Der Weg aus der Rassismus-Falle

Zu den dramatischen Ereignissen in den USA wollte ich mich eigentlich nicht äußern. Die Sache ist zu komplex, um sie auf einem Blog abhandeln zu können. Bereits der auslösende Vorfall offenbart immer mehr Facetten, je mehr man sich informiert und das Problem „Rassismus“ ist ohnehin nahezu unlösbar. Erst ein kurzes Statement von Lewis Hamilton, dem Formel 1 Weltmeister hat mich getriggert, nun doch etwas zu sagen – ohne es auflösen zu wollen.

Darin bezeichnet Hamilton, als einer der privilegiertesten Menschen im ganzen Vereinigten Königreich, seinen Sport – und damit die „Mutter“, die ihn gesäugt hat – als einen von „Weißen dominierten Sport“. Allein diese Nennung beinhaltet die Forderung, dies – daß dieser Sport weiß sei – zu ändern. Man sollte freilich gerade bei diesem Sport meinen, daß er nicht von Weißen, sondern von Experten dominiert werde. Die Äußerung ist umso unverständlicher, als Hamilton ja selbst das Paradebeispiel dafür ist, wie man auch als Schwarzer oder sonstiger in diesem Sport etwas werden kann: durch Talent und Anstrengung!

Das ist schon das ganze Geheimnis. Obama, der erste schwarze Präsident, kennt es ebenso, aber auch er redet vonbeing treated differently“, von einer „legacy of bigotry and unequal treatment“. Statt von den Chancen zu sprechen, die die moderne Gesellschaft allen bietet und deren hervorragende Produkte diese Männer mit dunkler Hautfarbe sind, statt die Freiheiten zu preisen, die in dieser Gesellschaft allen geboten werden, betont man die strukturelle Ungleichheit. Das läßt sich übrigens auch auf unsere deutsche Gesellschaft beziehen, etwa wenn es um die Rechte der Frauen, der Transsexuellen, der Ausländer, der Muslime etc., der Minderheiten geht.

Damit wird nicht in Abrede gestellt, daß es Vorurteile und Diskriminierungen gibt, aber es wird zweierlei übersehen. Zum einen die Dialektik dieser Prozesse, zum anderen werden die individuelle und die allgemeine Ebene immer wieder durcheinander geworfen.

Diskriminierung wird individuell erfahren. Ein Schwarzer oder ein Migrant kann sich ungleich behandelt vorkommen, wenn er öfter von der Polizei kontrolliert wird, als vielleicht ein Weißer – wobei es sich meist um „gefühlte“, selten um tatsächlich bewiesene Diskriminierung handelt und diese wiederum beruht auch auf einer erhöhten Sensibilität. In einer Gesellschaft, die ständig von Rassismus spricht – meist übrigens von weißen Gesinnungsjournalisten vorgetragen – muß sich früher oder später das Gefühl der Ungleichbehandlung einstellen.

Andererseits entsteht diese Ungleichbehandlung – dort, wo sie real ist – oft aus einem Ungleichsein, und das ist nicht individuell. Die Kriminalstatistiken etwa sind eindeutig, hüben wie drüben. Und daß just die Behörde, die sich der Bekämpfung der Kriminalität verschreibt, Menschen jener Gruppen, die statistisch (oder manchmal auch „gefühlt“) überrepräsentiert sind, intensiver widmen, ist vollkommen konsequent. Ebenso dürfte die Polizei weitaus öfter junge und männliche Personen kontrollieren als weißhaarige alte Damen am Stock.

Hamiltons Tweet – oder wie man das bei Instagram nennt – zeugt nun exakt von jenem „Rassismus“, den zu bekämpfen er vorgibt. Sicher, die Branche ist weiß, so wie Erfolg mehrheitlich auch weiß ist. Die gesamte westliche Kultur ist weiß dominiert inklusive der Idee der Abolition und der Gleichberechtigung. Ohne die Denker der Aufklärung – die meisten davon weiß – könnte Hamilton seine Gedanken gar nicht fassen und würde er auch kein Auto fahren und damit zig Millionen scheffeln.

