Hohepriester des Irrelevanten

Zum Tode George Steiners (23.4.1929 – 3.2.2020)

Warum soll ein großer Denker auch intelligent sein? Das ist eine schwierige Frage. (George Steiner)

Steiner gehört zu den ganz wenigen Autoren und Denkern, denen man sich aus ganz verschiedenen Richtungen nähern kann – vor allem von der Seite. Man hätte ihm literaturtheoretisch oder linguistisch oder kulturkritisch oder historisch begegnen können – das wären die Hauptstraßen gewesen –; meine Konfrontation mit ihm geschah jedoch über Nebenpfade, über die Fundamentalontologie und über das Schach.

Steiner schien einer anderen Zeit entsprungen zu sein, er gehörte zu einem Typus, den man heutzutage nur noch aus Memoranden kennt, zum Typus des Universalgelehrten, der sich nicht nur durch eine oft beängstigend umfassende klassische Bildung auszeichnet, sondern auch durch ein universelles Interesse und durch das erstaunliche Resümee, sich am Ende seine Lebens „verzettelt“ zu haben – und zwar mit Absicht[1]. Dieser Typus verschwendet sich am überflüssig Gewordenen, an allem, „was schwierig, weil vorzüglich“ ist.

Steiners Arbeiten beschäftigen sich ebenso sachkundig mit dem antiken Drama, der russischen Literatur wie mit Heidegger und sprachphilosophischen Fragestellungen, sie umfassen literarische Arbeiten wie Gedanken zu Musik, Malerei oder dem Spiel. Scheinbar mühelos bewegt sich der Ausnahmephilosoph[2]  – schon dreisprachig aufgewachsen – in vielen Sprachen und Welten. Sprache ist für ihn Welt: Der Polylinguist ist daher immer schon der freiere Mensch. Seine kolossale Belesenheit erschwert allerdings mitunter die Lektüre, insbesondere in seinen späten Werken, wo er exzessiv mit Namen, Konzepten, Theorien, Titeln, Romanfiguren jongliert, Unmengen an Wissen voraussetzt, als schriebe er für das gehobene Bildungsbürgertum des letzten Jahrhunderts. „So viel erinnerte Bildung für so wenige, die sie noch zu teilen vermögen“[3].

Sein Heidegger-Buch, das er bescheiden eine „Einführung“ nannte, gehört zu den wenigen Arbeiten, die sich dem Giganten nähern, ohne in seinen oder einen akademischen Jargon zu verfallen und dadurch zu ganz eigenen, nachvollziehbaren Lesarten kommen. Erkenntnis ist das primäre Motiv dieses Denkens.

Aber Steiner scheute auch nicht den Weg in die Abgründe der Banalität. Das legendäre Weltmeisterschaftsmatch zwischen Fischer und Spassky, 1972 in Rejkjavik, nahm er zum Anlaß, Wesentliches zum Spiel und zum Zeitgeist zu sagen. Steiner, der in einer überbordenden Bücher- und Kulturwelt lebte, scheute den Kontakt zur dirty reality nicht. Aber wenn er darüber schrieb, dann schöpfte er aus seinem umfassenden Kulturschatz, Reflexionen über nordische Mythologie, Psychologie oder über Stil finden darin ebenfalls Platz. Am Schachgenie Fischer interessierte ihn vor allem der aufreizende Widerspruch zwischen Spitzenleistung auf einem „schrecklich engen zerebralen Gebiet“ und Moralität, in ihm erkannte er einen Typus im Aufstieg, lange bevor andere das Paradox begriffen.

In der Schau des Niederen, des Banalen, sah Steiner stets das Große und Schöne, blieb er zugleich Ästhet und Kosmologe. Fasziniert beschreibt der Beobachter, der in Cambridge und Oxford ebenso zu Hause war wie in Paris, Basel, Harvard oder Yale, den unvergleichlichen Spannungsanstieg einer jeden geglückten Schachpartie, und bei der Lektüre seines Essays wird deutlich, wie sehr das Buch als Analogon dazu angelegt ist. Im Mittelteil/spiel schließlich vergißt der Autor sich selbst und verfaßt denkwürdige Zeilen, stets mit dem Problem ringend, daß, vergleichbar der Mathematik oder Musik, das tiefe Entrücken und die ästhetische Befriedigung kaum in Worte zu fassen und erst recht nicht einem Unkundigen mitzuteilen seien. Auch der gealterte Gelehrte kann sich hier sein kindliches Staunen noch bewahren: „von dem schwindelerregenden Wissen, daß es beim Schachspiel nach den ersten fünf Zügen mehr Möglichkeiten gibt, als das Universum Atome enthält“[4], blieb er schon als Kind erschüttert und dieses kindliche Staunen bleibt ihm ein Leben lang.

