Schach dem Schach

Ich könnte mich ärgern! Wieder jede Menge Zeit vertrödelt! Und zwar mit Schach!

Das ist nun gerade die Stärke dieses Spiels: daß man damit wunderbar Zeit vertrödeln kann. Diese hervorragende Eigenschaft war es sogar, die mich dazu verleitete, ein paar Jahre diesem Spiel zu opfern. Dem Spielen weniger als dem Spiel, und weiter als zu einem lausigen Turnierspieler der D-Kategorie habe ich es auch nie geschafft. Im Spielen selbst wollte ich nur das Spiel begreifen – und seine Macht.

Und Schach ist einzigartig – oder war es doch zumindest. Es versprach exakt jene Mixtur aus Faszination und Unbeweglichkeit, die mir notwendig schien, wenn man die Welt noch retten wollte. Denn daß alles Unheil, das der Mensch über sich, die Kreatur und die Welt brachte, an seinem Tun lag, seinem Aktivismus, seinen Visionen und all dem, das scheint mir unmittelbar evident zu sein.

Wenn es etwas gäbe, das die Menschen ausfüllen könnte – statt Blätter wegzublasen –, sozusagen eine gesunde Mischung aus Oblomow und Lenin (der bekanntlich ein begeisterter Schachspieler war) –, wenn man also die Schaffensenergie kanalisieren könnte, ohne den Menschen dabei geistig zu verarmen, dann, so schien es mir, müßte es doch möglich sein, einen Großteil der destruktiven Initiative ableiten zu können.

Unter allen menschlichen Beschäftigungen kam vor allem das Spiel, das Spielen in Frage – die Kunst ist zu extensiv –, von dem Schiller bekanntlich sagte, daß es die einzige Tätigkeit sei, die den Menschen „in voller Bedeutung des Wortes“ Mensch sein lasse: der Mensch ist ein Homo Ludens. Zuletzt hatte unsere weise Kanzlerin mit diesen Worten die Elektronikspielmesse „Gamescome“ eröffnet.

Und unter allen Spielen nur ein Spiel wie Schach oder Go, eines, das alle Bedürfnisse befriedigt, vor allem die geistigen und ästhetischen, eines, das umso schöner und faszinierender wird, je mehr man es durchdringt, und eines, das quasi unvollendbar ist.

In diesem letzten Punkt hatte ich freilich geirrt. Die Geschwindigkeit des Fortschritts unterschätzt. Auch das Schach ist fast am Ende – die Gründe dafür habe ich hier und hier dargelegt.

Deswegen ärgere ich mich, deswegen habe ich Zeit vertrödelt, weil ich trotz vorherigen inneren Schwurs, doch alle zwölf Partien der Schach-WM zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana am Bildschirm und mit den Analysen Swidlers (00:28 – 00:32) und Grischuks verfolgt habe. Verlorene Zeit. Der einzige Gewinn vielleicht die folgende Schlußfolgerung.

Sieht man von der ersten und der zwölften Partie ab, war die WM an Langeweile kaum zu überbieten. Das lag vor allem an Carlsen. In der ersten Partie weigerte er sich, den relativ offensichtlichen Gewinnweg zu gehen. Dann folgten 10 Partien mehr oder weniger nach dem gleichen Muster. Caruana wollte nicht verlieren, wußte um Magnus‘ Stärken in komplizierten Stellungen, wo der seinem Gegner wie eine Würgeschlange in endlosem Ringen und Winden langsam die Luft abschnürt, und versuchte schnell das Material abzutauschen – Carlsen ließ es zu! – und die Partie in theoretische Remisstellungen zu überführen, und in der letzten Partie bietet Carlsen selbst – bei komplizierter, aber hoffnungsvoller Stellung – Remis an, um sich in die Schnellschachphase zu retten.

Das sieht wie ein cleverer turniertaktischer Schritt aus und das Resultat gibt ihm auch recht. Im Schnellschach war er dem Amerikaner vor allem psychisch deutlich überlegen – der hatte nie eine Chance und verlor die ersten drei von vier Partien sang- und klanglos.

Magnus Carlsens ELO-Entwicklung (Wikipedia) – siehe: Warum das Ende naht

Tatsächlich kann man dieses Ereignis – wie auch schon die vorherigen Wettkämpfe – kulturpessimistisch, ja sogar – ein Steckenpferd – apokalyptisch lesen. Im Schach wie anderswo bestätigt sich die Epigonalität unserer Zeit: wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen, selbst unsere Riesen sind das! Von ein bißchen Technik gepusht.

Carlsen ist ein Schachriese, keine Frage, und vielleicht sogar noch ein letzter Sonderling in einer immer einförmiger werdenden Welt. Das wird deutlich, wenn man sich die Meister der Vergangenheit vor Augen führt. Sie alle hätten gegen einen Carlsen nicht den Hauch einer Chance und doch sind sie die wahren Riesen.

Gemeint sind: Philidor, Staunton, Morphy, Paulsen, Anderssen, Steinitz, Zukertort, Pillsbury, Tarrasch, Tschigorin, Rubinstein, Tartakower, Aljechin, Capablanca, Réti, Nimzowitsch, Vidmar … und der König unter diesen: Emanuel Lasker.

Was zeichnet sie aus? Es waren volle, runde, meist kultivierte, gebildete, stilvolle, aufrechte Menschen und – I’m afraid – Männer. Männer von Format! Einige haben maßgebliche Schachbücher verfaßt, die auch heute noch ihren Wert behalten. Dabei ging es weniger um Tricks und Kniffe oder um Eröffnungen, sondern ums Denken im Allgemeinen, um das Schachdenken im Besonderen. Man lese die Klassiker, man lese etwa Nimzowitsch oder überhaupt die Hauptwerke der Hypermodernen Schule – das ist in Schachtermini gefüllte Philosophie oder Poesie!

Und einige, wie Lasker etwa, der langjährige Weltmeister, haben sogar eigenständige Philosophien von hoher analytischer Kraft verfaßt, waren geniale Mathematiker oder Virtuosen der Musik.

Jener Typus ist längst schon verschwunden. Bobby Fischer – dieser quasi-Autist in seiner Besessenheit – oder Kasparow waren allenfalls noch letzte Ausläufer dieses Schlages. Ja, Magnus Carlsen – verglichen mit seinen Zeitgenossen – ist selbst noch eine Ausnahme. Unter den Schachbürokraten und -paukern sticht er immerhin noch durch eine gewisse Coolneß, Mode und life stile hervor.

Doch welcher Rückschritt!

Mir fehlt leider die Expertise, aber ich wage es zumindest als These: Im Durchschnitt waren es die Persönlichkeiten, die auch das Schach im technischen Sinne voran gebracht haben. Und es werden die Verwalter sein, die es zu Grabe tragen werden. Und wenn das stimmt, dann kann auch das Schach als Spiegel unserer Zeit dienen.

Immer mehr Meister bringen immer weniger Entwicklung hervor (Quelle: Wikipedia)

siehe auch:

Das ist Fortschritt

Warum das Ende naht

Ist Sterben noch modern?

Das große Lalula

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