Jetzt erwidert man: aber diese Menschen – also die weißen Denker, Politiker, Geschäftsleute etc. – sind privilegiert. Und das ist wahr. Wie auch sonst? Die westliche Kultur ist 2000 Jahre lang „weiß“ gewesen, das schwarze Element kommt erst in den letzten Jahrhunderten hinzu. Kant konnte gar kein Schwarzer sein – aber das heißt nicht, daß er es nicht hätte sein können, wenn er die gleichen geistigen Gaben besessen hätte. Der vielfach benachteiligte jüdische Gelehrte Moses Mendelssohn wurde ein führender Intellektueller der Kant-Zeit, der Kreole Paul Lafargue wurde Arzt, ein maßgeblicher sozialistischer Theoretiker und Schwiegersohn von Karl Marx, und der tiefdunkle Ghanaer Anton Wilhelm Amo konnte zu Zeiten eines Christian Wolff in Deutschland Philosophie-Professor werden und über das Leib-Seele-Problem grübeln. In einer Epoche, als ihn bestimmt noch jedermann als Exoticum angestiert hatte.

Heute sind Schwarze in Amerika Professoren, sie beherrschen die Musik- und Sportszene weitflächig, sie werden als Filmstars verehrt, sie können Minister und sogar Präsident werden – aber sie klagen noch immer über Rassismus und sie suchen sich noch immer – ein kleines delikates Detail – ihre Lebenspartner in der Regel nach gleicher Hautfarbe aus.

Vor ein paar Jahren machte ein Buch in den USA Furore, das – wie ich meine – den einzigen Ausweg aus der Misere zeigt. Salome Thomas-El, ein farbiger Lehrer, beschreibt in „I choose to stay“ seinen Kampf gegen das talenthindernde „System“.

Damit ist weniger das vermeintlich diskriminierende Schul- oder Gesellschaftssystem gemeint, sondern die Milieus, in denen seine kleinen farbigen Schützlinge aufgewachsen sind. Man muß sich klar machen, daß wir hier über Kinder aus den Großstadtslums Philadelphias sprechen. Die sind meist vaterlos aufgewachsen, weil die Väter im Knast sitzen, ermordet wurden oder dem Elend einfach geflohen sind. Sie haben die Idee verinnerlicht, daß Bildung „acting white“ bedeutet. In ihrer Umgebung geht der Tod ein und aus: kaum eine Familie, die keine Opfer von Schießereien und Drogenkonsum zu beklagen hat, und nicht selten sind diese Kinder selbst Gewaltopfer geworden. Sie können des Nachts nicht schlafen, weil vor ihrer Haustüre sich Bandenkriege austoben, sie wissen mitunter nicht, wo sie sich morgen betten werden. Wir sprechen von Kindern, die noch nie in ihrem Leben ein weites Feld oder lebende Kühe gesehen haben, die noch nie abgasfreie Luft atmeten, die fast ausschließlich von junk food leben…

Thomas-El nutzt Schach als Vehikel, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Er gründet einen Klub, er lehrt ihnen das Spiel, gibt ihnen die Liebe und Achtung, die ihnen zu Hause fehlt, er gibt ihnen Selbstvertrauen und verzichtet auf leere Ideologie-Parolen. Bald gewinnen sie Turniere, erfahren ihre Gleichberechtigung, spüren ihr geistiges Potential und in den meisten Fällen werden diese Kinder, die sonst einer verlorenen Generation angehört hätten, Studenten an Eliteunis oder gehen zumindest einen gefestigten bürgerlichen Weg. Und wenn jemand sie „Nigger“ nennt – übrigens eine beliebte Anrede unter den Schwarzen selbst, wie dieses Looting-Video zeigt –, dann werden sie nicht zusammenbrechen, sondern darüber lächeln, dann werden sie Kraft daraus schöpfen.

Der pädagogische, der edukative Weg ist der einzige, wenigstens aber der erfolgversprechendste, der unbedingt notwendige, den Teufelskreis zu durchbrechen.

Hinderlich hingegen dürfte die organisierte Empörung sein, der Protest, der Schrei nach Gleichberechtigung, weil er die Energie, die es bräuchte, an falscher Stelle verbraucht, weil er immer die „anderen“ verantwortlich macht, weil er nur nach Hilfe von außen ruft, weil er den Menschen vorgaukelt, ihr verfahrenes Leben könnte besser werden, wenn nur „die Umstände“ sich änderten und nicht sie sich selbst.