„Aber diese vulgären Unermeßlichkeiten lassen die malströmartigen Tiefen des Spiels kaum erahnen. Schon vor Beginn des Spiels treten sich die Figuren, mit ihrer feinen Anspielung auf menschenähnliche Boshaftigkeit, in elektrisierter Stille gegenüber. Mit dem ersten Zug scheint diese Stille wie gedehnte Seide zu zerreißen … Jeder Zug verfügt das betäubende Axiom moderner Kosmologie, daß es im ganzen Universum keine Bewegung gibt, die nicht jede andere Bewegung beeinflußt oder von jeder anderen beeinflußt wird…“[5]

Ekstatisch der Schluß:

„Die Dichter lügen über den Orgasmus. Er ist ein kleines, riskantes Geschäft…, verglichen mit dem Crescendo des Sieges im Schach.“

Schließlich zieht Steiner die große Summe, indem er unausgesprochen die Hauptfrage all seines Denkens stellt: „Was ist der Status von Bedeutung, was bedeutet Bedeuten“[6]. Anders gesagt: Kann einerseits Schach – als Beispiel – als Sprache fungieren und ist es in Sprache übersetzbar, andererseits, welchen moralischen und ontologischen Wert darf es beanspruchen? Hier darf man übertragen, was er an anderer Stelle über die Musik sagte: Es ist im höchsten Grade bedeutsam; es ist ebenfalls, streng genommen, sinnlos.[7] Und allein das Sinnlose ist sinnvoll zu bearbeiten.

Nur was diese beiden Attribute vereint – Bedeutsamkeit und Zwecklosigkeit im materialen Sinne, ist wirklich wert, intensiv verfolgt zu werden.

Das arbiträre Thema griff er in seinem Spät- und Hauptwerk „Grammars of Creation“ wieder auf. Dabei ist die Relevanz offensichtlich, wo die Spanne zwischen den „semantischen Feldern von ‚Erfindung’ und ‚Schöpfung’ (invention und creation)“ ausgelotet wird. Ist der Schachspieler – erneut als Exempel – ein Erfinder oder ein Schöpfer? An der Beantwortung der Frage entscheidet sich u.a., ob Schach Kunst oder Wissenschaft oder gar nur Handwerk ist, ob es im höheren Sinne bleibt oder geht, ob es in der Lage ist eine „Offenbarung inkommensurabler Einzigartigkeit“ zu schaffen, ob es Sprache sein kann, als Ausdrucksmöglichkeit taugt, schließlich ob es überhaupt bedeutet oder bedeutungslos ist.

Schöpfung meint hier nur in zweiter Linie den theologischen Akt, rekurriert vielmehr auf die künstlerische Schöpfung. Und die sieht der Philosoph im klassischen Kunstwerk verwirklicht, muß folglich modernen Kunstwerken, die auf einen transzendenten Sinnzusammenhang verzichten, den Kunstcharakter weitestgehend absprechen. Schöpfung und Erfindung meinen im früheren Vokabular das Primäre und das Sekundäre[8]: Letzteres – die Nachahmung, die Interpretation etc. – droht zusehends das Primäre zu verdrängen. Hat dieser bedauernswerte Verlust auch eine lange Geschichte vom antiken Epos und Drama über Dante, Shakespeare, Goethe und Hölderlin bis hin zu Kafka, Heidegger und Celan (um nur die wichtigsten Markierungen zu nennen) –, so läßt sich der eigentliche point of no return namentlich machen: Marcel Duchamp. Der Umschlag vollzieht sich mit dessen Aussage: „Die Malerei ist beendet. Wer kann Besseres schaffen als diesen Propeller?“ Von hier ab, so Steiner, gilt:

Erfindung ist als die primäre Art der Schöpfung in der modernen Welt identifiziert.

„Invention is identified as the primary code of creation in the modern world”[9].

„It follows that art is becoming amateurish indulgence, that a Marcel Duchamp is better employed at chess. Here also, if the pun is allowed, the move is perfectly calculated and significant. Like art, poetry or music, chess is transcendentally trivial. … The chess master (Duchamp played second board for France just behind Alekhine in 1930) is a high priest of the irrelevant”.

Es ist der Verweigerungsakt des genialen Künstlers, weiterhin künstlerisch schöpferisch zu sein, den der klassisch orientierte Denker nicht akzeptieren will. Daß für Duchamp das Schach – in dem er, trotz guter Ergebnisse – eben nicht zu Hause ist, dessen eigentliche Sprache er nicht spricht, zum Kunstsurrogat wird, torpediert nicht nur den Steinerschen Kunstbegriff, sondern diskreditiert auch das Schach als erfinderisch; der Ritterschlag des Schöpferischen muß ihm verwehrt bleiben. Es ist eben nur „wie die Kunst“.

