Mayer tausend Mal gegen Magnus Carlsen antreten und tausend Mal verlieren.

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Ist Sterben noch modern?

I’m not planning to die. Ray Kurzweil

Schlägt man ein beliebiges Werk zur Spiel- oder Kulturgeschichte des Schachs auf, so wird man mit großer Wahrscheinlichkeit die Reiskornlegende finden; der Kundige kann sie schon nicht mehr hören, die Erzählung vom klugen Bauer/Wesir/Weisen/Zauberer, der den König/Sultan zu einer Schachpartie überredet/das Schachspiel erfand/einen Krieg damit abwendete und den Herrscher derart damit begeisterte, daß dieser ihm einen hohen Lohn versprach. Der Weise mimt den Bescheidenen und erbittet sich lediglich ein Reis/Weizenkorn auf dem ersten der 64 Felder, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so fort, immer die jeweils doppelte Menge des vorherigen Feldes. Der Machthaber wird anfangs von der Genügsamkeit des Weisen überrascht, muß aber bald feststellen, daß alles Korn der Welt nicht genügte, dem Wunsch nachzukommen, und wird durch dieses kathartische Erlebnis geheilt und ein besserer Mensch.

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Nationalmentalitäten

Schon bei den Fußballern fiel es mir auf. Auch nach einem halben Jahr spricht kaum jemand mit mir. Das liegt zum einen an der Sprache – vergleichsweise wenige Ungarn beherrschen wirklich eine Fremdsprache, von gelegentlichen Fetzen abgesehen, und mein Ungarisch besteht nur in der Theorie: sobald ich den Mund aufmachen muß, verkommt alles zum Wortbrei.

Aber es steckt mehr dahinter und jetzt habe ich den Beweis.

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