Siehe auch:

Aufklärung und Sklaverei

Schönheit und Wahrheit

Buchbesprechung Salome Thomas-El: „I choose to stay“

2 Gedanken zu “Der Weg aus der Rassismus-Falle

  1. Robert X. Stadler schreibt:

    Wie vieles auch eine identitäre Frage. Wir dulden umso mehr die Herrschaft anderer, je identitär gleicher uns diese sind – das Paradoxon und der Erfolg der Demokratie, dass das Gefühl der Auflösung von Herrschaft (wir beherrschen uns ja selbst) eine Zunahme an de-facto-Herrschaft ermöglicht (hohe Staatsquote, Regulierungsstaat, Bürokratie).

    Je identitär ungleicher uns die Anderen aber sind, desto weniger ertragen wir ihre Herrschaft: ihre Rechtsordnung und Rechtsdurchsetzung, ihre Moral, ihre Religion, ihre Sprache, all ihre Formen des Zusammenlebens. Und nicht nur dies, sondern auch ihren gesellschaftlichen Erfolg, ihre Marktmacht, ihr Überwiegen in angesehenen Berufen. Kommunismus, Feminismus, Populismus, Nationalismus (anti-deutscher, anti-chinesischer etc.), Anti-Semitismus und Anti-Rassismus speisen sich auch aus dieser Quelle. Dass wir objektiv-materiell, auch an Möglichkeiten und Freiheiten, von einer solchen Dominanz Anderer profitieren könnten, spielt gegenüber dem subjektiven Gefühl identitärer Unterdrückung eine geringe Rolle.

    Die Ausnahme von dem Gesetz der Ablehnung fremdidentitärer Herrschaft, wenn wir die Anderen als sittlich überlegen wahrnehmen und deren Herrschaft damit als gott-, natur- oder moralgewollt annehmen: so die Akzeptanz der Königs-, Adels- und Priesterherrschaft. Das weiße Amerika (eine post-christliche Opfer- und Schuldkultur par excellence) hat seine ehemaligen Sklaven vom victima zum sacrificium erklärt, sie damit geheiligt und überhöht, als Numinous Negroes, und hat sich selbst, als reuiges Tätervolk, ihnen untergeordnet. Die Tötung eines Schwarzen durch einen Weißen stellt heute ebenso ein Sakrileg dar wie etwa die eines europäischen oder japanischen Adeligen durch einen Bauern (vor allem, wenn sie in sakrileghafter, also rassistischer Absicht oder mit solchem Bewusstsein geschieht); alle anderen Fälle (schwarz an schwarz, schwarz an weiß, weiß an weiß) sind demgegenüber zu vernachlässigen.

    Mehr noch: Angehörige der Opferidentität sind durch ihr Opfersein gereinigt, damit identitär schuldlos und zur Schuld gar nicht fähig. Wie die himmlischen Engel sind sie amoralisch, sittlich unfrei. Begehen sie schlechte Handlungen, so ist dies allein durch die gegenwärtigen und vergangenen Verhältnisse zu erklären und zu entschuldigen. Tun sie allerdings Gutes, müssen wir dies umso mehr würdigen, so wie wir auch die Taten der Engel und Heiligen würdigen und dankbar für sie sind.

    Im weißen Tätervolk gibt es aufgeklärte Priester und Gläubige, die sich seiner und ihrer Schuld bewusst sind, des white privilege. Einesteils gewinnen sie ihr sittliches und religiöses Bewusstsein aus ihrer eigenen identitären Sündhaftigkeit, andernteils nutzen sie jene Erkenntnis, um sich über die verstockten Sünder zu überhöhen, und über die ganze sündhafte Gesellschaftsordnung. Der Fürst dieser Welt ist ein Rassist; solange gelingt es uns nicht, das irdische Jerusalem zu bauen, als wir es zulassen, dass weiterhin rassistisch gehandelt und gedacht wird.

    Der Weg aus dieser Falle? Echte Aufklärung oder Rückkehr zur alten Religion, am besten wohl, suum cuique, beides.

    Liken

  2. Ich kann nur zustimmen!
    Den Gedanke dass es eine Falle für die Minderheiten ist, wenn sie ihre Rechte mit dem Kampf gegen „die Anderen“ verbinden, machte ich schon vor 10 Jahren, als ich das bei der Gay-Communities beobachtete. Man richtet sich gegen den „Gegner“ und merkt nicht, dass sich damit die Spaltung verewigt, gleichzeitig man die Existenz des Unterschiedes anerkennt, das er vernichten möchte. Das Problem liegt tatsächlich viel tiefer und ich glaube sie haben die Wurzel gefunden.