George Steiner ist – nirgendwo wird dieses deutlicher als in seiner „Grammatik“ – ein Warner aus der Vergangenheit heraus. Weniger die Sorge um die Zukunft denn die Trauer um den Verlust der guten alten Zeit bewegt sein Denken. Die verlorene Fülle einzuklagen ist gutes Recht und war noch nie so notwendig wie heute, aber sie wäre umso gerechtfertigter, wenn sie sich aktiv gestalten würde, wenn sie also Vergangenes aus dem Jetzigen und Zukünftigen als lebbare Alternative zur Seite stellen würde, wenn sie zu zeigen versuchen würde, was möglich war und gewesen wäre, anstatt sich als Bürde darzustellen, die man, aus welchem Grund auch immer, mitzuschleppen habe. Man wird Dante und Milton in hundert Jahren nur noch dann lesen, wenn es gelingt nachzuweisen, daß sie noch immer Lösungen für jeweilige Existenzialprobleme bieten. Die reine klassizistische Liebe zum literarischen Kleinod wird dazu nicht ausreichen. Steiner scheint dies zu ahnen; sein melancholischer Grundton speist sich sowohl aus der Trauer als auch aus diesem Wissen. Schöpfertum statt Erfindungsreichtum, creation vor invention – sein eigenes Werk ist überreich an gefundenen Konnotationen, aber ob es schöpferisch war, bleibt zu diskutieren.

Dennoch, das Jahr 2020 beginnt mit herben Verlusten. Nach Roger Scruton ist nun ein weiterer Verteidiger des zu Erhaltenden gegangen – für den niemand nachzurücken scheint. Die Welt ist ärmer geworden.

Quellen:
George Steiner:
After Babel. Aspects of Language and Translation. Oxford 1975
Errata. Bilanz eines Lebens. München/Wien 1997
Grammars of Creation. London 2001
Martin Heidegger. Eine Einführung. München/Wien 1989
The Sporting Scene. London 1973
Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? München/Wien. 1990
Warum Denken traurig macht. Frankfurt 2006
[1] Errata S. 189
[2] Steiner selbst bestand ausdrücklich darauf, kein professioneller Philosoph zu sein – wenn er hier so bezeichnet wird, dann wird stillschweigend ein weiterer Philosophiebegriff vorausgesetzt. „Ich bin kein professioneller Philosoph… Mein eigenes Gebiet ist das Studium der Sprache, ihres Verhältnisses zur Literatur einerseits und zur Geschichte der Ideen und der Gesellschaft andererseits“ (George Steiner: Martin Heidegger. Eine Einführung. München 1989. S. 59; vgl. auch 60f)
[3] Martin Meyer in: Neue Zürcher Zeitung, 9. Oktober 2001
[4] George Steiner: Errata. Bilanz eines Lebens. München 1997. S. 13
[5] The sporting scene, 45ff.
[6] George Steiner: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? München 1990. S. 128
[7] Errata: 102
[8] so die Gegensatzbegriffe in „Von realer Gegenwart“
[9] Grammars of Creation, 274

Ein Gedanke zu “Hohepriester des Irrelevanten

  1. Skeptiker schreibt:

    Steiner hat sich zum Glück nicht als Philosophen bezeichnet – wahrscheinlich war ihm die allzu spezialisierte Profession in der vor 60 Jahren in der angelsächsischen Welt dominierenden analytischen Philosophie suspekt, obwohl er in der Aufnahme der Sprachkritik und auch den Innovationen der Linguistik dem etablierten Akademismus einiges abgewinnen konnte. Für mich war er ein brillanter Vermittler mit Eigensinn. Sie loben das Buch über Heidegger zurecht. Es zeigt, dass Übersetzen möglich ist ohne die Substanz des Referierten zu verfehlen. „Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt?“ ist bis heute ein markanter Einspruch gegen postmoderne Theoreme geblieben – erschienen auf dem Höhepunkt der Postmoderne und eher verschwiegen denn kritisch rezipiert. Dass der Literaturkritiker Steiner melancholisch bis pessimistisch wurde, was das weitere Schicksal sprachlicher Kunstwerke betrifft, ist verständlich. Seine Frage nach dem Anspruch von Symbolsystemen der Mathematik und vor allem der Musik zeigt in der Tat einen universal-denkenden Kopf, der in unserem Universitätssystem kaum mehr zu verankern wäre (auch Platon wäre heute nicht planstellenrelevant). Ihr schöner Nachruf führt zu dem Besten, was man einem toten Gelehrten von Format als Grabrede wünschen kann: lesen.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.