    Was man als „weiss“ verächtlich nennt sind tatsächlich die Früchte von eines geschichtlichen Werdegangs des Kontinentes der weissen (Europa), und jeder Mensch der hier aus anderen Kontinenten kommt, merkt es – weil es ist da – und das ist ganz normal. Genauso merkt ein Chinese Unterschiede zwischen China und Afrika wenn man in Afrika ist: das ist kein Rassismus, aber die Bemerkung von Tatsachen.

    Notabene nicht alles ist in unseren europäischen Geschichte und Kultur gut – da waren Kriege, Gräueltaten, Inquisition ect und vor allem auch heute ist nicht alles perfekt selbst hier. Weiss zu sein ist nicht unbedingt besser als schwarz sein.

    Jedes Kontinent hat seine eigene Geschichte: viel Gutes und viel Schlechtes. Wir arbeiten daran, bearbeiten das Schlechte und fördern das Gute.
    Was ich vermisse ist die Anerkennung dass die Gesichte und Kultur Afrikas genauso schön und würdig ist wie die Geschichte Europas, auch ohne Mozart und Kant. Sicher haben sie ihre eigene Mozarts, aber niemand studiert sie.
    Ebenso die Geschichte Indiens und der Insel Galapagos oder die Geschichte der Ur-Mexikaner ist sicher genauso interessant. Ich vermisse dass man in Afrika Unis gründet die sich mit dem Kulturerbe, die Natur, die Ressourcen und das Klima des Kontinentes beschäftigen.
    „Gnotheis auton“ von Sokrates, wie überhaupt das griechisch und christliche Erbe brachte die Zeiten der Blüte, als wir unserer Kultur und Wesen bewusst wurden (19e Jh). Erkenne dich selbst. Die Afrikaner würden nie in die Migration getrieben wenn sie nicht schon von zuhause die Meinung hätten, dass Europa und die Kultur des Weissen besser ist als in Afrika. Der Rassismus. beginnt schon im Akt des Verlassen des Hauses, statt sich selbst und das Potenzial der Erde zu untersuchen und erkennen.

    Was in Europa historisch ganz wichtiges passiert ist – noch mehr als die Antike und die Renaissance – ist meiner Meinung nach die Französische Revolution.
    Die Nachricht hiess plötzlich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und vor allem das Recht der Völker auf Selbstbestimmung.

    Das würde heissen, dass ein Chinese und ein Afrikaner sind genauso wert wie ein Europäer oder Amerikaner. Die Probleme entstehen wenn ein Chinese wie ein Chinese in Afrika oder der Afrikaner wie ein Afrikaner in Europa leben möchte. Dann haben wir einen Verstoss gegen das Recht der Völker der Selbstbestimmung.

    Der Chinese in China, der Europäer in Europa, der Araber in Saudiarabien, der Afrikaner in Afrika, alle diese Menschen in IHRER HEIMAT sollten die gleiche Chancen haben, zu leben wie der reichste Amerikaner in New York. Ohne natürlich den Luxus, der auch negativ für jeder humanistischen Entwicklung ist. Überall in der Welt sollte Gleichberechtigung für den Zugang zur Kultur, Ausbildung, Gesundheit, Demokratie herrschen: damit jeder Mensch am Ort seiner Geburt WIE EIN (reicher) Europäer oder Amerikaner leben kann. Das heisst nicht dass wir alle gleich reich sein werden. Nein! Es geht um die selbe Chancen uns GEISTIG (nicht materiel) zu entwickeln. Der Rest kommt von allein.

    Was ich hier schreibe (Jeder Bürger der Welt glücklich in seiner Heimat) heisst nicht das Ende einer Multikulturellen Welt. Die Kosmopoliten (Künstler oder Wissenschaftler) wären sowieso- immer- unterwegs. Die Welt war immer multikulturell.
    Aber es ist ein Problem, wenn Menschen nur wegen dem Geld oder der Arbeit migrieren, um im reichem Land weiter ihre wahres menschlichen Potenzial verleugnend versuchen zu überleben. Sie werden auch im reichen Land nicht glücklich, zu wachsenden sozialen Problemen in diesem Land beitragen, und alles führt zum politischen Chaos was wir heute erleben, überall in der Welt.

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